Archive for Mai, 2016

Plausch am Ententeich – Die Dunkelheit

Dienstag, Mai 31st, 2016

Zwanzigste Runde. Im Plausch am Ententeich isst Birger vergeblich, stemmt er verzweifelt Stahl, sieht Schwarz – und schreit.

Kapitel T: Die Dunkelheit

Von Daniel Grosse

…„Cool oder?“, hörte Birger den Teenager noch fragen. Ja, cool, dachte sich Birger. Aber eigentlich war gar nichts cool. Fußball schon gar nicht. Alles war beschissen. Birger fühlte sich schlecht. Er nahm sein Smartphone, drückte eines der Kurzwahlfelder, wartete. Vier mal tutete es. Dann meldete sich eine Frauenstimme – und das war nicht Betty. Zu der Stimme gehörte eine Frau mit roten Haarbüscheln, was Birger sofort klar war. Mist. Was tun? Dann begann die Stimme zu sprechen und was sie sagte, gefiel dem jungen Marbacher gar nicht. Überhaupt nicht.

Birger schüttelte sich. Wusste er doch auch vom Zeitungsausträger, zu was die beiden Gestylten fähig waren. Ob er die Brunnenstraße kenne, wollte diese Biene von ihm wissen, ob er die Stahltür schon einmal bemerkt habe, dort am Bürgersteig unterhalb dieser großen Wiese. Birger sah die Tür vor sich. Gedanklich schritt er den Weg dorthin ab, den gleichen Weg, den er tatsächlich schon so oft für Bettys geliebte Schwarzwälder Kirschtorte, zum Bäcker, gegangen war. „Und was ist mit dieser Stahltür?“, fragte Birger. „Falsche Frage!“ Bienes Stimme am anderen Ende der Leitung wurde laut und schrill. Kein Zweifel, sie war unberechenbar, würde sogar auflegen, wenn er sie jetzt provozierte oder einfach nur das Falsche sagte. Also ein neuer Versuch: „Was hat es denn mit dieser Stahltür auf sich?“ „Ja, was hat es denn mit dieser Stahltür auf sich?“, äffte die Gestylte ihn nach. „Du Trottel, nicht was MIT dieser Tür ist, ist entscheidend. Wichtig ist doch, was DAHINTER ist.“

Birgers Nackenhärchen stellten sich auf. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Tausende von Litern Wasser sollen dort Platz haben hinter der Tür in irgendwelchen Katakomben und einem gigantischen Tank. Das hatte er zumindest einmal beim Bäcker gehört, als sich zwei alte Marbacher über die Geschichte des Ortsteils unterhalten hatten. Ob das Wasser noch dort lagerte oder nur dunkle Gänge und leere Hallen oder ein Tank dort waren, wusste Birger nicht. Er wollte aber auch gar nicht mehr darüber erfahren, denn ein schrecklicher Gedanke verdrängte eine zuvor aufkommende Neugier. In den vergangenen Tagen hatte es schließlich in der Marbach stundenlang wie aus Eimern geregnet. Er kombinierte: Wasser plus Tank plus Dauerregen plus durchgeknallte Frauen plus Verschwundene. Was sollte er also dort finden? Das fragte er dann auch diese Biene, die zum Glück noch nicht aufgelegt hatte. „Komm einfach her. Du wirst es schon erfahren. Auf, auf, mein Kleiner.“ Es klickte in der Leitung. Tuuut.

In einem der hinteren Räume der Markuskirche hörte er den Gesang von Kindern, vielleicht waren es auch Jugendliche. Da fiel ihm der Teenager von eben wieder ein. Das konnten die Konfirmanden der Gemeinde sein. Deswegen war vorhin, als seine Gruppe die beiden Gestylten in die Kirche verfolgt hatten, unten auch die Eingangstüre geöffnet, überlegte Birger. Alles machte plötzlich einen Sinn.

24 Stunden noch, dann läuft Harrys Ultimatum ab. Irgendjemand wird dann sterben. Birger ging am Schaufenster der Bäckerei vorbei. Drei Tortenstücke lagen in der Auslage. Bettys Lieblingssorte. Wie von einem unsichtbaren Band gezogen, betrat Birger die Bäckerei. „Die drei Stücke dort, bitte.“ Wieder draußen auf der Brunnenstraße, hielt er sich für total durchgeknallt. Seine Geliebte, seine Freunde und guten Bekannten, waren verschwunden. Irgendwo in der Marbach war dieser unglaubliche Ohne-Worte-Harry und ersann einen Tötungsplan, zwei hochgradig gestörte Style-Frauen beorderten ihn zu einer Stahltür mit nichts als Dunkelheit dahinter und wer weiß was noch – und er, Birger, kaufte Schwarzwälder Kirschtorte. Aber Birger brauchte etwas Gewohntes, er suchte das Alltägliche inmitten diese ganzen Irrsinns der vergangenen Tage. So steckte er sich auch sogleich eines der Stücke mit vier Bissen in den Mund, wischte sich mit seinem Ärmel übers Gesicht – und war noch schlechter gelaunt als vorher. Von wegen, Schokolade und Sahne machen glücklich. Birger wusste, weshalb er das Süße auch gekauft hatte. Birger ahnte, dass er gleich nicht nur einen Tank und eine Tür finden wird. Betty, Gartenmann, alter Herr, Zeitungsausträger. Mehr als bloße Stichworte. Würde er diese Menschen dort finden? Zu gerne wollte er seiner lieben Freundin einfach nur die süße Fracht überreichen. Und alles wäre gut. Nichts war gut.

200 Meter weiter stand Birger auf dem schmalen Bürgersteig, war eben an diesem alten Gutshof vorbeigegangen, hatte dort spielenden Kindern gewunken. Nun konzentrierte sich der junge Marbacher wieder ganz auf seine Aufgabe, die Biene ihm gestellt hatte. Finde die Tür und gehe dort hin!, lautete diese Aufgabe. Nicht verschlossen, schon mal gut. Die Stahltür stand fast unmerklich offen. Bloß seine Hand konnte Birger hinter die Tür schieben. Er schaute sich um, damit keiner sah, wie er mit gewaltiger Kraft und trotzdem zügig, die Zentner-schwere Türe aufstemmte. Der Hang war nun offen, Birger schlüpfte hinein, zog aber die Türe wieder so weit zu, wie er konnte. Frische Luft schien an diesen Ort scheinbar seit Jahrzehnten nicht mehr vorgedrungen zu sein. Von irgendwoher hörte Birger ein leises Tropfen. Blind tastete er nach seinem Smartphone und aktivierte diese Taschenlampen-App. Licht. Helligkeit. Der Akku seines Geräts war zum Glück noch stark genug für zwei Stunden.

Kanister, ein verrosteter Stuhl, eine Blechdose, ein Kondom. Auseinandergerollt lag es dort in einer dunklen Pfütze. Scheinbar war dieser Ort doch nicht so unbekannt für manche Marbacher, dachte Birger. Aber wie krank muss man sein, um sich an solch einem Ort zu treffen, um miteinander zu schlafen? Er lauschte in den Berg hinein. Kein Laut, kein Wort. Birger ging weiter. Ein Gang führte nach rechts, ein anderer nach links. Diesen wählte er. Birger zählte seine Schritte, um eine ungefähre Orientierung zu haben, wie weit er schon vorgedrungen war in diese Marbacher Unterwelt. Ein Schmerz durchfuhr ihn. Seine Stirn brannte. Beides kam so plötzlich. Benommen hob er sein Smartphone hoch und leuchtete vor sich. Ein Metallknauf, nein, ein Löwe, zumindest der Kopf eines solchen, ragte aus der Wand. Gegen diesen musste er geprallt sein. Aber aus der Wand ragte der Metallkopf auch nicht. Es war eine Tür. An dieser war der Löwe festgeschraubt.

Waren da nicht doch Stimmen? Birger hörte genauer hin und tatsächlich, hinter dieser Tür sprach oder wimmerte oder brummte etwas – oder jemand. Birger suchte verzweifelt irgendein Schloss oder einen Mechanismus, um diese Tür zu öffnen. Es klickte. Ein schrilles Quietschen peitschte durch die Dunkelheit. Birger zog die Tür immer weiter auf und leuchtete in die Dunkelheit dahinter. „Nein!“ Mehr als dieser Schrei kam nicht aus Birgers Mund heraus. Dann stürzte er auf das, was er dort sah.

Zur selben Zeit schlurfte ein ziemlich dicker Mann mit Hausschlappen an den Füßen auf dem Bürgersteig der Brunnenstraße an einer massiven Stahltür vorbei. Feuerwehr rückt zu mehr als hundert Einsätzen aus, las er in einer Zeitung. Vollgelaufene Keller, überflutete Straßen, prangte in großen Buchstaben über einer Doppelseite. In Nordrhein-Westfalen habe es nach Starkregen Überschwemmungen gegeben. Im Kreis Euskirchen und in Stolberg waren Feuerwehrleute im Dauereinsatz. Schwere Gewitter mit Starkregen hätten Teile Nordrhein-Westfalens getroffen. „Die Feuerwehr im Kreis Euskirchen rückte am Montagabend zu rund 125 Einsätzen aus. Betroffen waren vor allem das Stadtgebiet Mechernich und die Gemeinde Kall“, so die Meldung. Und in Süddeutschland gehen die Aufräumarbeiten nach verheerenden Unwettern weiter. Das Tief „Elvira“ hatte dort fürchterlich gewütet. Vier Menschen waren durch das Unwetter gestorben. Die Meldung endete.

Der Beleibte hob den Kopf. So fürchterlich und tragisch das alles auch war. Der dicke Mann mit der Zeitung in den Händen wollte nicht weinen, nie wieder, die Tränen neulich, um Pop-Gott Prince, sollten für immer seine letzten gewesen sein.

…Fortsetzung folgt.

Die Geschichte hinter dem Krimi: Plausch am Ententeich

Freitag, Mai 27th, 2016

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Noch etwas PR in eigener Sache: Noch in diesem Sommer soll der Plausch am Ententeich als Taschenbuch erscheinen.    Foto: Daniel Grosse

Liebe Leserinnen und Leser,

was steht hinter dem Konzept für den hyperlokalen Online-Fortsetzungskrimi PLAUSCH AM ENTENTEICH?
Dahinter steht die Idee, dass ich eines meiner originär journalistischen Dinge belletristisch weiterdrehen möchte. Unter MARBACH DIREKT habe ich in meinem Blog bislang Ergebnisse von Recherchen in unserem Stadtteil Marbach geliefert. Es entstand so etwas wie eine hyperlokale Online-Zeitung. Aber da geht noch mehr, fand ich, nämlich den Menschen, den 4000, die hier leben, einen kleinen Krimi zu bieten. Die Figuren darin sind erfunden, die meisten jedenfalls. Die Plätze und Orte hingegen gibt es tatsächlich.

Als ich im Februar nach und nach die ersten Kapitel online stellte, war der Plausch am Ententeich noch eine reine Schmonzette. Ein Online-Fortsetzungs-Groschenroman. Mit Herz, Schmerz, Liebe. Das lag mir aber schreiberisch und dramaturgisch gar nicht. Es entwickelte sich ein Krimi.

Über einen Verteiler und eine WhatsApp-Gruppe informiere ich jedes Mal einen festen Leserkreis, wenn der Plausch erneut online geht.

Warum diese zeitliche Begrenzung (und nicht z. B. eine andere zeitliche Begrenzung)?
Weil ich jeweils nur eine Stunde für ein Kapitel aufwenden möchte. Ich möchte in diesen 60 Minuten das Maximale stemmen. Das ist immer realistisch, funktioniert, manche Fehler kann ich natürlich nicht ausmerzen. Zu knapp ist die Zeit. Ich finde den Gedanken so charmant, als One-Man-Show Ende Juni sagen zu können: Ich habe in 26 Stunden ein kleines Buch mit 26 weitestgehend improvisiert geschriebenen Kapiteln verfasst, das zudem halbwegs logisch, fehlerfrei und vor allem unterhaltsam daherkommt. Und die Leser haben es gerne gelesen, hoffe ich. Rückmeldungen kamen in den vergangenen Wochen immer wieder. Weitestgehend positive.

Seit drei Kapiteln baue ich am Ende immer etwas aktuell real Nachrichtliches ein.

Warum die Kapitel A-Z? Hat das Alphabet irgendeine Bedeutung für die Geschichte? Oder die Zahl 26?
Weil das Projekt damit einen klaren Anfang und ein Ende hat. Auch zeitlich. So kann ich zudem punktgenau bei Z landen. Wie es ausgeht, weiß ich heute noch nicht. Das überlege ich mir in dem Moment, wo ich mit Kapitel Z beginne.

Lustig ist auch jedes Mal, dass ich meine Figuren eigentlich erst beim improvisierten Schreiben immer besser kennen lerne. Eine Schreibübung? Das ist der Plausch am Ententeich. Fernab von meinem Broterwerb, dem Journalismus rund um Recht, Juristen, Beruf und Karriere. Also ein ganz anderes Schreiben. Und wenn Leser an dieser Übung auch noch teilhaben können mit einem Krimi aus und über ihren Beritt – umso besser.

Derzeit skizziere ich einen großen, klassischen Print-Roman. Vielleicht wird’s ein Krimi. Die Anfangsidee steht schon lange fest. Können Sie übrigens auf meinem Blog lesen. Einfach nur ‚Panoramabilder‘ und ‚Daniel Grosse‘ und ‚Marbach direkt‘ in eine Suchmaschine eintippen. Oder Sie klicken diesen Link an: http://irondan.de/?p=50

Gruß, Daniel Grosse

Plausch am Ententeich – Die Treppe

Mittwoch, Mai 25th, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Ob Birger und Betty jemals wieder in aller Ruhe miteinander Schwarzwälder Kirschtorte essen und verliebt durch die Wälder rund um die Marbach joggen? Drücken Sie den beiden die Daumen! Die Jagd nach dem Kopf kann nicht mehr lange dauern. Kapitel Z naht.    Bild: Barbara Grosse

Auf zur neunzehnten Runde. Der Online-Fortsetzungskrimi Plausch am Ententeich zeigt Dramatik im Treppenhaus der Markuskirche, bringt einen Bauch ins Spiel, lässt Teenager in Jugendsprech sprechen und macht einen jungen Marbacher todunglücklich.

Kapitel S: Die Treppe

Von Daniel Grosse

…Im Haus neben der Markuskirche stritt sich zur gleichen Zeit lautstark ein Paar darüber, mit welchem Antrieb ihr neues Auto denn fahren sollte. Mit Benzin, Diesel, Rapsöl, Gas oder Strom. „Da hast du’s“, sagte die Frau und knallte ihrem Mann eine Zeitung vors Hirn. „Lies doch selbst!“ Laut der Meldung sollen Käufer von batteriebetriebenen Pkw ab sofort einen Zuschuss von 4000 Euro bekommen. Für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor betrage die Prämie 3000 Euro, war dort zu lesen. Drinnen in der Kirche war es still geworden.

„Feierabend! Her damit!“ Ob Biene oder Bella, das nun sagten, während sich der Griff um seinen Knöchel immer fester umschloss, konnte Birger nicht mehr wahrnehmen. Er spürte einen gewaltigen Schlag in seinen Magen. Vornüber beugte sich der junge Marbacher. Aus seinen Augenwinkeln sah er nur noch, wie er von der obersten Stufe des Treppenhauses der Markuskirche, wie in Zeitlupe, nach vorne fiel. Die fünfte, sechste Stufe kam immer näher. Noch 40 Zentimeter und er würde mit seiner Stirn mit voller Wucht auf die Stufenkante prallen. Sein Ende. Birger wunderte sich unter Schmerzen und im freien Fall darüber, wie viele Gedanken nur in Millisekunden durch ein menschliches Gehirn schießen können. Gerne hätte er noch länger fasziniert sein eigenes physisches und psychisches Vermögen betrachtet und darüber sinniert. Aber sein Kopf war zu nah am Aufprallpunkt angekommen. Es war soweit. Birger schlug auf.

Dass sich das so weich anfühlt, wunderte ihn dann doch. Und er roch etwas, einen Menschen. Mit starken Magenschmerzen streckte sich Birger auf der Treppe, schaute hoch. Er blickte in zwei Augen, die er aber nur in diesem Gesicht vermutete. Sehen konnte Birger die Augen nicht – denn sie waren verbunden.

Mit dem Kopf war er auf einen riesigen Bauch geprallt. Dieser Bauch gehörte zu dem bärtigen Mann mit der Binde im Gesicht. Hinter ihm standen zwei gestylte Frauen, die aber nicht Biene oder Bella waren.„Na mein Kleiner, hast du etwas für mich?“, fragte der Bärtige, dessen Füße in Hausschlappen steckten. Ohne Zweifel: Harry! Wo war der Kopf bloß? Im Rucksack, fiel es Birger wieder ein, und den hatte doch eben noch Betty, als die wahnsinnigen Frauen, Bella und Biene, sie an der Treppe überrascht hatten. Birger überlegte. „Was soll ich denn haben?“, fragte er den Bärtigen. Schon hob dieser Harry seine rechte Hand, wollte zum Schlag ausholen, da hielt ihn jemand von hinten fest. Eine der beiden Begleiterinnen, die den zurzeit sehbehinderten Harry in die Markuskirche geführt hatten, stoppte ihren Chef. „Harry, der hat doch nichts dabei. Schon gar nicht den Kopf.“ Das überzeugte den Bärtigen. „Aber dass nur noch 26 Stunden verbleiben, bis mein Ultimatum abläuft, das weißt du schon, oder?“ Diese Frage von Harry beantwortete Birger mit einem kurzen Nicken. „Und wie schon vor zig Stunden durch den Schädel mitgeteilt: Wenn ich bis dahin diesen beschissenen Frisierkopf nicht zurück bekomme, wird etwas mit Bella und Biene geschehen, was du dir mit deinem kleinen Spatzenhirn niemals selber ausdenken könntest.“

Da saß Birger nun. Er lehnte an der Treppenhauswand, saß auf der sechstletzten Stufe in einer Kirche, hatte stechende Magenschmerzen – und seine Begleiter samt seiner lieben Betty waren verschwunden. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Von unten hörte Birger noch, wie eine schwere Tür ins Schloss fiel. Seinen Kopf senkte er auf die Brust, er wollte nur noch schlafen. Kurz vor dem Einnicken sah Birger zwei Turnschuhe. Sie standen direkt vor ihm. In den Turnschuhen steckte ein Junge, vielleicht 13 oder 14. Er grinste Birger an. Seine riesigen Kopfhörer bedeckten fast den halben Kopf. Ein Ohrteil hatte der Junge keck zur Seite geschoben. „Hey Alter, hast du auch den Typen gesehen mit dem Megabauch und den Hausschlappen?“ „Lass mich bitte in Ruhe“, bat Birger den Teenager. Der zuckte nur mit den Schultern und ging an Birger vorbei. Oben an der Treppe angekommen, nahm er allerdings auch das zweite Ohrteil von seinen Gehörgängen weg, tippte auf sein Smartphone und im nächsten Moment hörte Birger einen Sprecher sagen: „Hier ist youfm, dein Sender. Du hast es sicher schon gehört: Die Würzburger Kickers haben in der Relegation gegen Duisburg souverän den Durchmarsch in die Zweite Liga geschafft. Bis vor kurzem kaum vorstellbar.“

„Cool, oder?“, hörte Birger den Teenager noch fragen. Ja, cool, dachte sich Birger. Aber eigentlich war gar nichts cool. Fußball schon gar nicht. Alles war beschissen. Birger fühlte sich schlecht. Er nahm sein Smartphone, drückte eines der Kurzwahlfelder, wartete. Vier mal tutete es. Dann meldete sich eine Frauenstimme – und das war nicht Betty. Zu der Stimme gehörte eine Frau mit roten Haarbüscheln, was Birger sofort klar war. Mist. Was tun? Dann begann die Stimme zu sprechen und was sie sagte, gefiel dem jungen Marbacher gar nicht. Überhaupt nicht.

…Fortsetzung folgt.

Südfrankreich ganz nah – im Marbacher Mitmachgarten

Dienstag, Mai 24th, 2016

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Der Frühling lässt die Kräuter wachsen. Schon können die Marbacher erste Blätter ernten. Im Mitmachgarten auf der Marbacher Bürgerhauswiese.    Fotos: Daniel Grosse

Von Daniel Grosse

Wenn die Wiegemesser Blüten und Stängel der Kräuter durchtrennen, breitet sich ein mediterraner Duft aus: wie Südfrankreich, Sommer und Urlaub. Das ist auch hier zu erleben, denn in der Marbach treffen sich wieder jeden Dienstag im Frühjahr und Sommer, von 17 bis 19.30 Uhr, Kräuterfrauen, um gemeinsam in dem Kräutergarten auf der Bürgerhauswiese zu pflanzen, zu jäten, umzugraben – und die köstlichen Kräuter zu ernten.

Sie verfeinern damit Quark oder Schnaps. Auch Salz erhält mit Rosenblättern gemörsert eine tiefe lila Färbung, gemörsertes Salz schimmert mit Kräutern gemischt in vielen Grüntönen. Und weil die Kräuterfrauen all das natürlich nicht alleine machen und genießen möchten, sind in dem Gemeinschaftskräutergarten alle Marbacherinnen und Marbacher willkommen, mitzumachen.

„Vom Kind bis zum Senior entstehen so zudem soziale Kontakte auch zwischen den Generationen“, sagt Kräuterfrau Christa Stuwe. Der Garten sei schon längst so etwas geworden wie ein Marbacher Mittelpunkt. Zu sehen und zu erleben gibt es dort Kräuterbeete mit bekannten und auch unbekannten Pflanzen, Wildkräuter – aber auch die, die sonst als Unkräuter gelten. „All die Kräuter können die Marbacher kennen und genießen lernen“, verspricht Christa Stuwe. Den Einsatz als Heilpflanze und altes Wissen über Heilkräuter möchten die Mitstreiterinnen rund um Christa Stuwe weiter geben. Und es geht natürlich auch um mehr: Pflanzen erkennen und bestimmen, Köstlichkeiten daraus herstellen zum Eigengebrauch oder als Geschenk an Freunde. Übrigens: Wer weiß, wie man ein zartes Brennnessel-Blättchen abzupft, ohne sich zu verbrennen und es dann auch noch so in den Mund stecken kann, dass statt Schmerz ein wunderbares Aroma die Sinne erreicht? Die Antwort gibt es beim Marbacher Mitmachgarten, Dienstagnachmittag.

Im Winter folgen Workshops rund um die Welt der Kräuter.

Mehr unter http://marbacher-mitmachgarten.jimdo.com/

Kontakt: mitmachgarten@gmx.de

Plausch am Ententeich – Die Kirche

Mittwoch, Mai 18th, 2016

Die achtzehnte Runde vom Plausch am Ententeich lässt die Markuskirche erzittern, macht zwei Frauen zu blitzschnellen Jägerinnen, bringt fünf Marbacher in größte Not, und ein Mann erfährt, was die Politik vorhat.

Kapitel R: Die Kirche

Von Daniel Grosse

…Dort vorne, keine 30 Meter entfernt, gingen Biene und Bella. Das sahen auch die anderen aus der Gruppe. “Hinterher!” Betty schaltete als erste. Als sie an der Tankstelle vorbei kamen, sahen sie auch die Meldung, die der Spiegel aktuell auf dem Titelblatt hatte. Danach hatte der Moderator und Republik-Aufreger Jan Böhmermann in einem Video soeben in seiner Show “Neo Magazin Royale” gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in eine Sendung namens „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte. Ein Herr Schneiders, 55, war wohl als biertrinkender Vater René aufgetreten, Simon S., 30, als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief – laut dieser Spiegel-Meldung – am 10. April bei dem Privatsender ErTeEl. Böhmermann gab scheinbar der Farce in seiner Sendung “Neo Magazine Royale” den Namen “Verafake”.

„Los jetzt, aber leise!“ Betty zerrte die anderen weiter. Soll Böhmermann doch weiterhin den Satire-Tester spielen. Sie spielten ihr eigenes Spiel und das hieß: hinterher, leise, so dass Biene und Bella, die Gestylten, sie nicht entdeckten. Das taten sie auch nicht. Mit grimmigem Grinsen passierten die beiden Frauen die Kita mit dem vielen Gelb an Fenstern und Fassade. Dann bogen sie nach links, weiter hoch Richtung Markuskirche schlenderten die Frauen. Vor dem Schaukastenfenster der Kirche blieben sie links neben dem Kircheneingang stehen. „Jetzt setzt sich die Kirche für Flüchtlinge ein, gewährt Asyl und so weiter.“ Biene mit den roten Haarbüscheln las einen Zeitungsbericht, der dort hing. „Wenn die Zuflucht finden, warum sollten wir das dann nicht auch versuchen?“ Die Frage überzeugte Bella, hielt ihrer Kumpanin die Kirchentür auf und diese fiel leise, aber bestimmt, wieder ins Schloss.

Fünf Augenpaare hatten die Szene beobachtet. Nun wussten Birger, Betty, der Gartenmann, der alte Herr und der Zeitungsausträger zumindest, wo die Frauen waren. Und aus der Kirche würden sie unbemerkt auch nicht mehr heraus gelangen. Von wegen. Die fünf Verfolger hätten fast die zwei weiteren Kirchentüren vergessen. In jedem Stockwerk eine. Aber, wenn die hier unten unverschlossen war, musste sich ja jemand im Kirchengebäude aufhalten. Keine Veranstaltung zurzeit, kein Gottesdienst, und auch sonst keinen offensichtlichen Grund gab es dafür, dass die untere Tür nicht verschlossen war. Das zumindest war seltsam.

Birger rannte nach oben zu der Tür neben dem Kirchenschiff, der Zeitungsmann prüfte den Eingang im ersten Stock. Beide Türen waren verschlossen. Gut. Vorsichtig, geräuschlos, betraten die fünf das Gotteshaus. Oben im Treppenhaus hörten sie zwei Frauen leise miteinander sprechen. Das mussten Biene und Bella sein. Stufe für Stufe stiegen die Verfolger höher. „Wo geht es denn zum Glockenturm?“, fragte Birger flüsternd den Gartenmann. Als alter Marbacher musste er doch Bescheid wissen, schüttelte jedoch bloß seinen Kopf.

Es war Samstag, 17 Uhr. Ein Inferno brach über sie herein. Glockengeläut wie von 1000 Riesenglocken ließ die fünf erzittern. Das 5 Uhr-Läuten hatten die Verfolger völlig vergessen. Scheinbar auch eine Frau mit roten Haarbüscheln und eine mit einem Po-langen schwarzen Zopf. Denn die rannten wie vom Teufel getrieben in drei langen Sätzen an ihnen vorbei, wollten schon unten zur Tür hinaus, da blieben sie plötzlich stehen. Die beiden Frauen starrten die fünf dort oben an, fixierten den Zeitungsmann, hoben beide ihre Zeigefinger und sagten gleichzeitig: „Du?“ Was dann folgt, war sicher für das Gotteshaus Neuland. Eine wilde Jagd. Denn Biene schrie noch dazu: „Da, der junge Typ, schau Bella, was der in der Hand hält!“ Ja, den unheimlichen Frisierkopf trug Birger inzwischen unter dem Arm. In seinem Rucksack war kein Platz mehr, weil er sich vorhin im Vorbeihasten den neuen Band seines Lieblingscomics „Mord am Ententeich“ bei der Frisörakademie heimlich eingesteckt hatte. Fünf Exemplare für seine Sammlung.

Die Situation in der Kirche war absurd. Einerseits wollten die fünf ja tatsächlich Biene und Bella vor Harry warnen, damit dieser die Frauen nicht niedermetzelt. Schließlich lief bald das Ultimatum ab. Denn noch könnten die Frauen oder auch die fünf den Kopf in aller Ruhe zu Harry bringen und alles wäre gut. Von wegen. Denn andererseits trauten Birger, Betty, der Gartenmann, der alte Herr und auch der Zeitungsmann, Harry nicht über den Weg. Irgendwas stimmte mit dem nicht, waren sie sich sicher. Und auch mit dem Kopf war bereits so viel Seltsames geschehen. Nein, den mussten sie behalten, aber gleichzeitig trotzdem die anderen warnen: Biene und Bella.

All diese Gedanken schossen in Sekundenbruchteilen durch die Hirne der fünf Marbacher. Schon waren die beiden Gestylten nur noch ein Stockwerk unter ihnen, rannten schnell weiter hoch. Gleich wären sie bei ihnen – und dann? Ja, was dann? Sie waren fünf, die beiden Frauen nur zwei. Überlegenheit. Ob sie es darauf ankommen lassen sollten? Gerade als Betty Birger klarmachen wollte, einfach stehen zu bleiben, um mit den Frauen vernünftig zu sprechen, spürte er eine Hand mit langen dünnen Fingern am Knöchel seines rechten Beins. Eisern umschloss die Hand Birgers Bein. Sie gehörte zu einem grinsenden Schädel, von dem rote Haarbüschel abstanden und der ihn anstarrte. Sogar sprechen konnte der Schädel. Und er war nicht allein. Daneben erschien bereits ein zweiter. Einer mit einem langen schwarzen Zopf. „Feierabend! Her damit!“ Birger erstarrte.

Im Haus neben der Markuskirche stritt sich zur gleichen Zeit lautstark ein Paar darüber, mit welchem Antrieb ihr neues Auto denn fahren sollte. Mit Benzin, Diesel, Rapsöl, Gas oder Strom. „Da hast du’s“, sagte die Frau und knallte ihrem Mann eine Zeitung vors Hirn. „Lies doch selbst!“ Laut der Meldung sollen Käufer von batteriebetriebenen Pkw ab sofort einen Zuschuss von 4000 Euro bekommen. Für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor betrage die Prämie 3000 Euro, war dort zu lesen. Drinnen in der Kirche war es still geworden.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Überraschung

Sonntag, Mai 15th, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Der Online-Fortsetzungskrimi aus und über Marburg-Marbach ist bei Kapitel Q angelangt.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich startet in die siebzehnte Runde. Ein dickbäuchiger Mann begrüßt in einer Akademie, ein kleiner Mann zerrt Menschen hinaus, und seltsame Frisuren bewegen sich in Richtung Markuskirche. Dann noch die Meldung zu Jan Böhmermann.

Kapitel Q: Die Überraschung

Von Daniel Grosse

…An der Tankstelle Ecke Brunnenstraße/Emil-von-Behringstraße kaufte sich zur selben Zeit ein Mann ein Eis. Er war sehr groß und kräftig, schwarzes, volles Haar, das ihm üppig vom Kopf abstand. Er trug ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Sommers wie winters kannten ihn so die Marbacher. Auch der Tankstellenkassierer lächelte und fragte ihn: „Dazu die Bild, wie immer?“ Vor der Tankstelle schlug der Mann das Blatt auf: Eine 21 Jahre alte Frau aus Somalia überschüttet sich mit Benzin und zündet sich selbst an. Tragödie in dem australischen Flüchtlingslager auf Nauru. Damit wollte sie gegen ihre Internierung auf der umstrittenen Pazifikinsel protestieren, schrieb die Zeitung. Tränen liefen dem Mann im schwarzen T-Shirt über die Wangen.

In der Frisörakademie in der Marbach war richtig viel los. Natürlich hatten auch die Teilnehmer der dortigen Kurse die Neuigkeiten der letzten Tage gelesen, in der Zeitung. Zum Beispiel das aus Nauru. Aber sie wollten auch wissen, was das für ein seltsames Grüppchen war, das dort vorne neben der Eingangstür saß. Zwei junge Leute, ein Mann und eine Frau, dann ein älterer Herr, der die ganze Zeit in einer Fotozeitschrift las, ein Mann mit Erde unter den Fingernägeln, wie bei einem Gartenmann, und ein kleiner, verhuscht dreinblickender Kerl mit fliehendem Blick.

„Meine Herren, meine Dame, um was geht es?“ Vor den fünf stand ein Mann in Hausschlappen. Ein mächtiger Bauch spannte sich unter seinem Hemd. Er grinste. Dabei hatte dieser Mann keinen Grund zu grinsen. Immerhin stützten ihn zwei, zugegeben, schick frisierte junge Frauen. Sie hatten ihn zu der Gruppe geführt. Aber: der Mann mit dem dicken Bauch konnte nichts sehen. Seine Augen waren verbunden. „Wundern Sie sich nicht. Ich hatte eine handfeste Auseinandersetzung mit meiner Frau und ihr Kochlöffel hätte mir fast mein Augenlicht geraubt. Hätten wir nicht die Blindenstudienanstalt in Marburg und eine dementsprechend gute Augenheilkunde im Klinikum, wäre ich jetzt vielleicht blind.“

Der Zeitungsausträger wäre am liebsten unter seinen Stuhl gekrochen. Natürlich kannte er diesen Mann. Es war der, der ihm das Foto von Betty und Birger vor die Nase gehalten hatte. Er, der Austräger hatte den Auftrag, die beiden zu finden. Den Kopf wollte dieser dicke Mann haben. Aber was machte er hier, in der Frisörakademie? „Chef, soll ich Senfgelb nochmal bestellen?“ Aus einem Nebenraum drang dieser Frage in die Ohren des Austrägers. Zweifellos war dieser Augen-Verbundene Derselbe, der ihn auf der Brunnenstraße zum Spitzeln angestiftet hatte. Betty und Birger sollte er ihm ausliefern. Und er war zudem der Chef dieser Frisörakademie. Und noch dazu sicher auch der Mann hinter dieser Comic-Reihe, die Birger so faszinierte: Mord am Ententeich.

Wir müssen jetzt ganz schnell gehen. Gedanken, die der Austraäger auch schnell aussprach. Der kleine Mann zerrte seine neuen Freunde aus dem Vorraum dieser Akademie in der Emil-von-Behring-Straße. Er war so selbstbewusst und gefiel sich in seiner Rolle. „Sagen Sie, was fällt Ihnen ein?“ Der Gartenmann und der ältere Herr waren erbost. Jetzt hatten sie endlich doch entschieden, in diese Akademie zu gehen, um dort eine Adresse oder zumindest Namen dieser beiden Frauen zu bekommen, die wohl dem Tode geweiht waren: Biene und Bella. Dieser Harry hatte ja in seiner Display-Botschaft gedroht, die beiden Frauen umzubringen, würde er nicht binnen 72 Stunden den Kopf in Händen halten. Natürlich kannten die fünf diese Botschaft, aber sie wussten nicht, wer die Frauen in der Botschaft waren. Einzig der Zeitungsausträger wusste von Zusammenhängen. Auch den Namen der Frau mit den roten Haarfransen und der mit dem Po-langen Zopf kannte der Zeitungsmann. Ebenso wusste er, dass das eben, der Harry war. Der Killer? Der Austräger erzählte seinen neuen Freunden alles, vor der Tür der Frisörakademie. Sein Wissen erdrückte ihn. Hätte er nicht geplaudert, er wäre verrückt geworden.

Noch 32 Stunden. Hinter der Glastür, im Inneren der Akademie, stand ein vollbärtiger Mann mit verbundenen Augen. Zwei Gestylte führten ihn von dort weg. Wahrscheinlich in dessen Büro. Harry. Natürlich war er mit seiner Akademie Herausgeber eines umstrittenen Comics, das sich aber gut verkaufen ließ. Mord am Ententeich.

Der Zeitungsausträger: „Birger, wie gut dass Sie den stinkenden Kopf in Ihrem Rucksack vorhin drin behalten haben.“ Genau. Birger gab ihm Recht. Denn noch war die Zeit nicht reif für eine Übergabe. Erst recht nicht jetzt. Denn, konnten sie diesem Harry trauen? Was hatte er wirklich vor? Was, wenn plötzlich…? Birger verstummte in seinen Gedanken. Rote Haarbüschel und ein Po-langer Zopf. Ohne Zweifel zwei Menschen, die geradewegs in Richtung Markuskirche unterwegs waren. Dort vorne, keine 30 Meter entfernt, gingen Biene und Bella. Das sahen auch die anderen aus der Gruppe. „Hinterher!“ Betty schaltete als erste.

Als sie an der Tankstelle vorbei kamen, sahen sie auch die Meldung, die der Spiegel aktuell auf dem Titelblatt hatte. Danach hatte der Moderator und Republik-Aufreger Jan Böhmermann in einem Video soeben in seiner Show „Neo Magazin Royale“ gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in eine Sendung namens „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte. Ein Herr Schneiders, 55, war wohl als biertrinkender Vater René aufgetreten, Simon S., 30, als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief – laut dieser Spiegel-Meldung – am 10. April bei dem Privatsender ErTeEl. Böhmermann gab scheinbar der Farce in seiner Sendung „Neo Magazine Royale“ den Namen „Verafake“.

…Fortsetzung folgt

Gefährliche Hunde?

Samstag, Mai 7th, 2016

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Ja, das Foto vom Wild ist zensiert, zumindest insofern, als dass das kleine Blatt verbirgt, was da von dem Tier am Boden fehlt. Weggebissen? Blut, Fleisch und Knochen wären nämlich zu sehen.  Foto: Daniel Grosse

Von Daniel Grosse

Im Wald oberhalb der Marbach, auf dem Weg Richtung Dagobertshausen und Wehrshausen, hängen zurzeit Informationsblätter an den Hochsitzen. Als Kernaussage bitten die Jäger die Hundehalter, ihre Hunde anzuleinen. Junghasen seien gefährdet. Auch Rehkitze, die bald geboren und von der Mutter in den Wiesen abgelegt werden, könnten zur Jagdbeute der Hunde werden, heißt es. Und trächtige Tiere könnten durch den Stress einer Flucht vor einem Hund im schlimmsten Fall eine Totgeburt haben.

So kontrovers das Thema Jagd sicher diskutiert werden kann und sollte, spricht – vor allem derzeit – wohl einiges für das Anleinen von Hunden in Wald und Feld.

Neues aus dem Windwald

Mittwoch, Mai 4th, 2016

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In der Dimension sicher übertrieben und nicht exakt platziert, steht dieser ins obige Bild montierte Mast, aus der Blickrichtung Höhenweg, im Wald zwischen Marbach und Michelbach. Die drei eingezeichneten Windräder (unteres Bild) markieren die möglichen Standorte der Anlagen.  Fotos: Daniel Grosse

Von Daniel Grosse

Das Thema Windkraft polarisiert immer. Viele Argumente sprechen dafür und dagegen. Aber da  haben die Menschen in Michelbach denen in der Marbach wohl trotzdem etwas voraus: Wissen – das immerhin meinungsbildend ist. Zumindest, wenn es um mögliche Standorte und mögliche Planungen geht. Drei gigantische Windräder könnten sich in Zukunft inmitten eines Fadenkreuzes zwischen Michelbach, Marbach, Dagobertshausen und Wehrda drehen. Wann konkret, das hängt von weiteren Verhandlungen und Verfahren, von finanziellen Fragen und eventuellen Bürgerbeteiligungen ab. Eine Ortsbeiratsitzung hatte bereits im Dezember 2015 das Thema umfangreich behandelt. Nicht in der Marbach, in Michelbach! Dazu unten mehr.

Wie bei Marbach direkt berichtet, entsteht ein Fadenkreuz, wenn man auf einem Plan oder einer Karte Marbach mit Michelbach sowie Dagobertshausen mit Wehrda, jeweils durch Striche, verbindet. Dort, wo sich die beiden Linien kreuzen, liegt jedoch kein Tatort. Es ist ein Waldgebiet von etwa 100 Hektar Größe mit Hunderten von Bäumen. 97 Hektar Mischwald. Fachleute des Regierungspräsidiums etwa haben dem Areal oberhalb Marbachs und Michelbachs einen Namen gegeben: mögliches Vorranggebiet zur Nutzung der Windenergie oder Windvorrangfläche, Nummer 3128.

Antworten sind wichtig auf diese Fragen: Wie ist der aktuelle Stand der Planungen? Um welche Dimensionen geht es bei dem geplanten Windpark (Anzahl und Höhe der Windräder, beanspruchte Fläche)? Und wann könnte mit einem Baubeginn gerechnet werden? Gegenüber Marbach direkt hatte Anfang Februar 2016 die Sprecherin eines Unternehmens aus Meißen bestätigt, dass dieses prüfe, ob es dort möglich sei, Windenergieanlagen zu planen. “In diesem Zusammenhang führten wir erste Gespräche mit den Flächeneigentümern und haben Kontakt zur Gemeinde aufgebaut. Mit den Grundbesitzern möchten wir Nutzungsvereinbarungen schließen”, hieß es. “Wir sind dabei auf eine positive Stimmung gegenüber Windenergieerzeugung bei Michelbach gestoßen.” Basierend auf diesen Gesprächen gehe es nun in die Planung. Zu genauen Standorten, Anlagenzahlen oder -typen mochten sich die Windkraftanlagen-Bauer im Februar jedoch noch nicht äußern.

Wer sich das Protokoll der Dezember-Sitzung des Michelbacher Ortsbeirats durchliest, stößt auf andere interessierte Investoren und er stößt auf diese Passagen, die Marbach direkt auszugsweise im Wortlaut veröffentlicht:

„…Betr.: Windkraftnutzung am Görzhäuser Hof ….Der Ortsvorsteher…klärt mit den Gästen ab, dass dies eine Vorab-Information für den Ortsbeirat sei; eine Bürgerbeteiligung müsse zu einem späteren Zeitpunkt auch erfolgen….“

„…Görzhäuser Hof. Nur letzterer ist momentan noch übrig geblieben und hier handele es sich nicht um staatliche (öffentliche) Flächen, sondern um Flächen, die in privater Hand (bzw. der Industrie) stehen. Der Eigentümer…und die Stadt Marburg haben ein großes Interesse daran, die Öffentlichkeit an dem geplanten Bauvorhaben zu beteiligen.  …Der Prokurist des Unternehmens K… stellt den geplanten Windpark am Görzhäuser Hof vor….“

„Zu Beginn waren vier Standorte am Görzhäuser Hof geplant, jedoch aufgrund von Untersuchungen hinsichtlich verschiedener Arten von Fledermäusen (u.a. der Mopsfledermaus) blieben nur noch drei mögliche Standorte für Windenergieanlagen übrig. Bei allen werden die Schattenwurfprognose von 30min/Tag, der Mindestabstand von 1.000 Meter und der Schallschutz eingehalten. …“

„Infolge der Anforderungen an den Artenschutz werden momentan Untersuchungen hinsichtlich der Vorkommen und Lebensräume von Großvögeln durch das Marburger Unternehmen…durchgeführt….“

„…informiert die Anwesenden dieser Veranstaltung darüber, dass pro Anlage ca. 3 MW Leistung erwartet werden; die Nabenhöhe der WEA (Windenergieanlage) bei ca. 140 Meter liegt und die Rotorspitze somit bei ca. 200 Meter. Für jeden Standort müssten ca. 2.500 – 3.000 m² Waldflächen dauerhaft gerodet werden, die Zufahrt würde über die „alte Weinstraße“ erfolgen, welche dann natürlich auf eine Breite von ca. 6 – 7 m ausgebaut werden müsste….“

„Zu einer womöglichen Zeitenplanung einer Bebauung…: Die Untersuchung der Großvögel wird im Sommer 2016 wahrscheinlich abgeschlossen sein, so dass anschließend eine Information der BürgerINNEN Michelbachs im Bürgerhaus erfolgen wird. Frühestens im Herbst 2017 oder im Frühjahr 2018 könnte mit dem Bauvorhaben begonnen werden, sofern alle Auflagen usw. rechtlich geprüft und eingehalten werden….“

„…möchte ein Statement des Ortsbeirates zu den geplanten Windenergieanlagen am Görzhäuser Hof haben, sollte in dem Gremium allerdings schon keine Mehrheit für das geplante Bauvorhaben zustande kommen, wird… das Projekt nicht mehr weiter verfolgen. Ebenso würde er verfahren, wenn sich bei einer geplanten Informationsveranstaltung der Michelbacher Bürger keine Mehrheit dafür finden würde. …“

Zum aktuellen Stand der Planungen in Kürze mehr – bei Marbach direkt. Bislang hat sich der weitere Investor gegenüber Marbach direkt noch nicht geäußert.

Saisonstart! Brillen auf! Anbaden!

Dienstag, Mai 3rd, 2016

SAM_1981

Wer jetzt noch nicht seine Sommer-Schwimmbrille geputzt hat, sollte sich beeilen.   Foto: Daniel Grosse

Von Daniel Grosse

Morgen soll es endlich soweit sein: Das Aquamar (ohne M als Binnenmajuskel) startet in die Freibadsaison. Die Wetterprognosen sind günstig. Trockenes, warmes, sonniges Wetter haben die Meteorologen angekündigt. Also raus mit den Sommer-Schwimmbrillen! Ab 10 Uhr am morgigen 4. Mai sollen Badegäste, die dann ausschließlich das Freibadticket lösen, an diesem Tag auch freien Eintritt erhalten, teilt die Stadt mit. Täglich von 10 bis 19 Uhr wird das Freibad in den kommenden Tagen geöffnet sein.

Plausch am Ententeich – Der Unhold

Dienstag, Mai 3rd, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Plausch am Ententeich. In Marburg-Marbach geht die Suche weiter.   Bild: Barbara Grosse

In der sechzehnten Runde des Marbacher Online-Fortsetzungskrimis rund um Birger, Betty und Harry sucht ein Mann verzweifelt ein Loch zum Verschwinden, wittert derselbe das große Geld, liest irritiert ein Impressum – und ein anderer Mann weint.

Kapitel P: Der Unhold

Von Daniel Grosse

…Sein Skandal war seine Alte mit ihrer unsäglichen Art. Harry stand auf. Er musste raus aus diesem Mief. War das dort vorne an der Hausecke nicht der Zeitungsausträger? Den schnapp ich mir. Schon legte sich eine riesige Hand auf die Schulter eines kleinen Mannes. „Dich kenne ich doch. Du bringst jeden morgen brav die Zeitung und lungerst dann minutenlang vor meinem Haus herum.“ Der Zeitungsausträger wurde noch kleiner. Er beugte sich vor, suchte das Loch, in dem er verschwinden könnte. Aber es gab keines. „Kennst du die? Du kommst doch viel rum in der Marbach.“

Der Mann konnte es nicht fassen. Seine neuen Freunde. Oder waren sie eher Verbündete, Kumpane? Natürlich kannte er die zwei auf dem Foto, das ihm Harry vor die Nase hielt. War es jetzt klug, das diesem Raubein zu erzählen? Was wollte der grobe Kerl eigentlich von ihm? Der Zeitungsausträger erkannte sich selbst nicht wieder. Fast rebellisch waren seine Gedanken. Sonst immer angepasst, lehnte er sich erneut auf gegen seine Gewohnheiten. Und die waren: still sein, unauffällig leben, bloß nicht anecken. Aber dann hatte er sich das erste Mal in seinem Leben etwas getraut, neulich, als er bei dem Gartenmann geklingelt hatte. Ab diesem Zeitpunkt war er jemand. Und jetzt wieder.

„Nein, die zwei Leute kenne ich nicht.“ Harry schaute den kleinen Mann aus seinen kleinen Augen an. Die Sehschlitze waren blattdünn geworden. Sein Blick bohrte sich in die Augäpfel des Austrägers. Den Schmerz vermochte dieser fast körperlich zu fühlen. Konnte er diesem Wicht trauen? Andererseits, weshalb sollte er ihn, er war schließlich Harry, anlügen. Harry gab dem Austräger das Foto. „Wenn dir diese beiden in der Marbach während deiner Touren über den Weg laufen, dann ruf mich an.“ 1234567. Harry. Diesen Zettel mit dieser Nummer und diesem Namen würde der Zeitungsausträger garantiert gut aufbewahren. Und ihn vor allem gleich seinem Team zeigen. Denn das waren die anderen inzwischen für ihn geworden: ein Team. Die beiden jungen Leute, Betty und Birger, der ältere Herr, der Fotomann, und dann noch der Gartenmann.

„Eigentlich können wir wieder nach oben zur Marbacher Hütte gehen.“ Das Team der Suchenden saß auf der Bank am Ententeich. „Vielleicht kommen die beiden Frauen ja doch noch zurück.“ Betty sprach ihre Gedanken in die Runde. „Und was ist mit Ihnen?“ Sie sah den Austräger an. Irgendwie blass sah er aus, fand Betty. Ist was? Tatsächlich diese Frage hatte Betty ihm gestellt, dachte der Zeitungsausträger. Und ob etwas ist. Ich habe euch in meiner Hosentasche stecken. Euch, wie ihr auf einem Foto erschrocken in die Kamera guckt. Und ein Vollbärtiger, Dickbäuchiger in Hausschlappen gekleideter Unhold hat mir dieses nette Porträt von euch in die Hand gedrückt. Und ich habe seine Nummer und kenne sogar seinen Namen. Was hätte der Austräger mit diesen Sätzen punkten können. Sein Ego wäre bestimmt um drei Meter gewachsen. Aber es durfte nicht sein. Er sprach diese gedachten, stummen Sätze also nicht aus. Einmal im Leben wollte er auch ein großes Geheimnis bewahren, einen Trumpf im Ärmel haben.

Natürlich wusste der Austräger von dem Foto. Und sicher war dieser Marbacher Riese der große Unbekannte hinter dem Frisierkopf-Rätsel. Betty und Birger hatten ja davon erzählt. Wenn er nun selbst mal auf der Sonnenseite stehen würde, wie wäre das?, überlegte der Austräger. Was er wohl für den Kopf bekommen würde von diesem Harry? 100 Euro, 1000 oder mehr? Da lag der Schädel vor ihm. Übel riechend, haarfein aufgerissen und mit verklebten Augen. Mit einem Trick konnte er die anderen ablenken und dann unbemerkt mit dem Schädel verschwinden. Harry würde ihn sicher fürstlich belohnen.

„Wollen Sie das haben“, fragte eine Stimme, die von ganz weg zu kommen schien. Der Austräger schüttelte sich, war wieder sofort zurück aus seiner Gedankenwelt rund um Harry. „Was denn“, fragte der Austräger?“ „Na, dieses Comic.“ Birger hielt ihm ein buntes Heft unter die Nase. Darauf zu sehen war ein Mann, nicht irgendeiner, sondern einer mit buschigem Vollbart, einem riesigen Bauch. Und seine Füße, ja, die steckten in Hausschuhen. In blutroter Schrift stand oben: Mord am Ententeich – Band 5. „Was ist denn das? Woher haben Sie das? Warum zeigen Sie mir das?“, fragte der Austräger. Seine Stimme war schrill, er zitterte. Er hatte es nicht gewagt, die erste Seite des Comics aufzuschlagen. „Das ist doch nur eines meiner Lieblingshefte. Wussten Sie denn nicht, dass ich die Comicreihe ‚Mord am Ententeich‘ regelmäßig lese? Nein, eher verschlinge ich die Hefte.“ Birger sah den verdutzten Austräger an. Betty ermutigte den Mann. „Nehmen Sie das Heft. Birger hat jeden Band mehrfach.“

Da saß er nun, der kleine Mann. Dort auf einer Bank am Ententeich in der Marbach. In seinen Händen ein Comic, das scheinbar von einem handelte, der ein Killer sein musste. Zumindest, wenn er dem Titelblatt glaubte. Geschichtenwelt und echtes Leben verschmolzen miteinander. Eben noch hätte der Austräger mit dem Kopf viel Geld verdienen können, nun wurde Harry bereits von Comic-Machern als Mörder verwurstet. Da drehte er das Heft beiläufig um, studierte die Rückseite. Ganz klein geschrieben war dort unten in der Ecke ein Vermerk: Impressum. Warum er diese Zeilen überflog, wusste der Austräger selbst nicht. Erneut spürte er eine fleischige Hand im Nacken von einem Kerl, der aber diesmal nicht real war. Der Austräger starrte aufs Impressum, denn Herausgeber der Comicreihe waren nicht etwa Disney oder Ehapa, sondern eine Frisörakademie. Und die kannte er nur zu gut.

An der Tankstelle Ecke Brunnenstraße/Emil-von-Behringstraße kaufte sich zur selben Zeit ein Mann ein Eis. Er war sehr groß und kräftig, schwarzes, volles Haar, das ihm üppig vom Kopf abstand. Er trug ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Sommers wie winters kannten ihn so die Marbacher. Auch der Tankstellenkassierer lächelte und fragte ihn: „Dazu die Bild, wie immer?“ Vor der Tankstelle schlug der Mann das Blatt auf: Eine 21 Jahre alte Frau aus Somalia überschüttet sich mit Benzin und zündet sich selbst an. Tragödie in dem australischen Flüchtlingslager auf Nauru. Damit wollte sie gegen ihre Internierung auf der umstrittenen Pazifikinsel protestieren, schrieb die Zeitung. Tränen liefen dem Mann im schwarzen T-Shirt über die Wangen.

….Fortsetzung folgt.