Plausch am Ententeich – Der Anruf

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Mit dem Online-Krimi geht es nach der Osterpause nun wieder weiter. Die erste Hälfte des Werks ist bald geschrieben. Schwarzwälder Kirschtorte und joggende Verliebte, dazu ein Kopf, zwei gestylte Frauen sowie ein unheimlicher Harry – fertig sind die Zutaten für dieses Buch. Auch diesmal wieder streng nach der 45-Minuten-Regel verfasst.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich. Birger und Betty wissen in diesem neuen Kapitel noch nichts von dem misshandelten Austräger, sie erfahren aber von einer Polizeisuche, indem sie ein blinkendes Signal entdecken. Der hyperlokale Online-Fortsetzungskriminalroman, Plausch am Ententeich, geht in die elfte Runde.

Kapitel K: Der Anruf

Von Daniel Grosse

…Eben noch hatte der Zeitungsausträger sein letztes Exemplar in ein Zeitungsrohr gesteckt, als er diese Polizeimeldung las. Vier Zeilen nur waren erkennbar, den Rest verbarg die Röhre. Langer Zopf, rote Haarbüschel, Frauen. Fünf Worte, ein Gefühl. Panik beschlich den Austräger nicht ganz langsam, sie lähmte den Mann, traf ihn zuvor blitzschnell wie ein Schlag ins Genick. Schon griff er in seine Hosentasche, begann zu wählen: Eins, Eins, als er die Taste mit der Null drücken wollte, riss ihm etwas die Füße vom Boden weg. Im Fallen sah und hörte er Bekanntes. Auch diese Hände kannte der Zeitungsausträger.

Biene stand über ihm, lachte höhnisch. „Na, du Kerlchen, hoffentlich hast du gute Nachrichten für mich.“ Der Mann rieb sich die linke Schulter. Vielleicht hatte er sich sogar einen Knochen gebrochen, überlegte der Austräger. Doch das war im Moment sein kleinstes Problem. Zunächst musste er diese brutale Frau mit irgend etwas besänftigen. Er, der doch am liebsten in seiner kleinen Welt ohne große Worte lebte. Deshalb stammelte er nur: „Wirklich, überall auf meiner Route habe ich gesucht, jeden Tag.“ „Und, mit Erfolg“, fragte Biene? Der Mann dachte an die Fußbälle, Melonen, Kürbisse, all das runde Zeugs, was er von weitem in den Gärten entdeckt hatte. Jedes Mal, dachte er, das könnte dieser bescheuerte Kopf sein. Fehlanzeige. „Pass mal auf, bis morgen hast du Zeit. Dann will ich einen Erfolg von dir sehen.“ Bienes Drohung wirkte. Der Zeitungsausträger machte große Augen und nickte. Zwei Sekunden später war er verschwunden, hinkend und mit der einen Hand die linke Schulter umfassend.

52 Stunden noch. Harrys Ultimatum schwebte über der Marbach. Und den seltsamen Geruch aus dem Schädelinnern deuteten Betty und Birger als Menetekel. Galt dieses Unheil verkündende Zeichen ihnen? Wollte Harry mit diesem Geruch den beiden einen Stich versetzen, der sich zumindest in ihre Nerven bohrte, ihren Geruchssinn quälte? „Quatsch“, sagte Betty. „Harry kann doch gar nicht wissen, wo wir jetzt gerade sind oder ob wir den Kopf überhaupt noch haben, es sei denn….“ Birger schaute auf ihren offen stehenden Mund, aus dem aber keine Worte mehr kamen. „Es sei denn, er kann uns orten.“ Birger sprach das aus, was Betty dachte. Schon wieder diese Panik, die sie in den vergangenen Stunden schon so oft beschlichen hatte. Auch der alte Mann wurde ganz blass. Technisch gesehen, konnte Harry natürlich in dem Schädel einen Sender versteckt haben, der zu jeder Zeit Signale sendet, die verraten, wo sich der Kopf gerade befindet. Immerhin hatte der Schädel die beiden ja auch fotografiert und sie unmissverständlich gewarnt, was passieren würde, wenn Harry den Kopf nicht innerhalb von 72 Stunden zurück bekam. Aber ein Peilsender? Das war den drei Marbachern, die dort oben oberhalb der Brunnenstraße in einem kleinen Fachwerkshaus beisammen standen, dann doch zu viel James Bond.

Birger setzte sich in einen bequemen Sessel. Er musste nachdenken. Das Smartphone in seiner Gesäßtasche störte. Birger zog es heraus und legte es auf einen kleinen Tisch, den der alte Mann mit allerlei Kameraobjektiven, Fotozeitschriften und dergleichen fast überfrachtet hatte. Weil der Tisch aus Glas war, spiegelte sich ein kleines, blinkendes Licht in der Tischplatte. Fast schon hätte sich Birger wieder weggedreht, als er das Handysignal entdeckte. Ein entgangener Anruf. Birger nahm das Gerät in die Hand. Die Nummer kannte er nicht, drückte aber auf „Rückruf“. Es tutete zwei Mal. Eine männliche Stimme meldete sich. Der Mann aus dem Garten. Sofort erkannte Birger sein akustisches Gegenüber. „Habt ihr die Zeitung von heute gelesen“, fragte der Mann. Da Birger und Betty zurzeit aber weder an der Welt des Sports, des Klatsches oder der Politik interessiert waren, verneinte Birger die Frage und stellte die Gegenfrage: „Warum?“ „Weil ihr dann bestimmt die Meldung gelesen hättet, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es in der Meldung, erzählte der Mann dem verdutzten Birger. Und weil dieser seinen erstaunten Mund erst halb geöffnet hatte, war noch Raum für eine weitere Überraschung. „Besondere Kennzeichen: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden“, las der Mann ihm aus der Meldung vor. In Birgers Mund hätte in diesem Moment eine große Kartoffel gepasst. „Wir kommen gleich zu Ihnen“, sagte Birger und brachte schnell den alten Mann und Betty auf den neuesten Stand. Die Frisörakademie. Das war ein Ansatzpunkt. Die müssten natürlich wissen, wer die beiden Frauen sind. Adressen und so weiter, alles, was wichtig war, um die gestylten, dem Tode geweihten Frauen, zu finden.

Noch immer strömte dieser Geruch aus dem Schädel. Aber das musste warten. Die drei nahmen den Kopf und marschierten zu dem Mann mit dem schönen Garten. Sie beeilten sich so sehr, waren derart konzentriert und gedanklich gefangen in diesem ganzen Irrsinn, dass sie nicht bemerkten, wie ein Mann mit einer Zeitungskarre neben dem Ententeich stand und zu ihnen rüberschaute. Was der Austräger da unter Birgers geklemmt Arm sah, ließ ihn nach Luft schnappen. Eine Zeitungskarre rollte langsam auf ein schmuckes Häuschen mit schönem Garten zu.

…Fortsetzung folgt.

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