Archive for März, 2016

Plausch am Ententeich – Der Riss

Donnerstag, März 31st, 2016

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Plausch am Ententeich. Was sich inzwischen zu einem Online-Krimi entwickelt hat, geht in die neunte Runde.   Bild: Barbara Grosse

Drei Handlungsstränge, viele Fragen, ein Ziel. Der Kopf im Marbacher Online-Fortsetzungsroman scheint ein Geheimnis zu verbergen, zwei Frauen finden einen Helfer, für Torte fehlt Betty die Zeit und nur noch wenige Stunden bis zum Ablauf des Ultimatums. Noch wartet Harry ab.

Kapitel I: Der Riss

Von Daniel Grosse

…Betty und Birger gingen zur Bank am Ententeich zurück. Vielleicht käme ihnen ja dort eine Idee, so ihre Idee. Ein Mann goss Blumen. Gegenüber arbeitete er in seinem Garten, obwohl es schon spät war, beinahe Nacht. Der Garten gehörte zu einem roten Haus. Und in dem Kopf des Mannes drehte sich schon seit Stunden alles um diese eine Frage: Was waren das für seltsame Gestalten, die vorhin den Höhenweg hinaufgelaufen sind? Der Mann hob den Kopf, schaute zur Bank am Teich hinüber. In diesem Moment trafen sich die Blicke von drei Menschen.

Noch nie zuvor hatten Betty und Birger solch ein Gefühl empfunden. In dem Blick des Mannes lasen beide wie in einem Buch. Und das seltsame war, dass er sich auch nicht von ihnen abwendete. Schließlich wollte er doch seine Pflanzen und Blumen versorgen. Langsam gingen die beiden auf den Mann zu, überquerten die Brunnenstraße an der Stelle, wo sie zum Höhenweg wurde. Kann ich euch helfen? Aber nur, wenn ihr mir auch helft. Abgemacht? Diese zwei Fragen lasen Betty und Birger in den Augen des Mannes, der dort in seinem Garten hinter dem Zaun stand, eine rote Gießkanne in der Hand. „Sie haben heute etwas beobachtet oder gehört, nicht wahr?“, fragte Betty den Mann. „Und das beschäftigt Sie so sehr, dass Sie eh keinen Schlaf finden würden.“ „Wie kommst du darauf?“, erwiderte der Mann. „Es ist Ihr Blick.“ Mit dieser Antwort hatte der Mann nicht gerechnet. Er nickte. Erschöpft und verwundert setzte er sich auf einen grünen Schemel unter einem Busch. Im Hintergrund ertönte leise ein Windspiel. Eine buntes Gebilde drehte sich dazu. Ob sich gleich meine Frage klärt?, überlegte der Mann. Er wurde nicht enttäuscht. Und so kam es, dass sich in dieser Nacht drei Marbacher eine Stunde lang unterhielten. Dann: noch 65 Stunden. Aber der Mann im Garten wusste nun immerhin fast genauso viel wie der ältere Herr, der in diesem Moment mit weiß aufgerissenen Augen in einem alten Sessel saß. Vor sich einen Kopf, den ein feiner Riss entstellte. Vom linken Ohr quer über die Stirn verlief die gezackte Linie.

Nahe des Sellhofs wunderte sich währenddessen ein Zeitungsausträger, dass auf einer Bank neben einer Bushaltestelle zwei Frauen lagen, die zudem laut schnarchten. Zunächst hatte der Zeitungsausträger an Waschbären gedacht, war deshalb näher herangetreten. Da schnellten zwei kräftige Hände nach vorne, umfassten die Knöchel des Austrägers. Er verlor den Halt, wie es einem eben ergeht, wenn ihm jemand die Füße vom Boden wegzieht. Eine Sekunde später blickte der verdutzte, auf dem Boden liegende Mann, in zwei fremde Augen. Schmale Sehschlitze musterten ihn. „Was willst du?“, fragte eine Frau mit rot gefärbten Haarbüscheln auf dem Kopf. „Euch retten!“ Was für einen Unsinn redete er da bloß? Er wusste das, war aber immer noch ganz durcheinander. „Pass mal auf, mein Kerlchen“, drohte die Frau, „du kommst doch als Zeitungsausträger an vielen Häusern und Plätzen vorbei. Wenn du in der Marbach einen Kopf findest, meldest du dich bei uns. Ist das klar?“ Klar, dachte der Mann, der nur noch weg von hier wollte, fragte aber trotzdem: „Ihr meint doch nicht etwa einen menschlichen Kopf?“ „Blödsinn, sehen wir so aus?“ Dieser Typ da auf dem Boden langweilte Biene. Er nervte, konnte ihnen aber nützlich sein. Harry war schließlich unberechenbar. Biene holte tief Luft, musste ruhiger werden. Jetzt nur nicht ausrasten.

Bella war inzwischen aufgewacht und rülpste. Es stank. Der Alkohol von vorhin. Einfach zu viel, dachte sie. Sie merkte, wie sehr sich ihre Freundin zusammenreißen musste, um dem Zeitungsmännlein nicht noch mehr weh zu tun. Mit leiernder Stimme erklärte Bella dem Mann, dass es ein Frisierkopf war, den sie suchten, drückte dem Kerl einen Zettel mit einer Telefonnummer und den Namen Biene und Bella in die Hand – und sagte zu dem Austräger: „Jetzt verzieh dich!“ In der Dunkelheit verschwand ein Mann, der einen Handwagen hinter sich herzog, Richtung Gärtnerei. Auf einer Bank oberhalb der Marbach grinsten sich zwei Frauen an. Ein armlanger Zopf und rote Haarbüschel ruhten Sekunden später wieder auf dem Holz.

Der alte Mann konnte sich nicht entscheiden. Wenn er mit der Klinge eines Messers ganz vorsichtig den haarfeinen Riss auf der Stirn des Kopfes weitete, könnte er vielleicht hinein schauen. Denn da musste etwas sein. Aus dem Innern des Schädels strömte ein Geruch, für ihn völlig fremd. Nicht unangenehm, aber seltsam. Der Geruch hatte etwas Stechendes. Längst schon interessierte sich der alte Mann nur noch dafür. Die Kameratechnik war ihm egal.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Das Besäufnis

Dienstag, März 22nd, 2016

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Plausch am Ententeich. Der Krimi mit Birger und Betty geht in die achte Runde. Hyperlokal aus Marburg-Marbach.   Bild: Barbara Grosse

Im hyperlokalen Online-Fortsetzungsroman Plausch am Ententeich setzt sich ein alter Mann durch, fließt Hochprozentiges und gießt ein Wissender Blumen. 72 Stunden insgesamt, hat Harry angekündigt. Dann geschieht das Unfassbare.

Kapitel H: Das Besäufnis

Von Daniel Grosse

…„Guten Abend.“ Mehr konnten die beiden nicht mehr sagen, als zwei starke, riesige Hände sie an ihren Armen packten und nach drinnen zerrten. Dort war es dunkel. Aber im Nebenzimmer hörten sie einen wohlbekannten, hochfrequenten Ton. „Schnell, da rein!“, sagte der alte Mann. Seit Jahrzehnten wohnte er in der Marbach, bald ein ganzes Jahrhundert. Es hieß, er sei der älteste Marbacher, der auch dort aufgewachsen sei. Und in diesem kleinen Haus im alten Teil von Marbach, oberhalb der Brunnenstraße, standen zwei völlig verdutzte Menschen in einem kleinen Wohnzimmer. Birger und Betty sahen aber nichts von diesem Raum, nur die Farbe Schwarz. Es war stockdunkel. Der hochfrequente Ton war an seinem Höhepunkt angekommen. Noch eine Sekunde mehr und den beiden wären die Trommelfelle geplatzt. Dann: dieses Licht, so hell. Ein Blitz und wieder diese Sterne. Sie tanzten vor den Augen der beiden. Über ihnen leuchtete plötzlich eine Glühbirne. Der alte Mann hatte das Deckenlicht eingeschaltet.

„Dieses furchtbare Geräusch, gerade eben, wir kennen das. Was war das?“, fragte Betty den Mann. „Ich teste eine neue Generation von Blitzgeräten. Man kann die kleinen Dinger wunderbar mit den kleinsten Kameras, die es auf dem Markt gibt, kombinieren“, erklärte der alte Mann. Die beiden sahen sich an. Betty las Birgers Gedanken, er wusste, was seine Freundin dachte. „Und was halten Sie DAVON?“ Betty hielt den Frisierkopf mit beiden Händen, streckte sie weit nach vorne, so als wollte Betty ihn loswerden. „Ein Kopf von einer Puppe, na und?“ Der alte Mann drehte sich weg, keineswegs interessiert an dem durchaus kuriosen Mitbringsel.

Dann erzählten Betty und Birger dem Mann die ganze Geschichte. Ab dem Moment, wo sie aufgeweckt wurden von dem Geräusch im Wasser, von den Schreien, von den streitenden Frauen – und dem schrecklichen Blitz, berichteten sie. Als sie zu der Stelle mit dem hochfrequenten Geräusch, der Botschaft von Harry und dem gesendeten Bild kamen, horchte der alte Mann dann plötzlich auf. Wurde neugierig, wollte mehr erfahren. Alle Einzelheiten interessierten ihn. „Diese Technologie, und die steckt in diesem albernen Plastikschädel? Wisst ihr eigentlich, was ihr dann in Händen haltet“?, fragte sie der alte Mann.

Zwei Frauen mit ungewöhnlichen Frisuren saßen währenddessen an einer Bushaltestelle. Um diese Zeit fuhr längst schon kein Bus mehr. In der Gaststätte gegenüber brannte noch Licht. Im Sellhof zwei, drei Biere oder einen Schnaps? Vielleicht zwei? Die Frage stand im Raum. Einfach vergessen, was vorhin geschehen war, Harry und sein blöder Kopf waren doch nicht ihr Thema. So diskutierten sie. Bellas langer Zopf surrte über die roten Haarbüschel von Biene hinweg. Das war so Bellas Art. Wenn sie sich ärgerte, drehte sie den Kopf immer wie ein wild gewordener Stier. Biene kannte ihre Freundin und ging in Deckung. Und diese Deckung sah so aus: „Zwei Bier und zwei Schnaps, bitte.“ Biene hatte Bella von der Bank gezerrt, konnte deren Gezeter nicht mehr ertragen. Also doch die Alkoholvariante. Vergessen. Harry, den Kopf. So saßen die beiden vor ihren Gläsern im Sellhof und tranken. Bald soffen sie.

Der Finger des alten Mannes glitt über den Hals des Kopfes. Unter das künstliche Haar. Millimeter für Millimeter. Jetzt durfte er nichts falsch machen. Die zwei hatten ihm ja vorhin erklärt, wie sie den Mechanismus oder die Elektronik ausgelöst hatten. Ihm wollten sie den Kopf anvertrauen. Bis morgen früh. Lange hatte der Mann sie bearbeiten müssen, bis er sie schließlich doch überreden konnte, den Kopf bei ihm zu lassen. Und sie hatten ihn eindringlich vor der Fotofunktion gewarnt. Nun war es später Abend. Und gleich würde er erfahren, wie die Technik in der Praxis funktionierte, mit der er bislang nur herumexperimentiert hatte. Auslösen wollte der alte Mann die Kamera nicht, nur untersuchen. Eines hatten Birger und Betty ihm aber nicht erzählt: dass etwas von Wert in dem Schädel sein müsste. Und damit war nicht die Kameratechnologie gemeint.

Birger und Betty wollten den Kopf morgen früh um sieben wieder abholen. Bei dem alten Mann in seinem alten Haus wähnten sie den Schädel in Sicherheit. Wichtiger als das abscheuliche Ding immer mit herumzuschleppen, war ja , die beiden seltsamen Frauen zu finden. Diese schimpfenden, nervenden Style-Tanten. Aber den Tod hatten sie wohl doch nicht verdient. Oder was auch immer Harry mit ihnen vorhatte. Mit Bella und Biene.

Betty und Birger gingen zur Bank am Ententeich zurück. Vielleicht käme ihnen ja dort eine Idee, wie sie die beiden Frauen finden könnten, hofften sie. Ein Mann goss Blumen. Gegenüber arbeitete er in seinem Garten, obwohl es schon spät war, beinahe Nacht. Der Garten gehörte zu einem roten Haus. Und in dem Kopf des Mannes drehte sich schon seit Stunden alles um diese eine Frage: Was waren das für seltsame Gestalten, die vorhin den Höhenweg hinaufgelaufen sind? Der Mann hob den Kopf, schaute zur Bank am Teich hinüber. In diesem Moment trafen sich die Blicke von drei Menschen. Noch 68 Stunden.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Zeit

Freitag, März 18th, 2016

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Plausch am Ententeich. Der Online-Fortsetzungsroman geht hyperlokal in die siebte Runde.

Bei Plausch am Ententeich blitzt es, jemand droht, zwei sind ratlos, ein Beobachter könnte helfen. Vielleicht auch ein anderer Marbacher, einer mit kräftigen Händen.

Kapitel G: Die Zeit

Von Daniel Grosse

…Seine Fingerspitze rutschte in eine kleine Vertiefung. Es klickte. Birger schaute Betty fragend an. Sie drängte ihn, weiterzumachen. Noch ein Klicken. Irgendetwas geschah mit dem Kopf. War da nicht ein leises Summen? Die Augen des Kopfes begannen zu schimmern, dann zu glänzen. „Er lebt“, schrie Birger voller Entsetzen. „Schau, die Augen starren uns an. Nicht wie eine Puppe, wie ein….“ Weiter kam Birger nicht. Betty hielt ihrem Freund den Mund zu. Sie wollte es nicht hören. Allein die Vorstellung ließ sie schaudern. Das Wort Mensch vermochte Birger daher nicht mehr zu sagen.

Noch immer veränderte sich der Blick des Frisierkopfes. Im Innern der Augäpfel weiteten sich die Pupillen zu kleinen Löchern. Das Summen wurde ein hochfrequentes Fiepen. Birger und Betty erstarrten. Zu hell war das Licht. Es erschien innerhalb einer Hundertstel Sekunde. Ein Blitz wie von einer Kamera. Die beiden Marbacher sahen nur Sterne. Zu intensiv hatte sie die Blendung getroffen. „Was um Himmels Willen war denn das?“ Betty tastete nach dem Knopf unter dem künstlichen Haar. Er war wieder in die Ausgangsstellung zurück gerutscht. Die Augen des Kopfes waren tot, sie blickten zwar starr, aber ohne einen Hauch von Leben. Alles war wie vorher.

Langsam konnten Birger und Betty etwas erkennen. Der grelle Blitz hatte seine Wirkung verloren. Aber unter dem Haar entdeckte Birger eine kleine Platte. Glatt war diese. Wohl aus Glas, vermutete Birger. Unter der kleinen Platte – die Birger an einen halbierten Objektträger erinnerte, wie er ihn vom Mikroskopieren kannte – erschienen Buchstaben und Zahlen. Noch ganz schwach schimmerten sie, nur schwer zu entziffern. Aber wenige Sekunden später formte sich die Erscheinung zu etwas Lesbarem: einer Botschaft. „72 Stunden verbleiben. Ab jetzt. Das Foto liegt nun auf einem Server. Biene und Bella sterben, wenn ich den Kopf bis dahin nicht bekomme.“

Was mit einem Spaziergang zu den Lurchen und einem Plausch begonnen hatte, entwickelte sich zu einem Albtraum für Birger und Betty. Sie hätte jetzt eine ganze Schwarzwälder Kirschtorte essen können, so unglücklich wurde sie. Aber keine Zeit für solche Gefühle. Nicht jetzt. Die beiden sortierten, was sie wussten: Zwei Frauen, die Biene und Bella hießen, hatten einen Kopf gesucht, den eigentlich ein gewisser Harry bekommen sollte. In dem Kopf war etwas drin von Wert. Dieser Harry hatte eine Frist gesetzt. 72 Stunden, dann würden Biene und Bella sterben. Der Kopf musste zu Harry. Das war klar. Aber Betty und Birger kannten weder die beiden seltsam gestylten Frauen näher, noch diesen angeblichen Killer. Harry jedoch wusste nun, wie die beiden Marbacher aussahen. Da war die Botschaft eindeutig. Per Funk oder über das Internet hatte die Kamera ein Bild von Birger und Betty versendet. Und das lag nun auf irgendeinem Server. Abrufbar für einen Menschen, der vor Mord nicht zurückschreckt.

Na toll, diesen nervigen, unsympatischen Frauen mussten die beiden nun also helfen? Birger und Betty schauten zeitgleich auf ihre Smartphones. Freitag, acht Uhr, abends. Die 20 war also ihre Richtschnur. Fotografiert hatte die Kamera jedoch bereits vor drei Minuten. Von den 72 Stunden verblieben Betty und Birger also bereits diese drei Minuten weniger. Höchste Zeit, einen Plan zu machen. Was aber tun? Wo sollten die beiden Biene und Bella finden? Und wie? Wer konnte ihnen dabei helfen?

Einer hätte ihnen da vielleicht weiter helfen können. Einer, der vorhin zwei übel gelaunte Frauen beobachtet hatte, wie diese den Höhenweg hinauf gegangen waren. Doch davon wussten Birger und Betty zu diesem Zeitpunkt nichts. Noch nicht. Aber sie wussten, wer in der Marbach sich gut mit Fotoapparaten und Kameratechnik auskannte. Ein älterer Herr. Seit Jahrzehnten war das sein Hobby.

71 Stunden noch. Betty und Birger standen vor einem Haus, drückten den Klingelknopf. Langsam öffnete sich die schwere Haustür. Nur einen Spalt. „Guten Abend.“ Mehr konnten die beiden nicht mehr sagen, als zwei starke, riesige Hände sie an ihren Armen packten und nach drinnen zerrten. Dort war es dunkel. Aber im Nebenzimmer hörten sie einen wohlbekannten, hochfrequenten Ton.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Frauen

Mittwoch, März 16th, 2016

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Plausch am Ententeich, der hyperlokale Online-Fortsetzungsroman aus und über Marburg-Marbach, geht in die sechste Runde.   Bild: Barbara Grosse

Bei Plausch am Ententeich geht es diesmal um einen Killer, seltsame Haare, strenge Gerüche und leises Summen.

Kapitel F: Die Frauen

Von Daniel Grosse

…Die beiden 28-Jährigen standen hinter einem dicken Baumstamm und beobachteten, wie zwei gestylte junge Frauen, um die Zwanzig, im Schilf nach etwas suchten. Nach etwas, das zur gleichen Zeit mit starrem Blick und weit aufgerissenen Augen dort hinten in den Himmel starrte. Verborgen und sicher.

Solche Frisuren hatten Birger und Betty noch nie gesehen. Die eine der Frauen hatte rote Punkte im Haarschopf – der eigentlich schon lange keiner mehr war. Nur noch Büschel standen ihr vom Kopf ab. Diese kläglichen Reste hatte die Frau rot gefärbt. Die andere, die sich eben weit ins Schilf bückte, trug einen Arm-langen Zopf. Dick geflochten. Ein ungleiches Paar, dachte Betty. Aber ein Paar mit einem gemeinsamen Plan, den sie scheinbar unbedingt umsetzen mussten. Denn warum sollten die beiden denn sonst dort unten im Schilf nach etwas suchen, dabei Halme am Wasser brechen, ständig fluchen, schwitzen? Wegen eines harmlosen Frisierkopfs?

Was sein Inhalt bringt, hatte die Frau mit den rotgepunkteten Haaren doch vorhin gesagt. Klar, in dem Kopf war etwas drin von Wert. Geld, Rauschgift, Juwelen, was auch immer. Betty grinste. Als sie Birger ihre Ideen zuflüsterte, erschrak er so, dass er rief: „Dann haben wir ja einen Schatz gefunden!“ „Pssst“, herrschte Betty ihn an. Zu spät. Die beiden Gestylten schauten hoch. Die Gepunktete kam aus dem Schilf auf den Baum zu, hinter dem Birger und Betty standen. „Biene, was ist los“, rief die mit dem Zopf ihrer Kumpanin hinterher. Aber Biene war das egal. Sie reagierte nicht. Kam stattdessen immer näher. Birger und Betty nahmen schon einen strengen Geruch wahr. Scheinbar Parfum. Biene hatte den Wind im Rücken. Birger bückte sich, sein Magen rebellierte. Er würgte. „Wehe, du kübelst jetzt hier hin.“ Bettys Drohung half. Birger holte tief Luft, so gut das eben ging, bei diesem Parfum-Inferno. Dann war er wieder still. Bewegungslos.

Inzwischen lagen nur noch zehn Meter zwischen Biene und dem Baumversteck. Mit zusammengekniffenen Augen suchte die Frau die Böschung des Ententeichs ab. Beobachtete, ob sie irgendeine Regung entdeckte. Eine Bewegung. Irgendjemand hatte dort doch eben gerufen. Ein Mensch, da war sich Biene sicher. Als sie fast über ihre eigenen Füße stolperte, war die Frau kurz abgelenkt. Eine Schnalle ihres linken Schuhs hatte sich gelockert. Sie schaute nach unten auf ihren Schuh. In diesen drei, vielleicht vier Sekunden gelang es Birger und Betty, schnell, aber lautlos, zu dem Busch zu schleichen. Dort lag der Kopf. Seine Augen starrten noch immer in den Himmel. Wortlos nahm Birger den Kopf und ging den Abhang hoch Richtung Bruchwiesenweg. Betty folgte ihm.

Nun waren die beiden außer Sichtweite von Biene. Geschafft. Der grausige Fund baumelte zwischen ihnen. Birger hatte seine Finger fest in das Haar des Kopfes gekrallt. Den würde er nicht mehr hergeben, dachte er bei sich. Ein Schatz für ihn und Betty. Bei dieser Vorstellung wurde Birger immer neugieriger. Aber bevor sie den Kopf genauer untersuchen konnten, mussten sie sich zunächst in Sicherheit bringen. Und auch den Kopf.

Am Ententeich schrie währenddessen eine Frau mit einem langen Zopf: „Biene, ich habe keinen Bock mehr. Harry wird dich killen.“ „Das kannst du vergessen, blöde Ziege. Der ist genauso dämlich wie du. Hättest du den Kopf nicht weggeschleudert, wären wir jetzt nicht an diesem blöden Teich und würden einen toten Kopf in muffigem Schilf suchen. Harry kann mich mal. Du kannst mich mal, Bella!“ Zwei Minuten später beobachtete ein Mann, der in einem roten Haus wohnte, wie zwei übel gelaunte Frauen mit seltsamen Frisuren den Höhenweg entlang trotteten.

Zwei andere Menschen saßen indes am Straßenrand und starrten einen Kopf an. So als ob der sprechen könnte, um ihnen sein Geheimnis zu verraten. Birgers Finger glitt hinten unter die Haare des Kopfes. Seine Fingerspitze rutschte in eine kleine Vertiefung. Es klickte. Birger schaute Betty fragend an. Sie drängte ihn, weiterzumachen. Noch ein Klicken. Irgendetwas geschah mit dem Kopf. War da nicht ein leises Summen?

…Fortsetzung folgt.

Sensation: Ein Zweijähriger singt mehrstimmig

Montag, März 14th, 2016

Gestern feierte er seinen zweiten Geburtstag: CHORios, der Gemischte Chor aus Marburg-Marbach. Denn gestern, vor genau zwei Jahren, sei die allererste Chorprobe gewesen, ist zu hören. Viele hätten erzählt, bis dahin noch nie in einem Chor gesungen zu haben. Einfach mal ausprobieren, lautete das Motto. Geblieben sind sie und lassen den Zweijährigen Spross des MGV Germania Marbach regelmäßig singen. Mehrstimmig. Klangvoll. Das scheint sich herumgesprochen zu haben. Der Beweis sind regelmäßige Neuzugänge.
Herzlichen Glückwunsch, du Zweijähriger!

Nie mehr als 45 Minuten

Montag, März 14th, 2016

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Wenn die Eieruhr klingelt, muss das Kapitel stehen. Danach folgt nur noch der Feinschliff. Plausch am Ententeich entsteht auf diese Weise in 26 Stunden.    Foto: Daniel Grosse

Hinsetzen. Eine Idee im Kopf, wie die Geschichte weiter gehen könnte. Rumspinnen, Tempo machen. Maximal 45 Minuten tippen. 15 Minuten auf Rechtschreibfehler, Ausdruck, Lesefluss und Logik überprüfen. Korrigieren. Dann steht das Kapitel. Online stellen. Das ist das Konzept bei Plausch am Ententeich. Hoffe, es funktioniert so bis Kapitel Z. 26 mal das gleiche Prozedere. 26 Stunden für einen hyperlokalen Online-Fortsetzungs-Groschenroman. Ein Experiment. Und ein Training für meinen künftigen Print-Kriminalroman. Den skizziere ich derzeit. Ein Unterschied wie der zwischen einer Nachricht und einer großen Reportage.

Plausch am Ententeich – Der Kopf

Freitag, März 11th, 2016

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Plausch am Ententeich. Der erste hyperlokale Online-Roman aus und über Marburg-Marbach geht in die fünfte Runde.   Bild: Barbara Grosse

Bei Plausch am Ententeich entdecken Birger und Betty diesmal etwas Grausiges, erinnern sich an eine rote Schaufel und beobachten seltsame junge Frauen.

Kapitel E: Der Kopf

Von Daniel Grosse

…Sie blinzelte, gähnte. „Nein, das bitte nicht!“, schrie Betty. Birger starrte sie an, sah das kleine Pünktchen Sahne in ihrem rechten Mundwinkel. „Was denn?“, fragte Birger. „Na sieh doch, dort, hinter dem Überlaufgitter!“ Und Birger verstand, was seine Freundin meinte. Ein Ohr und eine Nase ragten kurz aus dem Wasser. Der dazugehörige Kopf schaukelte in den Wellen. Er musste eben erst dort hineingeworfen worden sein. Noch immer hörten Birger und Betty die Schreie. Zwei Frauen schienen sich zu streiten. Dann verstummten die beiden.

Betty ging langsam die Treppe zum Wasser hinab. Birger wartete oben auf der Bank. Mit einem Sprung hechtete Betty auf das Gitter und suchte das grausige Ding. Wenn das aber wirklich ein Kopf war, den beide eben dort unten im Wasser gesehen hatten, dann müsste doch eigentlich auch Blut im Spiel sein, überlegte Betty. Kein Blut. Seltsam. Und doch, hinter mehreren Schilfstängeln, entdeckte sie ihn endlich. Aufgerissene Augen starrten sie an – durch das Wasser hindurch. Betty fühlte, wie sich ihre Härchen an den Armen aufstellten. Ihr Puls raste. Da lag tatsächlich ein abgetrennter Kopf im Ententeich.

Betty nahm all ihren Mut zusammen und griff nach den langen Haaren im Wasser. Mit beiden Händen hob sie den Kopf hoch. Birger saß oben auf der Bank, den Mund weit aufgerissen, so als wollte er vor Entsetzen schreien. Aber kein Ton kam aus seinem Mund. Der Kopf tropfte. Und immer noch kein bisschen Blut zu sehen. Was Betty in den Händen hielt, war ein Kunstkopf. Ähnliche hatte sie bei Friseuren schon gesehen. Da fiel ihr ein, dass kürzlich gegenüber der Tankstelle, in der Emil-von-Behring-Straße, eine Frau gestanden hatte – unter ihren Arm einen solchen Frisierkopf geklemmt. Sicher lernte sie das Friseurhandwerk in der hundert Meter entfernten Akademie. Ob das die Frau war, die sich eben mit der anderen so gestritten hatte?

Der Kopf, den Betty zwischen sich und Birger auf die Bank am Ententeich legte, war ganz sicher der von neulich. „Die hatten einen Streit. Eine der Frauen hat dann den Kopf genommen und ins Wasser geschleudert. Das muss die andere auf die Palme gebracht haben. Fuchsteufelswild hat sie geschrien. Und das waren die Schreie, die mich vorhin geweckt hatten“, kombinierte Birger. Auf diese bestechende Logik konnte Betty nichts erwidern. „Ja, so wird’s gewesen sein“, sagte sie.

„Aber was machen wir jetzt mit dem Kopf?“, fragte Birger. „Stell ihn doch ins Regal neben deine Comicsammlung mit den ‚Mord am Ententeich‘-Heften.“ Betty grinste. Keine schlechte Idee, dachte Birger. Beide mussten lachen. Betty strich Birger sanft über seine Narbe. „Hast du die rote Schaufel eigentlich noch, die von damals, du Tollpatsch?“ Birger hatte diesen Tag natürlich nie vergessen, als die beiden Fünfjährigen zu Romeo und Julia mutiert waren. Verliebt bis über beide Ohren, er mit blutiger Wunde, sie mit dem verknitterten Pflaster. Betty. Seine Krankenschwester im Sandkasten. Die Narbe über Birgers Auge war nie ganz verschwunden, nach dem Schnitt, den er sich selbst verpasst hatte. „Klar habe ich die Schaufel noch. Mit der werde ich noch dein Grab ausheben.“ Birger konnte sich diesen Seitenhieb nicht verkneifen. Zu oft schon hatte Betty ihn wegen seiner Tollpatschigkeit aufgezogen. Birgers Bemerkung saß. Betty küsste ihren Freund versöhnlich.

Auf einmal hörten sie wieder diese beiden Frauenstimmen. „Der war teuer. Und was meinst du, wie viel erst sein Inhalt bringt?“, fragte die eine. Die andere: „Ok, wir sind quitt. Ich hole ihn aus dem Wasser, wenn du mich beteiligst.“ Doch den Kopf hatten zwei Marbacher schon längst in den Büschen versteckt. Die beiden 28-Jährigen standen hinter einem dicken Baumstamm und beobachteten, wie zwei gestylte junge Frauen um die Zwanzig im Schilf nach etwas suchten. Nach etwas, das zur gleichen Zeit mit starrem Blick und weit aufgerissenen Augen dort hinten in den Himmel starrte. Verborgen und sicher.

…Fortsetzung folgt.

Zimmer frei

Donnerstag, März 10th, 2016

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Ob der Propeller-bestückte Karlsson vom Dach dort wohl einziehen würde? Wenn er kleiner wäre, vielleicht. Aber dann nur mit Lillebror gemeinsam.   Foto: Daniel Grosse

Von Daniel Grosse

Wespen, Bienen und Hummeln werden sich sicher für das neue Insektenhotel interessieren. Seit wenigen Wochen steht es auf der Marbacher Bürgerhauswiese. Ein großer hölzerner Kasten mit Inhalt soll den Tieren helfen, geeignete Orte zu finden, um ihre Eier ablegen zu können. Normalerweise nisten die Insekten in mürbem Holz oder anderen Hohlräumen. Meist benötigen sie fertige Bohrgänge. In der freien Natur erledigen Käfer diese Arbeit für sie. In einem Insektenhotel hat der Mensch diese Aufgabe übernommen.

Auch in dem Marbacher Insektenhotel sind die Zimmer hergerichtet: Blätterzimmer, Steinzimmer, Zapfenzimmer, Holzzimmer und Röhrchenzimmer warten auf den Ansturm der Gäste. In den nächsten Wochen könnten die ersten Summer und Brummer anreisen. Und keine Sorge, dass sie stechen. Wer sie in Ruhe lässt, kann vielmehr beobachten, wer dort ins Hotel tatsächlich eingezogen ist. Hummeln und Wildbienen, zum Beispiel, bestäuben Blüten von Erdbeerpflänzchen oder Obstbäumen und anderen Pflanzen. Bestimmte Wespenarten bekämpfen Schädlinge wie etwa Blattläuse oder Motten.

Und wer die erste Biene, samt Köfferchen und leichtem Gepäck, im Anflug auf das Marbacher Insektenhotel entdeckt, darf gerne an Marbach direkt schreiben – unter info@dgrosse.de

Plausch am Ententeich – Die Aussprache

Mittwoch, März 9th, 2016

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Plausch am Ententeich. Der erste hyperlokale Groschenroman aus und über Marburg-Marbach.   Bild: Barbara Grosse

Wer mehr über Birgers Frust, den Comic-Deal im Bäckerladen, duftendes Haar und Unfassbares im Wasser, erfahren möchte, kann das endlich tun. Plausch am Ententeich, der erste hyperlokale Online-Fortsetzungs-Groschenroman aus und über Marburg-Marbach, geht in die vierte Runde.

Kapitel D: Die Aussprache

Von Daniel Grosse

…Birger raffte sich auf, marschierte weiter. Denn er hatte zunächst noch eine andere Verabredung: mit einem Lurch. Die Tiere waren an diesem Tag aber schwerer zu finden, als Birger zunächst dachte. Auf dem Weg zu seinem Lieblingswäldchen drehte er zig Steine vorsichtig zur Seite. Einen Bachlauf, den vielleicht nur er kannte, suchte Birger gründlich ab. Nichts. Wo waren diese verflixten Viecher? Und warum schleppte er dann überhaupt seine Sofortbildkamera mit sich herum, wenn die Fotosafari erfolglos blieb?

Inzwischen hatte er den kleinen Wald erreicht, drehte sich um. Neben sich der alte Hochsitz. Wenn Birger den Weg nach oben schaute, sah er dort immer wieder Lastwagen auf der Landstraße vorbei donnern. Diese Straße, die Wehrshausen mit der Straße nach Caldern, verband. Da saß der frustrierte Birger nun auf einem dicken Stamm. Über ihm brannte die Nachmittagssonne. Inmitten der Bäume war es jedoch angenehm kühl. Birger hatte so gar keine Lust mehr, weiter zu suchen. Seine Lurch-Models hatten ja eh keine Zeit für ihn.

Möhren, Wasser und Butterbrote. Das ließ er sich nun schmecken. Und nach dem Picknick musste er unbedingt noch die Torte für Betty kaufen. Und vor allem: seine liebe Betty treffen. Birgers Herz machte einen Hüpfer. Gestärkt und mit trainierten Läuferbeinen, kehrte Birger um.

Beim Bäcker in der Brunnenstraße standen gefühlte 20 Kunden im Verkaufsraum. Was war da los? Er hörte immer wieder das Wort Schwarzwälder Kirschtorte. Schweißperlen bildeten sich auf Birgers Stirn. Was, wenn die Torte ausverkauft sein sollte, bis er an der Reihe war. Dann, endlich: „Ein Stück bitte, wie immer“, sagte Birger zu der Bäckersfrau. Die schaute aber nur verlegen zur Seite. „Heute vielleicht ein Puddingteilchen?“, entgegnete sie. Na prima. Keine Torte mehr da. Pech für Birger, Unglück für Betty, keine Versöhnung für beide. Den Plausch nachher auf der Bank am Teich konnte er sich in die Haare schmieren. Da rief plötzlich neben ihm ein junger Mann, der ein großes Stück eingepackte Torte in seiner Hand hielt: „Cool, das habe ich ja noch nicht!“ „Ich auch nicht!“, antwortete Birger brummig, wollte den Schreihals loswerden. Der strahlte ihn aber so nett an, dass Birger neugierig wurde. „Das ist doch der dritte Teil von ‚Mord am Ententeich‘, der da hinten in deinem Rucksack steckt, oder?“, fragte der Torten-Mann. Jetzt hatte Birger begriffen. Der Kerl meinte seine Comics. Birger hatte vorhin im Wald vergessen, den Rucksack richtig zu schließen. Eines der Comic-Hefte war zu sehen. Das war die Lösung. Vielleicht wurde es ja nun doch noch etwas mit Birgers Liebes-Plausch. „Pass auf, du gibst mir dein Stück Schwarzwälder Kirschtorte und ich schenke dir das Heft. Einverstanden?“ Eine Minute später verließen zwei glückliche Marbacher den Bäckerladen in der Brunnenstraße. An der Ecke Auf der Hube trennten sie sich. Birger marschierte die Brunnenstraße weiter nach oben. Den dritten Teil von „Mord am Ententeich“ abzugeben, war kein schmerzlicher Verlust für Birger – hatte er doch jede Ausgabe der Comic-Reihe dreifach zu Hause im Regal liegen.

Betty! Jetzt konnte er sie endlich treffen, mit ihr reden, ihr duftende, zuckersüße Torte unter die Nase halten. Birger wollte nur noch eines: Betty. Die kleine Narbe über seinem linken Auge begann zu jucken. Wenn es stimmte, was die Leute sagten, dann würde das Wetter bald umschlagen. Juckt die Narbe, passiert das – hieß es doch immer. Noch aber war das Blau des Himmels klar und frei von Wolken. Birger setzte sich auf die Bank am Ententeich. Gegen sechs oder sieben Uhr würde Betty dort, wie gewohnt, vorbei joggen. Garantiert auch heute. Er würde sie schon davon überzeugen, dass ein Plausch und eine Aussprache das beste für sie beide wäre. Birger schloss die Augen. Müdigkeit. Er spürte noch, wie sich jemand oder etwas dicht neben ihn setzte. Ein bekannter Geruch, ein leises Räuspern, das er kannte. Aber Birger war so müde, dass er in einen tiefen Schlaf fiel. Dort auf der Bank am Ententeich, in seiner Marbach. Und er war nicht alleine.

Ein Kopf verschwand im Wasser. Er tauchte unter. Birger öffnete seine Augen. Wo eben noch Leben war, war nun alles verstummt. Birger zuckte zusammen. Auf der Bank am Ententeich war er vorhin eingeschlafen. Aber das unheimliche Plätschern und zwei klägliche Schreie weckten ihn. Bettys Kopf ruhte noch immer auf Birgers Schulter. Er roch ihr duftendes Haar, eine Locke kitzelte seine Nase. Seinen Gefühlen konnte Birger sich jetzt jedoch nicht hingeben. „Da im Wasser ist etwas“, sagte er stattdessen zu Betty. Sie blinzelte, gähnte. „Nein, das bitte nicht!“, schrie Betty. Birger starrte sie an, sah das kleine Pünktchen Sahne in ihrem rechten Mundwinkel. „Was denn?“, fragte Birger. „Na sieh doch, dort, hinter dem Überlaufgitter!“ Und Birger verstand, was seine Freundin meinte. Jetzt erkannte er es auch.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Wahl 2

Freitag, März 4th, 2016

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Plausch am Ententeich. Der erste hyperlokale Online-Fortsetzungs-Groschenroman aus und über Marburg-Marbach.      Bild: Barbara Grosse

Erfahren Sie mehr über Betty und Birger, zwei echte Marbacher. Lesen Sie, warum Betty die Natur liebt, was rote Schaufeln so alles können, warum Torte nicht nur glücklich sondern scheinbar auch schlank machen kann und mit wem Birger sich verabredet hat. Plausch am Ententeich, der erste hyperlokale Online-Roman aus und über Marburg-Marbach, geht in die dritte Runde.

Kapitel C: Die Wahl 2

Von Daniel Grosse

…Sein Mund brannte, sein Kopf dröhnte – aber Birger war glücklich. So glücklich wie einer eben sein konnte, wenn er einen 20 Meter tiefen Abhang hinunter stürzt. Irgendjemand knipste Birger das Licht aus. Betty ahnte von alldem nichts. Und natürlich hatte sie auch keine Wahlkampfflyer entlang Birgers Lurch-Sammelroute verteilt. Betty war zwar kreativ. Immer wieder dachte sie sich etwas aus, wie sie die Beziehung zu Birger noch spannender machen konnte. Aber Betty war nicht gemein.

Seit 28 Jahren lebte Betty nun bereits in der Marbach. Seit dem Tag ihrer Geburt, als ihre Mutter damals mit einer befreundeten Hebamme auf der kleinen Wiese gezeltet hatte. Das kleine Wiesenstück, wo inzwischen jedes Jahr die Marbacher ihr Osterfeuer entfachen. Bettys Mutter war damals hochschwanger und sehr abenteuerlustig. Ihre Freundin war eine Hebamme, die stets ihr Arbeitsköfferchen mitnahm. Sicher keine schlechte Idee. Auch an diesem Tag. Immerhin war Bettys Mutter im neunten Monat. Über das Warum und Wie dieser irrsinnigen Zeltaktion hatte die Mutter nie gesprochen. Allein die Vorstellung, wie es ist, mit einem Medizinball-großen Bauch auf einer Luftmatratze zu campen, machte Betty regelmäßig sprachlos, wenn sie darüber nachdachte. Die Geburt jedenfalls verlief ohne Komplikationen. In dieser Nacht kam eine kerngesunde Marbacherin zur Welt.

Betty war also eine echte Marbacherin, und dazu keine Hausgeburt, sondern eine echte Wiesen-Geburt. Vielleicht liebte sie es ja auch deswegen, durch die Natur zu streifen, lange Läufe zu absolvieren, zu rennen. Bei Regen und Sturm. Gerne auch, wenn die Sonne schien. Sie konnte es an solchen Tagen kaum erwarten, in ihre Laufschuhe zu schlüpfen. Ihre Waden waren schlank und fein muskulös modelliert. Überhaupt hatte Betty nach den vielen Jahren harten Trainings eine sehr drahtige Figur. Wie sie es schaffte, Gewicht und Maße zu halten, war ihr ein Rätsel. Am Laufen alleine konnte es nicht liegen. Das Geheimnis waren wohl doch die vielen Stücke Schwarzwälder Kirschtorte. Mindestens drei davon musste Betty jede Woche essen, sonst wurde sie unglücklich. Trotzig sagte sie in solchen Momenten zu Birger immer: „Dann mach ich nicht mehr mit.“ Für ihn das Signal, schnell zum Bäcker in der Brunnenstraße zu flitzen, um Torten-Nachschub zu besorgen. Weshalb der Bäcker allerdings täglich eine ganze Schwarzwälder Kirschtorte in seiner Auslage stehen hatte, war Birger schon immer ein Rätsel. Egal, Hauptsache Betty bekommt ihr Glücksfutter, sagte er sich jedes Mal.

Zurück zu Birger und seiner missglückten Lurch-Tour. Der arme Kerl war tatsächlich den Abhang hinuntergestürzt. Da lag er nun, in schmutzigen Hosen, sein Pullover war an mehreren Stellen gerissen. Irgendein Vogel im Baum über ihm zwitscherte spöttisch. Was konnte er denn dafür, dass er nun hier unten lag? Neben dem Fußballtor. 50 Meter entfernt von der roten Schaukel, die im Wind hin und her schwang. Und warum bestrafte ihn das Schicksal damit, dass er sich so oft verletzte, dass er fiel, etwas verwechselte und dann sogar mit einem brennenden Mund- und Rachenraum klar kommen musste? Diese Tollpatschigkeit machte ihn aber gleichsam zu einem Mann, mit dem es selten langweilig wurde. Und den musste man auch einfach gern haben. Oder sogar lieben, wie Betty es tat.

Betty, seine große Liebe. Er kannte sie, seitdem sie ihm damals aus den Taschen ihrer gelben Breitcord-Hose mit den Kniestickern, das verknitterte Pflaster heraus geholt hatte. Zwei süße Fünfjährige waren beide damals. Im Sandkasten – wo genau, hatte Birger vergessen – war er an diesem Tag der große Macher. Es war der Tag, an dem die beiden kleinen Marbacher das erste Mal eine Stunde alleine auf dem Spielplatz bleiben durften. Ohne Mama und Papa. Birger hatte seine neue Schaufel dabei, eine knallrote. Aber statt damit mal eben eine Tonne Sand von A nach B zu Schaufeln, hatte er es vorgezogen, sich die Schaufelspitze quer über sein linkes Auge zu ziehen. Der Riss in der Augenbraue war nicht tief, aber das Blut tropfte schon ganz ordentlich aus der Wunde. Genau das Richtige für einen kernigen Macher, wie er an diesem Tag einer war. Und Betty versorgte ihn fürsorglich. Von diesem Tag an sahen sich die beiden, so oft sie konnten. Gleich ineinander verliebt.

Mit diesen Erinnerungen an die Kindheit wurde Birger immer wacher, dort unten, auf der Wiese nahe der Marbacher Hütte. Er schaute in seinen Rucksack. Der hatte nichts abbekommen von dem Sturz. Auch sein Inhalt war unversehrt. Birger wunderte sich nur etwas darüber, dass er etwas Platz im Rucksack gelassen hatte. Sonst war der doch immer prall gefüllt. Betty! Die Torte! Dann mach ich nicht mehr mit! Das war die Lösung für die Lücke im Rucksack. Nach seiner Tour wollte Birger doch noch unten durchs Dorf gehen und beim Bäcker ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte kaufen. Denn nach dem gestrigen Streit über diese Wahl, ob man da hin gehen sollte oder nicht, war so ein Stück Torte vielleicht ein Anfang. Ein Anfang für eine Versöhnung – oder für mehr? Auf jeden Fall freute sich Birger nun schon sehr auf Betty. Darauf, wie sie heute Abend auf der Bank aneinander gekuschelt sitzen. Dort unten am Wasser, bei einem Plausch am Ententeich. Sollten doch alle Kater dieser Welt dann auch dort sein. Mit Goldfisch im Maul oder ohne.

Birger raffte sich auf, marschierte weiter. Denn er hatte zunächst noch eine andere Verabredung: mit einem Lurch.

…Fortsetzung folgt.