Archive for Juni, 2016

Marbacher Nachrichten in Kürze

Mittwoch, Juni 29th, 2016

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Der Waschbär ist ja so süß – und zerstörerisch.      Foto: Rolfes/DJV

Liebe Marbacherinnen und Marbacher,

vom 9. bis 17. Juli ist es endlich soweit: Zeit für die Marbacher Nachrichten. In diesen Tagen werden Sie in Ihren Zeitungsrohren und Briefkästen vieles aus der und und über die Marbach lesen. Geplant haben wir unter anderem diese Themen:

  • Waschbären als putzige Zerstörer
  • Marbacher Ortsbeirat erfindet sich neu
  • Giganten mit Rotoren
  • Neues Dorf am Höhenweg
  • Einkaufen im Stadtteil Marbach
  • LED und kein Ende
  • Umweltzone, und keiner merkt’s
  • Verpasste Chancen beim Feuerwehrspielplatz
  • Der Brandfleck in der Ortsmitte – eventuell ein Thema
  • Tischtennis ganz weit im Norden
  • Marbacher im Kräuterrausch
  • Erster Marbach-Krimi bald als Taschenbuch
  • und so weiter…

Marbacher Nachrichten in Kürze

Dienstag, Juni 14th, 2016

Liebe Marbacherinnen und Marbacher,

in Kürze werden wieder die Marbacher Nachrichten in Ihren Zeitungsrohren und Briefkästen liegen. Nach dem Wechsel der Redaktionsleitung müssen wir uns neu ordnen. Zudem müssen wir zusätzlich den Ortswechsel eines Redaktionsmitgliedes verkraften. Aber der Kollege wird wohl trotzdem weiterhin Beiträge für die Marbacher Nachrichten liefern. Geplante Themen für die aktuelle Ausgabe sind daher bislang:

  • Plausch am Ententeich – der Marbach-Krimi
  • Aktueller Stand zur Bebauung hinter dem Höhenweg
  • Aktueller Stand zu einem tegut-Markt auf dem ehemaligen Gärtnerei-Gelände
  • Aktueller Stand zu den gigantischen Windrädern nahe des Görzhäuser Hofs, zwischen Marbach und Michelbach
  • Die Verkehrssituation in der Emil-von-Behring-Straße hinter der Kita
  • Die neue Saison im Marbacher Kräutergarten auf der Bürgerhauswiese, wo Mitmacher herzlich eingeladen sind
  • Die Geschichte des Feuerwehrspielplatzes in der Brunnenstraße und ein Ausblick
  • Vorstellung des neuen Marbacher Ortsvorstehers – und des Ortsbeirates
  • Reisebericht zur Turnierfahrt der Tischtennisabteilung des TSV Marbach
  • und noch Vieles mehr…

Gruß,

Daniel Grosse

Plausch am Ententeich – Die Hütte

Dienstag, Juni 14th, 2016

Gut, damit steht unter diesem fünfundzwanzigsten Kapitel ein letztes Mal „Fortsetzung folgt“. Denn mit dem Kapitel Z ist in Kürze der hyperlokale Online-Fortsetzungskrimi, Plausch am Ententeich, beendet. Dieses Mal lesen Sie, warum es manchmal scheinbar wichtig ist, innerorts 80 zu fahren, warum die Augen brannten, was sich durch die Marbach schlängelt, wer keine Auskunft erteilt, was Hütten verbergen und was ansonsten Unfassbares auf der Welt geschieht.

Kapitel Y: Die Hütte

Von Daniel Grosse

…Hätte der Zeitungschef gewusst, was soeben in der Marbach geschehen, war, er hätte die Bargeld-Meldung von der Seite gekickt. Aber sie war im Moment nun einmal das beste, was er hatte für die Seite 1. Da klingelte sein Telefon. „Krahlich, Pressestelle Marburger Polizeipräsidium, wir haben ein Problem.“ Eine Minute später hätte der Journalist den PR-Kollegen der Polizei am liebsten gleichzeitig umarmt und erwürgt.

Inzwischen war es später Sonntagnachmittag, 16 Uhr, in vier Stunden würde Harrys Ultimatum ablaufen, wenn der Kopf bis dahin nicht gefunden war und bei Harry wäre. Das war Birger, Betty, dem Gartenmann, dem Zeitungsausträger und auch dem älteren Herrn bewusst – aber egal. „Was kümmert uns das jetzt noch?“, fragte jemand von ihnen in die Runde. Betty kniete neben der schönen Polizistin und hielt sie fest im Arm, blinzelte Birger dabei zu. Der verstand nichts. Oder doch? Betty und Frauen?, überlegte Birger. Das klären wir später. Die Kommissarin war noch immer ganz benommen, hatte aber schnell ihre Dienststelle angerufen. Der Pressemann dort reagierte, woraufhin kurz darauf das Telefon des Redaktionsleiters geklingelt und dieser von der Sache in der Frisörakademie erfahren hatte. Allerdings hatte die Polizei keineswegs ein Interesse daran, dass ein Journalist schnelles und gutes Futter für seine Zeitungsseiten bekommen sollte. Das Interesse ging in eine ganz andere Richtung. Die kleine Vermisstenmeldung kürzlich in der Zeitung, war der Anlass. Biene und Bella wurden darin beschrieben, es hieß, sie seien vermisst. Um Hinweise war gebeten worden.

Und deshalb kam nun auch einige Minuten später der Redaktionsleiter gemeinsam mit dem Polizeisprecher Krahlich in einem alten Porsche 911 den Marbacher Weg herauf gerast. „50 bitte, der Herr.“ Doch der Journalist kümmerte sich nicht um den Regel-hörigen Krahlich neben ihm. 80 zeigte die Tachonadel, als die beiden am Abzweig zum Köhlersgrund vorbei fuhren. „Das klären wir später“, sagte der Polizeisprecher streng, drehte den Kopf zur Seite und grinste. Schließlich wusste er, wie sehr sich der Journalist nach jedem Signal der Kommissarin sehnte. Jedes kleine Zeichen, das andeutete: „Ja, mit uns zwei könnte es etwas werden“, war ein Fest für den Zeitungsmann. Er begehrte diese Polizistin. Und nun war sie verletzt, wie schlimm, wussten weder der Polizeisprecher noch der Journalist. Beide mussten schnell zu ihr.

Vor dem Frisörsalon stand bereits ein Notarztwagen. Ein Flatterband sperrte die Frisörakademie weiträumig ab. Neugierige reckten die Hälse. Die Marbacher Feuerwehr hatte erst vorhin einen gemeinsamen Ausflug mit dem örtlichen Männergesangverein unternommen. So kam es, dass auch zwei Feuerwehrfahrzeuge unweit des Tatorts parkten. Schnell wuchs die Zahl der Neugierigen an. „Was ist los?“, rief jemand dem Gartenmann zu, der vor der Akademie kurz frische Luft schnappen musste. „Frag die Polizei“, erwiderte der. „Aber du bist doch vor Ort. Also, was ist passiert?“ Langsam wurde der Marbacher Ortsvorsteher unruhig. Kannte er doch den Gartenmann schon so viele Jahre und nun stellte der sich so bockig an. Noch nicht mal diese kleine Auskunft. Missmutig stellte sich der Ortsvorsteher zu den anderen in die Menge.

„Wie geht es Ihnen? Was haben Sie gesehen? Was ist geschehen?“ Wie die Kommissarin, war auch der Polizeisprecher ein Profi. Die Fragen durften sachlich sein. Anteilnahme kam später. Jetzt ging es um schnelle Ermittlungsergebnisse. Auch der Redaktionsleiter war dazu gekommen. Sanft, fast schon beiläufig, küsste er die Polizistin auf die Wange. Sie schaute ihn an, lächelte. „Du bist lieb, aber jetzt zur Sache“, sagte die Kommissarin und berichtete präzise, was geschehen war. Birger und Betty, die die Zärtlichkeiten zwischen den beiden sehr wohl bemerkt hatten, hörten der Kommissarin zu. Der ältere Herr mit seinen Pressefoto-Erfahrungen vom WM-Jahr 1982 und der Redaktionsleiter nickten sich zu. Sie kannten sich schon seit Jahrzehnten. Auch den Zeitungsausträger hatte der Zeitungschef erkannt. In der Kantine des Zeitungshauses war er ihm häufiger aufgefallen, so schüchtern und klein wie er war. Wohl gerade deshalb.

Diese paar Haare, dort am Tatort, mussten dieser Biene gehören. Der dicke Mann, der der Kommissarin eine halbe Dose Reizgas in die Augen gesprüht hatte, war ganz sicher Harry. Also der, der unbedingt diesen Frisierschädel brauchte. Alles schien so klar und einfach zu sein. Zudem zog sich auch noch eine lange Blutspur durch den Flur der Frisörakademie. Also gab es für die Spurensicherung und ihre Kollegen von der Medizinerfront massenweise Material. Fast schon wie eine Schnitzeljagd, dachte Birger. Da müssten sie diesen Harry doch leicht finden können.

„Ihr habt uns doch damals diese Meldung geschickt, dass zwei Frauen, die eine mit roten Haarbüscheln und die andere mit einem Po-langen schwarzen Zopf, von der Frisöakademie vermisst wurden, oder“, fragte die Kommissarin den Redaktionsleiter wieder ganz sachlich. „Ja, nach dem Anruf eures Herrn Krahlich habe ich schnell die Unterlagen geholt und die Datei aus der Anzeigenabteilung ausgedruckt.“ Die Anzeige war damals nicht per Mail, per Internet oder telefonisch bei der Marburger Tageszeitung eingegangen – sondern persönlich überbracht worden. „Ja, das ist schon ungewöhnlich, kommt aber vor in kleineren Städten wie Marburg.“ Der Journalist grinste. „Und wisst ihr, wie die beiden Personen aussahen, die die Vermisstenmeldung bei uns in der Anzeigenabteilung abgegeben hatten?“ Diese Besonderheit war das erste, was ihm seine Kollegin im Zeitungshaus vorhin noch zugerufen hatte, diese komische Randnotiz. „Die eine hatte rote Haarbüschel auf dem Kopf und die andere einen sehr, sehr langen Zopf.“ Wow, das wird doch noch eine Geschichte, freute sich der Journalist, während er das den anderen berichtete. Denn so sehr er auch das Vertrauensverhältnis zur Poizei schätzte und diese unglaubliche Ermittlerin liebte, war er doch auf seinem Gebiet zu sehr Profi, als dass er das nicht verarbeiten würde. Noch nicht morgen, aber vielleicht übermorgen würde das sein Aufmacher auf der Seite 1.

„Und welche Namen hatten die beiden“, wollte die Kommissarin wissen, „mit welchen Namen haben sie die Suchanzeige unterzeichnet?“ Tine und Stella Berger. Irgendwas stimmte nicht. Allen war das klar. Und das war mehr als dieses Ähnlichkeit der Personen und die ähnlich klingenden Namen der Frauen. Biene und Bella, Tine und Stella. Rote Haare, schwarzer Zopf. Harry. Den galt es zu finden.

Aus dem Hinterausgang der Frisörakademie trat ein ganzer Pulk an Menschen heraus. Zum Glück hatten die Kollegen von der Spurensicherung und die Mediziner nichts dagegen, dass sie der Blutspur folgten. Die Spur war breit, verwertbares Material in Massen. Die Kommissarin ging vorne weg, dahinter der Polizeisprecher, zwei weitere Beamte, und in einigem Abstand folgten der Redaktionsleiter, zudem Betty, Birger und die drei Marbacher, die inzwischen schon so etwas,wie ihre Freunde geworden waren. Das Du war längst selbstverständlich.

Das Grüppchen ging durch mehrere Gärten, stieg über drei Zäune, immer noch schlängelte sich die Blutspur durch die schöne Marbacher Natur. Die Kommissarin hatte dem brutalen Mann in den Oberschenkel getroffen. Dem starken Blutverlust nach zu urteilen, war das Projektil scheinbar in ein Gefäß eingedrungen mit lebenswichtiger Funktion. Ob dieser Mann überhaupt noch lebte?, fragte sich die Polizistin und stand plötzlich vor einem – nein, ein Haus war das nicht, eher eine Hütte. Sie kannte sich in der Marbach zwar nicht sehr gut aus, aber irgendwo in der Nähe der Brunnenstraße mussten sie wohl sein. Die Turmglocken der Markuskirche läuteten. 17 Uhr.

Von drinnen drang Geschirrgeklapper durch die Fenster. Eines stand offen. Ein Radio war wohl eingeschaltet, der Nachrichtensprecher machte seinen Job: „Es ist die bisher schlimmste Bluttat eines Todesschützen in der US-Geschichte: In dem Nachtklub Pulse hat ein Mann in der Nacht zu Sonntag Dutzende Menschen als Geiseln genommen und erschossen. 50 Gäste seien gestorben, sagte Orlandos Bürgermeister. Zudem seien 53 Menschen verletzt worden, von denen viele noch in Lebensgefahr schwebten. Der Angreifer wurde von der Polizei getötet.“ Der Nachrichtensprecher fasste mit diesen Worten nochmals zusammen, was bereits den ganzen Tag durch die Medien ging und so unfassbar schien.

Alle hatten einen Kloß im Hals nach dieser Meldung, aber die Polizisten und der Journalist waren Profis genug, so dass sie gleich wieder innerlich umschalteten und auch hier in der Marbach mit dem Schlimmsten rechneten: mit einem schwer bewaffneten, schwer verletzten brutalen Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte – außer diesen Frisierkopf vielleicht. Dann ging alles ganz schnell. Die einfache Holztür zerbarst, die Polizisten stürmten in die Hütte, in der Küche schrie eine Frau. Und in einem großen roten Sessel saß ein Mann mit dickem Bauch und Glatze, Hausschuhen an den Füßen, sein Vollbart war seltsam weiß verschmiert. Weit aufgerissene Augen starrten die eben Hereingestürmten an. In dem Mund des Mannes steckte etwas. Es war weiß und stank. Der Mann war nicht verwundet.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Seite 1

Montag, Juni 13th, 2016

Vierundzwanzig Kapitel beschreiben inzwischen, was auch in einem so kleinen Stadtteil wie Marburg-Marbach alles geschehen kann oder könnte. Noch zwei Kapitel, dann endet der Plausch am Ententeich. Deshalb wünsche ich allen Leserinnen und Lesern für dieses aktuelle Kapitel X nochmal ganz viel Spaß, gute Unterhaltung und viel Überraschendes. Wieder in wenig mehr als 45 Minuten geschrieben. Darum geht es diesmal: einen Schatten, eine Waffe im Stiefel, Hitze im Auge, eine unfassbare Knebelvariante und einen verdutzten Journalisten. Und: Für Hinweise auf Fehler bin ich immer dankbar.

Kapitel X: Die Seite 1

Von Daniel Grosse

…Eine Träne lief über die linke Wange des älteren Herrn. 1982. Lange war das her. Und nun, und heute? Da hatten irre Frauen ihn misshandelt, gedemütigt, in diesem verrückten Jahr 2016 rannte er durch die Marbacher Straßen, war mit seinen anderen Marbacher Freunden ein Jäger des Kopfes geworden. Oder doch eher ein Gejagter? Und nun auch noch eine Kommissarin an seiner Seite. Es war verrückt.

Frisörakademie stand in großen roten Buchstaben auf der Scheibe des rechten Fensters. Über dem Eingang leuchtete der gleiche Schriftzug, rot. Dass die Leuchtsschrift an war, an einem Sonntag und dann noch tagsüber, wunderte nicht nur die Kommissarin. „Die werden doch nicht heute arbeiten oder lernen dort drin?“, fragte sie sich selbst. Die anderen bekamen ihre Zweifel mit. Der Zeitungsausträger kannte sich gut aus, war er doch schon hunderte Male hier vorbei gekommen. Das Zeitungsrohr war natürlich leer. Aber warum NATÜRLICH? Vorhin im Zaun des Gutshofs hatte doch auch die Sonntagsausgabe der Marburger Tageszeitung gesteckt. Hier nicht, also war jemand hier gewesen oder ist es noch. Die Kommissarin drückte auf den, hinter einer Klappe verborgenen Klingelknopf, den der Zeitungsausträger ihr zeigte. Nichts geschah. Nochmal, ein zweiter Versuch, diesmal trat auf dem Daumen der Polizistin schon das Weiße hervor, so fest presste sie ihn auf den Knopf. Durch die Scheibe war irgendetwas ganz kurz zu sehen gewesen. Fast wie ein Schatten, für weniger als eine Sekunde. Kein Zweifel, dort drinnen war jemand und der oder die wollte sich scheinbar nicht auf ein Pläuschchen einlassen.

Die Kommissarin rief im Präsidium an. Zwei Kollegen mit technischer Ausrüstung sollten herkommen. Zügig. Das Schloss der Eingangstür war nicht allzu massiv. Das müsste schnell gehen, überlegte die Poizistin und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Birger stand direkt neben dieser überaus attraktiven Ermittlerin. Er roch ihr Parfum. Nur ein Hauch davon umgab diese große, schlanke Frau. Birger stand nun eine Fußlänge schräg hinter ihr und schaute – in ihren Ausschnitt. Aber was war bloß los mit ihm? Da stand er hier mit seiner Freundin Betty, seinen neuen Freunden und war vielleicht kurz davor, irgendein Verbrechen aufzuklären, und was tat er? Er ließ sich von einer Fremden derart anziehen, wie ein Teenager bei seinem ersten Rendezvous.

Schon wieder zwickte ihm plötzlich jemand in den Hintern. Birger schrie auf, Betty hielt ihm von hinten den Mund zu und flüsterte ihrem Freund ins Ohr: „Pass auf mein Freund, darüber sprechen wir später. Mir gefällt die Frau ja auch, so als Mensch, meine ich. Aber du kümmerst dich mal besser um deine Comic-Reihe „Mord am Ententeich“ und meine regelmäßigen Rationen Schwarzwälder Kirschtorte. Und du kümmerst dich um mich – und nicht um die da.“

Die Kollegen der Kommissarin schraubten keine fünfzehn Minuten später mit irgendwelchem Spezialwerkzeug an dem Schloss der Eingangstür herum. Es summte, blinkte, knackte. Die Tür war offen. „Sie bleiben hier draußen und verhalten sich still“, wies die Kommissarin die fürnf Marbacher in ernstem Ton zurecht. Gemeinsam mit ihren beiden Kollegen betrat sie die Frisörakademie. Nichts auffälliges zu sehen. Es sah dort eben so aus, wie in einem Frisörsalon, der einfach zehnmal geklont worden war, damit viele gleichzeitig arbeiten und lernen konnten. Haarspray, ja es roch nach Haarspray. Aber nicht nach altem, das vor Tagen versprüht worden war. Noch gerade eben musste hier jemand gewesen sein. Auf einem der Stühle lag etwas. Die Kommissarin nahm es zwischen ihre Finger, rief leise ihre Kollegen herbei. „Ganz eindeutig, eine rote Haarsträhne.“

Sie zog ihre Dienstwaffe aus dem Holster in ihrem rechten Stiefel. Die beiden Kollegen schauten sich an und grinsten. Schließlich war das eine Angewohnheit, die sie kannten, die aber im Kollegenkreis immer wieder für Diskussionen gesorgt hatte. „Eine Dienstwaffe gehört ordentlich verwahrt, wir sind doch nicht im Wilden Westen oder in einem Fernsehthriller“, hörten die beiden in ihrer Erinnerung noch den Polizeipräsidenten bei der letzten Besprechung sagen. Wem das allerdings egal gewesen war? Der Kommissarin. Sie machte, was sie wollte. Dazu gehörte der regelmäßige Plausch mit ihrem geliebten Redaktionsleiter – und eben auch die kleine Waffe in ihrem rechten Stiefel. Da konnte der Polizeipräsident nölen wie er wollte.

Das Getrampel war ohrenbetäubend. Ein massiger Leib musste da eben auf sie zugestürmt gekommen sein, so schwer donnerten die Schritte. Das zumindest war alles, was die Kommissarin noch mitbekam. Dann begannen ihre Augen zu brennen, so als ob jemand ihr glühende Eisenspieße in die Augäpfel drücken würde. Sie schrie. Ihre Kollegen lagen währenddessen schon fest verschnürt auf dem Boden in der Besenkammer der Frisörakademie. Einem Mann mit einem mächtigen Bauch, einer Glatze und einem langen Bart rutschte soeben ein Hausschuh von seinem Fuß. Das ärgerte ihn zwar, aber wichtiger war, dass er diese drei hier sicher unter Kontrolle hatte.

Die Kommissarin hatte noch versucht, weg zu rennen, aber sie war vollkommen orientierungslos von diesem Zeug da in ihren Augen. Und Sekunden später unklammerte auch ein gewaltiger Arm ihren Hals, presste ihr die Luftröhre zu. Der Frau wurde schwarz vor Augen. Aber den Abzug ihrer kleinen Waffe konnte sie gerade noch ziehen. Ein Schuss knallte. „Du Sau!“, schrie eine Männerstimme. Dann kamen mindestens zehn Füße angerannt. Das konnte die Kommissarin noch wahrnehmen. Mehr nicht. Blackout.

Birger erreichte die Kommissarin als erster. Er kniete sich über den leblosen Körper dieser Ermittlerin, die doch vorhin noch so präsent, so stark und souverän gewirkt hatte. Leblos – aber immer noch ungemein anziehend. Birger erschrak über sich selbst, über seine Gedanken. Die Augen der Polizistin waren geschlossen. Tiefrote Ränder umgaben die Augen. Aus dem Mund der Kommissarin drang nur ein Röcheln. Sie rang um Luft. Birger erinnerte sich an seinen jüngsten Erste-Hilfe-Kurs, kürzlich mit Betty. So begann er mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Betty schob ihn aber sanft zur Seite und machte weiter. Die Frau hustete, kam zu sich.

Von nebenan, es musste wohl ein Abstellraum oder eine Besenkammer sein, war Gepolter zu hören. Der Gartenmann schaute in den Raum. Die beiden Polizisten lagen in einer Ecke, gefesselt, jedem steckte ein Knebel im Mund. Aber was war das tatsächlich? Jedenfalls kein Knebel. Es war eine weiße Masse, die den beiden da aus dem Mund quoll. Und den Geruch, der sich im Raum ausbreitete, kannten die fünf Marbacher nur zu gut. Es stank.

In der Redaktion der Marburger Tageszeitung saß währenddessen der Redaktionsleiter vor seinem Computermonitor und schaute sich den aktuellen Aufmacher der morgigen Zeitungsausgabe an. Noch immer bedauerte er es, dass der Kaffeeplausch mit seiner lieben Polizei-Freundin, die heute auch wieder besonders klasse ausgesehen hatte, so plötzlich enden musste. Der Journalist las die Top-Meldung laut vor, so wie er es damals schon während seiner Volontärsausbildung gelernt hatte, um holprige Formulieren leichter zu entdecken: „Bundesbank hält an Bargeld fest – Sollte Bargeld abgeschafft werden? Der Bundesbank-Chef lehnt solche Vorschläge ab. Eine Abschaffung zerstöre das Vertrauen der Bürger. Nach Meinung der Bundesbank soll es auch in Zukunft Bargeld geben. Er halte die Abschaffung des Bargelds für kein sinnvolles Instrument, um die Geldpolitik zu beflügeln, sagte der Bundesbank-Präsident bei einer Tagung der Notenbank in Frankfurt. Und es würde auch das Vertrauen der Bürger in die Geldpolitik zerstören. Nach dem Aus für den 500-Euro-Schein hatte es Diskussionen gegeben, ob Bargeld langfristig tatsächlich komplett abgeschafft werden sollte.“ Da endete die Top-Meldung.

„Richtig so“, rief der Redaktionsleiter laut durch seine geöffnete Tür. Ein Praktikant am Nachbartisch verstand gar nichts. „Na das, was das Bargeld angeht und wie du den Text geschrieben hast“, erklärte der gestandene Journalist seinem immer noch fragend dahinglotzenden Praktikanten. Hätte der Zeitungschef gewusst, was soeben in der Marbach geschehen, war, er hätte die Bargeld-Meldung von der Seite gekickt. Aber sie war im Moment nun einmal das beste, was er hatte für die Seite 1. Da klingelte sein Telefon. „Krahlich, Pressestelle Marburger Polizeipräsidium, wir haben ein Problem.“ Eine Minute später hätte der Journalist den PR-Kollegen der Polizei am liebsten gleichzeitig umarmt und erwürgt.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Ermittlerin

Sonntag, Juni 12th, 2016

Dreiundzwanzigste Runde beim Plausch. Die Polizei mischt mit, Frust im Untergrund, Fußballfieber grassiert, und ein Mann, der Fotografieren liebt, weint. Was ist bloß los in Marburg-Marbach?

Kapitel W: Die Ermittlerin

Von Daniel Grosse

…Die fünf saugten die Frische in ihre Lungen. Schräg gegenüber steckte die aktuelle Zeitung im Gartenzaun des Gutshofs. Der Zeitungsausträger wunderte sich zwar darüber, wer seinen Job übernommen hatte, las dann aber vor: „Der US-Vorwahlkampf ist zu Ende: Hillary Clinton sichert sich die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten – als erste Frau in der Geschichte der USA, ein historischer Moment.“ Trotzdem sei sie, Medienberichten zufolge, die unbeliebteste Kandidatin seit Langem. Nur einer sei unbeliebter – der Mann, der zwischen ihr und dem Weißen Haus stehe: Donald Trump. „Den greift sie denn auch frontal an“, las der Austräger vor. Schön, dachte Betty, wie wohl unser Kampf hier ausgeht. War es Zeit, die Polizei einzuschalten?

Im Büro des Leiters der Lokalredaktion saß die Kommissarin und hob ihre Kaffeetasse in Richtung Mund. Auf halbem Weg dahin, brummte ihr Handy in der Brusttasche ihrer Bluse. Vor Schreck riss sie die Tasse nach oben und ein Schwall Kaffee landete direkt im Gesicht des Redakteurs. „Entschuldige“, war alles, was sie noch sagen konnte, schon hielt sie sich ihr Handy ans Ohr. „Wir haben eben einen Anruf aus der Marbach erhalten. Es geht wohl um fünf Personen, die irgendeinen Kopf jagen, oder zwei Frauen, und ein Harry ist auch noch beteiligt. Ich verstehe das alles nicht so recht“, erzählte der Diensthabende im Präsidium der Kommissarin, die an diesem Sonntag doch eigentlich nur in Ruhe ihren Kaffee mit ihrem Lieblingsjournalisten genießen wollte. „Ich muss los“, sagte sie noch im Rausgehen zu dem Redaktionsleiter, „vielleicht ein anderes Mal.“ Der: „Hast du etwas für mich, eine Geschichte?“ Kein Kommentar.“ Weg war die Kommissarin.

Auf der Bank am Ententeich saßen Birger, Betty, der Zeitungsausträger, der Gartenmann und der ältere Herr. Noch etwa elf Stunden, heute abend, noch vor dem Anpfiff des Spiels, würde Harrys Ultimatum ablaufen. Aber sie müssten jetzt all das, diesen Wahnsinn hier, ja nicht mehr alleine entscheiden und ertragen. Ob Harry gleich in U-Haft marschiert, oder ob Bella und Biene in Handschellen in irgendeinen Kerker kommen? Sollte das doch die Kommissarin entscheiden. Da waren die fünf sich einig. Dieser Polizist eben in dem Polizeipräsisium wollte schließlich seiner Vorgesetzten gleich Bescheid geben und sie herschicken.

„Und, Betty, erinnerst du dich, wie vor drei Tagen dieser ganze Irrsin angefangen hatte?“ „Klar“, sagte seine Freundin. So viel war geschehen. Der Streit zwischen den zwei Frauen, der Kopf, den sie mit genommen hatten, Birger und Betty, die Nachricht auf dem Display des Kopfes. Dort hatten sie von den 72 Stunden gelesen, nach denen Harry den Kopf spätestens zurück bekommen sollte, andernfalls: ein Blutbad mit Biene und Bella mitten drin? Die zwei Frauen mit aufgeschnitttener Kehle?

Nebn den fünf, die auf der Bank am Ententeich saßen, hielt eine dunkle Limousine. Eine Frau stieg aus, blond, sehr groß, gekleidet mit einer gelben Bluse, Jeans und langen Schaftstiefeln. Attraktiv, dachte Birger. Betty kniff Birger in den Po. Sie hatte den lüsternen Blick ihres Freundes bemerkt. „Sind Sie die fünf, die sich bei uns gemeldet hatten wegen dieser irren Geschichte“?, fragte die Kommissarin. Wer sonst? Alle fünf plapperten aufgeregt durcheinander, erzählten der Kommissarin aber dann doch die ganze Geschichte von Anfang an.

Nach 20 Minuten schaute die Polizistin mit starrem Blick ins Wasser des Ententeichs. „Wow!“, was für eine irre Story. „Ja, oder? Und was nun“, lautete Bettys Gegenfrage. „Sie zeigen mir jetzt sofort, wo Sie gefangen genommen worden sind.“ Fünf Minuten später tasteten sich fünf Marbacher und eine Polizistin im Schein einer starken LED-Taschenlampe durch die Gänge neben der Brunnenstraße. Noch immer waberte dieser Gestank in der Luft. Aber nur ganz leicht. Birger konnte es nicht fassen, denn da schon wieder der Beweis für die seltsamen Bedürfnisse so mancher Menschen: Kondome lagen dort herum in dieser feuchten Untergrundwelt.

Der Raum, wo Betty, der Zeitungsmann, der ältere Herr und auch der Gartenmann gelegen hatten – später auch Birger -, sah noch genauso aus, wie gestern. Aber etwas ganz entscheidendes war doch anders: Der Raum war leer. Keine Erde, keine Objektive, keine Zeitung. Sahne? Fehlanzeige. „Schauen Sie doch mal hinter die Kiste dort in der Ecke, dort müsste der Rucksack mit dem Frisierkopf liegen“, sagte Betty zu der Kommissarin. „Da ist nichts.“ Die Kommissarin schaute die fünf etwas zerknirscht an.

Wieder draußen vor der schweren Eisentür, forderte die Polizistin die fünf auf, dass sie am Nachmittag ins Präsidium kommen sollten wegen eines genauen schriftlichen Protokolls. Der Gartenmann rechnete. „Ist Ihnen klar, dass dann Biene und diese Bella vielleicht nur noch wenige Stunden zu leben haben? Handeln sie doch jetzt“, forderte der Gartenmann die Kommissarin auf. Aber was sollte sie tun? Wo sollte sie ermitteln. Zu haarsträubend erschien ihr auch die Geschichte zu sein, die die fünf ihr da aufgetischt hatten.

Die Zeitungsmeldung von vorgestern kam dem Zeitungsmann wieder in den Sinn. Schnell erzählte er dem Gartenmann davon, der das doch auch gelesen hatte. Denn in der Zeitung hatte in der linken Spalte doch gestanden, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es vorgestern in der Meldung. Darunter das Wetter. Besondere Kennzeichen hatten die Redakteure auch noch geliefert: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden. Das war ein Ansatz. „Lassen Sie uns doch zu der Friseurakademie in der Emil-von-Behring-Straße gehen“, meinte der Gartenmann. Dort werde es schon irgendeinen Namen oder eine Telefonnummer geben mit Hinweisen auf den Chef der Akademie. Auch Biene und Bella müssten da ja bekannt sein. Es war zwar Sonntag – und auch die Kommissarin wollte nachher das Spiel sehen, aber gut. Diese letzte Chance wollte sie diesen seltsamen fünf Marbachern noch geben. Also los, zur Friseurakademie.

Fahnen-schwenkende Fans, in Schwarz-Rot-Gold gekleidet, kamen ihnen bei der Tankstelle entgegen. Der andere Bäcker neben der Friseurakademie hatte natürlich geschlossen. Im Schaufenster lagen Fußballbrötchen. Immerhin sollte Deutschland ja an diesem Abend gegen die Ukraine antreten. Auf französischem Boden würde den deutschen Fußballspielern bei der Europameisterschaft aber zumindest vielleicht eines helfen: die Gewissheit, dass die deutsche Nationalmannschaft noch nie gegen die Ukraine verloren hat. Ob sich das heute abend ändern wird?, überlegte der alte Mann. Er erinnerte sich daran, wie er in den Achtzigern bei der WM in Spanien als Fotoreporter unterwegs war. Für die Marburger Tageszeitung, exklusiv. Tja, damals konnten sich die Lokalzeitungen so etwas noch leisten. Eine Träne lief über seine linke Wange. 1982. Lange war das her. Und nun, und heute? Da hatten irre Frauen ihn misshandelt, gedemütigt, in diesem verrückten Jahr 2016 rannte er durch die Marbacher Straßen, war mit seinen anderen Marbacher Freunden ein Jäger des Kopfes geworden. Oder doch eher ein Gejagter? Und nun auch noch eine Kommissarin an seiner Seite. Es war verrückt.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Ekelmasse

Donnerstag, Juni 9th, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Die Jagd nach dem Kopf – ob sie schon beendet ist? In dem Marbach-Krimi wird es eklig. Zeit für die Ermittler der Polizei? Schließlich könnte es um mehr gehen als nur einen Frisierkopf und nur einen angekündigten Mord.   Bild: Barbara Grosse

Die zweiundzwanzigste Runde vom hyperlokalen Online-Fortsetzungskrimi, Plausch am Ententeich, startet. Erbrochenes kommt darin vor, viele Fragen tauchen auf, der Kopf macht mehr als Ärger und frische Luft tut einfach gut. Und dann noch der Wahlkampf.

Kapitel V: Die Ekelmasse

Von Daniel Grosse

…Hunderte Kilometer südlich der Marbach feierten währenddessen die Schweizer ein Jahrhundertereignis. Wie bei Birger, geschah dieses Unfassbare im Untergrund, tief drinnen im Fels. Denn nach fast 17 Jahren Bauzeit hatten die Schweizer im Gotthard-Massiv tatsächlich den längsten Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Am nördlichen und südlichen Ende fuhren gleichzeitig die ersten Züge in den Berg, verkündeten rund um die Welt die Nachrichtensprecher. Aber davon bekam Birger nichts mit. Wohl spürte er die feuchte Hand, die sich auf seine Wange legte. Aber dieses Gefühl, und das Husten neben ihm, verschwanden – waren plötzlich ganz weit weg.

Menschen flüsterten durcheinander, hatten krächzende Stimmen. Irgendwo inmitten dieser Dunkelheit schienen sich bedauernswerte Kreaturen zu übergeben. Würgegeräusche und ein beißender Geruch nach Buttersäure waren der Beweis dafür. „Wie sehen wir bloß aus“, fragte eine Frau. Ein Mann: „Ich kann nichts sehen.“ Über und über war er von Zeitungspapier bedeckt. Eine Stimme hinter einem Erd-verschmierten Gesicht wollte eben sprechen, erstarb jedoch, spuckte stattdessen einen großen Schwall Halbverdautes über die anderen hinweg. Es war absolut finster. In weiter Ferne riefen Kinder sich etwas zu, es hörte sich an wie: „Kommen wir noch pünktlich zur Schule?“

Birger war es, der sich plötzlich blitzschnell aufrichtete, ganz automatisch sein Smartphone nahm. Funkstille. Kein Strom mehr. Der Akku war längst leer. Ach, er befand sich ja in dieser feuchten Gruft. Birger kombinierte, so weit er das überhaupt noch schaffte in seinem Zustand, so sehr dröhnte sein Kopf – und dann diese Übelkeit. Seltsam, wie bei den anderen, wunderte er sich. Birger musste Stunden geschlafen haben. Oder war er derart lange sogar bewusstlos gewesen? Und was war hier eigentlich um ihn herum los? Es musste früher Morgen sein, Schulbeginn. Das Ultimatum. Birger rechnete, kam auf etwa 12 Stunden, die noch verblieben, ehe die Lebenszeit von Biene und Bella ablief. Es sei denn, Harry würde bis dahin den künstlichen Kopf zurückbekommen.

Eigentlich hatte ihn und die anderen all das aber gar nicht mehr zu interessieren. Harry war zweifelsohne extrem gefährlich, Biene und Bella schienen sadistisch durchs Leben zu gehen – und der Kopf? Ja, wo war der geblieben?

Birger nahm sein Feuerzeug aus der Hosentasche, zündete, die kleine Flamme spendete ein wenig Licht. Da erkannte er Betty. Sie kniete direkt vor ihm. Sie lächelte, umarmte ihren Freund liebevoll, und Birger begann zu erzählen, von gestern Abend. Davon, wie grotesk und seltsam sie und die drei Männer in diesem feuchten Marbacher Untergrund zugerichtet waren. Er berichtete ihnen von jedem Detail. Was keiner der fünf verstand, war, woher diese Übelkeit gekommen war. Denn sogar Birger war ja die ganze Zeit kurz davor, sich komplett zu entleeren. Zumindest den Magen. Und in der Luft waberte noch immer dieser ekelhafte Geruch, den die fünf kannten. Es war der Gestank aus dem Frisierkopf. Stimmt, der Kopf hatte ja einen Riss. Und vor vielen Stunden war dieser Gestank schon einmal aus dem Kunst-Schädel geströmt. Etwa in dem Haus des älteren Herrn, der so gern fotografierte. Also musste der Kopf doch hier sein, hier unten in diesem Labyrinth der feuchten Gänge und Räume.

„Wohin seid ihr eigentlich gestern so schnell verschwunden, nachdem diese beiden wahnsinnigen Stylefrauen Biene und Bella in der Markuskirche aufgetaucht waren? Ich hatte noch mit einem Teenager und diesem dicken Harry das Vergnügen. Dann rief ich auf deinem Telefon an, Betty, und da meldete sich diese Biene. Was war los? Haben die beiden verrückten Frauen euch so unglaublich durchgeknallt in Szene gesetzt – du mit Sahne, der alte Mann mit den Objektiven über dem Gesicht, die Erde auf dem Gartenmann und dann noch der in Zeitungspapier eingewickelte Austräger?“ Die Fragen purzelten nur so aus Birger heraus.

Woher sollte Birger auch wissen, dass Biene und Bella bewaffnet gewesen waren, gestern abend. Dass die vier sich plötzlich zwei Pistolen gegenüber sahen. Was hätten sie anderes tun sollen, als mit den beiden Verrückten mitzugehen, wohin auch immer? Sie hatten tatsächlich Betty, den Gartenmann, den älteren Herrn und den Zeitungsausträger in diesen gigantischen Wassertank im Erdinnern neben der Brunnenstraße gebracht. In dieses Labyrinth. Dort lagerten bereits die ganzen Utensilien, die die beiden Frauen für ihre Inszenierung brauchten: Sahne, Erde, Objektive, Zeitungen. Aber warum das Ganze? Weil sie den Kopf nicht bei den vier Menschen fanden, die sie entführt hatten? Aus Rache? Nein, dafür schien alles zu sehr geplant gewesen zu sein. Immerhin wussten Sie ja scheinbar auch einiges über die Vorlieben, Hobbys oder die Berufe der Entführten.

Was Biene und Bella allerdings nicht wussten, war, dass der Kopf die ganze Zeit, keine zehn Meter von ihnen, in einer Ecke des Raumes lag, verborgen hinter einer alten, angeschimmelten Holzkiste. Betty hatte ja den Rucksack mit dem Kopf nach der Aktion in der Markuskirche dabei gehabt und ihn schnell versteckt. Sie fürchtete sich zwar sehr, als die beiden Frauen sie zwangen, sich in diesem feuchten Raum hinzulegen und still zu sein. Aber den Rucksack hatte sie zum Glück noch hinter die Kiste werfen können. Da lag er immer noch.

Der anfängliche Riss hatte sich durch den Aufprall geweitet. Ein großes Loch offenbarte den Inhalt des Kopfes. Eine weiße Masse quoll in der Nacht hervor. Die roch zwar jetzt immer noch etwas seltsam, in den vergangenen Stunden hatte sich ihr Aggregatzustand allerdings verändert. Von wabbelig hin zu fest. Und dieses Etwas aus dem Kopfinnern verhinderte, dass von weiter drinnen das, was den fünf den Magen umgedreht hatte und sie in Tiefschlaf versetzt hatte, weiterhin die Luft verpestete. Ein noch viel schlimmerer Stoff. Aber der Narkoseeffekt endete damit zumindest. Schon als Bella und Biene am Vorabend damit begonnen hatten, die vier so seltsam herzurichten, hatte die narkotisierende Wirkung eingesetzt. Ganz langsam. Trotzdem waren die vier schnell sehr schläfrig geworden, die beiden Stylefrauen hingegen sahen zu, dass sie, leicht benommen, noch aus dieser stinkenden Gruft herauskommen konnten. Das hatten sie geschafft. Allerdings ohne den Frisierkopf.

Die fünf Marbacher Helden standen vor der schweren Eisentür, atmeten tief durch. Endlich draußen an der frischen Luft. Durch die Brunnenstraße fuhren die Autos im Berufsverkehr. Birger dachte an das Kondom in den dunklen Gängen. Ihn ekelte die Vorstellung. Noch mehr als gestern. Aber die frische Marbacher Morgenluft tat gut. Die fünf saugten die Frische in ihre Lungen. Schräg gegenüber steckte die aktuelle Zeitung im Gartenzaun des Gutshofs. Der Zeitungsausträger wunderte sich zwar darüber, wer seinen Job übernommen hatte, las dann aber vor: „Der US-Vorwahlkampf ist zu Ende: Hillary Clinton sichert sich die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten – als erste Frau in der Geschichte der USA, ein historischer Moment.“ Trotzdem sei sie, Medienberichten zufolge, die unbeliebteste Kandidatin seit Langem. Nur einer sei unbeliebter – der Mann, der zwischen ihr und dem Weißen Haus stehe: Donald Trump. „Den greift sie denn auch frontal an“, las der Austräger vor. Schön, dachte Betty, wie wohl unser Kampf hier ausgeht. War es Zeit, die Polizei einzuschalten?

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Inszenierung

Mittwoch, Juni 1st, 2016

Der hyperlokale Online-Krimi Plausch am Ententeich und die einundzwanzigste Runde. Unfassbares tief drinnen im Marbacher Fels, Leidenschaften als makabres Schauspiel inszeniert, auch die Schweizer sind im Berg aktiv. Das sind diesmal die drei Höhepunkte dieses neuen Kapitels.

Kapitel U: Die Inszenierung

Von Daniel Grosse

Dort, in der Brunnenstraße, vor der schweren Stahltür, hatte Harry die aktuellen Überschwemmungsmeldungen gelesen. Der Beleibte hob den Kopf. So fürchterlich und tragisch das alles auch war. Der dicke Mann mit der Zeitung in den Händen wollte nicht weinen, nie wieder, die Tränen neulich, um Pop-Gott Prince, sollten für immer seine letzten gewesen sein.

Tief drinnen im Untergrund der Marbach stand Birger mit weit aufgerissenen Augen vor etwas, das er zwar sah, aber nicht verstand. Seine Freundin und die drei Kumpane waren gefesselt. Hinter jedem der vier steckte ein Bein-dicker Pfosten im Boden. Das Metall war von einer dicken Rostschicht überzogen. Massiv waren die vier Pfosten gleichwohl, die Fesselseile daran Zentimeter dick. Birger schaute schnell auf den Akkustand seines Smartphones. Noch eineinhalb Stunden, dann wird sein Licht ausgehen. Er kniete sich vor Betty. Ihre Augen waren geschlossen. Bettys Haare waren nicht mehr dunkel, sie waren weiß. Farbe? Birger roch etwas Süßes. Es kam von den Haaren seiner Freundin. Sahne. Bettys Haare waren von einer dicken Schicht geschlagener Sahne bedeckt. Hätte Birger sie so im Schlafzimmer zu Hause vorgefunden, er hätte sie liebevoll verspeist, hätte zärtlich ihr Haar mit Mund und Händen zunächst von der Sahne befreit. Dann wäre Birger zu anderen süßen Regionen ihres Körpers vorgedrungen. Seinem Mund hätte er dabei ganz besondere Aufgaben gegeben. Und erst recht seiner Zunge. Daran war jetzt aber nicht zu denken, hier unten in dem feuchten, kühlen Untergrund im Innern der Marbach.

Die Erscheinung des Gartenmannes wirkte ähnlich grotesk inszeniert. Etwas Braunes, Krümeliges, bedeckte dessen Stirn, seine Wangen, seinen Mund. Blumenerde. Nur die Nasenlöcher und die Augen lagen frei. Aber die Augen sahen nichts. Die Lider des Gartenmannes waren fest verschlossen. Rechts neben dem Gartenmann lag der ältere Herr, den Birger doch schon so früh in die Geheimnisse des Frisierkopfes eingeweiht hatte. So viel Gutes hatte er von diesem alten Marbacher gehört. Er wusste von dessen Liebe und Leidenschaft für alles Technische und die Fotografie. Ob das der Grund für die gigantischen Objektive waren, die quer über dem Gesicht des älteren Herrn lagen. Links und rechts seines Kopfes stützten große Zahnräder die überstehenden Enden der beiden Foto-Zubehör-Teile. Die Augen des älteren Mannes: geschlossen.

Und dann der Zeitungsausträger. Von ihm war eigentlich nichts mehr zu sehen. Birger vermutete aber, dass er es sein musste, der dort erbärmlich zugerichtet auf dem Boden dieses feuchten Loches lag. Mehrere Dutzend Zeitungen mussten es gewesen sein, die jemand für dieses makabre Kunstwerk verwendet hatte. Der Umfang des Zeitungsausträgers war immerhin auf das Doppelte angewachsen. Von den Füßen bis zum Kopf umgaben zig Zeitungsseiten den Körper des Print-Mannes. Eingewickelt in einen Cocoon. Wie eine Raupe, fand Birger. Auch der Zeitungsausträger schien zu schlafen, oder schlimmer, bewusstlos zu sein. Oder noch schlimmer?

Birger beugte sich über Betty, suchte ihre Lippen. Selbst der Kuss schmeckte sahnig-süß. Aber zu Birgers Entsetzen fühlten sich Bettys Lippen kalt an. War alles Leben aus ihnen und seiner Freundin entwichen? Sollte hier alles zu Ende sein,was vor wenigen Tagen mit einem simplen Streit zwischen zwei seltsamen Frauen begonnen hatte, den Birger und Betty zufällig mitangehört hatten? „Wach auf! Was ist hier los? Ihr anderen, kommt, los, was ist mit euch?“ Birgers Stimme wurde immer lauter und schriller. Seine Worte blieben in diesem Raum. Birger und die vier umgab nichts als Hunderte von Tonnen Erde, Stein und Stahl.

Der junge Marbacher lag auf dem feuchten Boden neben seiner Freundin. Seine Hände ertasteten etwas Kaltes, Kantiges. Es handelte sich um eine kleine Metallkiste. Der Schein des Smartphone-Lämpchens war hell genug, um das zweifelsfrei erkennen zu können. Und auf dem Deckel der kleinen Metallkiste war ein Buchstabe eingraviert. Birgers Finger glitt über das Metall und zeichnete die Linien des Buchstabens nach. Ein H. Noch etwas irritierte den jungen Marbacher. Keine Spur von dem Frisierkopf. Harry, Biene und Bella, welches Spiel treibt ihr hier?, fragte sich Birger in seinem Schmerz. Waren sie es, die sich über die Leidenschaften seiner Freundin und Mitstreiter, durch die Inszenierung, lustig machen wollten? Neben ihm hustete jemand, eine feuchte Hand legte sich auf seine Wange. Oder war das nur ein wirres Element in einem irren Traum, den Birger im Schlaf durchlebte?

Hunderte Kilometer südlich der Marbach feierten währenddessen die Schweizer ein Jahrhundertereignis. Wie bei Birger, geschah dieses Unfassbare im Untergrund, tief drinnen im Fels. Denn nach fast 17 Jahren Bauzeit hatten die Schweizer im Gotthard-Massiv tatsächlich den längsten Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Am nördlichen und südlichen Ende fuhren gleichzeitig die ersten Züge in den Berg, verkündeten rund um die Welt die Nachrichtensprecher. Aber davon bekam Birger nichts mit.

…Fortsetzung folgt.