Plausch am Ententeich – Der Schlüssel – Der Köder

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Birger und Betty suchen weiter. Der Kopf hält viele Menschen auf Trab. Plausch am Ententeich – der erste Online-Fortsetzungskrimi aus und über die Marbach.   Bild: Barbara Grosse

Halbzeit. Mit den Kapiteln M und N geht Plausch am Ententeich in die dreizehnte und vierzehnte Runde. Ein Doppelkapitel bringt die Leser des Marbacher Online-Fortsetzungskrimis diesmal noch schneller voran. Vieles wird nun klarer. Schließlich hat Harry eine besondere Beziehung zu seiner Mitbewohnerin, er erfährt von einem Todesfall, Betty genießt, zwei Frauen lauern am Oberen Eichweg und ein Geräusch rettet einem anderen Menschen vielleicht das Leben.

Kapitel M: Der Schlüssel

Von Daniel Grosse

…An einem solchen tüftelte auch ein anderer in der Marbach. Zur gleichen Zeit. Er trug einen langen Bart, hatte einen mächtig dicken Bauch, meist steckten seine Füße in Hausschuhen. „Harry“, rief eine Frau. Sie stand in der Küche und kochte Bohnensuppe. „Bring den Müll raus!“ Nicht mehr lange, du dämliche Alte, dann bringst du deinen Müll für den Rest deines Lebens selber hinaus, dachte sich der bärtige Mann. Schließlich hieß er Harry, und er hatte einen perfiden Plan. Überhaupt, was bildete sich diese ungewaschene Person da hinten inmitten ihrer Töpfe und Pfannen eigentlich ein? Er war Harry. Die Marbach war sein Revier. Bald würde sein großer Tag kommen. Alle unterschätzten ihn. Seine Frau vor allem. Wie viele Müllbeutel hatte er in den vergangenen 30 Jahren ihrer Ehe schon rausgetragen? Hunderte? Zu viele.

Harry ging, er schlurfte in seinen Hausschlappen zum Radio. Ein altes Röhrengerät mit dicken Knöpfen und einer gelb beleuchteten Senderskala. HR 3. Schon beim ersten Ton, den er aus dem Lautsprecher hörte, wurden Harrys Augen feucht. Eine Träne lief über seine linke Wange. Harry weinte. Er selbst konnte das kaum fassen. Schließlich war er doch der mit dem perfiden Plan. Kein Schwächling. Aber Prince war einfach zu schön. Das, was er da sang. Purple Rain. In den Achtzigern lief das rauf und runter. Und nun war Prince, der Pop-Gott tot, soeben gestorben. „Was flennst du denn hier rum?“, hörte Harry jemand sagen. Klar, meine Alte. Harry hätte sie am liebsten gleich erschlagen. Aber das oder etwas anderes musste warten. Wichtigere Dinge musste er vorher noch regeln. Viel wichtigere Dinge.

Er nahm den Schlüssel, den er seit dreißig Jahren , seit dem Tag ihrer Eheschließung, heimlich verwahrte, aus einer kleinen Ritze zwischen den Bodendielen im Flur. Er glänzte. Kein bisschen war das Metall des Schlüssels verrostet. Spitz und neu standen die Zacken von ihm ab. Die Zacken, die er gleich in dem kleinen Loch seiner Metallkiste versenken wird. Im Schloss. Die Zeit war reif. Harry stellte die Kiste vor sich auf den Schreibtisch, entriegelte den Schließmechanismus, öffnete den massiven Deckel. Wärme durchströmte seinen Körper. Sie beruhigte ihn. Es war noch da, das, was er damals vor 30 Jahren dort hinein gelegt hatte. Keinen Schmerz und keine Wut spürte er mehr. Harry vergaß Prince, auch seine zeternde Alte. Alles wird gut werden. Noch 40 Stunden.

Im Wohnzimmer des roten Hauses in der Brunnenstraße roch es seltsam. Ein stechender Geruch lag in der Luft. Der Zeitungsausträger hielt sich die Nase zu. „Das ist also der Schädel, und der riecht?“ Birger, Betty, der ältere Herr und der Gartenmann nickten gleichzeitig. „Und weshalb verbreitet er diesen, na ja, Gestank?“ „Wir wissen es nicht, trauen uns aber auch nicht, den Schädel genauer zu untersuchen.“ Betty antwortete als Erste. Sie merkte, wie unsicher und schüchtern, fast devot, dieser Zeitungsmann war. Um ihn in der Gruppe halten zu können, mussten sie behutsam vorgehen. Er brauchte das Gefühl, wichtig zu sein. Deshalb nahm sie auch den Schädel. „Hier, möchten Sie ihn halten? Denn um dieses Teil dreht sich ja scheinbar alles bei dieser irren Geschichte“, sagte Betty. „Warum sind denn diese kleinen Aufkleber über die Augen des Frisierkopfs geklebt?“ Der Zeitungsmann war irritiert. Die anderen erzählten ihm von dem Blitz, dem Foto und der Nachricht. Von dem Ultimatum. Und davon, dass dieser Harry auf keinen Fall noch einmal ein Foto von ihnen machen sollte. Deshalb hatten die vier die Augen auch zugeklebt.

Birger schaute auf sein Smartphone. 39 Stunden noch. Wenn sie bis dahin die beiden Frauen nicht gefunden hatten oder dieser Harry seinen Kopf nicht zurück erhielt, würden Bella und Biene sterben. Zeit zu handeln. Betty merkte gar nicht, dass sie schon ein halbes Stück Torte gegessen hatte. Der Gartenmann hatte zuvor eine Schwarzwälder-Kirschtorte auf den Tisch gestellt. Jeder sollte doch davon essen. Keiner wollte. Nur Betty, die aber scheinbar geistesabwesend aß. Die Torte würde ihr helfen, wieder glücklich zu werden. Alte Gewohnheit. Birger küsste einen Sahneklecks von ihrer Nase weg. Er lächelte.

…Fortsetzung folgt.

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Kapitel N: Der Köder

Von Daniel Grosse

…Birger schaute auf sein Smartphone. 39 Stunden noch. Wenn sie bis dahin die beiden Frauen nicht gefunden hatten oder dieser Harry seinen Kopf zurück erhielt, würden Bella und Biene sterben. Zeit zu handeln. Betty merkte gar nicht, dass sie schon ein halbes Stück Torte gegessen hatte. Der Gartenmann hatte zuvor eine Schwarzwälder-Kirschtorte auf den Tisch gestellt. Jeder sollte doch davon essen. Keiner wollte. Nur Betty, die aber scheinbar geistesabwesend aß. Die Torte würde ihr helfen, wieder glücklich zu werden. Alte Gewohnheit. Birger küsste einen Sahneklecks von ihrer Nase weg. Er lächelte.

Die fünf Marbacher gingen zur Haustür, traten ins Freie. Sie gingen am Teich vorbei, bogen in den Feldweg Richtung Marbacher Hütte ein. Wohin sie wollten, wussten sie eigentlich nicht. Einfach draußen sein und planen. Wo könnten die Frauen sein? Sie mussten sich ja verstecken. Zu bekannt waren sie ja jetzt aufgrund der Zeitungsmeldung. Oben in der Marbacher Hütte vielleicht? Bettys Vorschlag gefiel den anderen. Also war das ihr Ziel.

Biene und Bella hatten einen unglaublichen Hunger. Wie gerne wären sie kurz nach unten ins alte Marbacher Dorf gelaufen. Dort dann zum Bäcker und vielleicht vier oder fünf Brötchen reinstopfen. Stattdessen hofften sie, dass der Zeitungsausträger irgendwann am Ende des Oberen Eichwegs auftauchte, nahe der Reithalle. Schließlich war das die Stelle, wo er noch seine tägliche Zeitungsrunde machen musste Und das war ein Ort, wohin sie sich gerade noch so trauten. Dass sie dort jemand sah, war unwahrscheinlich. Also warteten sie mal wieder versteckt hinter einem Busch, den Oberen Eichweg im Blick. Aber ein Zeitungsmann war weit und breit nicht in Sicht.

„Kommt, noch eine steile Kurve, dann sind wir oben“. Birger und Betty hatten den alten Mann, der doch so viel von Kameras verstand, zwischen sich genommen. Sie hatten ihre Arme bei ihm eingehakt. Mit 90 war es für ihn schon etwas beschwerlich, den Weg vom Dorf bis hinauf zur Hüttenanlage zu schaffen. „Was ist denn das?“, fragte der Gartenmann. Qualm stieg auf. Der musste von der Feuerstelle kommen. Die Glut war noch deutlich zu sehen. Jemand musste eben noch hier gewesen sein. Sogar das Holz der Bänke direkt am Feuer war noch an zwei Stellen blank geputzt. Ansonsten waren die Bänke von einer dünnen Ascheschicht bedeckt. Komisch. Birger sah sich die blanken Stellen genauer an. Rund waren sie. Schon hatte sich Betty neben ihn gesetzt. Sie bedeckte exakt eine der blank geputzten Stellen der Bank mit ihrem Po. „Klar, da haben bis eben noch zwei gesessen.“ Birger fasste sich an die Stirn. Im gleichen Moment beugte Betty sich nach vorne, hielt dann einen dünnen roten Faden zwischen Daumen und Zeigefinger. Obwohl das für einen Faden fast zu dünn war. Betty legte den Fund auf einen weißen Zettel, den sie in ihrer Hosentasche gefunden hatte. So konnten sich die fünf das Etwas genauer anschauen. „Sieht aus wie ein Haar“, sagte der Gartenmann. „Und zwar ein rotes.“ Der Zeitungsausträger begann zu schwitzen. Bilder schossen durch seinen Kopf. Von zwei Frauen, die ihn quälten, drangsalierten. Er wollte weg von hier, schon drehte er sich weg von der Gruppe, wollte losrennen. Aber jemand hielt ihn fest. Nicht grob, eher behutsam. Und das war nicht Biene, auch nicht Bella.

Nachdem Betty sich zehn Minuten mit dem Zeitungsausträger hinter der Hütte ganz ruhig unterhalten hatte, wusste sie, er würde doch bei ihnen bleiben. Schließlich war er ein wichtiger Mann bei der Suche nach den Frauen. Fast so etwas wie ein Köder. Bei diesem Gedanken schauderte sie. So hatte sie es doch gar nicht gemeint, aber auch die Frauen suchten wiederum ja den Zeitungsmann Das wusste sie. Also war es ja nicht unwahrscheinlich, dass die beiden die Gruppe zuerst entdeckten. Und ein Köder war er ja auch deshalb nicht, weil er sich freiwillig den anderen angeschlossen hatte. Welcher Wurm spießt sich schon freiwillig auf einen Haken? Schon wieder so ein fieser Gedanke, den Betty gleich beiseite schob.

Mit dem Zeitungsausträger kam sie zurück zur Gruppe. „Wir werden hier warten“, sagte Betty. „Irgendwann werden die beiden Frauen hierher zurückkommen. Dann reden wir mit ihnen. Ganz vernünftig. Sie werden sicher verstehen, was los ist. Dann bringen sie den Kopf zu diesem Harry zurück und alles wird gut.“ Ja, das glaubte Betty tatsächlich.

„Dieses Schwein, der hat sich vom Acker gemacht, hat die Hosen voll. Den kannst du vergessen. Nichts wird der uns zu essen holen. Und bringen wird er uns auch nichts. Den Frisierkopf schon mal gar nicht.“ Biene war stinksauer. Sie warteten nun schon seit einer Stunde hinter ihrem Busch. Alle Zeitungsrohre waren leer. Immer wieder waren Menschen aus den Häusern gekommen, hatten vergeblich in die Rohre geschaut. Nichts. Im Zeitungshaus mussten bald Dutzende von Beschwerden eingehen. So sind die Menschen, dachte sich Bella, da läuft etwas nicht nach Plan und sie rasten aus. Aber eigentlich so wie bei uns. Wir hocken hier und dieser Zeitungsknilch lässt sich nicht blicken. Gleichzeitig toben wir mit Schaum vorm Mund. Wir sind eigentlich genauso gestrickt wie diese Menschen dort in ihren schmucken Häuschen. Bella spürte einen Schmerz in ihrem linken Arm. Biene hatte sie gepackt und hielt ihren Arm fest. „Bella, ich kann dich zwar nicht leiden, aber wir beide müssen das schaffen, das mit dem Zeitungsmann und das mit dem Kopf. Du kennst Harry.“ Biene schaute ihre Kumpanin ernst an. Sie sah so etwas wie Angst in Bellas Augen.

Ein bärtiger Mann mit Hausschlappen an den Füßen lag auf einer abgewetzten Couch. Im Radio lief bereits das zwölfte Lied von Prince. When doves cry. Auch das mochte er sehr gerne. Noch immer war Harry sehr zufrieden. Alles lief nach Plan. Zumindest einer, der sich nicht beschweren musste. Da piepste ein Apparat auf seinem Schreibtisch. Durchdringend. „Mach dieses scheiß Teil aus. Das klingt ja schrecklich“, brüllte eine Frauenstimme aus der Küche. Fast hätte Harry nun doch die Bratpfanne genommen und endlich seine Alte für immer zum Schweigen gebracht, da wurde ihm aber klar, dass es im Moment wichtigere Aufgaben für ihn gab. Eine davon: auf das Piepsignal zu reagieren und den Apparat auf dem Schreibtisch zu starten.

…Fortsetzung folgt.

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