Archive for April, 2016

Mit PS, vielen Händen und viel Geduld

Freitag, April 29th, 2016

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Zwei Schlepper, Drahtseile, eine lange Leiter und Kettensägenkraft sowie viele helfende Hände – und der Mai- oder Pfingstbaum steht. Seit gestern ziert die bunt geschmückte Birke wieder das Marbacher Bürgerhaus und seinen Parkplatz. 180 gebackene Eier durften sich die Mitglieder des MGV und ihre Gäste anschließend schmecken lassen.   Fotos: Daniel Grosse

Ortsvorsteher oder eher Ortsversteher? – Kommentar

Freitag, April 29th, 2016

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Kommentar von Daniel Grosse zur Sitzung des Marbacher Ortsbeirats.   Foto: privat

Wären wir im Wilden Westen, würden wir ihn Sheriff, Häuptling oder Marshall nennen. Sind wir aber nicht, deshalb heißt er hier schlicht Ortsvorsteher. Und die Marbacher haben seit Dienstag einen neuen: Jürgen Muth.

Von Daniel Grosse

Sechs mal Ja und drei mal Nein, entschieden die Mitglieder des Ortsbeirates während der jüngsten Sitzung im Anbau des Bürgerhauses. Dann stand fest, dass Jürgen Muth künftig der starke Mann an der Spitze dieses kommunalen Gremiums sein soll. Als Nachfolger von Dr. Ulrich Rausch, nach fast zwei Jahrzehnten, in denen dieser als Ortsvorsteher für die für den Ortsbeirat (drei Worte nachträglich ergänzt!) Marbach gearbeitet hat.

Ja, gearbeitet. Denn dieses Ehrenamt darf auch weiterhin kein Posten sein, auf dem man verwaltet. Dieses Amt bedeutet Arbeit. Und davon wartet nun eine Menge auf den neuen Mann an der Spitze. Immerhin ist er als Ortsvorsteher laut Hessischer Gemeindeordnung Vorsitzender des Ortsbeirats. Und der Ortsbeirat ist immerhin zu allen wichtigen Angelegenheiten, die den Ortsbezirk betreffen, zu hören, insbesondere zum Entwurf des Haushaltsplans. Er hat ein Vorschlagsrecht in allen Angelegenheiten, die den Ortsbezirk angehen.

Was das für Angelegenheiten sind, was auch für den Ortsvorsteher Themen sein müssten, können wir täglich sehen, wenn wir durch die Marbach gehen oder fahren. Wir hören von Themen, wie Bänken, die fehlen, erfahren von Plänen zu Marbacher Wiesen und Äckern, auf denen künftig vielleicht mehrere Hundert Menschen leben könnten, lesen von Hoffnungen vieler Eltern, die sich eine Kinder- und Jugendfaschingsfeier im Bürgerhaus wünschen, sehen vor unserem geistigen Auge Windräder, die sich am Himmel über der Marbach drehen, wundern uns über eine verkohlte Ortsmitte, und wir freuen uns über eine Bürgerhauswiese mit dreizehn Wildbienen im neuen Insektenhotel sowie einen Kräutergarten und engagierte Kräuterfrauen. Und das ist längst nicht alles.

Der Ortsvorsteher sollte also auch so etwas wie ein Ortsversteher sein. Er muss zuhören können, offen sein für Vorschläge. Kreativ darf er sein und durchsetzungsstark. Muss ausgleichen und abwägen können. Hat gleichfalls eine Bringschuld, sprich, der Ortsvorsteher sollte einschneidende oder Gewinn-bringende Entwicklungen und Pläne den Marbachern mitteilen.

Der vergangene Dienstag und die Wahl Jürgen Muths stellt auch eine Zäsur dar. Ende, Einschnitt, Neuanfang – alles nur Begriffe, die aber gleichfalls verdeutlichen, wie wichtig dieses Amt ist. Weil es dazu dient, dass die Belange der Marbacher berücksichtigt werden. Ortsbeirat und sein Chef sollen Mittler zu den städtischen Behörden sein – ein helfender Vermittler. Wie sich der neue Ortsbeirat mit seinem neuen Ortsvorsteher an der Spitze künftig für die Marbacher engagiert, seinem gesetzlichen und moralischen Auftrag gerecht wird, müssen die kommenden Monate zeigen. Eines ist klar: Auch weiterhin sollte der neue Häuptling selten verwalten, umso häufiger kreativ arbeiten. Ich jedenfalls wünsche ihm dafür die viel zitierte Glückliche Hand.

Weitere Punkte, die der Ortsbeirat am Dienstag diskutierte:

  • Mehrere Mehrfamilienhäuser sollen am Steilhang unterhalb des Höhenwegs entstehen. Nicht zuletzt aufgrund des Schwerlastverkehrs und der Busse sowie der vielen Autos, die täglich den Höhenweg befahren, wird ein hoher Druck auf Straße und Hang ausgeübt. Das sollte bei einem künftigen Bau der Häuser und sämtlichen Planungen unbedingt berücksichtigt werden, hieß es. Die Gefahr von Hangrutschungen sei einfach zu groß. Die Stadt ist aufgefordert, dem Ortsbeirat die Pläne zukommen zu lassen.
  • Scheinbar soll nun doch ein Windrad nahe des Sellhofs am Oberen Rotenberg errichtet werden, keines von gewaltiger Dimension, eher ein kleineres. Lesenswert zur Meinungsbildung ist der Beitrag Marburg auf dem Weg zur innovationsfreien Zone.
  • Näheres zu diesen Punkten lesen Sie in Kürze hier bei Marbach direkt.

Auf zur Sitzung!

Dienstag, April 26th, 2016

Natürlich öffentlich, natürlich beheizt und natürlich zentral in der Marbach: Am heutigen Dienstag, ab 19.30, findet wieder eine Ortsbeiratssitzung statt. Wer möchte, kann sich die Sitzung im Anbau des Marbacher Bürgerhauses anschauen und anhören.

Auf der Tagesordnung steht bislang:

1. Feststellung der ordnungsgemäßen Einladung und der Beschlussfähigkeit
2. Wahl des Ortsvorstehers / der Ortsvorsteherin
3. Wahl des stellvertretenden Ortsvorstehers / der stellvertretenden Ortvorsteherin
4. Wahl des Schriftführers / der Schriftführerin
5. Genehmigung des Protokolls der letzten Sitzung
6. Anträge zur Tagesordnung
7. Bauvorhaben, Anbau eines Balkons, Karl-Justi-Straße 4, Brigitte und Lothar Oppermann
8. Besetzung des Ortsgerichtes Marburg III, Wahl eines/r Ortsgerichtsschöffen/in
9. Kenntnisnahmen, Genehmigungen, Verschiedenes, Termine
– Errichtung von zwei 5-Familienhäusern, Höhenweg 17 und 19, Helena+Viktor Doll
– Installation von Verkehrspfosten in der Brunnenstraße
– Sportlerehrung, 29. April 2016, 18 Uhr, Großsporthalle der Kaufmännischen Schulen
– Anbau einer WC-Anlage, „An der Steinkaute“, Naturfreunde e.V.
– Sauberhafter Frühjahrsputz 2016 in Marburg und seinen Stadtteilen, DBM
– „Sorge und Mitverantwortung in der Kommune“ Prof. Dr. Thomas Klie, 12. Mai 2016,
19.30 Uhr, Landratsamt, Im Lichtenholz 60
– Einweihungsfeier des „Elisabethenhof“, 27. April 2016, ab 11 Uhr, Rotenberg 60A
– Abbruch der Wanne auf dem Gebäude H0008, Pharmaserv, E.-v.-Behring-Straße 76
– Vortragsreihe „Gestaltungsmöglichkeiten bedürfnisorientierter Altenhilfe- Sorge und
Mitverantwortung in der Kommune; altenplanung@marburg-stadt.de
– Errichtung einer Gaube, Haselhecke 18, Yvonne Jäger-Kolling, Markus Kolling
– Feldwegebudget 2016

Plausch am Ententeich – Der Schlüssel – Der Köder

Freitag, April 22nd, 2016

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Birger und Betty suchen weiter. Der Kopf hält viele Menschen auf Trab. Plausch am Ententeich – der erste Online-Fortsetzungskrimi aus und über die Marbach.   Bild: Barbara Grosse

Halbzeit. Mit den Kapiteln M und N geht Plausch am Ententeich in die dreizehnte und vierzehnte Runde. Ein Doppelkapitel bringt die Leser des Marbacher Online-Fortsetzungskrimis diesmal noch schneller voran. Vieles wird nun klarer. Schließlich hat Harry eine besondere Beziehung zu seiner Mitbewohnerin, er erfährt von einem Todesfall, Betty genießt, zwei Frauen lauern am Oberen Eichweg und ein Geräusch rettet einem anderen Menschen vielleicht das Leben.

Kapitel M: Der Schlüssel

Von Daniel Grosse

…An einem solchen tüftelte auch ein anderer in der Marbach. Zur gleichen Zeit. Er trug einen langen Bart, hatte einen mächtig dicken Bauch, meist steckten seine Füße in Hausschuhen. „Harry“, rief eine Frau. Sie stand in der Küche und kochte Bohnensuppe. „Bring den Müll raus!“ Nicht mehr lange, du dämliche Alte, dann bringst du deinen Müll für den Rest deines Lebens selber hinaus, dachte sich der bärtige Mann. Schließlich hieß er Harry, und er hatte einen perfiden Plan. Überhaupt, was bildete sich diese ungewaschene Person da hinten inmitten ihrer Töpfe und Pfannen eigentlich ein? Er war Harry. Die Marbach war sein Revier. Bald würde sein großer Tag kommen. Alle unterschätzten ihn. Seine Frau vor allem. Wie viele Müllbeutel hatte er in den vergangenen 30 Jahren ihrer Ehe schon rausgetragen? Hunderte? Zu viele.

Harry ging, er schlurfte in seinen Hausschlappen zum Radio. Ein altes Röhrengerät mit dicken Knöpfen und einer gelb beleuchteten Senderskala. HR 3. Schon beim ersten Ton, den er aus dem Lautsprecher hörte, wurden Harrys Augen feucht. Eine Träne lief über seine linke Wange. Harry weinte. Er selbst konnte das kaum fassen. Schließlich war er doch der mit dem perfiden Plan. Kein Schwächling. Aber Prince war einfach zu schön. Das, was er da sang. Purple Rain. In den Achtzigern lief das rauf und runter. Und nun war Prince, der Pop-Gott tot, soeben gestorben. „Was flennst du denn hier rum?“, hörte Harry jemand sagen. Klar, meine Alte. Harry hätte sie am liebsten gleich erschlagen. Aber das oder etwas anderes musste warten. Wichtigere Dinge musste er vorher noch regeln. Viel wichtigere Dinge.

Er nahm den Schlüssel, den er seit dreißig Jahren , seit dem Tag ihrer Eheschließung, heimlich verwahrte, aus einer kleinen Ritze zwischen den Bodendielen im Flur. Er glänzte. Kein bisschen war das Metall des Schlüssels verrostet. Spitz und neu standen die Zacken von ihm ab. Die Zacken, die er gleich in dem kleinen Loch seiner Metallkiste versenken wird. Im Schloss. Die Zeit war reif. Harry stellte die Kiste vor sich auf den Schreibtisch, entriegelte den Schließmechanismus, öffnete den massiven Deckel. Wärme durchströmte seinen Körper. Sie beruhigte ihn. Es war noch da, das, was er damals vor 30 Jahren dort hinein gelegt hatte. Keinen Schmerz und keine Wut spürte er mehr. Harry vergaß Prince, auch seine zeternde Alte. Alles wird gut werden. Noch 40 Stunden.

Im Wohnzimmer des roten Hauses in der Brunnenstraße roch es seltsam. Ein stechender Geruch lag in der Luft. Der Zeitungsausträger hielt sich die Nase zu. „Das ist also der Schädel, und der riecht?“ Birger, Betty, der ältere Herr und der Gartenmann nickten gleichzeitig. „Und weshalb verbreitet er diesen, na ja, Gestank?“ „Wir wissen es nicht, trauen uns aber auch nicht, den Schädel genauer zu untersuchen.“ Betty antwortete als Erste. Sie merkte, wie unsicher und schüchtern, fast devot, dieser Zeitungsmann war. Um ihn in der Gruppe halten zu können, mussten sie behutsam vorgehen. Er brauchte das Gefühl, wichtig zu sein. Deshalb nahm sie auch den Schädel. „Hier, möchten Sie ihn halten? Denn um dieses Teil dreht sich ja scheinbar alles bei dieser irren Geschichte“, sagte Betty. „Warum sind denn diese kleinen Aufkleber über die Augen des Frisierkopfs geklebt?“ Der Zeitungsmann war irritiert. Die anderen erzählten ihm von dem Blitz, dem Foto und der Nachricht. Von dem Ultimatum. Und davon, dass dieser Harry auf keinen Fall noch einmal ein Foto von ihnen machen sollte. Deshalb hatten die vier die Augen auch zugeklebt.

Birger schaute auf sein Smartphone. 39 Stunden noch. Wenn sie bis dahin die beiden Frauen nicht gefunden hatten oder dieser Harry seinen Kopf nicht zurück erhielt, würden Bella und Biene sterben. Zeit zu handeln. Betty merkte gar nicht, dass sie schon ein halbes Stück Torte gegessen hatte. Der Gartenmann hatte zuvor eine Schwarzwälder-Kirschtorte auf den Tisch gestellt. Jeder sollte doch davon essen. Keiner wollte. Nur Betty, die aber scheinbar geistesabwesend aß. Die Torte würde ihr helfen, wieder glücklich zu werden. Alte Gewohnheit. Birger küsste einen Sahneklecks von ihrer Nase weg. Er lächelte.

…Fortsetzung folgt.

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Kapitel N: Der Köder

Von Daniel Grosse

…Birger schaute auf sein Smartphone. 39 Stunden noch. Wenn sie bis dahin die beiden Frauen nicht gefunden hatten oder dieser Harry seinen Kopf zurück erhielt, würden Bella und Biene sterben. Zeit zu handeln. Betty merkte gar nicht, dass sie schon ein halbes Stück Torte gegessen hatte. Der Gartenmann hatte zuvor eine Schwarzwälder-Kirschtorte auf den Tisch gestellt. Jeder sollte doch davon essen. Keiner wollte. Nur Betty, die aber scheinbar geistesabwesend aß. Die Torte würde ihr helfen, wieder glücklich zu werden. Alte Gewohnheit. Birger küsste einen Sahneklecks von ihrer Nase weg. Er lächelte.

Die fünf Marbacher gingen zur Haustür, traten ins Freie. Sie gingen am Teich vorbei, bogen in den Feldweg Richtung Marbacher Hütte ein. Wohin sie wollten, wussten sie eigentlich nicht. Einfach draußen sein und planen. Wo könnten die Frauen sein? Sie mussten sich ja verstecken. Zu bekannt waren sie ja jetzt aufgrund der Zeitungsmeldung. Oben in der Marbacher Hütte vielleicht? Bettys Vorschlag gefiel den anderen. Also war das ihr Ziel.

Biene und Bella hatten einen unglaublichen Hunger. Wie gerne wären sie kurz nach unten ins alte Marbacher Dorf gelaufen. Dort dann zum Bäcker und vielleicht vier oder fünf Brötchen reinstopfen. Stattdessen hofften sie, dass der Zeitungsausträger irgendwann am Ende des Oberen Eichwegs auftauchte, nahe der Reithalle. Schließlich war das die Stelle, wo er noch seine tägliche Zeitungsrunde machen musste Und das war ein Ort, wohin sie sich gerade noch so trauten. Dass sie dort jemand sah, war unwahrscheinlich. Also warteten sie mal wieder versteckt hinter einem Busch, den Oberen Eichweg im Blick. Aber ein Zeitungsmann war weit und breit nicht in Sicht.

„Kommt, noch eine steile Kurve, dann sind wir oben“. Birger und Betty hatten den alten Mann, der doch so viel von Kameras verstand, zwischen sich genommen. Sie hatten ihre Arme bei ihm eingehakt. Mit 90 war es für ihn schon etwas beschwerlich, den Weg vom Dorf bis hinauf zur Hüttenanlage zu schaffen. „Was ist denn das?“, fragte der Gartenmann. Qualm stieg auf. Der musste von der Feuerstelle kommen. Die Glut war noch deutlich zu sehen. Jemand musste eben noch hier gewesen sein. Sogar das Holz der Bänke direkt am Feuer war noch an zwei Stellen blank geputzt. Ansonsten waren die Bänke von einer dünnen Ascheschicht bedeckt. Komisch. Birger sah sich die blanken Stellen genauer an. Rund waren sie. Schon hatte sich Betty neben ihn gesetzt. Sie bedeckte exakt eine der blank geputzten Stellen der Bank mit ihrem Po. „Klar, da haben bis eben noch zwei gesessen.“ Birger fasste sich an die Stirn. Im gleichen Moment beugte Betty sich nach vorne, hielt dann einen dünnen roten Faden zwischen Daumen und Zeigefinger. Obwohl das für einen Faden fast zu dünn war. Betty legte den Fund auf einen weißen Zettel, den sie in ihrer Hosentasche gefunden hatte. So konnten sich die fünf das Etwas genauer anschauen. „Sieht aus wie ein Haar“, sagte der Gartenmann. „Und zwar ein rotes.“ Der Zeitungsausträger begann zu schwitzen. Bilder schossen durch seinen Kopf. Von zwei Frauen, die ihn quälten, drangsalierten. Er wollte weg von hier, schon drehte er sich weg von der Gruppe, wollte losrennen. Aber jemand hielt ihn fest. Nicht grob, eher behutsam. Und das war nicht Biene, auch nicht Bella.

Nachdem Betty sich zehn Minuten mit dem Zeitungsausträger hinter der Hütte ganz ruhig unterhalten hatte, wusste sie, er würde doch bei ihnen bleiben. Schließlich war er ein wichtiger Mann bei der Suche nach den Frauen. Fast so etwas wie ein Köder. Bei diesem Gedanken schauderte sie. So hatte sie es doch gar nicht gemeint, aber auch die Frauen suchten wiederum ja den Zeitungsmann Das wusste sie. Also war es ja nicht unwahrscheinlich, dass die beiden die Gruppe zuerst entdeckten. Und ein Köder war er ja auch deshalb nicht, weil er sich freiwillig den anderen angeschlossen hatte. Welcher Wurm spießt sich schon freiwillig auf einen Haken? Schon wieder so ein fieser Gedanke, den Betty gleich beiseite schob.

Mit dem Zeitungsausträger kam sie zurück zur Gruppe. „Wir werden hier warten“, sagte Betty. „Irgendwann werden die beiden Frauen hierher zurückkommen. Dann reden wir mit ihnen. Ganz vernünftig. Sie werden sicher verstehen, was los ist. Dann bringen sie den Kopf zu diesem Harry zurück und alles wird gut.“ Ja, das glaubte Betty tatsächlich.

„Dieses Schwein, der hat sich vom Acker gemacht, hat die Hosen voll. Den kannst du vergessen. Nichts wird der uns zu essen holen. Und bringen wird er uns auch nichts. Den Frisierkopf schon mal gar nicht.“ Biene war stinksauer. Sie warteten nun schon seit einer Stunde hinter ihrem Busch. Alle Zeitungsrohre waren leer. Immer wieder waren Menschen aus den Häusern gekommen, hatten vergeblich in die Rohre geschaut. Nichts. Im Zeitungshaus mussten bald Dutzende von Beschwerden eingehen. So sind die Menschen, dachte sich Bella, da läuft etwas nicht nach Plan und sie rasten aus. Aber eigentlich so wie bei uns. Wir hocken hier und dieser Zeitungsknilch lässt sich nicht blicken. Gleichzeitig toben wir mit Schaum vorm Mund. Wir sind eigentlich genauso gestrickt wie diese Menschen dort in ihren schmucken Häuschen. Bella spürte einen Schmerz in ihrem linken Arm. Biene hatte sie gepackt und hielt ihren Arm fest. „Bella, ich kann dich zwar nicht leiden, aber wir beide müssen das schaffen, das mit dem Zeitungsmann und das mit dem Kopf. Du kennst Harry.“ Biene schaute ihre Kumpanin ernst an. Sie sah so etwas wie Angst in Bellas Augen.

Ein bärtiger Mann mit Hausschlappen an den Füßen lag auf einer abgewetzten Couch. Im Radio lief bereits das zwölfte Lied von Prince. When doves cry. Auch das mochte er sehr gerne. Noch immer war Harry sehr zufrieden. Alles lief nach Plan. Zumindest einer, der sich nicht beschweren musste. Da piepste ein Apparat auf seinem Schreibtisch. Durchdringend. „Mach dieses scheiß Teil aus. Das klingt ja schrecklich“, brüllte eine Frauenstimme aus der Küche. Fast hätte Harry nun doch die Bratpfanne genommen und endlich seine Alte für immer zum Schweigen gebracht, da wurde ihm aber klar, dass es im Moment wichtigere Aufgaben für ihn gab. Eine davon: auf das Piepsignal zu reagieren und den Apparat auf dem Schreibtisch zu starten.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Gruppe

Dienstag, April 19th, 2016

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Aus dem plauschenden Liebesroman ist längst ein Krimi geworden.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich geht in die zwölfte Runde. Ob sich endlich klärt, weshalb der Schädel so seltsam riecht, ob der Zeitungsausträger weiterhin ein Opfertyp bleibt, wie die Style-Tanten an ihr Ziel gelangen möchten – und ob Harry den Müll hinaus bringt? Antworten folgen in diesem Kapitel von Plausch am Ententeich. Hyperlokal. Im Krimi. Als Fortsetzung, und diese online.

Kapitel L: Die Gruppe

Von Daniel Grosse

…Noch immer strömte dieser Geruch aus dem Schädel. Aber das musste warten. Die drei nahmen den Kopf und marschierten zu dem Mann mit dem schönen Garten. Sie beeilten sich so sehr, waren derart konzentriert und gedanklich gefangen in diesem ganzen Irrsinn, dass sie nicht bemerkten, wie ein Mann mit einer Zeitungskarre neben dem Ententeich stand und zu ihnen rüberschaute. Was der Austräger da unter Birgers geklemmt Arm sah, ließ ihn nach Luft schnappen. Eine Zeitungskarre rollte langsam auf ein schmuckes Häuschen mit schönem Garten zu.

„Prima, dass ihr so schnell kommen konntet.“ Der Gärtnermann begrüßte Birger, Betty und den alten Mann. Auf dem Esstisch lag die Zeitungsmeldung, von der vorhin die Rede war. „Wenn wir gleich bei der Frisörakademie anrufen, erzählen die uns doch sicher, wer die Frauen sind“, meinte Birger. „Das denke ich nicht.“ Betty war skeptisch, schließlich war ja die Polizei eingeschaltet. Also wäre das der richtige Weg für Leute, die etwas über den Verbleib der beiden Gestylten berichten könnten. Aber die Polizei anrufen, womöglich zur Dienststelle gehen? Das wäre töricht, wo doch mit dem Kopf etwas nicht stimmte. Sogar mehrfach nicht stimmte. Ein gewisser Harry würde wegen des Schädels sogar töten, und in dem Kopf muss etwas sein von großem Wert.

„Wie sollten wir also der Polizei glaubhaft erklären können, weshalb wir wissen, wo diese Zopffrau und die mit den roten Haarbüscheln von uns zuletzt gesehen wurden ohne gleichfalls von dem Killer und dem Kopf zu erzählen?“, fragte Betty. „Der Kopf, sein Geheimnis, der Killer und die beiden Style-Tanten sind nicht zu trennen, wenn uns jemand danach fragen würde.“ Ein Dilemma, wie die beiden Männer und der junge Birger zugeben mussten.

Draußen donnerte ein Bus die Brunnenstraße hinunter. Durch das gekippte Fenster drang der Lärm ins Wohnzimmer des Gärtnermannes, der dort mit einem alten Marbacher und einem jungen Paar saß. Aber es drang auch etwas nach draußen – eben, weil das Fenster gekippt war. Und dieses Etwas waren Gesprächsfetzen von vier Menschen, die soeben über Ungeheuerliches diskutiert hatten. So waren dann auch die Augen des Zeitungsausträgers geweitet. Er saß zusammengesackt unter dem Fenster des Gärtnermannes. In was war er denn da nur hineingeraten?, fragte er sich im Stillen. Dass die beiden Frauen brutal, unberechenbar, brandgefährlich waren, hatte er ja schon selbst zu spüren bekommen. Aber Mord, oder was auch immer? Dass war eine andere Dimension.

Sein Leben schien vollends zu zerbrechen. Er, der doch seit Jahren nur zwei Dinge wollte: in Ruhe seine Zeitungen jeden Tag verteilen und viel allein sein, in Frieden und aller Stille. Jetzt war er Spielball inmitten einer Hetzjagd, wo stinkende Köpfe und mordende Harrys eine Rolle spielten. Nicht zu vergessen diese schrecklichen Frauen. Dann waren da auch noch zwei junge Marbacher. Eigentlich zwei nette Menschen, dachte sich der Zeitungsausträger. Und die beiden älteren Männer kannte er natürlich auch.

Zum ersten Mal in seinem Leben spürte der Zeitungsausträger, dass er nun mutig sein musste. Er, und nur er allein, musste eine Entscheidung treffen. Auf welcher Seite stand er? Würde er sich zum Lakaien dieser beiden Fremden, brutalen Frauen machen und ihnen bei der Suche nach dem Kopf helfen oder sollte er nicht vielmehr den vier Marbachern helfen? Auch wenn die letztlich auf der Suche nach den Style-Tanten waren, seinen Feindinnen. Allerdings mit einem ehrenwerten Ziel: zwei Menschen vor dem Tod zu bewahren. Wie unangenehm diese beiden Menschen auch waren, der Zeitungsausträger musste sich entscheiden.

Es klingelte in einem Haus mit roter Fassade. Eine Haustürglocke meldete: Da steht jemand draußen. Ein Mann erhob sich von seinem Stuhl im Wohnzimmer, in dem er eben noch mit drei anderen Menschen gesessen hatte. Vor dem Hausbesitzer stand ein ängstlich dreinschauender Mann. Neben ihm eine Handkarre. Im Gesicht des Mannes, der eben die Haustüre geöffnet hatte, verschwanden die tiefen Falten, die man bekommt, wenn man über etwas intensiv nachdenkt. Er lächelte. „Sie sind das? Schön, Sie zu sehen. Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte der Hausbesitzer, der liebend gerne bald wieder in seinem Garten weiter arbeiten wollte, anstatt über ein mögliches, baldiges Verbrechen zu diskutieren. „Ich möchte Ihnen helfen, Ihnen und den jungen Leuten. Natürlich auch dem alten Mann“, antwortete der Zeitungsausträger. Er hatte sich entschieden.

Nicht entschieden hatten sich zwei Frauen. Sie saßen an einer Feuerstelle. Hinter sich die Marbacher Hütte. Die Sonne schien. Doch die Gedanken der beiden Frauen waren düster. Schon seit Tagen hatten sie sich nicht mehr in der Friseurakademie blicken lassen. Ohne den Kopf bei Harry abgeliefert zu haben, konnten sie an so etwas wie Arbeiten nicht denken. Dieser verdammte Kopf. Und dann auch noch diese Zeitungsmeldung, die sie vorhin gelesen hatten. In einem Papierkorb die aktuelle Ausgabe der Lokalzeitung zu finden, machte alles nur noch komplizierter. Und? Spätestens seit diesem Zeitpunkt waren sie auf der Flucht. Vor Menschen, die sie erkennen konnten. Aber wie sollten sie den Kopf denn jemals wieder finden, wenn sie sich nicht frei bewegen konnten ohne aufzufallen. Ein langer Zopf und rote Haarbüschel – wer sollte die denn übersehen? Also blieb ihnen nur dieser Zeitungsausträger. Ihn mussten sie nochmals hart anpacken, ihm klar machen, was für ihn auf dem Spiel stand, wenn er nicht lieferte: nämlich diesen Kopf. Sie fassten einen Plan.

An einem solchen tüftelte auch ein anderer in der Marbach. Zur gleichen Zeit. Er trug einen langen Bart, hatte einen mächtig dicken Bauch, meist steckten seine Füße in Hausschuhen. „Harry“, rief eine Frau. Sie stand in der Küche und kochte Bohnensuppe. „Bring den Müll raus!“ Nicht mehr lange, du dämliche Alte, dann bringst du deinen Müll für den Rest deines Lebens selber hinaus, dachte sich der bärtige Mann. Schließlich hieß er Harry, und er hatte einen perfiden Plan.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Der Anruf

Dienstag, April 12th, 2016

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Mit dem Online-Krimi geht es nach der Osterpause nun wieder weiter. Die erste Hälfte des Werks ist bald geschrieben. Schwarzwälder Kirschtorte und joggende Verliebte, dazu ein Kopf, zwei gestylte Frauen sowie ein unheimlicher Harry – fertig sind die Zutaten für dieses Buch. Auch diesmal wieder streng nach der 45-Minuten-Regel verfasst.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich. Birger und Betty wissen in diesem neuen Kapitel noch nichts von dem misshandelten Austräger, sie erfahren aber von einer Polizeisuche, indem sie ein blinkendes Signal entdecken. Der hyperlokale Online-Fortsetzungskriminalroman, Plausch am Ententeich, geht in die elfte Runde.

Kapitel K: Der Anruf

Von Daniel Grosse

…Eben noch hatte der Zeitungsausträger sein letztes Exemplar in ein Zeitungsrohr gesteckt, als er diese Polizeimeldung las. Vier Zeilen nur waren erkennbar, den Rest verbarg die Röhre. Langer Zopf, rote Haarbüschel, Frauen. Fünf Worte, ein Gefühl. Panik beschlich den Austräger nicht ganz langsam, sie lähmte den Mann, traf ihn zuvor blitzschnell wie ein Schlag ins Genick. Schon griff er in seine Hosentasche, begann zu wählen: Eins, Eins, als er die Taste mit der Null drücken wollte, riss ihm etwas die Füße vom Boden weg. Im Fallen sah und hörte er Bekanntes. Auch diese Hände kannte der Zeitungsausträger.

Biene stand über ihm, lachte höhnisch. „Na, du Kerlchen, hoffentlich hast du gute Nachrichten für mich.“ Der Mann rieb sich die linke Schulter. Vielleicht hatte er sich sogar einen Knochen gebrochen, überlegte der Austräger. Doch das war im Moment sein kleinstes Problem. Zunächst musste er diese brutale Frau mit irgend etwas besänftigen. Er, der doch am liebsten in seiner kleinen Welt ohne große Worte lebte. Deshalb stammelte er nur: „Wirklich, überall auf meiner Route habe ich gesucht, jeden Tag.“ „Und, mit Erfolg“, fragte Biene? Der Mann dachte an die Fußbälle, Melonen, Kürbisse, all das runde Zeugs, was er von weitem in den Gärten entdeckt hatte. Jedes Mal, dachte er, das könnte dieser bescheuerte Kopf sein. Fehlanzeige. „Pass mal auf, bis morgen hast du Zeit. Dann will ich einen Erfolg von dir sehen.“ Bienes Drohung wirkte. Der Zeitungsausträger machte große Augen und nickte. Zwei Sekunden später war er verschwunden, hinkend und mit der einen Hand die linke Schulter umfassend.

52 Stunden noch. Harrys Ultimatum schwebte über der Marbach. Und den seltsamen Geruch aus dem Schädelinnern deuteten Betty und Birger als Menetekel. Galt dieses Unheil verkündende Zeichen ihnen? Wollte Harry mit diesem Geruch den beiden einen Stich versetzen, der sich zumindest in ihre Nerven bohrte, ihren Geruchssinn quälte? „Quatsch“, sagte Betty. „Harry kann doch gar nicht wissen, wo wir jetzt gerade sind oder ob wir den Kopf überhaupt noch haben, es sei denn….“ Birger schaute auf ihren offen stehenden Mund, aus dem aber keine Worte mehr kamen. „Es sei denn, er kann uns orten.“ Birger sprach das aus, was Betty dachte. Schon wieder diese Panik, die sie in den vergangenen Stunden schon so oft beschlichen hatte. Auch der alte Mann wurde ganz blass. Technisch gesehen, konnte Harry natürlich in dem Schädel einen Sender versteckt haben, der zu jeder Zeit Signale sendet, die verraten, wo sich der Kopf gerade befindet. Immerhin hatte der Schädel die beiden ja auch fotografiert und sie unmissverständlich gewarnt, was passieren würde, wenn Harry den Kopf nicht innerhalb von 72 Stunden zurück bekam. Aber ein Peilsender? Das war den drei Marbachern, die dort oben oberhalb der Brunnenstraße in einem kleinen Fachwerkshaus beisammen standen, dann doch zu viel James Bond.

Birger setzte sich in einen bequemen Sessel. Er musste nachdenken. Das Smartphone in seiner Gesäßtasche störte. Birger zog es heraus und legte es auf einen kleinen Tisch, den der alte Mann mit allerlei Kameraobjektiven, Fotozeitschriften und dergleichen fast überfrachtet hatte. Weil der Tisch aus Glas war, spiegelte sich ein kleines, blinkendes Licht in der Tischplatte. Fast schon hätte sich Birger wieder weggedreht, als er das Handysignal entdeckte. Ein entgangener Anruf. Birger nahm das Gerät in die Hand. Die Nummer kannte er nicht, drückte aber auf „Rückruf“. Es tutete zwei Mal. Eine männliche Stimme meldete sich. Der Mann aus dem Garten. Sofort erkannte Birger sein akustisches Gegenüber. „Habt ihr die Zeitung von heute gelesen“, fragte der Mann. Da Birger und Betty zurzeit aber weder an der Welt des Sports, des Klatsches oder der Politik interessiert waren, verneinte Birger die Frage und stellte die Gegenfrage: „Warum?“ „Weil ihr dann bestimmt die Meldung gelesen hättet, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es in der Meldung, erzählte der Mann dem verdutzten Birger. Und weil dieser seinen erstaunten Mund erst halb geöffnet hatte, war noch Raum für eine weitere Überraschung. „Besondere Kennzeichen: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden“, las der Mann ihm aus der Meldung vor. In Birgers Mund hätte in diesem Moment eine große Kartoffel gepasst. „Wir kommen gleich zu Ihnen“, sagte Birger und brachte schnell den alten Mann und Betty auf den neuesten Stand. Die Frisörakademie. Das war ein Ansatzpunkt. Die müssten natürlich wissen, wer die beiden Frauen sind. Adressen und so weiter, alles, was wichtig war, um die gestylten, dem Tode geweihten Frauen, zu finden.

Noch immer strömte dieser Geruch aus dem Schädel. Aber das musste warten. Die drei nahmen den Kopf und marschierten zu dem Mann mit dem schönen Garten. Sie beeilten sich so sehr, waren derart konzentriert und gedanklich gefangen in diesem ganzen Irrsinn, dass sie nicht bemerkten, wie ein Mann mit einer Zeitungskarre neben dem Ententeich stand und zu ihnen rüberschaute. Was der Austräger da unter Birgers geklemmt Arm sah, ließ ihn nach Luft schnappen. Eine Zeitungskarre rollte langsam auf ein schmuckes Häuschen mit schönem Garten zu.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Zeitungsmeldung

Montag, April 4th, 2016

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Plausch am Ententeich geht in die zehnte Runde. Birger und Betty haben in dem hyperlokalen Marbacher Fortsetzungs-Roman längst Verbündete gefunden. Ein großer Vorteil, schließlich tickt die Uhr: das Ultimatum.   Bild: Barbara Grosse

Im Plausch am Ententeich erinnert sich jemand an Südamerika, an Totenschädel, einem anderen Marbacher fällt fast das Brötchen aus dem Mund und ein Zeitungsausträger beginnt zu tippen.

Kapitel J: Die Zeitungsmeldung

Von Daniel Grosse

…Der alte Mann konnte sich nicht entscheiden. Wenn er mit der Klinge eines Messers ganz vorsichtig den haarfeinen Riss auf der Stirn des Kopfes weitete, könnte er vielleicht hinein schauen. Denn da musste etwas sein. Aus dem Innern des Schädels strömte ein Geruch, für ihn völlig fremd. Nicht unangenehm, aber seltsam. Der Geruch hatte etwas Stechendes. Längst schon interessierte sich der alte Mann nur noch dafür. Die Kameratechnik war ihm egal. Behutsam setzte der Mann die Klinge seines alten Taschenmessers an. Die Augen des Schädels schauten geradewegs in seine – vorwurfsvoll, warnend, der Mann zuckte zurück.

In seiner Jugend war der alte Mann häufig auf Forschungsreisen in Südamerika gewesen. Seine Kollegen vom Ausgrabungsteam hatten ihm damals einen Trick gezeigt, wie man Schädel öffnet, ohne sie zu zerstören. Sie hatten ihm aber nicht beigebracht, wie ein Forscher mit einem Frisierkopf umgehen sollte, aus dessen haarfeinem Riss ein seltsamer Geruch strömt. Dies hier war kein Totenschädel. Dies war die Marbach und nicht Südamerika. Es roch, warum auch immer. Was also sollte passieren? Er holte ein Rasiermesser. Die Klinge war spitz und flach genug. Sie glitt langsam in den Riss, Millimeter für Millimeter.

Ein schrilles Klingeln riss den alten Mann aus seiner Konzentration. War das der Kopf, irgendein Alarm, ein Mechanismus, den er in Gang gesetzt hat? Jemand klopfte an sein Wohnzimmerfenster. Logisch, das eben war seine eigene Haustürklingel. Schnell versteckte der Mann Taschen- und Rasiermesser in einem Wandschrank. Den Kopf legte er in eine dunkle Ecke des Raumes, damit der Riss nicht sofort zu erkennen war. Birger und Betty traten ein. „Wir wollen den Kopf abholen.“ Birger schaute sich im Wohnzimmer um. „Wo ist er?“, fragte der junge Marbacher fast panisch, weil er an die noch verbleibenden 58 Stunden dachte. Er sah Harry vor sich, wie der sich aufmachte, schwer bewaffnet, böse und voller Hass. Nachdem die 72 Stunden abgelaufen waren, ohne dass er seinen Kopf zurück bekommen hatte. Birger sah das viele Blut. Inmitten eines roten Sees lagen zwei Frauen. Ein langer schwarzer Zopf war längst schon nicht mehr schwarz, eher rotbraun wie eine Kastanie. Rote Haarbüschel waren rot geblieben. Nicht mehr hellrot, dunkler, wie Blut eben so aussieht. Und die zwei aufgeschlitzten Kehlen samt vier grotesk starrenden Totenaugen machten Bella und Biene auch nicht gerade sympathischer. Birger fragte sich, ob er vielleicht doch zu häufig in seinen Comics las. Mord am Ententeich. Bei dem Titel, den die Comic-Reihe trug, wunderte ihn gar nichts mehr.

Birger schüttelte sich. Betty entdeckte Schweißperlen auf Birgers Stirn. „Jetzt reiß dich zusammen“, mein Schatz.“ Sie drückte ihn ganz fest. Dann wollte aber auch sie endlich wissen, wo der Kopf geblieben war. Der alte Mann zögerte. Da merkten es auch Betty und Birger. Irgendetwas war in diesem Raum anders als gestern Abend. Die Einrichtung war die gleiche. Aber das Wohnzimmer fühlte sich verändert an.

Die Nasenlöcher von Betty und Birger weiteten sich. Hinein strömte etwas, das schon den alten Mann so neugierig gemacht hatte. „Was riecht hier so seltsam“, fragte Betty. „Das…der…es ist, weil…ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte.“ Der alte Mann stotterte verzweifelt. Er konnte nicht anders, denn zu groß war sein schlechtes Gewissen. Natürlich mussten die beiden ja glauben, er hätte den Kopf beschädigt. Das hätte ihm doppelt Leid getan. Schließlich war er immer ein vorsichtiger Mensch gewesen, auf den man sich verlassen konnte. Und er galt in der Marbach als jemand, der gute Ideen hatte. Deshalb waren Betty und Birger ja auch zu ihm gekommen, gestern, nachdem sie die Botschaft auf dem Display unter den Kunsthaaren des Kopfes entdeckt hatten. Außerdem mochte der alte Mann die beiden jungen Marbacher. Er wollte ihnen helfen, wollte verhindern, dass ein abscheuliches Verbrechen geschah, das er vielleicht verhindern konnte. Deshalb sagte er: „Da steht der Kopf, dort hinten in der Ecke.“ Birger nahm ihn noch, es roch nun intensiver, stechend. Der Zeigefinger seiner linken Hand glitt langsam über den haarfeinen Riss. „Ich glaube, wir haben nun mehr als nur ein Problem“, sagte Birger und schaute Betty unsicher an. Betty sah, was ihr Freund meinte. Obwohl Birger so häufig ein Tolpatsch war, konnte sie ihn diesmal für dieses Malheur nicht verantwortlich machen. Solch kleine Pannen, ein Malheur eben, passierten Birger. Dass diese gezackte Linie auf dem Schädel jedoch weit schlimmer war, erkannte Betty erst zwei Sekunden später. Auch Birger legte die Stirn in Falten.

Der Mann aus dem Garten am Ententeich saß währenddessen am Frühstückstisch. Vor ihm lag die Zeitung. In der linken Spalte las er, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es in der Meldung. Darunter das Wetter von heute und morgen. Irgendwelche Glückszahlen. Besondere Kennzeichen: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden. Wie war das eben? Fast wäre dem Mann das Brötchen aus dem Mund in seine volle Kaffeetasse gefallen. Die Frauen. Birger und Betty, die beiden netten jungen Leute von heute Nacht. Eins und Eins machten Zwei. Endlich eine Spur. Zum Glück hatten die beiden eine Telefonnummer hinterlassen. Aus seiner Hosentasche zog er einen zerknitterten Zettel, las die Ziffern.

Ein anderer las zur gleichen Zeit Namen auf Klingelschildern. Schaute in Vorgärten, an denen er in den vergangenen Jahren schon Hunderte Male vorbei gegangen war. Bislang immer arglos, jetzt war er ein Beauftragter, ein Suchender, fast so etwas wie ein Gangsterkollege. Oder wie sollte man jemand nennen, der von zwei Schlägertussis nachts eindringlich gewarnt worden war, bloß die Augen offen zu halten bei seinen Touren. Der einen Kopf suchen sollte. Noch dazu in der Marbach. So etwas Absurdes.

Eben noch hatte der Zeitungsausträger sein letztes Exemplar in ein Zeitungsrohr gesteckt, als er diese Polizeimeldung las. Vier Zeilen nur waren erkennbar, den Rest verbarg die Röhre. Langer Zopf, rote Haarbüschel, Frauen. Fünf Worte, ein Gefühl. Panik beschlich den Austräger nicht ganz langsam, sie lähmte den Mann, traf ihn zuvor blitzschnell wie ein Schlag ins Genick. Schon griff er in seine Hosentasche, begann zu wählen: Eins, Eins, als er die Taste mit der Null drücken wollte, riss ihm etwas die Füße vom Boden weg.

…Fortsetzung folgt.