Archive for the ‘Journalist’ Category

Lesezeit: 30 Sekunden – Digitalisierung

Mittwoch, Mai 10th, 2017

Von Daniel Grosse

Mir geht dieser Digitalisierungswahn gehörig auf den Sender. Entschuldigt, liebe Kolleginnen und Kollegen. Auch dieses Lokalblog ist natürlich eine Folge der Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet. Zugegeben.

Zu publizieren ist, dank der Technologien und des Internet, einfacher geworden. Auch ich publiziere über Books on Demand. Auch ich schreibe für Medien über Recht, die Juristen und wie sie mit Legal Tech erfolgreicher werden. Sinnvoll? Aber darum geht es nicht. Die Häufung und die Lobpreisung, mit der Digitalisierung medial hinaus gepustet wird, stört mich. Wir lesen über faceebook und darüber, wie Gedanken Prozesse steuern sollen. Wir hören von Implantaten, die Körper wieder beweglicher machen. Medien dürfen nicht mehr crossmedial arbeitend bezeichnet werden, weil das den Stand vor zehn Jahren beschreibe. Da entsteht ein schiefes Bild. Das ist mir zu einseitig. Muss Digitalisierung überhaupt sein, oder wie viel davon, und wo? So arbeiten zum Beispiel Unternehmerinnen auf der Schwäbischen Alb schon seit Jahren erfolgreich, beschicken und betreiben ihre Wochenmärkte, ohne Internet, teils sogar ohne E-Mail. Von einem Oliven-Online-Shop ganz zu schweigen. Steinzeit? Nein. Kundennähe? Ja. Zu den Wochenmarktkunden und den Lieferanten. Und was ist mit Branchen, in denen Menschen sich mit einem Tuch neben Bettlägrige setzen, ihnen den Speichel vom Mund wischen? Altenpflege eben. Da kommen leider auch auch schon Online-Digital-Geräte zum Einsatz, die die Takt- und Pflegezeiten vorgeben, aber die dienen eben nicht dem Menschen, sondern den Arbeitgebern und Krankenkassen. Nur zwei ganz kleine Beispiele.

Dass lange nach der Dampfmaschine die Digitalisierung gefolgt ist, mag ja logisch erscheinen. Aber dass das immer so gesund und sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Und die ist unpopulär. Gut so. Übrigens, im Wald singen noch immer Vögel – vollkommen undigital.

Mein Vorschlag für das Unwort des Jahres: Digitalisierung.

Frische Ideen oder stirbt das Lokalblog?

Dienstag, Mai 2nd, 2017

Gekommen, um zu bleiben. Foto: Daniel Grosse

Von Daniel Grosse

Zurück aus Berlin, wo ich in den vergangenen Tagen rund 30 Blogger, Journalisten, Wissenschaftler und andere interessante Menschen getroffen, gehört und gesprochen habe, werden ab sofort frische Ideen in dieses Lokalblog MARBACH DIREKT einfließen. Um was es in Berlin ging, und was das mit den Marbacher Lesern zu tun hat? „Gekommen, um zu bleiben – Neue Ideen für lokale Onlinemedien“ hieß die Redaktionskonferenz/das Seminar, veranstaltet von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

MARBACH DIREKT einfach offline stellen, die Kanäle kappen, tschüss zu sagen, das war kürzlich die Option. Die Marbach ist schließlich klein, wir sprechen hier also von hyperlokalem Journalismus für rund 4.000 Marbacher. Kann so etwas funktionieren? Oder leiden wir in unserem Mikrokosmos schlicht an Themenarmut? Keineswegs. Nicht zuletzt nach der Berlin-Konferenz bin ich mir daher sicher: Ja, das funktioniert, das mit MARBACH DIREKT, und ist wichtig als Gegenöffentlichkeit für angestammte Medien wie etwa die Oberhessische Presse oder andere.

MARBACH DIREKT macht also auch weiterhin in der Regel keinen Terminjournalismus. Wenn doch, dann sind Termine Startschuss oder Beschleuniger für langfristige Berichterstattung. MARBACH DIREKT liefert einen anderen Blick auf Themen, die in unserem Stadtteil wichtig sind für seine Bewohner – und damit die Leser.

„Wie geht gute Berichterstattung im Lokalen und Hyperlokalen? Welche multimedialen Möglichkeiten können gerade kleine Onlineseiten nutzen, die ohne eingefahrene verlegerische Strukturen arbeiten, um etwa Themen des Wahlkampfs aufmerksamkeitsstark zu erzählen? Ein paar engagierte Journalistinnen und Journalisten hatten sich mit eigens gegründeten Onlinemedien vor einigen Jahren daran gemacht, wieder stärker auf Themen vor Ort einzugehen und auch die schwierigen nicht auszusparen. Um zu überzeugen, braucht auch ein noch so kleines Medium ein scharfes Profil, das auf die Leserschaft, die Umgebung und die Konkurrenzsituation zugeschnitten ist.“ So hatten die Kollegen der drehscheibe/bpb zu Beginn der Berliner Redaktionskonferenz geschrieben.

Eine twitter-Rückschau ist hier zu sehen.

Also drei Ergebnisse: Nach Berlin ist vor Berlin. Und nur die systematische und nachhaltige Vernetzung der Hyperlokalen untereinander schafft letztlich den konsequenten Gegenentwurf zu etablierten Medien. Eine sich regelmäßig aktualisierende Seite im Internet sollte installiert werden, die einen Überblick über deutsche Online-Lokalmedien/Lokalblogs liefert.

Neuen Luxus in der Marbach entdeckt

Donnerstag, Februar 23rd, 2017

Von Daniel Grosse

Was Luxus mit Daten zu tun hat? Nun, öffentlich sichtbar zu sein, so dass jeder, der das Internet nutzt, auch Details erfährt, die vielleicht gar nicht für jeden Menschen sichtbar sein sollen, ist 2017 im Zuge der Digitalisierung trotzdem Realität. Da tippt jemand bei WhatsApp auf ein Feld und eine schlüpfrige Grafik samt Text können alle Teilnehmer einer Gruppe sehen. Gut? Nein, sicher nicht, aber darum geht es auch weniger. Es geht vielmehr um den Spagat zwischen der gewollten Sichtbarkeit im Netz und der diskreten Zurückhaltung.

Ob das für Marbacher ein Thema ist? Ich versuche, dieses einfach einmal runterzubrechen. Stellen Sie sich vor, Sie wohnen im Birkenweg. Sie leben dort als Privatmensch. Nebenbei sind Sie Freiberufler. Oder Sie arbeiten fest bei einem Arbeitgeber. Nun macht es Sinn, dass Sie sich öffentlich darstellen oder präsentieren, für sich werben oder einfach digital präsent sind. Aber wie wäre es, wenn Sie in einigen Jahren die Verfügungsgewalt über Ihre eigenen Daten und damit das Nicht-Weitergeben Ihrer persönlicher Daten und Umstände und Ihre Nicht-Existenz im Internet als ein Luxusgut erfahren? Vielleicht wäre das vergleichbar mit dem heutigen Luxus, sich mittels Lage und Größe von Wohnumgebung und der Art von Transportmitteln einen gegen Dritte geschützten privaten Lebensraum zu schaffen. Eine denkbare Option?

Lokaljournalismus lernen „Mit Stift und Block“

Donnerstag, Februar 5th, 2015

In eigener Sache: „Mit Stift und Block“ ist nun auf dem Markt, mein Ratgeber für Jungreporter.

So steht es auf der Verlags-Internetseite:

 Ansprechen soll „Mit Stift und Block“ die, die sich ein Bild von dem Alltag in den Redaktionen einer Lokal- oder Regionalzeitung machen möchten, weil sie dort als Nachwuchsjournalisten arbeiten wollen oder bereits erste Erfahrungen gesammelt haben. Dazu kommen die, die die ersten Monate als Reporter vor sich haben und sich mit angrenzenden Fachthemen auseinandersetzen möchten, insbesondere:
Redaktionspraktikanten, freie Mitarbeiter, Volontäre, (Journalistik-)Studenten, Abiturienten und Redakteure.
Worum geht es?
Trotz der Veränderungen des Medienmarktes werden die Regional- und Lokalzeitungen auch künftig häufig die ersten beruflichen Stationen von Journalisten sein. Dieses Werk ist ein Fachbuch, aber gleichzeitig auch ein Ratgeber. Denn „Mit Stift und Block“ richtet sich an „Betroffene“, an Menschen, die den Redaktionsalltag gerade erst kennen lernen, man aber gleichzeitig von ihnen erwartet, dass sie auf Terminen souverän und professionell arbeiten. Diese erste Zeit ist aufregend. Keiner, der als freier Mitarbeiter beginnt, weiß, wie er sich effektiv und richtig verhalten sollte. Wen soll ich ansprechen und so weiter? Der Journalist Daniel Grosse aus Marburg liefert Antworten.
Und wenn ich im Ratgeber “Mit Stift und Block” von “Freien” oder dem “Freien” schreibe, meine ich natürlich stets die freien Mitarbeiter und/oder Praktikanten. Nur selten verdienen diese mit der Zeilenschreiberei ihren kompletten Lebensunterhalt. Ausnahmen gibt es natürlich. Die klassischen Freien hingegen sind die Berufsschreiber – also die freien Journalisten.

Mehr zum Buch direkt beim Verlag und hier.

Neues aus der Kristallkugel – nicht nur für junge Juristinnen und Juristen

Mittwoch, Oktober 8th, 2014

Neues aus der Kristallkugel – nicht nur für junge Juristinnen und Juristen

Neues aus der Kristallkugel – soeben erschienen in: Der Wirtschaftsführer für junge Juristen – „Niemand weiß, wie ein Bäcker in 20 Jahren arbeiten wird. Gleiches gilt für den Rechtsmarkt. Auch Anwälte gestalten und beraten in Zukunft auf Feldern und in einer Weise, die heute noch niemand kennt. Aktuelle Entwicklungen lassen aber trotzdem erahnen, wohin die Reise bei juristischen Berufsbildern geht: Richtung…“
Seite 50-51

http://www.boorberg.de/sixcms/media.php/605/wifue-1-2015.pdf
Seite 50-51

Geheimes Treffen cryptoparty – Ein unverschlüsseltes Interview

Donnerstag, September 25th, 2014

Wo Menschen radikale Ideen einander mitteilen, sind schnell interessierte Lauscher dabei. Damit die es zunehmend schwerer haben, das geschriebene Wort online mitzulesen, gibt es Verschlüsselungen für E-Mails – und verschlüsselte Chats. In einem, dem Cryptocat, traf ich kürzlich Ignatius, der im wahren Leben anders heißt. Auf einer cryptoparty will Ignatius nun sein Wissen über die Welt des Verschlüsselns an Workshop-Teilnehmer weitergeben. Darunter auch Aktivisten und politisch Aktive.

Journalist: Guten Abend, Ignatius, schon im Chat?
Ignatius: Hi, da bin ich.

Journalist: Prima, legen wir los. Warum unterhalten wir uns hier so geheim?
Ignatius: Naja, ich dachte, dass das sicher angemessen ist, wenn wir uns schon über eine cryptoparty unterhalten. So lernst du gleich ein einfaches Medium kennen, über das es mit denkbar geringem Aufwand (und auch für unerfahrene Benutzer_Innen) möglich ist, verschlüsselt zu kommunizieren.

Journalist: Ok, das war schon die Eingangsfrage. Weiter, Stichwort cryptoparty. Weshalb sollten Aktivisten und politisch Aktive verschlüsselt digital unterwegs sein?
Ignatius: Wer Politik machen will und dabei nicht nur auf Reförmchen drängt, sondern grundlegende Kritik an unserer Gesellschaft äußert, ist oft Überwachung ausgesetzt. Gerade, wenn es um die Planung von politischen Aktionen geht, interessieren sich Polizei und Staatsschutz oft für die Kommunikation von Aktivist_Innen. Da reicht es schon, wenn ziviler Ungehorsam Teil einer Aktion ist. Oft werden aber auch Aktionen kriminalisiert, die per se nicht illegal sind, oder es wird versucht, eine Szene auszukundschaften. Deshalb ist es oft wichtig, sicher kommunizieren zu können und zu wissen, dass privat bleibt, was nicht für Dritte bestimmt ist.

Journalist: Nachvollziehbar. Und für die Leser nochmal als kurze Erklärung: Ihr organisiert in Rheinland-Pfalz eine Cryptoparty, bei der auch das Verschlüsseln von Nachrichten ein Thema ist. Und das Wissen, wie verschlüsselte Chats funktionieren. Richtig?
Ignatius: Ja. Bei unser cryptoparty wollen wir versuchen, praxisorientiert den Besucher_Innen beizubringen, wie sie ihre E-Mails verschlüsseln können, wie sie sicher Dateien lagern und austauschen können, und wie sie verschlüsselt chatten. Unsere cryptoparty findet in Rheinland-Pfalz statt, aber wir richten uns primär an Menschen in Mainz – sonst wären das einfach zu viele Leute.

Journalist: Wenn jetzt jemand mehr darüber wissen möchte, als eventueller Teilnehmer, wie kann er denn Kontakt zu euch aufnehmen, wenn es keinen offiziellen Kontakt gibt?
Ignatius: Darüber haben wir uns offengestanden keine Gedanken gemacht, weil wir die Notwendigkeit nicht gesehen haben. Diese cryptoparty findet ja erstmal nur in Mainz mit einem kleinen Publikum statt. Da wir selbst in Mainz politisch aktiv sind, sind wir ohnehin mit so gut wie allen Menschen vernetzt, die sich für den Workshop interessieren könnten.

Journalist: Ok. Anderes Thema: Du schreibst, es werde versucht, eine Szene auszukundschaften, in vielen Fällen. Wer sollte denn nichts davon mitbekommen, was Aktivisten mailen?
Ignatius: Allgemein sind es Polizei und Verfassungsschutz, die oftmals versuchen, linke Projekte und linke Szenen auszuspionieren, auch wenn diese gar nicht konkret in illegale Aktivitäten verwickelt sind. Ein bekanntes Beispiel ist der Verdeckte Ermittler Simon Brommer, der vor einigen Jahren ohne jegliche gesetzliche Grundlage versuchte, die linke studentische Szene in Heidelberg auszuspionieren. über die NSA machen wir uns jetzt weniger Gedanken, auch wenn die bekanntermaßen quasi überall mitliest. Ich habe aber auch als Administrator der Webseite eines besetzten Hauses in Mainz vor zwei Jahren beobachten können, wie diese Webseite selbst, aber auch der Twitter- und der Facebook-Account dieses Projekts überwacht wurden. Wir können nicht ausschließen, dass Polizei oder Verfassungsschutz auch die Computer oder die Mailboxen von einzelnen Aktivist_Innen überwachen.

Journalist: Das klingt jetzt alles doch sehr radikal. Wer wird denn zu eurer cryptoparty kommen? Das werden doch sicher auch „harmlose“ Studierende sein, oder?
Ignatius: Ich glaube, diese Unterscheidung zwischen „radikal“ und „nicht radikal“ will ich nicht mitgehen. Wer als radikal bezeichnet wird, und wer nicht, liegt meistens nicht in der Definitionsmacht der Betroffenen. Als zu radikal gilt manchen schon die Feststellung, dass die Existenz von Alltagsrassismus ein Fakt ist, und antifaschistische Projekte mussten in der Vergangenheit eine „Demokratieerklärung“ unterzeichnen, wenn sie Fördermittel erhalten wollten. Radikal sind unsere Besucher_Innen wohl fast alle, insofern sie eine ungerechte Gesellschaft nicht einfach hinnehmen, sondern verändern wollen. Harmlos sind wohl ebenso fast alle. Das Problem ist ja gerade, dass poltische Aktivist_Innen bisweilen überwacht werden, ganz unabhängig davon, ob sie nun im Rahmen ihrer Aktivitäten den Rahmen der Gesetze verlassen oder nicht. Recht auf den Schutz unser Privatsphäre haben wir dennoch alle.

Journalist: Radikal heißt dann im Grunde also, die Ziele konsequent zu verfolgen. Diese Ziele wollen die Teilnehmer im Verborgenen diskutieren, online, und dafür auch das Verschlüsseln. Das Recht auf Privatsphäre könnt ihr so wirksam einfordern?
Ignatius: Der Radikalitätsbegriff wird vor allem oft als Schlagwort benutzt, um unbequeme politische Aktivitäten als gesellschaftsfeindlich zu stempeln und ist fast nie eine Selbstbezeichnung der damit benannten Menschen. Ich denke, so sollte „radikal“ verstanden werden. Mag aber sein, dass auch einige Menschen den Begriff auf sich selbst anwenden, um damit die Kompromisslosigkeit ihrer Einstellung zu kennzeichnen. Die Verschlüsselung dient den Teilnehmer_Innen des Workshops nun einerseits dazu, die Planung von politischen Aktivitäten geheim zu halten, beispielsweise wenn sie wie bei einer Straßenblockade im Rahmen einer Demonstration nicht mehr legal sind (was nicht heißt, dass sie nicht legitim oder angemessen sein könnten, schließlich kommt bei einer Straßenblockade niemand zu schaden). Andererseits betrifft die Überwachung von Kommunikation ja auch oft das, was eigentlich gar nichts mit politischen Aktivitäten zu tun hat, in der Intimsphäre der Betroffenen liegt und niemensch außer ihre Kommunikationspartner_Innen etwas angeht. Da geht es dann um die Privatsphäre.

Journalist: Traurig oder schlimm genug, dass überhaupt überwacht wird. Aber dann können wir doch sämtliche unverschlüsselte Mail- und Chatprogramme in die Tonne hauen. Denn Privatsphäre bieten sie ja offenkundig keine. Abhören beziehungsweise Mitlesen ist bei herkömmlichen Programmen mit einigem technischem Wissen immer möglich. Ignatius, was hältst du von diesem Fazit?: Egal ob radikal oder nicht, wer sein Recht auf Privatsphäre wahrnehmen möchte, muss verschlüsseln, wenn es online geht. Oder sich im Real Life im Verborgenen treffen.
Ignatius: Ok, das ist doch ein ganz brauchbares Resumée. Danke für das Interview!

Journalist: Danke dir auch. Und danke für die Demonstration von Cryptocat.

Daniel ist wütend – Büroalltag in der Firma – Sehenswert im Theater

Freitag, März 21st, 2014

„Warteraum Zukunft“ – eine Kritik von Daniel Grosse

Daniel ist wütend. Der mittel-gescheitelte, gefrustete Ingenieur Daniel Puttkamer sitzt im Warteraum Zukunft, einem Theaterstück von Oliver Kluck. Daniel brüllt, marschiert über Tische und Stühle, schimpft, spritzt Wasser über die Zuschauer. In seiner Erregung kann er kaum den Becher halten. Alles nervt ihn. Sein Job, der schon morgens beginnt, wenn er im Auto sitzt und diese blöden Radiosendungen hört. Ach, wieder ein Stau. Schon wieder ein Krieg. Schon wieder ein politischer Skandal. Und dann noch die tollen Hits aus den vergangenen Jahrzehnten. Aaaah! 140 Kilometer Fahrt pro Tag sind einfach zu viel. Und später in der Firma: Frank, Klaus, Heiner, Peter, Carsten haben eigentlich keine Namen. Sie sind die Kollegen „ach was weiß ich wie, oder so ähnlich“. Sie sind im Grunde gesichtslos. Nummern, bloße Funktionsträger in einer düsteren Arbeitswelt. Wo nur der blanke Busen der Kollegin am Kopierer oder der neu eingeführte Bierausschank in der Kantine den Arbeitsalltag erhellen.

Die Zuschauer durchleben mit Daniel einen ganz normalen Tag, der mit den unseren Tagen viele Berührungspunkte hat: Fluchtphantasien im Pendlerstau, Kantine, Post, Tagesplanung, Termin beim Chef, Mittagspause, Personalversammlung, Feierabend, zum Abschluss eine dumpfe Feier mit Suff, Schlagern und Stereotypen. Und die Beschreibung im Programmheft zu „Warteraum Zukunft“ übertreibt nicht.

Beim Zuschauer beschleunigt der Herzschlag, denn der Zuschauer sitzt mitten drin. Die Darsteller hinter ihm, vor ihm, über ihm. Eine mobile Kamera transportiert zusätzlich Bilder des Theaterstücks auf eine riesige Leinwand. Gefangen in Gestik und lautem Gebrüll sitzen die Zuschauer mit im Büro, in der Firma des Daniel Puttkamer. Versetzen will ihn sein Chef, nach Rumänien. Wo ist er hier nur gelandet, sicher war damals sein übermächtiger Vater daran schuld, das er so geworden ist, was er nun ist: ein total hyperventilierender, hysterischer, genervter und frustrierter Angestellter in einer geistig des Irrsinns entfesselten Unternehmenswelt. Daniel ist wütend – und hilflos.

Zu der gelungenen Inszenierung tragen nicht zuletzt auch die wunderbaren Darsteller-Kollegen des gespielten Daniel Puttkamer bei. Und die Statistin aus dem Publikum. Während der gesamten 75 Minuten Spielzeit läuft sie inmitten der Szenerie auf einem Laufband. Und fällt dann plötzlich völlig erschöpft auf den Boden. Regungslos. Tot? Bitte anschauen und mehr erfahren im „Warteraum Zukunft“, präsentiert vom Hessischen Landestheater Marburg. Sehenswert!

Hauptsache verständlich – Barrierefreiheit im Internet öffnet Türen

Freitag, Februar 14th, 2014

Barrierefreie Internetseiten und Texte kann jeder schnell erfassen. Alle Leser, egal ob sehend, blind oder sehbehindert. Was das ganze mit Google, verschachtelten Nebensätzen, Schriftsprache, HTML und dem roten Faden zu tun hat?

Wie Schriftsprache aussehen sollte, damit auch Menschen mit Behinderung sie auf Internetseiten verständlich wahrnehmen können, erklärt Jan Eric Hellbusch, Autor und Berater für barrierefreies Webdesign.

Unterscheidet sich geschriebene Sprache auf barrierefreien Internetseiten von der Sprache auf herkömmlichen Seiten?

Jan Eric Hellbusch: Das sollte sie nicht, denn eine barrierefreie Sprache ist eine verständliche Sprache. Natürlich gibt es Fachtexte und andere komplexe Dokumente, die ihrem Wesen nach abstrakt oder nicht für jeden verständlich sind. Solche Texte sind aber meist nicht speziell für das Web geschrieben. Wer für das Web schreibt, schreibt kurz und prägnant, verwendet einfachere Formulierungen und achtet auf eine gute Gliederung der Texte.

Was ist noch wichtig?

Hellbusch: In Sachen Barrierefreiheit dürfen Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht vernachlässigt werden. Hierzu gibt es besondere Anforderungen an die Verständlichkeit, etwa die Bereitstellung von Glossaren für schwierige Wörter oder die Anreicherung von Texten mit ausdrucksvollen Symbolen. Solche Aspekte betreffen aber eher Konzept und Gestaltung eines Webauftritts. Wie für alle Leser kommt es auch bei Menschen mit Lernschwierigkeiten auf eine gute Verständlichkeit der Texte selbst an.

Welche Struktur sollten Texte denn haben?

Hellbusch: Die Struktur von Texten ist ein wichtiger Aspekt der Gliederung. Es geht dabei um die Verwendung von Überschriften und Zwischenüberschriften genauso wie die Verwendung von kurzen Absätzen oder von Listen für Aufzählungen. Diese Strukturmerkmale eines Textes helfen dem Leser wesentlich bei der Bildung eines Textmodells. Gerade im Web sollte aber auch mit Übersichten gearbeitet werden. Vorangestellte Vorstrukturierungen eines Textes helfen genauso bei der Textmodellbildung wie abschließende Zusammenfassungen.

Und was meinen Sie mit „einfachen Formulierungen“?

Hellbusch: Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten: Sind alle Begriffe in Ihrem Text auch solche, die eine beliebige Nutzerin oder ein beliebiger Nutzer bei Google eintippen würden? Das Web ist kein spezialisiertes Forum, wo sich nur Fachleute einfinden. Wer Inhalte ins Web stellt, so nehme ich an, will auch gefunden werden. Deswegen sind geläufige Begriffe ein wichtiges Kriterium für barrierefreie Texte. Der Assoziationswert von bekannten Wörtern ist höher als bei unbekannten Wörtern und deswegen leichter zu verstehen; meist sind kurze Wörter auch bekannte Wörter. Gleiches gilt auch für konkrete Begriffe, wobei die Unterscheidung zwischen „konkret“ und „abstrakt“ nur schwer festgelegt werden kann. Es sieht beim Satzbau ähnlich aus: Viele Menschen möchten Inhalte überfliegen, wesentliche Aussagen erfassen und danach zum nächsten Text fliegen. Lange Sätze, viele verschachtelte Nebensätze und ein fehlender roter Faden fordern höhere Konzentration und führen dazu, dass Texte nicht zu Ende gelesen oder gar nicht richtig verstanden werden. Deshalb lautet die Devise, Sätze kurz zu halten und möglichst nur einen Gedanken pro Satz zu verfolgen.

Wann überfordern Webtexte vor allem Blinde und Sehbehinderte?

Hellbusch: Diese sind zwei sehr unterschiedliche Nutzergruppen. Blinde verwenden eine Sprachausgabe oder eine Braille-Zeile um Inhalte zu lesen und den Computer zu bedienen. Sehbehinderte arbeiten hingegen am Bildschirm und verwenden dabei Vergrößerungssysteme oder verändern die Bildschirmeinstellungen, je nach ihren individuellen Anforderungen. Gerade in der Sprachausgabe können Texte mit vielen Abkürzungen und/oder Fremdwörtern zu einem Problem werden, denn diese werden so von der Sprachausgabe gelesen, wie sie auf dem Bildschirm stehen. Es ist deshalb wichtig, dass solche Textteile entsprechend mit den dafür vorgesehenen HTML-Elementen ausgezeichnet werden. Überhaupt spielt HTML für blinde Nutzerinnen und Nutzer eine wichtige Rolle.

Warum?

Hellbusch: Die Technik zur Auszeichnung von Überschriften, Absätzen, Listen oder Tabellen ist essentiell für die Erfassung von Texten im Web. Großer fetter Text wird erst dann als Überschrift erkannt, wenn er tatsächlich mit einem HTML-Überschriftenelement ausgezeichnet wird. Solche Aspekte haben weniger mit dem Schreiben selbst, sondern mehr mit der Standardkonformität des Internetauftritts zu tun. Für Sehbehinderte liegen die Probleme oft im gestalterischen Bereich. Durch den Einsatz von Vergrößerungssystemen ist oft nur ein kleiner Teil des Bildschirms sichtbar. Wenn die Gestaltung der Internetseiten horizontales Scrollen erzwingt, dann ist flüssiges Lesen kaum noch möglich.

So etwas wie ein Fazit?

Hellbusch: Insgesamt gilt für Sehbehinderte wie für Blinde und für viele andere Nutzerinnen und Nutzer, dass kurze Absätze und eine gute Gliederung mit Überschriften und anderen Elementen die Lesbarkeit fördern. Das, was technisch für eine Sprachausgabe erforderlich ist, ist für das Lesen am Bildschirm ebenso förderlich.

Interview: Daniel Grosse

Smartphones lösen Zigaretten ab – Arbeitgeber erkennen und nutzen diesen Trend

Dienstag, Januar 14th, 2014

Smartphones lösen Zigaretten ab – Arbeitgeber erkennen und nutzen diesen Trend

von Daniel Grosse

(Marburg, dg) Smartphones lösen Zigaretten ab – Untersuchungen haben gezeigt, dass fünf von zehn Mitarbeitern, die in Büros arbeiten, regelmäßig während der Arbeitszeit ihr Smartphone nutzen – darunter auch Ex-Raucher. Sie tun dies am Arbeitsplatz, häufig in vermeintlich unbeobachteten Momenten.

Während früher die Raucherpause zu häufigen Unterbrechungen geführt hatte, blockiert jetzt die Smartphone-Pause. Diesen Trend haben Arbeitgeber nun erkannt und nutzen ihn: zur Imagepflege. Sie starten Kampagnen, in denen sie damit werben, wie gesund es doch ist, statt zur Zigarette zum Smartphone zu greifen.
Arbeitsausfall als mögliche Nebenwirkung, ständige geistige Entgleisung, Unkonzentriertheit und ähnliches seien zu vernachlässigende Faktoren, heißt es. Der Vorteil, dass ihre Mitarbeiter die Kollegen und sich selbst mit Zigarettenqualm gesundheitlich nicht mehr schädigen, sei nämlich nicht zu unterschätzen. Zudem werden die Smartphone-Pausen alleine verbracht, nicht mehr wie früher in Gruppen mehrerer Raucher.

Spezielle Ladestationen – mit Münzautomaten gekoppelt – in den Büros erleichtern das Laden der Geräteakkus. Das so eingenommene Geld spenden die Firmenchefs gemeinnützigen Organisationen, die Selbsthilfegruppen für SMS (Smartphone Multiple Sourcer) organisieren. Diese süchtigen SMS beziehen ihre Geräte von verschiedenen Herstellern und tragen sie stets bei sich. Das Ziel: die Versorgungssicherheit beim Punkt Kommunikation. – Realität oder Fiktion? Eine Glosse!

Perfekte Bewerbungsmappe gibt es nicht – Auch Kreativität und Struktur entscheiden

Montag, Januar 13th, 2014

Die Bewerbungsmappe: Pappe oder Plastik, grell oder grau?

von Daniel Grosse

Das Motto „Kleider machen Leute“ gilt im Bewerbungsmarathon auch für die Präsentation von Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen. Aber ist die Auswahl der Mappe gar eine Kunst? Der Markt bietet funktional aufgeteilte Kartonmappen mit mehreren Klemmschienen und Einschüben. Auch der Schnellhefter ist noch zu haben. Mit der Verpackung von Lebenslauf und Co. sagen Bewerber allerdings einiges über sich aus. Und die Vorlieben der künftigen Arbeitgeber sollten sie kennen. Einige Tipps:

Gibt es die ideale Bewerbungsmappe?
Nein, die richtige Verpackung der Unterlagen ist abhängig von der Position, auf die man sich bewirbt. Unterhalb von einem Abteilungsleiterposten reiche auch eine ordentliche Kunststoffmappe aus, ist von Experten zu hören. Denn: Bei einem Berufsanfänger oder Praktikanten wirkt eine teure und voluminöse Präsentation übertrieben und aufgebläht. Die Lösung: eine einfache Kunststoff-Clipmappe oder eine schlichte Kartonmappe mit einer Schiene.

Was raten Personalleiter?
Man stelle sich die Situation in der Praxis vor: Auf eine ausgeschriebene Stelle gehen 130 Bewerbungen ein. Es herrscht Zeitdruck. Da sucht die Personalabteilung nach Inhalten und entscheidet nicht nach der Form. Eine klare, einheitliche Linie ist bei Bewerbungsratgebern und Personalleitern selten zu erkennen, allerdings haben inzwischen viele Firmen auf ihren Internetseiten Bewerbungsratgeber eingestellt, in denen sie Tipps zur Präsentation geben. Sind hier Vorgaben zur Mappen- oder Materialwahl aufgeführt, sollte man diese natürlich beachten. Und ohne Vorgaben? Dann sind Bewerber in ihrer Entscheidung frei und sollten das Material verwenden, mit dem sie sich am wohlsten fühlen.

Was bietet der Markt – oder die Qual der Wahl?
Der Markt bietet neben ausgefeilten Kunststoffvarianten inzwischen die Karton-Edelmappe in Nadelstreifen-Design, Metallic-Look, Modelle in Saphir oder Bronze, auch Aufteilungsvarianten werden vielfältiger. Das hat allerdings den Vorteil, dass man sich individuell präsentieren und Mappenqualität, Farbe und Aufteilung so wählen kann, wie es der Strategie und dem eigenen Geschmack am besten entspricht. Kosten bereits jetzt einige Modelle zweistellige Eurobeträge, könnte der Preiskampf in der Oberklasse Mappendesigner gar zu Modellen mit Velours- oder Wildlederoberfläche oder zu noch wilderen, augefalleneren Modellen inspirieren.

Wie wirkt sich die Wahl einer bestimmten Farbe aus?
Die Farbe der Mappe sollte zum Bewerbungsfoto passen, lautet ein Ratschlag. Nicht zu knallig sollte die Mappenfarbe sein, auch goldene Lettern wirken unpassend, lautet ein anderer Tipp. Ein gewisses Understatement sollten Bewerber mit ihrer Mappe zum Ausdruck bringen. Beispiele: Kandidaten für einen Bank-Posten wählen nicht etwa Schwarz oder Knallgelb sondern eine gedeckte Farbe wie Dunkelblau. Und erst recht bei Positionen ab einem Jahresgehalt von 100.000 Euro steckt die Mappe nicht in einem Fensterumschlag; handschriftlich mit einem guten Füller kommt die Adresse gediegener daher. Für manchen Mappen- und Bewerbungsexperten ist Dunkelblau eine „Sicherheitsfarbe, mit der man kaum etwas falsch machen kann“. Mit Schwarz assoziierten die einen Trauer, die anderen Eleganz. Grau werde häufig als langweilig angesehen, andererseits sei es ein neutraler Präsentationshintergrund, der sich mit allem kombinieren lasse. Merke: Je weiter man sich von der Sicherheitsfarbe entfernt, desto größer ist das Risiko, falsch zu liegen. Andererseits: Ohne dieses Risiko fällt man auch nicht auf.

Und was ist mit der selbst gebastelten Mappe?
Eine denkbare Variante. Anleitungen gibt es im Internet. Aber Vorsicht vor zu viel Kreativität, zum Beispiel das Logo des Wunsch-Arbeitgebers darauf zu drucken. Das kann zu aufdringlich wirken. Denn Bewerber sollten bedenken: Noch bin ich da noch nicht! Von eigenen Mappenentwürfen ist nicht grundsätzlich abzuraten, so lange die Mappe nicht „wie selbst gebastelt aussieht“.

Ist die klassische Bewerbungsmappe ein Auslaufmodell?
Immer mehr Unternehmen bieten Bewerbern an, ihre Unterlagen alternativ per E-Mail zu schicken. Wenn das so in der Stellenanzeige drin steht, dann auch daran halten, lautet die Faustregel. Anhänge wie Lebenslauf mit Foto, Zeugnisse oder Arbeitsproben werden im pdf-Format verschickt. Auch eine eigene Bewerbungshomepage mit hinterlegten Dokumenten, an die interessierte Arbeitgeber nur mit einem Passwort gelangen, ist eine Alternative zur klassischen Bewerbungsmappe. Egal, ob digital oder klassisch: Mit einer steigenden Bewerber- und Bewerbungsqualität steigt auch die Erwartungshaltung des Unternehmens. In jedem Falle sollte eine Bewerbung sauber durchstrukturiert und originelle Einfälle sollten gut überdacht sein. Dahinter steht der pragmatische Gedanke, dass Personaler wohl selten Papieringenieure oder Faltkünstler sind. Sie möchten nicht umständlich viel aufklappen, herausnehmen und wieder einsortieren, sondern wollen alles gleich finden.