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Plausch am Ententeich – Die Kirche

Mittwoch, Mai 18th, 2016

Die achtzehnte Runde vom Plausch am Ententeich lässt die Markuskirche erzittern, macht zwei Frauen zu blitzschnellen Jägerinnen, bringt fünf Marbacher in größte Not, und ein Mann erfährt, was die Politik vorhat.

Kapitel R: Die Kirche

Von Daniel Grosse

…Dort vorne, keine 30 Meter entfernt, gingen Biene und Bella. Das sahen auch die anderen aus der Gruppe. “Hinterher!” Betty schaltete als erste. Als sie an der Tankstelle vorbei kamen, sahen sie auch die Meldung, die der Spiegel aktuell auf dem Titelblatt hatte. Danach hatte der Moderator und Republik-Aufreger Jan Böhmermann in einem Video soeben in seiner Show “Neo Magazin Royale” gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in eine Sendung namens „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte. Ein Herr Schneiders, 55, war wohl als biertrinkender Vater René aufgetreten, Simon S., 30, als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief – laut dieser Spiegel-Meldung – am 10. April bei dem Privatsender ErTeEl. Böhmermann gab scheinbar der Farce in seiner Sendung “Neo Magazine Royale” den Namen “Verafake”.

„Los jetzt, aber leise!“ Betty zerrte die anderen weiter. Soll Böhmermann doch weiterhin den Satire-Tester spielen. Sie spielten ihr eigenes Spiel und das hieß: hinterher, leise, so dass Biene und Bella, die Gestylten, sie nicht entdeckten. Das taten sie auch nicht. Mit grimmigem Grinsen passierten die beiden Frauen die Kita mit dem vielen Gelb an Fenstern und Fassade. Dann bogen sie nach links, weiter hoch Richtung Markuskirche schlenderten die Frauen. Vor dem Schaukastenfenster der Kirche blieben sie links neben dem Kircheneingang stehen. „Jetzt setzt sich die Kirche für Flüchtlinge ein, gewährt Asyl und so weiter.“ Biene mit den roten Haarbüscheln las einen Zeitungsbericht, der dort hing. „Wenn die Zuflucht finden, warum sollten wir das dann nicht auch versuchen?“ Die Frage überzeugte Bella, hielt ihrer Kumpanin die Kirchentür auf und diese fiel leise, aber bestimmt, wieder ins Schloss.

Fünf Augenpaare hatten die Szene beobachtet. Nun wussten Birger, Betty, der Gartenmann, der alte Herr und der Zeitungsausträger zumindest, wo die Frauen waren. Und aus der Kirche würden sie unbemerkt auch nicht mehr heraus gelangen. Von wegen. Die fünf Verfolger hätten fast die zwei weiteren Kirchentüren vergessen. In jedem Stockwerk eine. Aber, wenn die hier unten unverschlossen war, musste sich ja jemand im Kirchengebäude aufhalten. Keine Veranstaltung zurzeit, kein Gottesdienst, und auch sonst keinen offensichtlichen Grund gab es dafür, dass die untere Tür nicht verschlossen war. Das zumindest war seltsam.

Birger rannte nach oben zu der Tür neben dem Kirchenschiff, der Zeitungsmann prüfte den Eingang im ersten Stock. Beide Türen waren verschlossen. Gut. Vorsichtig, geräuschlos, betraten die fünf das Gotteshaus. Oben im Treppenhaus hörten sie zwei Frauen leise miteinander sprechen. Das mussten Biene und Bella sein. Stufe für Stufe stiegen die Verfolger höher. „Wo geht es denn zum Glockenturm?“, fragte Birger flüsternd den Gartenmann. Als alter Marbacher musste er doch Bescheid wissen, schüttelte jedoch bloß seinen Kopf.

Es war Samstag, 17 Uhr. Ein Inferno brach über sie herein. Glockengeläut wie von 1000 Riesenglocken ließ die fünf erzittern. Das 5 Uhr-Läuten hatten die Verfolger völlig vergessen. Scheinbar auch eine Frau mit roten Haarbüscheln und eine mit einem Po-langen schwarzen Zopf. Denn die rannten wie vom Teufel getrieben in drei langen Sätzen an ihnen vorbei, wollten schon unten zur Tür hinaus, da blieben sie plötzlich stehen. Die beiden Frauen starrten die fünf dort oben an, fixierten den Zeitungsmann, hoben beide ihre Zeigefinger und sagten gleichzeitig: „Du?“ Was dann folgt, war sicher für das Gotteshaus Neuland. Eine wilde Jagd. Denn Biene schrie noch dazu: „Da, der junge Typ, schau Bella, was der in der Hand hält!“ Ja, den unheimlichen Frisierkopf trug Birger inzwischen unter dem Arm. In seinem Rucksack war kein Platz mehr, weil er sich vorhin im Vorbeihasten den neuen Band seines Lieblingscomics „Mord am Ententeich“ bei der Frisörakademie heimlich eingesteckt hatte. Fünf Exemplare für seine Sammlung.

Die Situation in der Kirche war absurd. Einerseits wollten die fünf ja tatsächlich Biene und Bella vor Harry warnen, damit dieser die Frauen nicht niedermetzelt. Schließlich lief bald das Ultimatum ab. Denn noch könnten die Frauen oder auch die fünf den Kopf in aller Ruhe zu Harry bringen und alles wäre gut. Von wegen. Denn andererseits trauten Birger, Betty, der Gartenmann, der alte Herr und auch der Zeitungsmann, Harry nicht über den Weg. Irgendwas stimmte mit dem nicht, waren sie sich sicher. Und auch mit dem Kopf war bereits so viel Seltsames geschehen. Nein, den mussten sie behalten, aber gleichzeitig trotzdem die anderen warnen: Biene und Bella.

All diese Gedanken schossen in Sekundenbruchteilen durch die Hirne der fünf Marbacher. Schon waren die beiden Gestylten nur noch ein Stockwerk unter ihnen, rannten schnell weiter hoch. Gleich wären sie bei ihnen – und dann? Ja, was dann? Sie waren fünf, die beiden Frauen nur zwei. Überlegenheit. Ob sie es darauf ankommen lassen sollten? Gerade als Betty Birger klarmachen wollte, einfach stehen zu bleiben, um mit den Frauen vernünftig zu sprechen, spürte er eine Hand mit langen dünnen Fingern am Knöchel seines rechten Beins. Eisern umschloss die Hand Birgers Bein. Sie gehörte zu einem grinsenden Schädel, von dem rote Haarbüschel abstanden und der ihn anstarrte. Sogar sprechen konnte der Schädel. Und er war nicht allein. Daneben erschien bereits ein zweiter. Einer mit einem langen schwarzen Zopf. „Feierabend! Her damit!“ Birger erstarrte.

Im Haus neben der Markuskirche stritt sich zur gleichen Zeit lautstark ein Paar darüber, mit welchem Antrieb ihr neues Auto denn fahren sollte. Mit Benzin, Diesel, Rapsöl, Gas oder Strom. „Da hast du’s“, sagte die Frau und knallte ihrem Mann eine Zeitung vors Hirn. „Lies doch selbst!“ Laut der Meldung sollen Käufer von batteriebetriebenen Pkw ab sofort einen Zuschuss von 4000 Euro bekommen. Für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor betrage die Prämie 3000 Euro, war dort zu lesen. Drinnen in der Kirche war es still geworden.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Überraschung

Sonntag, Mai 15th, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Der Online-Fortsetzungskrimi aus und über Marburg-Marbach ist bei Kapitel Q angelangt.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich startet in die siebzehnte Runde. Ein dickbäuchiger Mann begrüßt in einer Akademie, ein kleiner Mann zerrt Menschen hinaus, und seltsame Frisuren bewegen sich in Richtung Markuskirche. Dann noch die Meldung zu Jan Böhmermann.

Kapitel Q: Die Überraschung

Von Daniel Grosse

…An der Tankstelle Ecke Brunnenstraße/Emil-von-Behringstraße kaufte sich zur selben Zeit ein Mann ein Eis. Er war sehr groß und kräftig, schwarzes, volles Haar, das ihm üppig vom Kopf abstand. Er trug ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Sommers wie winters kannten ihn so die Marbacher. Auch der Tankstellenkassierer lächelte und fragte ihn: „Dazu die Bild, wie immer?“ Vor der Tankstelle schlug der Mann das Blatt auf: Eine 21 Jahre alte Frau aus Somalia überschüttet sich mit Benzin und zündet sich selbst an. Tragödie in dem australischen Flüchtlingslager auf Nauru. Damit wollte sie gegen ihre Internierung auf der umstrittenen Pazifikinsel protestieren, schrieb die Zeitung. Tränen liefen dem Mann im schwarzen T-Shirt über die Wangen.

In der Frisörakademie in der Marbach war richtig viel los. Natürlich hatten auch die Teilnehmer der dortigen Kurse die Neuigkeiten der letzten Tage gelesen, in der Zeitung. Zum Beispiel das aus Nauru. Aber sie wollten auch wissen, was das für ein seltsames Grüppchen war, das dort vorne neben der Eingangstür saß. Zwei junge Leute, ein Mann und eine Frau, dann ein älterer Herr, der die ganze Zeit in einer Fotozeitschrift las, ein Mann mit Erde unter den Fingernägeln, wie bei einem Gartenmann, und ein kleiner, verhuscht dreinblickender Kerl mit fliehendem Blick.

„Meine Herren, meine Dame, um was geht es?“ Vor den fünf stand ein Mann in Hausschlappen. Ein mächtiger Bauch spannte sich unter seinem Hemd. Er grinste. Dabei hatte dieser Mann keinen Grund zu grinsen. Immerhin stützten ihn zwei, zugegeben, schick frisierte junge Frauen. Sie hatten ihn zu der Gruppe geführt. Aber: der Mann mit dem dicken Bauch konnte nichts sehen. Seine Augen waren verbunden. „Wundern Sie sich nicht. Ich hatte eine handfeste Auseinandersetzung mit meiner Frau und ihr Kochlöffel hätte mir fast mein Augenlicht geraubt. Hätten wir nicht die Blindenstudienanstalt in Marburg und eine dementsprechend gute Augenheilkunde im Klinikum, wäre ich jetzt vielleicht blind.“

Der Zeitungsausträger wäre am liebsten unter seinen Stuhl gekrochen. Natürlich kannte er diesen Mann. Es war der, der ihm das Foto von Betty und Birger vor die Nase gehalten hatte. Er, der Austräger hatte den Auftrag, die beiden zu finden. Den Kopf wollte dieser dicke Mann haben. Aber was machte er hier, in der Frisörakademie? „Chef, soll ich Senfgelb nochmal bestellen?“ Aus einem Nebenraum drang dieser Frage in die Ohren des Austrägers. Zweifellos war dieser Augen-Verbundene Derselbe, der ihn auf der Brunnenstraße zum Spitzeln angestiftet hatte. Betty und Birger sollte er ihm ausliefern. Und er war zudem der Chef dieser Frisörakademie. Und noch dazu sicher auch der Mann hinter dieser Comic-Reihe, die Birger so faszinierte: Mord am Ententeich.

Wir müssen jetzt ganz schnell gehen. Gedanken, die der Austraäger auch schnell aussprach. Der kleine Mann zerrte seine neuen Freunde aus dem Vorraum dieser Akademie in der Emil-von-Behring-Straße. Er war so selbstbewusst und gefiel sich in seiner Rolle. „Sagen Sie, was fällt Ihnen ein?“ Der Gartenmann und der ältere Herr waren erbost. Jetzt hatten sie endlich doch entschieden, in diese Akademie zu gehen, um dort eine Adresse oder zumindest Namen dieser beiden Frauen zu bekommen, die wohl dem Tode geweiht waren: Biene und Bella. Dieser Harry hatte ja in seiner Display-Botschaft gedroht, die beiden Frauen umzubringen, würde er nicht binnen 72 Stunden den Kopf in Händen halten. Natürlich kannten die fünf diese Botschaft, aber sie wussten nicht, wer die Frauen in der Botschaft waren. Einzig der Zeitungsausträger wusste von Zusammenhängen. Auch den Namen der Frau mit den roten Haarfransen und der mit dem Po-langen Zopf kannte der Zeitungsmann. Ebenso wusste er, dass das eben, der Harry war. Der Killer? Der Austräger erzählte seinen neuen Freunden alles, vor der Tür der Frisörakademie. Sein Wissen erdrückte ihn. Hätte er nicht geplaudert, er wäre verrückt geworden.

Noch 32 Stunden. Hinter der Glastür, im Inneren der Akademie, stand ein vollbärtiger Mann mit verbundenen Augen. Zwei Gestylte führten ihn von dort weg. Wahrscheinlich in dessen Büro. Harry. Natürlich war er mit seiner Akademie Herausgeber eines umstrittenen Comics, das sich aber gut verkaufen ließ. Mord am Ententeich.

Der Zeitungsausträger: „Birger, wie gut dass Sie den stinkenden Kopf in Ihrem Rucksack vorhin drin behalten haben.“ Genau. Birger gab ihm Recht. Denn noch war die Zeit nicht reif für eine Übergabe. Erst recht nicht jetzt. Denn, konnten sie diesem Harry trauen? Was hatte er wirklich vor? Was, wenn plötzlich…? Birger verstummte in seinen Gedanken. Rote Haarbüschel und ein Po-langer Zopf. Ohne Zweifel zwei Menschen, die geradewegs in Richtung Markuskirche unterwegs waren. Dort vorne, keine 30 Meter entfernt, gingen Biene und Bella. Das sahen auch die anderen aus der Gruppe. „Hinterher!“ Betty schaltete als erste.

Als sie an der Tankstelle vorbei kamen, sahen sie auch die Meldung, die der Spiegel aktuell auf dem Titelblatt hatte. Danach hatte der Moderator und Republik-Aufreger Jan Böhmermann in einem Video soeben in seiner Show „Neo Magazin Royale“ gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in eine Sendung namens „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte. Ein Herr Schneiders, 55, war wohl als biertrinkender Vater René aufgetreten, Simon S., 30, als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief – laut dieser Spiegel-Meldung – am 10. April bei dem Privatsender ErTeEl. Böhmermann gab scheinbar der Farce in seiner Sendung „Neo Magazine Royale“ den Namen „Verafake“.

…Fortsetzung folgt

Plausch am Ententeich – Der Unhold

Dienstag, Mai 3rd, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Plausch am Ententeich. In Marburg-Marbach geht die Suche weiter.   Bild: Barbara Grosse

In der sechzehnten Runde des Marbacher Online-Fortsetzungskrimis rund um Birger, Betty und Harry sucht ein Mann verzweifelt ein Loch zum Verschwinden, wittert derselbe das große Geld, liest irritiert ein Impressum – und ein anderer Mann weint.

Kapitel P: Der Unhold

Von Daniel Grosse

…Sein Skandal war seine Alte mit ihrer unsäglichen Art. Harry stand auf. Er musste raus aus diesem Mief. War das dort vorne an der Hausecke nicht der Zeitungsausträger? Den schnapp ich mir. Schon legte sich eine riesige Hand auf die Schulter eines kleinen Mannes. „Dich kenne ich doch. Du bringst jeden morgen brav die Zeitung und lungerst dann minutenlang vor meinem Haus herum.“ Der Zeitungsausträger wurde noch kleiner. Er beugte sich vor, suchte das Loch, in dem er verschwinden könnte. Aber es gab keines. „Kennst du die? Du kommst doch viel rum in der Marbach.“

Der Mann konnte es nicht fassen. Seine neuen Freunde. Oder waren sie eher Verbündete, Kumpane? Natürlich kannte er die zwei auf dem Foto, das ihm Harry vor die Nase hielt. War es jetzt klug, das diesem Raubein zu erzählen? Was wollte der grobe Kerl eigentlich von ihm? Der Zeitungsausträger erkannte sich selbst nicht wieder. Fast rebellisch waren seine Gedanken. Sonst immer angepasst, lehnte er sich erneut auf gegen seine Gewohnheiten. Und die waren: still sein, unauffällig leben, bloß nicht anecken. Aber dann hatte er sich das erste Mal in seinem Leben etwas getraut, neulich, als er bei dem Gartenmann geklingelt hatte. Ab diesem Zeitpunkt war er jemand. Und jetzt wieder.

„Nein, die zwei Leute kenne ich nicht.“ Harry schaute den kleinen Mann aus seinen kleinen Augen an. Die Sehschlitze waren blattdünn geworden. Sein Blick bohrte sich in die Augäpfel des Austrägers. Den Schmerz vermochte dieser fast körperlich zu fühlen. Konnte er diesem Wicht trauen? Andererseits, weshalb sollte er ihn, er war schließlich Harry, anlügen. Harry gab dem Austräger das Foto. „Wenn dir diese beiden in der Marbach während deiner Touren über den Weg laufen, dann ruf mich an.“ 1234567. Harry. Diesen Zettel mit dieser Nummer und diesem Namen würde der Zeitungsausträger garantiert gut aufbewahren. Und ihn vor allem gleich seinem Team zeigen. Denn das waren die anderen inzwischen für ihn geworden: ein Team. Die beiden jungen Leute, Betty und Birger, der ältere Herr, der Fotomann, und dann noch der Gartenmann.

„Eigentlich können wir wieder nach oben zur Marbacher Hütte gehen.“ Das Team der Suchenden saß auf der Bank am Ententeich. „Vielleicht kommen die beiden Frauen ja doch noch zurück.“ Betty sprach ihre Gedanken in die Runde. „Und was ist mit Ihnen?“ Sie sah den Austräger an. Irgendwie blass sah er aus, fand Betty. Ist was? Tatsächlich diese Frage hatte Betty ihm gestellt, dachte der Zeitungsausträger. Und ob etwas ist. Ich habe euch in meiner Hosentasche stecken. Euch, wie ihr auf einem Foto erschrocken in die Kamera guckt. Und ein Vollbärtiger, Dickbäuchiger in Hausschlappen gekleideter Unhold hat mir dieses nette Porträt von euch in die Hand gedrückt. Und ich habe seine Nummer und kenne sogar seinen Namen. Was hätte der Austräger mit diesen Sätzen punkten können. Sein Ego wäre bestimmt um drei Meter gewachsen. Aber es durfte nicht sein. Er sprach diese gedachten, stummen Sätze also nicht aus. Einmal im Leben wollte er auch ein großes Geheimnis bewahren, einen Trumpf im Ärmel haben.

Natürlich wusste der Austräger von dem Foto. Und sicher war dieser Marbacher Riese der große Unbekannte hinter dem Frisierkopf-Rätsel. Betty und Birger hatten ja davon erzählt. Wenn er nun selbst mal auf der Sonnenseite stehen würde, wie wäre das?, überlegte der Austräger. Was er wohl für den Kopf bekommen würde von diesem Harry? 100 Euro, 1000 oder mehr? Da lag der Schädel vor ihm. Übel riechend, haarfein aufgerissen und mit verklebten Augen. Mit einem Trick konnte er die anderen ablenken und dann unbemerkt mit dem Schädel verschwinden. Harry würde ihn sicher fürstlich belohnen.

„Wollen Sie das haben“, fragte eine Stimme, die von ganz weg zu kommen schien. Der Austräger schüttelte sich, war wieder sofort zurück aus seiner Gedankenwelt rund um Harry. „Was denn“, fragte der Austräger?“ „Na, dieses Comic.“ Birger hielt ihm ein buntes Heft unter die Nase. Darauf zu sehen war ein Mann, nicht irgendeiner, sondern einer mit buschigem Vollbart, einem riesigen Bauch. Und seine Füße, ja, die steckten in Hausschuhen. In blutroter Schrift stand oben: Mord am Ententeich – Band 5. „Was ist denn das? Woher haben Sie das? Warum zeigen Sie mir das?“, fragte der Austräger. Seine Stimme war schrill, er zitterte. Er hatte es nicht gewagt, die erste Seite des Comics aufzuschlagen. „Das ist doch nur eines meiner Lieblingshefte. Wussten Sie denn nicht, dass ich die Comicreihe ‚Mord am Ententeich‘ regelmäßig lese? Nein, eher verschlinge ich die Hefte.“ Birger sah den verdutzten Austräger an. Betty ermutigte den Mann. „Nehmen Sie das Heft. Birger hat jeden Band mehrfach.“

Da saß er nun, der kleine Mann. Dort auf einer Bank am Ententeich in der Marbach. In seinen Händen ein Comic, das scheinbar von einem handelte, der ein Killer sein musste. Zumindest, wenn er dem Titelblatt glaubte. Geschichtenwelt und echtes Leben verschmolzen miteinander. Eben noch hätte der Austräger mit dem Kopf viel Geld verdienen können, nun wurde Harry bereits von Comic-Machern als Mörder verwurstet. Da drehte er das Heft beiläufig um, studierte die Rückseite. Ganz klein geschrieben war dort unten in der Ecke ein Vermerk: Impressum. Warum er diese Zeilen überflog, wusste der Austräger selbst nicht. Erneut spürte er eine fleischige Hand im Nacken von einem Kerl, der aber diesmal nicht real war. Der Austräger starrte aufs Impressum, denn Herausgeber der Comicreihe waren nicht etwa Disney oder Ehapa, sondern eine Frisörakademie. Und die kannte er nur zu gut.

An der Tankstelle Ecke Brunnenstraße/Emil-von-Behringstraße kaufte sich zur selben Zeit ein Mann ein Eis. Er war sehr groß und kräftig, schwarzes, volles Haar, das ihm üppig vom Kopf abstand. Er trug ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Sommers wie winters kannten ihn so die Marbacher. Auch der Tankstellenkassierer lächelte und fragte ihn: „Dazu die Bild, wie immer?“ Vor der Tankstelle schlug der Mann das Blatt auf: Eine 21 Jahre alte Frau aus Somalia überschüttet sich mit Benzin und zündet sich selbst an. Tragödie in dem australischen Flüchtlingslager auf Nauru. Damit wollte sie gegen ihre Internierung auf der umstrittenen Pazifikinsel protestieren, schrieb die Zeitung. Tränen liefen dem Mann im schwarzen T-Shirt über die Wangen.

….Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Der Mast

Sonntag, Mai 1st, 2016

Der Online-Fortsetzungskrimi Plausch am Ententeich geht in die fünfzehnte Runde. Harry erzählt von Venezuela, er zählt auf Birger und Betty und die große Hand fasst an. Lesen Sie selbst. 

Kapitel O: Der Mast

Von Daniel Grosse

….Da piepste ein Apparat auf seinem Schreibtisch. Durchdringend. „Mach dieses scheiß Teil aus. Das klingt ja schrecklich“, brüllte eine Frauenstimme aus der Küche. Fast hätte Harry nun doch die Bratpfanne genommen und endlich seine Alte für immer zum Schweigen gebracht, da wurde ihm aber klar, dass es im Moment wichtigere Aufgaben für ihn gab. Eine davon: auf das Piepsignal zu reagieren und den Apparat auf dem Schreibtisch zu starten.

Harry drehte an dem kleinen Knopf. Es rauschte. Dann hörte er einen Ton. Viel eher klang der wie ein Fiepen. Dann Wortfetzen. Das war`s. In einem Anzeigenfeld des Apparats las Harry: „Verbindung unterbrochen, denn visuelle Wahrnehmung der Kamera korrespondiert mit akustischem Abhören.“ Ob da jemand die Kameralinse an dem Kopf manipuliert hat?, fragte sich Harry. Ich war dumm. Damit hätte ich rechnen müssen.

Harrys rechter Hausschlappen rutschte von seinem riesigen Fuß. In der Küche polterte die Alte mit ihren Pfannen und Tellern. Ansonsten technische Stille. Nun drang kein Laut, kein Bild, nichts mehr, in Harrys gute Stube in der Brunnenstraße. Er betrachtete das Foto dieser zwei jungen Leute, das er inzwischen von diesem Server seines Freundes in Venezuela abgerufen hatte. Der Freund war ein Computer-Ass. Von ihm hatte er auch die Tipps bekommen, wie er diesen Frisierschädel elektronisch präparieren konnte. Aber eben dieses – zugegeben, sehr scharfe – Bild der zwei jungen Leute und immer wieder wirre Gesprächsfetzen waren das einzige, was er hatte. Diese Verbindung zu seinem Kunstkopf hatte existiert, funktioniert. Aber eben nur diese eine. Ein einziges Mal hatte der präparierte Schädel seinen Blitz aktiviert und ein Bild geschossen. Harry wusste also immerhin, dass die beiden seine Warnung gelesen hatten. Und die Zeit des Ultimatums lief weiter. 48 Stunden noch. Dann musste er handeln.

Biene und Bella waren die beiden, die er am liebsten mochte von den vielen in seiner Gruppe. Mit ihnen würde Harry noch eine Menge Spaß haben. Sie waren zwar unberechenbar, wild, fürchterlich frisiert – aber die beiden Frauen handelten verlässlich. Weil sie Angst hatten. Vor Harry, vor ihm. Opfern wollte Harry die beiden Frauen nicht unbedingt. Vielleicht die Kehle anritzen, zwei Zehen abknipsen. Mehr nicht. Aber der Frisierkopf war sehr wichtig. Und die beiden jungen Leute auf dem Foto schienen das verstanden zu haben. Sie würden Biene und Bella finden, die würden ihnen sagen, wo er, Harry, wohnt. Und sein Kopf wäre zurück. Oder eher das, was sich darin befand. Immer noch? Harry erschrak bei diesem Gedanken. Noch 30 Stunden, dann könnte er sich davon überzeugen. Biene und Bella waren nicht wieder aufgetaucht bei Harry. Wer diese beiden jungen Leute, dieses Paar, waren, wusste Harry nicht. Also blieb ihm nur die Drohung auf dem Display des Kunstkopfs. Mit dieser hatte Harry dem Paar vor 42 Stunden klar gemacht, was es tun musste.

Das Signal war erloschen. Die Verbindung zu seinem Kopf war gekappt. Warum auch immer. Harry konnte ja nicht wissen, dass die Kameraaugen inzwischen zugeklebt waren. Jedenfalls brauchte Harry den kleinen Verstärker nicht mehr, der hoch oben zuverlässig seine Dienste geleistet hatte. Die Marbacher waren ja so ahnungslos, was da über ihre Köpfe hinweg seit Tagen gesendet hatte. Nur eine kleine Schraube hatte der Baumkletterer beim Installieren verwendet, als er kürzlich morgens um 2 Uhr wie ein Äffchen an dem langen Mast des Alarmmelders hinauf geklettert war.

Seit Jahrzehnten stand der Sendemast mit dieser seltsamen, riesigen Schüssel an seiner Spitze nahe der Straße, die zum ehemaligen Europabad hinaufführt. Ein Relikt. Harry vermutete, die Sirene dieses Alarmmelders würde wohl für immer stumm bleiben. Der Baumkletterer hatte den kleinen Verstärker unbemerkt in 20 Metern Höhe an der Spitze des Masts installieren können. Das Funksignal vom Frisierkopf gelangte dorthin. Der Verstärker schickte es weiter ins Internet, bis zu dem Server nach Venezuela. Dort lagen die Daten sicher. Eine Kopie war auch bei Harry angekommen. Ein Foto. Betty und Birger. In dem Apparat, der auch nun vor dem bärtigen Marbacher stand. Auf seinem Schreibtisch in seinem kleinen Haus in der Brunnenstraße.

Harrys mächtiger Bauch gab plötzlich einen Laut von sich, den seine Frau nur zu gut kannte. Die zeternde Alte. Aber sie hatte nichts anderes gelernt in ihrem Leben. Zetern – und eben Kochen. Was gut für Harry war, der seinen gewaltigen Bauch in den dreißig Jahren seiner Ehe stets gut gezüchtet hatte. Noch konnte Harry vorne seine Hände zusammenführen, wenn er seinen Bauch umfasste. Noch. Wenn seine Alte allerdings weiterhin nur die Fleischabteilung besuchen wird und nie bei Obst und Gemüse vorbeischaut, war er sich nicht sicher, was mit seinem Bauch noch geschehen könnte. In dieses eine Schicksal fügte er sich. Dick, aber verheiratet und bekocht. Harrys Motto. Und er liebte die Völlerei. Auch deshalb brauchte er ja diesen Frisierkopf. Aber diesen Trumpf kannte nur er, dessen Leben ansonsten unsagbar hoffnungslos war. Harry selbst sah das jedoch anders.

Ein metallener Deckel öffnete sich erneut. Fleischige Finger hatten zuvor einen silbern glänzenden Schlüssel ins Loch gesteckt. Wie vorhin, nahmen Harrys fleischiger Daumen und Zeigefinger etwas aus der gut verwahrten Metallkiste. Bald, dachte Harry, bald geht es damit endlich los. Zufrieden legte er es zurück und schloss wieder gründlich ab. Dass sein Bundesfinanzminister derweil aus dem alten Röhrenradio gegen gigantische Bonuszahlen an Automanager wetterte, trotz Abgasskandal, hörte er zwar. Aber das interessierte Harry nicht. Sein Skandal ereignete sich in einer kleinen Küche, hier in der Marbach: Sein Skandal war seine Alte mit ihrer unsäglichen Art. Harry stand auf. Er musste raus aus diesem Mief. War das dort vorne an der Hausecke nicht der Zeitungsausträger? Den schnapp ich mir. Schon legte sich eine riesige Hand auf die Schulter eines kleinen Mannes.
…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Der Schlüssel – Der Köder

Freitag, April 22nd, 2016

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Birger und Betty suchen weiter. Der Kopf hält viele Menschen auf Trab. Plausch am Ententeich – der erste Online-Fortsetzungskrimi aus und über die Marbach.   Bild: Barbara Grosse

Halbzeit. Mit den Kapiteln M und N geht Plausch am Ententeich in die dreizehnte und vierzehnte Runde. Ein Doppelkapitel bringt die Leser des Marbacher Online-Fortsetzungskrimis diesmal noch schneller voran. Vieles wird nun klarer. Schließlich hat Harry eine besondere Beziehung zu seiner Mitbewohnerin, er erfährt von einem Todesfall, Betty genießt, zwei Frauen lauern am Oberen Eichweg und ein Geräusch rettet einem anderen Menschen vielleicht das Leben.

Kapitel M: Der Schlüssel

Von Daniel Grosse

…An einem solchen tüftelte auch ein anderer in der Marbach. Zur gleichen Zeit. Er trug einen langen Bart, hatte einen mächtig dicken Bauch, meist steckten seine Füße in Hausschuhen. „Harry“, rief eine Frau. Sie stand in der Küche und kochte Bohnensuppe. „Bring den Müll raus!“ Nicht mehr lange, du dämliche Alte, dann bringst du deinen Müll für den Rest deines Lebens selber hinaus, dachte sich der bärtige Mann. Schließlich hieß er Harry, und er hatte einen perfiden Plan. Überhaupt, was bildete sich diese ungewaschene Person da hinten inmitten ihrer Töpfe und Pfannen eigentlich ein? Er war Harry. Die Marbach war sein Revier. Bald würde sein großer Tag kommen. Alle unterschätzten ihn. Seine Frau vor allem. Wie viele Müllbeutel hatte er in den vergangenen 30 Jahren ihrer Ehe schon rausgetragen? Hunderte? Zu viele.

Harry ging, er schlurfte in seinen Hausschlappen zum Radio. Ein altes Röhrengerät mit dicken Knöpfen und einer gelb beleuchteten Senderskala. HR 3. Schon beim ersten Ton, den er aus dem Lautsprecher hörte, wurden Harrys Augen feucht. Eine Träne lief über seine linke Wange. Harry weinte. Er selbst konnte das kaum fassen. Schließlich war er doch der mit dem perfiden Plan. Kein Schwächling. Aber Prince war einfach zu schön. Das, was er da sang. Purple Rain. In den Achtzigern lief das rauf und runter. Und nun war Prince, der Pop-Gott tot, soeben gestorben. „Was flennst du denn hier rum?“, hörte Harry jemand sagen. Klar, meine Alte. Harry hätte sie am liebsten gleich erschlagen. Aber das oder etwas anderes musste warten. Wichtigere Dinge musste er vorher noch regeln. Viel wichtigere Dinge.

Er nahm den Schlüssel, den er seit dreißig Jahren , seit dem Tag ihrer Eheschließung, heimlich verwahrte, aus einer kleinen Ritze zwischen den Bodendielen im Flur. Er glänzte. Kein bisschen war das Metall des Schlüssels verrostet. Spitz und neu standen die Zacken von ihm ab. Die Zacken, die er gleich in dem kleinen Loch seiner Metallkiste versenken wird. Im Schloss. Die Zeit war reif. Harry stellte die Kiste vor sich auf den Schreibtisch, entriegelte den Schließmechanismus, öffnete den massiven Deckel. Wärme durchströmte seinen Körper. Sie beruhigte ihn. Es war noch da, das, was er damals vor 30 Jahren dort hinein gelegt hatte. Keinen Schmerz und keine Wut spürte er mehr. Harry vergaß Prince, auch seine zeternde Alte. Alles wird gut werden. Noch 40 Stunden.

Im Wohnzimmer des roten Hauses in der Brunnenstraße roch es seltsam. Ein stechender Geruch lag in der Luft. Der Zeitungsausträger hielt sich die Nase zu. „Das ist also der Schädel, und der riecht?“ Birger, Betty, der ältere Herr und der Gartenmann nickten gleichzeitig. „Und weshalb verbreitet er diesen, na ja, Gestank?“ „Wir wissen es nicht, trauen uns aber auch nicht, den Schädel genauer zu untersuchen.“ Betty antwortete als Erste. Sie merkte, wie unsicher und schüchtern, fast devot, dieser Zeitungsmann war. Um ihn in der Gruppe halten zu können, mussten sie behutsam vorgehen. Er brauchte das Gefühl, wichtig zu sein. Deshalb nahm sie auch den Schädel. „Hier, möchten Sie ihn halten? Denn um dieses Teil dreht sich ja scheinbar alles bei dieser irren Geschichte“, sagte Betty. „Warum sind denn diese kleinen Aufkleber über die Augen des Frisierkopfs geklebt?“ Der Zeitungsmann war irritiert. Die anderen erzählten ihm von dem Blitz, dem Foto und der Nachricht. Von dem Ultimatum. Und davon, dass dieser Harry auf keinen Fall noch einmal ein Foto von ihnen machen sollte. Deshalb hatten die vier die Augen auch zugeklebt.

Birger schaute auf sein Smartphone. 39 Stunden noch. Wenn sie bis dahin die beiden Frauen nicht gefunden hatten oder dieser Harry seinen Kopf nicht zurück erhielt, würden Bella und Biene sterben. Zeit zu handeln. Betty merkte gar nicht, dass sie schon ein halbes Stück Torte gegessen hatte. Der Gartenmann hatte zuvor eine Schwarzwälder-Kirschtorte auf den Tisch gestellt. Jeder sollte doch davon essen. Keiner wollte. Nur Betty, die aber scheinbar geistesabwesend aß. Die Torte würde ihr helfen, wieder glücklich zu werden. Alte Gewohnheit. Birger küsste einen Sahneklecks von ihrer Nase weg. Er lächelte.

…Fortsetzung folgt.

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Kapitel N: Der Köder

Von Daniel Grosse

…Birger schaute auf sein Smartphone. 39 Stunden noch. Wenn sie bis dahin die beiden Frauen nicht gefunden hatten oder dieser Harry seinen Kopf zurück erhielt, würden Bella und Biene sterben. Zeit zu handeln. Betty merkte gar nicht, dass sie schon ein halbes Stück Torte gegessen hatte. Der Gartenmann hatte zuvor eine Schwarzwälder-Kirschtorte auf den Tisch gestellt. Jeder sollte doch davon essen. Keiner wollte. Nur Betty, die aber scheinbar geistesabwesend aß. Die Torte würde ihr helfen, wieder glücklich zu werden. Alte Gewohnheit. Birger küsste einen Sahneklecks von ihrer Nase weg. Er lächelte.

Die fünf Marbacher gingen zur Haustür, traten ins Freie. Sie gingen am Teich vorbei, bogen in den Feldweg Richtung Marbacher Hütte ein. Wohin sie wollten, wussten sie eigentlich nicht. Einfach draußen sein und planen. Wo könnten die Frauen sein? Sie mussten sich ja verstecken. Zu bekannt waren sie ja jetzt aufgrund der Zeitungsmeldung. Oben in der Marbacher Hütte vielleicht? Bettys Vorschlag gefiel den anderen. Also war das ihr Ziel.

Biene und Bella hatten einen unglaublichen Hunger. Wie gerne wären sie kurz nach unten ins alte Marbacher Dorf gelaufen. Dort dann zum Bäcker und vielleicht vier oder fünf Brötchen reinstopfen. Stattdessen hofften sie, dass der Zeitungsausträger irgendwann am Ende des Oberen Eichwegs auftauchte, nahe der Reithalle. Schließlich war das die Stelle, wo er noch seine tägliche Zeitungsrunde machen musste Und das war ein Ort, wohin sie sich gerade noch so trauten. Dass sie dort jemand sah, war unwahrscheinlich. Also warteten sie mal wieder versteckt hinter einem Busch, den Oberen Eichweg im Blick. Aber ein Zeitungsmann war weit und breit nicht in Sicht.

„Kommt, noch eine steile Kurve, dann sind wir oben“. Birger und Betty hatten den alten Mann, der doch so viel von Kameras verstand, zwischen sich genommen. Sie hatten ihre Arme bei ihm eingehakt. Mit 90 war es für ihn schon etwas beschwerlich, den Weg vom Dorf bis hinauf zur Hüttenanlage zu schaffen. „Was ist denn das?“, fragte der Gartenmann. Qualm stieg auf. Der musste von der Feuerstelle kommen. Die Glut war noch deutlich zu sehen. Jemand musste eben noch hier gewesen sein. Sogar das Holz der Bänke direkt am Feuer war noch an zwei Stellen blank geputzt. Ansonsten waren die Bänke von einer dünnen Ascheschicht bedeckt. Komisch. Birger sah sich die blanken Stellen genauer an. Rund waren sie. Schon hatte sich Betty neben ihn gesetzt. Sie bedeckte exakt eine der blank geputzten Stellen der Bank mit ihrem Po. „Klar, da haben bis eben noch zwei gesessen.“ Birger fasste sich an die Stirn. Im gleichen Moment beugte Betty sich nach vorne, hielt dann einen dünnen roten Faden zwischen Daumen und Zeigefinger. Obwohl das für einen Faden fast zu dünn war. Betty legte den Fund auf einen weißen Zettel, den sie in ihrer Hosentasche gefunden hatte. So konnten sich die fünf das Etwas genauer anschauen. „Sieht aus wie ein Haar“, sagte der Gartenmann. „Und zwar ein rotes.“ Der Zeitungsausträger begann zu schwitzen. Bilder schossen durch seinen Kopf. Von zwei Frauen, die ihn quälten, drangsalierten. Er wollte weg von hier, schon drehte er sich weg von der Gruppe, wollte losrennen. Aber jemand hielt ihn fest. Nicht grob, eher behutsam. Und das war nicht Biene, auch nicht Bella.

Nachdem Betty sich zehn Minuten mit dem Zeitungsausträger hinter der Hütte ganz ruhig unterhalten hatte, wusste sie, er würde doch bei ihnen bleiben. Schließlich war er ein wichtiger Mann bei der Suche nach den Frauen. Fast so etwas wie ein Köder. Bei diesem Gedanken schauderte sie. So hatte sie es doch gar nicht gemeint, aber auch die Frauen suchten wiederum ja den Zeitungsmann Das wusste sie. Also war es ja nicht unwahrscheinlich, dass die beiden die Gruppe zuerst entdeckten. Und ein Köder war er ja auch deshalb nicht, weil er sich freiwillig den anderen angeschlossen hatte. Welcher Wurm spießt sich schon freiwillig auf einen Haken? Schon wieder so ein fieser Gedanke, den Betty gleich beiseite schob.

Mit dem Zeitungsausträger kam sie zurück zur Gruppe. „Wir werden hier warten“, sagte Betty. „Irgendwann werden die beiden Frauen hierher zurückkommen. Dann reden wir mit ihnen. Ganz vernünftig. Sie werden sicher verstehen, was los ist. Dann bringen sie den Kopf zu diesem Harry zurück und alles wird gut.“ Ja, das glaubte Betty tatsächlich.

„Dieses Schwein, der hat sich vom Acker gemacht, hat die Hosen voll. Den kannst du vergessen. Nichts wird der uns zu essen holen. Und bringen wird er uns auch nichts. Den Frisierkopf schon mal gar nicht.“ Biene war stinksauer. Sie warteten nun schon seit einer Stunde hinter ihrem Busch. Alle Zeitungsrohre waren leer. Immer wieder waren Menschen aus den Häusern gekommen, hatten vergeblich in die Rohre geschaut. Nichts. Im Zeitungshaus mussten bald Dutzende von Beschwerden eingehen. So sind die Menschen, dachte sich Bella, da läuft etwas nicht nach Plan und sie rasten aus. Aber eigentlich so wie bei uns. Wir hocken hier und dieser Zeitungsknilch lässt sich nicht blicken. Gleichzeitig toben wir mit Schaum vorm Mund. Wir sind eigentlich genauso gestrickt wie diese Menschen dort in ihren schmucken Häuschen. Bella spürte einen Schmerz in ihrem linken Arm. Biene hatte sie gepackt und hielt ihren Arm fest. „Bella, ich kann dich zwar nicht leiden, aber wir beide müssen das schaffen, das mit dem Zeitungsmann und das mit dem Kopf. Du kennst Harry.“ Biene schaute ihre Kumpanin ernst an. Sie sah so etwas wie Angst in Bellas Augen.

Ein bärtiger Mann mit Hausschlappen an den Füßen lag auf einer abgewetzten Couch. Im Radio lief bereits das zwölfte Lied von Prince. When doves cry. Auch das mochte er sehr gerne. Noch immer war Harry sehr zufrieden. Alles lief nach Plan. Zumindest einer, der sich nicht beschweren musste. Da piepste ein Apparat auf seinem Schreibtisch. Durchdringend. „Mach dieses scheiß Teil aus. Das klingt ja schrecklich“, brüllte eine Frauenstimme aus der Küche. Fast hätte Harry nun doch die Bratpfanne genommen und endlich seine Alte für immer zum Schweigen gebracht, da wurde ihm aber klar, dass es im Moment wichtigere Aufgaben für ihn gab. Eine davon: auf das Piepsignal zu reagieren und den Apparat auf dem Schreibtisch zu starten.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Gruppe

Dienstag, April 19th, 2016

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Aus dem plauschenden Liebesroman ist längst ein Krimi geworden.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich geht in die zwölfte Runde. Ob sich endlich klärt, weshalb der Schädel so seltsam riecht, ob der Zeitungsausträger weiterhin ein Opfertyp bleibt, wie die Style-Tanten an ihr Ziel gelangen möchten – und ob Harry den Müll hinaus bringt? Antworten folgen in diesem Kapitel von Plausch am Ententeich. Hyperlokal. Im Krimi. Als Fortsetzung, und diese online.

Kapitel L: Die Gruppe

Von Daniel Grosse

…Noch immer strömte dieser Geruch aus dem Schädel. Aber das musste warten. Die drei nahmen den Kopf und marschierten zu dem Mann mit dem schönen Garten. Sie beeilten sich so sehr, waren derart konzentriert und gedanklich gefangen in diesem ganzen Irrsinn, dass sie nicht bemerkten, wie ein Mann mit einer Zeitungskarre neben dem Ententeich stand und zu ihnen rüberschaute. Was der Austräger da unter Birgers geklemmt Arm sah, ließ ihn nach Luft schnappen. Eine Zeitungskarre rollte langsam auf ein schmuckes Häuschen mit schönem Garten zu.

„Prima, dass ihr so schnell kommen konntet.“ Der Gärtnermann begrüßte Birger, Betty und den alten Mann. Auf dem Esstisch lag die Zeitungsmeldung, von der vorhin die Rede war. „Wenn wir gleich bei der Frisörakademie anrufen, erzählen die uns doch sicher, wer die Frauen sind“, meinte Birger. „Das denke ich nicht.“ Betty war skeptisch, schließlich war ja die Polizei eingeschaltet. Also wäre das der richtige Weg für Leute, die etwas über den Verbleib der beiden Gestylten berichten könnten. Aber die Polizei anrufen, womöglich zur Dienststelle gehen? Das wäre töricht, wo doch mit dem Kopf etwas nicht stimmte. Sogar mehrfach nicht stimmte. Ein gewisser Harry würde wegen des Schädels sogar töten, und in dem Kopf muss etwas sein von großem Wert.

„Wie sollten wir also der Polizei glaubhaft erklären können, weshalb wir wissen, wo diese Zopffrau und die mit den roten Haarbüscheln von uns zuletzt gesehen wurden ohne gleichfalls von dem Killer und dem Kopf zu erzählen?“, fragte Betty. „Der Kopf, sein Geheimnis, der Killer und die beiden Style-Tanten sind nicht zu trennen, wenn uns jemand danach fragen würde.“ Ein Dilemma, wie die beiden Männer und der junge Birger zugeben mussten.

Draußen donnerte ein Bus die Brunnenstraße hinunter. Durch das gekippte Fenster drang der Lärm ins Wohnzimmer des Gärtnermannes, der dort mit einem alten Marbacher und einem jungen Paar saß. Aber es drang auch etwas nach draußen – eben, weil das Fenster gekippt war. Und dieses Etwas waren Gesprächsfetzen von vier Menschen, die soeben über Ungeheuerliches diskutiert hatten. So waren dann auch die Augen des Zeitungsausträgers geweitet. Er saß zusammengesackt unter dem Fenster des Gärtnermannes. In was war er denn da nur hineingeraten?, fragte er sich im Stillen. Dass die beiden Frauen brutal, unberechenbar, brandgefährlich waren, hatte er ja schon selbst zu spüren bekommen. Aber Mord, oder was auch immer? Dass war eine andere Dimension.

Sein Leben schien vollends zu zerbrechen. Er, der doch seit Jahren nur zwei Dinge wollte: in Ruhe seine Zeitungen jeden Tag verteilen und viel allein sein, in Frieden und aller Stille. Jetzt war er Spielball inmitten einer Hetzjagd, wo stinkende Köpfe und mordende Harrys eine Rolle spielten. Nicht zu vergessen diese schrecklichen Frauen. Dann waren da auch noch zwei junge Marbacher. Eigentlich zwei nette Menschen, dachte sich der Zeitungsausträger. Und die beiden älteren Männer kannte er natürlich auch.

Zum ersten Mal in seinem Leben spürte der Zeitungsausträger, dass er nun mutig sein musste. Er, und nur er allein, musste eine Entscheidung treffen. Auf welcher Seite stand er? Würde er sich zum Lakaien dieser beiden Fremden, brutalen Frauen machen und ihnen bei der Suche nach dem Kopf helfen oder sollte er nicht vielmehr den vier Marbachern helfen? Auch wenn die letztlich auf der Suche nach den Style-Tanten waren, seinen Feindinnen. Allerdings mit einem ehrenwerten Ziel: zwei Menschen vor dem Tod zu bewahren. Wie unangenehm diese beiden Menschen auch waren, der Zeitungsausträger musste sich entscheiden.

Es klingelte in einem Haus mit roter Fassade. Eine Haustürglocke meldete: Da steht jemand draußen. Ein Mann erhob sich von seinem Stuhl im Wohnzimmer, in dem er eben noch mit drei anderen Menschen gesessen hatte. Vor dem Hausbesitzer stand ein ängstlich dreinschauender Mann. Neben ihm eine Handkarre. Im Gesicht des Mannes, der eben die Haustüre geöffnet hatte, verschwanden die tiefen Falten, die man bekommt, wenn man über etwas intensiv nachdenkt. Er lächelte. „Sie sind das? Schön, Sie zu sehen. Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte der Hausbesitzer, der liebend gerne bald wieder in seinem Garten weiter arbeiten wollte, anstatt über ein mögliches, baldiges Verbrechen zu diskutieren. „Ich möchte Ihnen helfen, Ihnen und den jungen Leuten. Natürlich auch dem alten Mann“, antwortete der Zeitungsausträger. Er hatte sich entschieden.

Nicht entschieden hatten sich zwei Frauen. Sie saßen an einer Feuerstelle. Hinter sich die Marbacher Hütte. Die Sonne schien. Doch die Gedanken der beiden Frauen waren düster. Schon seit Tagen hatten sie sich nicht mehr in der Friseurakademie blicken lassen. Ohne den Kopf bei Harry abgeliefert zu haben, konnten sie an so etwas wie Arbeiten nicht denken. Dieser verdammte Kopf. Und dann auch noch diese Zeitungsmeldung, die sie vorhin gelesen hatten. In einem Papierkorb die aktuelle Ausgabe der Lokalzeitung zu finden, machte alles nur noch komplizierter. Und? Spätestens seit diesem Zeitpunkt waren sie auf der Flucht. Vor Menschen, die sie erkennen konnten. Aber wie sollten sie den Kopf denn jemals wieder finden, wenn sie sich nicht frei bewegen konnten ohne aufzufallen. Ein langer Zopf und rote Haarbüschel – wer sollte die denn übersehen? Also blieb ihnen nur dieser Zeitungsausträger. Ihn mussten sie nochmals hart anpacken, ihm klar machen, was für ihn auf dem Spiel stand, wenn er nicht lieferte: nämlich diesen Kopf. Sie fassten einen Plan.

An einem solchen tüftelte auch ein anderer in der Marbach. Zur gleichen Zeit. Er trug einen langen Bart, hatte einen mächtig dicken Bauch, meist steckten seine Füße in Hausschuhen. „Harry“, rief eine Frau. Sie stand in der Küche und kochte Bohnensuppe. „Bring den Müll raus!“ Nicht mehr lange, du dämliche Alte, dann bringst du deinen Müll für den Rest deines Lebens selber hinaus, dachte sich der bärtige Mann. Schließlich hieß er Harry, und er hatte einen perfiden Plan.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Der Anruf

Dienstag, April 12th, 2016

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Mit dem Online-Krimi geht es nach der Osterpause nun wieder weiter. Die erste Hälfte des Werks ist bald geschrieben. Schwarzwälder Kirschtorte und joggende Verliebte, dazu ein Kopf, zwei gestylte Frauen sowie ein unheimlicher Harry – fertig sind die Zutaten für dieses Buch. Auch diesmal wieder streng nach der 45-Minuten-Regel verfasst.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich. Birger und Betty wissen in diesem neuen Kapitel noch nichts von dem misshandelten Austräger, sie erfahren aber von einer Polizeisuche, indem sie ein blinkendes Signal entdecken. Der hyperlokale Online-Fortsetzungskriminalroman, Plausch am Ententeich, geht in die elfte Runde.

Kapitel K: Der Anruf

Von Daniel Grosse

…Eben noch hatte der Zeitungsausträger sein letztes Exemplar in ein Zeitungsrohr gesteckt, als er diese Polizeimeldung las. Vier Zeilen nur waren erkennbar, den Rest verbarg die Röhre. Langer Zopf, rote Haarbüschel, Frauen. Fünf Worte, ein Gefühl. Panik beschlich den Austräger nicht ganz langsam, sie lähmte den Mann, traf ihn zuvor blitzschnell wie ein Schlag ins Genick. Schon griff er in seine Hosentasche, begann zu wählen: Eins, Eins, als er die Taste mit der Null drücken wollte, riss ihm etwas die Füße vom Boden weg. Im Fallen sah und hörte er Bekanntes. Auch diese Hände kannte der Zeitungsausträger.

Biene stand über ihm, lachte höhnisch. „Na, du Kerlchen, hoffentlich hast du gute Nachrichten für mich.“ Der Mann rieb sich die linke Schulter. Vielleicht hatte er sich sogar einen Knochen gebrochen, überlegte der Austräger. Doch das war im Moment sein kleinstes Problem. Zunächst musste er diese brutale Frau mit irgend etwas besänftigen. Er, der doch am liebsten in seiner kleinen Welt ohne große Worte lebte. Deshalb stammelte er nur: „Wirklich, überall auf meiner Route habe ich gesucht, jeden Tag.“ „Und, mit Erfolg“, fragte Biene? Der Mann dachte an die Fußbälle, Melonen, Kürbisse, all das runde Zeugs, was er von weitem in den Gärten entdeckt hatte. Jedes Mal, dachte er, das könnte dieser bescheuerte Kopf sein. Fehlanzeige. „Pass mal auf, bis morgen hast du Zeit. Dann will ich einen Erfolg von dir sehen.“ Bienes Drohung wirkte. Der Zeitungsausträger machte große Augen und nickte. Zwei Sekunden später war er verschwunden, hinkend und mit der einen Hand die linke Schulter umfassend.

52 Stunden noch. Harrys Ultimatum schwebte über der Marbach. Und den seltsamen Geruch aus dem Schädelinnern deuteten Betty und Birger als Menetekel. Galt dieses Unheil verkündende Zeichen ihnen? Wollte Harry mit diesem Geruch den beiden einen Stich versetzen, der sich zumindest in ihre Nerven bohrte, ihren Geruchssinn quälte? „Quatsch“, sagte Betty. „Harry kann doch gar nicht wissen, wo wir jetzt gerade sind oder ob wir den Kopf überhaupt noch haben, es sei denn….“ Birger schaute auf ihren offen stehenden Mund, aus dem aber keine Worte mehr kamen. „Es sei denn, er kann uns orten.“ Birger sprach das aus, was Betty dachte. Schon wieder diese Panik, die sie in den vergangenen Stunden schon so oft beschlichen hatte. Auch der alte Mann wurde ganz blass. Technisch gesehen, konnte Harry natürlich in dem Schädel einen Sender versteckt haben, der zu jeder Zeit Signale sendet, die verraten, wo sich der Kopf gerade befindet. Immerhin hatte der Schädel die beiden ja auch fotografiert und sie unmissverständlich gewarnt, was passieren würde, wenn Harry den Kopf nicht innerhalb von 72 Stunden zurück bekam. Aber ein Peilsender? Das war den drei Marbachern, die dort oben oberhalb der Brunnenstraße in einem kleinen Fachwerkshaus beisammen standen, dann doch zu viel James Bond.

Birger setzte sich in einen bequemen Sessel. Er musste nachdenken. Das Smartphone in seiner Gesäßtasche störte. Birger zog es heraus und legte es auf einen kleinen Tisch, den der alte Mann mit allerlei Kameraobjektiven, Fotozeitschriften und dergleichen fast überfrachtet hatte. Weil der Tisch aus Glas war, spiegelte sich ein kleines, blinkendes Licht in der Tischplatte. Fast schon hätte sich Birger wieder weggedreht, als er das Handysignal entdeckte. Ein entgangener Anruf. Birger nahm das Gerät in die Hand. Die Nummer kannte er nicht, drückte aber auf „Rückruf“. Es tutete zwei Mal. Eine männliche Stimme meldete sich. Der Mann aus dem Garten. Sofort erkannte Birger sein akustisches Gegenüber. „Habt ihr die Zeitung von heute gelesen“, fragte der Mann. Da Birger und Betty zurzeit aber weder an der Welt des Sports, des Klatsches oder der Politik interessiert waren, verneinte Birger die Frage und stellte die Gegenfrage: „Warum?“ „Weil ihr dann bestimmt die Meldung gelesen hättet, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es in der Meldung, erzählte der Mann dem verdutzten Birger. Und weil dieser seinen erstaunten Mund erst halb geöffnet hatte, war noch Raum für eine weitere Überraschung. „Besondere Kennzeichen: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden“, las der Mann ihm aus der Meldung vor. In Birgers Mund hätte in diesem Moment eine große Kartoffel gepasst. „Wir kommen gleich zu Ihnen“, sagte Birger und brachte schnell den alten Mann und Betty auf den neuesten Stand. Die Frisörakademie. Das war ein Ansatzpunkt. Die müssten natürlich wissen, wer die beiden Frauen sind. Adressen und so weiter, alles, was wichtig war, um die gestylten, dem Tode geweihten Frauen, zu finden.

Noch immer strömte dieser Geruch aus dem Schädel. Aber das musste warten. Die drei nahmen den Kopf und marschierten zu dem Mann mit dem schönen Garten. Sie beeilten sich so sehr, waren derart konzentriert und gedanklich gefangen in diesem ganzen Irrsinn, dass sie nicht bemerkten, wie ein Mann mit einer Zeitungskarre neben dem Ententeich stand und zu ihnen rüberschaute. Was der Austräger da unter Birgers geklemmt Arm sah, ließ ihn nach Luft schnappen. Eine Zeitungskarre rollte langsam auf ein schmuckes Häuschen mit schönem Garten zu.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Zeitungsmeldung

Montag, April 4th, 2016

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Plausch am Ententeich geht in die zehnte Runde. Birger und Betty haben in dem hyperlokalen Marbacher Fortsetzungs-Roman längst Verbündete gefunden. Ein großer Vorteil, schließlich tickt die Uhr: das Ultimatum.   Bild: Barbara Grosse

Im Plausch am Ententeich erinnert sich jemand an Südamerika, an Totenschädel, einem anderen Marbacher fällt fast das Brötchen aus dem Mund und ein Zeitungsausträger beginnt zu tippen.

Kapitel J: Die Zeitungsmeldung

Von Daniel Grosse

…Der alte Mann konnte sich nicht entscheiden. Wenn er mit der Klinge eines Messers ganz vorsichtig den haarfeinen Riss auf der Stirn des Kopfes weitete, könnte er vielleicht hinein schauen. Denn da musste etwas sein. Aus dem Innern des Schädels strömte ein Geruch, für ihn völlig fremd. Nicht unangenehm, aber seltsam. Der Geruch hatte etwas Stechendes. Längst schon interessierte sich der alte Mann nur noch dafür. Die Kameratechnik war ihm egal. Behutsam setzte der Mann die Klinge seines alten Taschenmessers an. Die Augen des Schädels schauten geradewegs in seine – vorwurfsvoll, warnend, der Mann zuckte zurück.

In seiner Jugend war der alte Mann häufig auf Forschungsreisen in Südamerika gewesen. Seine Kollegen vom Ausgrabungsteam hatten ihm damals einen Trick gezeigt, wie man Schädel öffnet, ohne sie zu zerstören. Sie hatten ihm aber nicht beigebracht, wie ein Forscher mit einem Frisierkopf umgehen sollte, aus dessen haarfeinem Riss ein seltsamer Geruch strömt. Dies hier war kein Totenschädel. Dies war die Marbach und nicht Südamerika. Es roch, warum auch immer. Was also sollte passieren? Er holte ein Rasiermesser. Die Klinge war spitz und flach genug. Sie glitt langsam in den Riss, Millimeter für Millimeter.

Ein schrilles Klingeln riss den alten Mann aus seiner Konzentration. War das der Kopf, irgendein Alarm, ein Mechanismus, den er in Gang gesetzt hat? Jemand klopfte an sein Wohnzimmerfenster. Logisch, das eben war seine eigene Haustürklingel. Schnell versteckte der Mann Taschen- und Rasiermesser in einem Wandschrank. Den Kopf legte er in eine dunkle Ecke des Raumes, damit der Riss nicht sofort zu erkennen war. Birger und Betty traten ein. „Wir wollen den Kopf abholen.“ Birger schaute sich im Wohnzimmer um. „Wo ist er?“, fragte der junge Marbacher fast panisch, weil er an die noch verbleibenden 58 Stunden dachte. Er sah Harry vor sich, wie der sich aufmachte, schwer bewaffnet, böse und voller Hass. Nachdem die 72 Stunden abgelaufen waren, ohne dass er seinen Kopf zurück bekommen hatte. Birger sah das viele Blut. Inmitten eines roten Sees lagen zwei Frauen. Ein langer schwarzer Zopf war längst schon nicht mehr schwarz, eher rotbraun wie eine Kastanie. Rote Haarbüschel waren rot geblieben. Nicht mehr hellrot, dunkler, wie Blut eben so aussieht. Und die zwei aufgeschlitzten Kehlen samt vier grotesk starrenden Totenaugen machten Bella und Biene auch nicht gerade sympathischer. Birger fragte sich, ob er vielleicht doch zu häufig in seinen Comics las. Mord am Ententeich. Bei dem Titel, den die Comic-Reihe trug, wunderte ihn gar nichts mehr.

Birger schüttelte sich. Betty entdeckte Schweißperlen auf Birgers Stirn. „Jetzt reiß dich zusammen“, mein Schatz.“ Sie drückte ihn ganz fest. Dann wollte aber auch sie endlich wissen, wo der Kopf geblieben war. Der alte Mann zögerte. Da merkten es auch Betty und Birger. Irgendetwas war in diesem Raum anders als gestern Abend. Die Einrichtung war die gleiche. Aber das Wohnzimmer fühlte sich verändert an.

Die Nasenlöcher von Betty und Birger weiteten sich. Hinein strömte etwas, das schon den alten Mann so neugierig gemacht hatte. „Was riecht hier so seltsam“, fragte Betty. „Das…der…es ist, weil…ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte.“ Der alte Mann stotterte verzweifelt. Er konnte nicht anders, denn zu groß war sein schlechtes Gewissen. Natürlich mussten die beiden ja glauben, er hätte den Kopf beschädigt. Das hätte ihm doppelt Leid getan. Schließlich war er immer ein vorsichtiger Mensch gewesen, auf den man sich verlassen konnte. Und er galt in der Marbach als jemand, der gute Ideen hatte. Deshalb waren Betty und Birger ja auch zu ihm gekommen, gestern, nachdem sie die Botschaft auf dem Display unter den Kunsthaaren des Kopfes entdeckt hatten. Außerdem mochte der alte Mann die beiden jungen Marbacher. Er wollte ihnen helfen, wollte verhindern, dass ein abscheuliches Verbrechen geschah, das er vielleicht verhindern konnte. Deshalb sagte er: „Da steht der Kopf, dort hinten in der Ecke.“ Birger nahm ihn noch, es roch nun intensiver, stechend. Der Zeigefinger seiner linken Hand glitt langsam über den haarfeinen Riss. „Ich glaube, wir haben nun mehr als nur ein Problem“, sagte Birger und schaute Betty unsicher an. Betty sah, was ihr Freund meinte. Obwohl Birger so häufig ein Tolpatsch war, konnte sie ihn diesmal für dieses Malheur nicht verantwortlich machen. Solch kleine Pannen, ein Malheur eben, passierten Birger. Dass diese gezackte Linie auf dem Schädel jedoch weit schlimmer war, erkannte Betty erst zwei Sekunden später. Auch Birger legte die Stirn in Falten.

Der Mann aus dem Garten am Ententeich saß währenddessen am Frühstückstisch. Vor ihm lag die Zeitung. In der linken Spalte las er, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es in der Meldung. Darunter das Wetter von heute und morgen. Irgendwelche Glückszahlen. Besondere Kennzeichen: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden. Wie war das eben? Fast wäre dem Mann das Brötchen aus dem Mund in seine volle Kaffeetasse gefallen. Die Frauen. Birger und Betty, die beiden netten jungen Leute von heute Nacht. Eins und Eins machten Zwei. Endlich eine Spur. Zum Glück hatten die beiden eine Telefonnummer hinterlassen. Aus seiner Hosentasche zog er einen zerknitterten Zettel, las die Ziffern.

Ein anderer las zur gleichen Zeit Namen auf Klingelschildern. Schaute in Vorgärten, an denen er in den vergangenen Jahren schon Hunderte Male vorbei gegangen war. Bislang immer arglos, jetzt war er ein Beauftragter, ein Suchender, fast so etwas wie ein Gangsterkollege. Oder wie sollte man jemand nennen, der von zwei Schlägertussis nachts eindringlich gewarnt worden war, bloß die Augen offen zu halten bei seinen Touren. Der einen Kopf suchen sollte. Noch dazu in der Marbach. So etwas Absurdes.

Eben noch hatte der Zeitungsausträger sein letztes Exemplar in ein Zeitungsrohr gesteckt, als er diese Polizeimeldung las. Vier Zeilen nur waren erkennbar, den Rest verbarg die Röhre. Langer Zopf, rote Haarbüschel, Frauen. Fünf Worte, ein Gefühl. Panik beschlich den Austräger nicht ganz langsam, sie lähmte den Mann, traf ihn zuvor blitzschnell wie ein Schlag ins Genick. Schon griff er in seine Hosentasche, begann zu wählen: Eins, Eins, als er die Taste mit der Null drücken wollte, riss ihm etwas die Füße vom Boden weg.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Der Riss

Donnerstag, März 31st, 2016

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Plausch am Ententeich. Was sich inzwischen zu einem Online-Krimi entwickelt hat, geht in die neunte Runde.   Bild: Barbara Grosse

Drei Handlungsstränge, viele Fragen, ein Ziel. Der Kopf im Marbacher Online-Fortsetzungsroman scheint ein Geheimnis zu verbergen, zwei Frauen finden einen Helfer, für Torte fehlt Betty die Zeit und nur noch wenige Stunden bis zum Ablauf des Ultimatums. Noch wartet Harry ab.

Kapitel I: Der Riss

Von Daniel Grosse

…Betty und Birger gingen zur Bank am Ententeich zurück. Vielleicht käme ihnen ja dort eine Idee, so ihre Idee. Ein Mann goss Blumen. Gegenüber arbeitete er in seinem Garten, obwohl es schon spät war, beinahe Nacht. Der Garten gehörte zu einem roten Haus. Und in dem Kopf des Mannes drehte sich schon seit Stunden alles um diese eine Frage: Was waren das für seltsame Gestalten, die vorhin den Höhenweg hinaufgelaufen sind? Der Mann hob den Kopf, schaute zur Bank am Teich hinüber. In diesem Moment trafen sich die Blicke von drei Menschen.

Noch nie zuvor hatten Betty und Birger solch ein Gefühl empfunden. In dem Blick des Mannes lasen beide wie in einem Buch. Und das seltsame war, dass er sich auch nicht von ihnen abwendete. Schließlich wollte er doch seine Pflanzen und Blumen versorgen. Langsam gingen die beiden auf den Mann zu, überquerten die Brunnenstraße an der Stelle, wo sie zum Höhenweg wurde. Kann ich euch helfen? Aber nur, wenn ihr mir auch helft. Abgemacht? Diese zwei Fragen lasen Betty und Birger in den Augen des Mannes, der dort in seinem Garten hinter dem Zaun stand, eine rote Gießkanne in der Hand. „Sie haben heute etwas beobachtet oder gehört, nicht wahr?“, fragte Betty den Mann. „Und das beschäftigt Sie so sehr, dass Sie eh keinen Schlaf finden würden.“ „Wie kommst du darauf?“, erwiderte der Mann. „Es ist Ihr Blick.“ Mit dieser Antwort hatte der Mann nicht gerechnet. Er nickte. Erschöpft und verwundert setzte er sich auf einen grünen Schemel unter einem Busch. Im Hintergrund ertönte leise ein Windspiel. Eine buntes Gebilde drehte sich dazu. Ob sich gleich meine Frage klärt?, überlegte der Mann. Er wurde nicht enttäuscht. Und so kam es, dass sich in dieser Nacht drei Marbacher eine Stunde lang unterhielten. Dann: noch 65 Stunden. Aber der Mann im Garten wusste nun immerhin fast genauso viel wie der ältere Herr, der in diesem Moment mit weiß aufgerissenen Augen in einem alten Sessel saß. Vor sich einen Kopf, den ein feiner Riss entstellte. Vom linken Ohr quer über die Stirn verlief die gezackte Linie.

Nahe des Sellhofs wunderte sich währenddessen ein Zeitungsausträger, dass auf einer Bank neben einer Bushaltestelle zwei Frauen lagen, die zudem laut schnarchten. Zunächst hatte der Zeitungsausträger an Waschbären gedacht, war deshalb näher herangetreten. Da schnellten zwei kräftige Hände nach vorne, umfassten die Knöchel des Austrägers. Er verlor den Halt, wie es einem eben ergeht, wenn ihm jemand die Füße vom Boden wegzieht. Eine Sekunde später blickte der verdutzte, auf dem Boden liegende Mann, in zwei fremde Augen. Schmale Sehschlitze musterten ihn. „Was willst du?“, fragte eine Frau mit rot gefärbten Haarbüscheln auf dem Kopf. „Euch retten!“ Was für einen Unsinn redete er da bloß? Er wusste das, war aber immer noch ganz durcheinander. „Pass mal auf, mein Kerlchen“, drohte die Frau, „du kommst doch als Zeitungsausträger an vielen Häusern und Plätzen vorbei. Wenn du in der Marbach einen Kopf findest, meldest du dich bei uns. Ist das klar?“ Klar, dachte der Mann, der nur noch weg von hier wollte, fragte aber trotzdem: „Ihr meint doch nicht etwa einen menschlichen Kopf?“ „Blödsinn, sehen wir so aus?“ Dieser Typ da auf dem Boden langweilte Biene. Er nervte, konnte ihnen aber nützlich sein. Harry war schließlich unberechenbar. Biene holte tief Luft, musste ruhiger werden. Jetzt nur nicht ausrasten.

Bella war inzwischen aufgewacht und rülpste. Es stank. Der Alkohol von vorhin. Einfach zu viel, dachte sie. Sie merkte, wie sehr sich ihre Freundin zusammenreißen musste, um dem Zeitungsmännlein nicht noch mehr weh zu tun. Mit leiernder Stimme erklärte Bella dem Mann, dass es ein Frisierkopf war, den sie suchten, drückte dem Kerl einen Zettel mit einer Telefonnummer und den Namen Biene und Bella in die Hand – und sagte zu dem Austräger: „Jetzt verzieh dich!“ In der Dunkelheit verschwand ein Mann, der einen Handwagen hinter sich herzog, Richtung Gärtnerei. Auf einer Bank oberhalb der Marbach grinsten sich zwei Frauen an. Ein armlanger Zopf und rote Haarbüschel ruhten Sekunden später wieder auf dem Holz.

Der alte Mann konnte sich nicht entscheiden. Wenn er mit der Klinge eines Messers ganz vorsichtig den haarfeinen Riss auf der Stirn des Kopfes weitete, könnte er vielleicht hinein schauen. Denn da musste etwas sein. Aus dem Innern des Schädels strömte ein Geruch, für ihn völlig fremd. Nicht unangenehm, aber seltsam. Der Geruch hatte etwas Stechendes. Längst schon interessierte sich der alte Mann nur noch dafür. Die Kameratechnik war ihm egal.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Das Besäufnis

Dienstag, März 22nd, 2016

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Plausch am Ententeich. Der Krimi mit Birger und Betty geht in die achte Runde. Hyperlokal aus Marburg-Marbach.   Bild: Barbara Grosse

Im hyperlokalen Online-Fortsetzungsroman Plausch am Ententeich setzt sich ein alter Mann durch, fließt Hochprozentiges und gießt ein Wissender Blumen. 72 Stunden insgesamt, hat Harry angekündigt. Dann geschieht das Unfassbare.

Kapitel H: Das Besäufnis

Von Daniel Grosse

…„Guten Abend.“ Mehr konnten die beiden nicht mehr sagen, als zwei starke, riesige Hände sie an ihren Armen packten und nach drinnen zerrten. Dort war es dunkel. Aber im Nebenzimmer hörten sie einen wohlbekannten, hochfrequenten Ton. „Schnell, da rein!“, sagte der alte Mann. Seit Jahrzehnten wohnte er in der Marbach, bald ein ganzes Jahrhundert. Es hieß, er sei der älteste Marbacher, der auch dort aufgewachsen sei. Und in diesem kleinen Haus im alten Teil von Marbach, oberhalb der Brunnenstraße, standen zwei völlig verdutzte Menschen in einem kleinen Wohnzimmer. Birger und Betty sahen aber nichts von diesem Raum, nur die Farbe Schwarz. Es war stockdunkel. Der hochfrequente Ton war an seinem Höhepunkt angekommen. Noch eine Sekunde mehr und den beiden wären die Trommelfelle geplatzt. Dann: dieses Licht, so hell. Ein Blitz und wieder diese Sterne. Sie tanzten vor den Augen der beiden. Über ihnen leuchtete plötzlich eine Glühbirne. Der alte Mann hatte das Deckenlicht eingeschaltet.

„Dieses furchtbare Geräusch, gerade eben, wir kennen das. Was war das?“, fragte Betty den Mann. „Ich teste eine neue Generation von Blitzgeräten. Man kann die kleinen Dinger wunderbar mit den kleinsten Kameras, die es auf dem Markt gibt, kombinieren“, erklärte der alte Mann. Die beiden sahen sich an. Betty las Birgers Gedanken, er wusste, was seine Freundin dachte. „Und was halten Sie DAVON?“ Betty hielt den Frisierkopf mit beiden Händen, streckte sie weit nach vorne, so als wollte Betty ihn loswerden. „Ein Kopf von einer Puppe, na und?“ Der alte Mann drehte sich weg, keineswegs interessiert an dem durchaus kuriosen Mitbringsel.

Dann erzählten Betty und Birger dem Mann die ganze Geschichte. Ab dem Moment, wo sie aufgeweckt wurden von dem Geräusch im Wasser, von den Schreien, von den streitenden Frauen – und dem schrecklichen Blitz, berichteten sie. Als sie zu der Stelle mit dem hochfrequenten Geräusch, der Botschaft von Harry und dem gesendeten Bild kamen, horchte der alte Mann dann plötzlich auf. Wurde neugierig, wollte mehr erfahren. Alle Einzelheiten interessierten ihn. „Diese Technologie, und die steckt in diesem albernen Plastikschädel? Wisst ihr eigentlich, was ihr dann in Händen haltet“?, fragte sie der alte Mann.

Zwei Frauen mit ungewöhnlichen Frisuren saßen währenddessen an einer Bushaltestelle. Um diese Zeit fuhr längst schon kein Bus mehr. In der Gaststätte gegenüber brannte noch Licht. Im Sellhof zwei, drei Biere oder einen Schnaps? Vielleicht zwei? Die Frage stand im Raum. Einfach vergessen, was vorhin geschehen war, Harry und sein blöder Kopf waren doch nicht ihr Thema. So diskutierten sie. Bellas langer Zopf surrte über die roten Haarbüschel von Biene hinweg. Das war so Bellas Art. Wenn sie sich ärgerte, drehte sie den Kopf immer wie ein wild gewordener Stier. Biene kannte ihre Freundin und ging in Deckung. Und diese Deckung sah so aus: „Zwei Bier und zwei Schnaps, bitte.“ Biene hatte Bella von der Bank gezerrt, konnte deren Gezeter nicht mehr ertragen. Also doch die Alkoholvariante. Vergessen. Harry, den Kopf. So saßen die beiden vor ihren Gläsern im Sellhof und tranken. Bald soffen sie.

Der Finger des alten Mannes glitt über den Hals des Kopfes. Unter das künstliche Haar. Millimeter für Millimeter. Jetzt durfte er nichts falsch machen. Die zwei hatten ihm ja vorhin erklärt, wie sie den Mechanismus oder die Elektronik ausgelöst hatten. Ihm wollten sie den Kopf anvertrauen. Bis morgen früh. Lange hatte der Mann sie bearbeiten müssen, bis er sie schließlich doch überreden konnte, den Kopf bei ihm zu lassen. Und sie hatten ihn eindringlich vor der Fotofunktion gewarnt. Nun war es später Abend. Und gleich würde er erfahren, wie die Technik in der Praxis funktionierte, mit der er bislang nur herumexperimentiert hatte. Auslösen wollte der alte Mann die Kamera nicht, nur untersuchen. Eines hatten Birger und Betty ihm aber nicht erzählt: dass etwas von Wert in dem Schädel sein müsste. Und damit war nicht die Kameratechnologie gemeint.

Birger und Betty wollten den Kopf morgen früh um sieben wieder abholen. Bei dem alten Mann in seinem alten Haus wähnten sie den Schädel in Sicherheit. Wichtiger als das abscheuliche Ding immer mit herumzuschleppen, war ja , die beiden seltsamen Frauen zu finden. Diese schimpfenden, nervenden Style-Tanten. Aber den Tod hatten sie wohl doch nicht verdient. Oder was auch immer Harry mit ihnen vorhatte. Mit Bella und Biene.

Betty und Birger gingen zur Bank am Ententeich zurück. Vielleicht käme ihnen ja dort eine Idee, wie sie die beiden Frauen finden könnten, hofften sie. Ein Mann goss Blumen. Gegenüber arbeitete er in seinem Garten, obwohl es schon spät war, beinahe Nacht. Der Garten gehörte zu einem roten Haus. Und in dem Kopf des Mannes drehte sich schon seit Stunden alles um diese eine Frage: Was waren das für seltsame Gestalten, die vorhin den Höhenweg hinaufgelaufen sind? Der Mann hob den Kopf, schaute zur Bank am Teich hinüber. In diesem Moment trafen sich die Blicke von drei Menschen. Noch 68 Stunden.

…Fortsetzung folgt.