Plausch am Ententeich – Der Mast

Der Online-Fortsetzungskrimi Plausch am Ententeich geht in die fünfzehnte Runde. Harry erzählt von Venezuela, er zählt auf Birger und Betty und die große Hand fasst an. Lesen Sie selbst. 

Kapitel O: Der Mast

Von Daniel Grosse

….Da piepste ein Apparat auf seinem Schreibtisch. Durchdringend. „Mach dieses scheiß Teil aus. Das klingt ja schrecklich“, brüllte eine Frauenstimme aus der Küche. Fast hätte Harry nun doch die Bratpfanne genommen und endlich seine Alte für immer zum Schweigen gebracht, da wurde ihm aber klar, dass es im Moment wichtigere Aufgaben für ihn gab. Eine davon: auf das Piepsignal zu reagieren und den Apparat auf dem Schreibtisch zu starten.

Harry drehte an dem kleinen Knopf. Es rauschte. Dann hörte er einen Ton. Viel eher klang der wie ein Fiepen. Dann Wortfetzen. Das war`s. In einem Anzeigenfeld des Apparats las Harry: „Verbindung unterbrochen, denn visuelle Wahrnehmung der Kamera korrespondiert mit akustischem Abhören.“ Ob da jemand die Kameralinse an dem Kopf manipuliert hat?, fragte sich Harry. Ich war dumm. Damit hätte ich rechnen müssen.

Harrys rechter Hausschlappen rutschte von seinem riesigen Fuß. In der Küche polterte die Alte mit ihren Pfannen und Tellern. Ansonsten technische Stille. Nun drang kein Laut, kein Bild, nichts mehr, in Harrys gute Stube in der Brunnenstraße. Er betrachtete das Foto dieser zwei jungen Leute, das er inzwischen von diesem Server seines Freundes in Venezuela abgerufen hatte. Der Freund war ein Computer-Ass. Von ihm hatte er auch die Tipps bekommen, wie er diesen Frisierschädel elektronisch präparieren konnte. Aber eben dieses – zugegeben, sehr scharfe – Bild der zwei jungen Leute und immer wieder wirre Gesprächsfetzen waren das einzige, was er hatte. Diese Verbindung zu seinem Kunstkopf hatte existiert, funktioniert. Aber eben nur diese eine. Ein einziges Mal hatte der präparierte Schädel seinen Blitz aktiviert und ein Bild geschossen. Harry wusste also immerhin, dass die beiden seine Warnung gelesen hatten. Und die Zeit des Ultimatums lief weiter. 48 Stunden noch. Dann musste er handeln.

Biene und Bella waren die beiden, die er am liebsten mochte von den vielen in seiner Gruppe. Mit ihnen würde Harry noch eine Menge Spaß haben. Sie waren zwar unberechenbar, wild, fürchterlich frisiert – aber die beiden Frauen handelten verlässlich. Weil sie Angst hatten. Vor Harry, vor ihm. Opfern wollte Harry die beiden Frauen nicht unbedingt. Vielleicht die Kehle anritzen, zwei Zehen abknipsen. Mehr nicht. Aber der Frisierkopf war sehr wichtig. Und die beiden jungen Leute auf dem Foto schienen das verstanden zu haben. Sie würden Biene und Bella finden, die würden ihnen sagen, wo er, Harry, wohnt. Und sein Kopf wäre zurück. Oder eher das, was sich darin befand. Immer noch? Harry erschrak bei diesem Gedanken. Noch 30 Stunden, dann könnte er sich davon überzeugen. Biene und Bella waren nicht wieder aufgetaucht bei Harry. Wer diese beiden jungen Leute, dieses Paar, waren, wusste Harry nicht. Also blieb ihm nur die Drohung auf dem Display des Kunstkopfs. Mit dieser hatte Harry dem Paar vor 42 Stunden klar gemacht, was es tun musste.

Das Signal war erloschen. Die Verbindung zu seinem Kopf war gekappt. Warum auch immer. Harry konnte ja nicht wissen, dass die Kameraaugen inzwischen zugeklebt waren. Jedenfalls brauchte Harry den kleinen Verstärker nicht mehr, der hoch oben zuverlässig seine Dienste geleistet hatte. Die Marbacher waren ja so ahnungslos, was da über ihre Köpfe hinweg seit Tagen gesendet hatte. Nur eine kleine Schraube hatte der Baumkletterer beim Installieren verwendet, als er kürzlich morgens um 2 Uhr wie ein Äffchen an dem langen Mast des Alarmmelders hinauf geklettert war.

Seit Jahrzehnten stand der Sendemast mit dieser seltsamen, riesigen Schüssel an seiner Spitze nahe der Straße, die zum ehemaligen Europabad hinaufführt. Ein Relikt. Harry vermutete, die Sirene dieses Alarmmelders würde wohl für immer stumm bleiben. Der Baumkletterer hatte den kleinen Verstärker unbemerkt in 20 Metern Höhe an der Spitze des Masts installieren können. Das Funksignal vom Frisierkopf gelangte dorthin. Der Verstärker schickte es weiter ins Internet, bis zu dem Server nach Venezuela. Dort lagen die Daten sicher. Eine Kopie war auch bei Harry angekommen. Ein Foto. Betty und Birger. In dem Apparat, der auch nun vor dem bärtigen Marbacher stand. Auf seinem Schreibtisch in seinem kleinen Haus in der Brunnenstraße.

Harrys mächtiger Bauch gab plötzlich einen Laut von sich, den seine Frau nur zu gut kannte. Die zeternde Alte. Aber sie hatte nichts anderes gelernt in ihrem Leben. Zetern – und eben Kochen. Was gut für Harry war, der seinen gewaltigen Bauch in den dreißig Jahren seiner Ehe stets gut gezüchtet hatte. Noch konnte Harry vorne seine Hände zusammenführen, wenn er seinen Bauch umfasste. Noch. Wenn seine Alte allerdings weiterhin nur die Fleischabteilung besuchen wird und nie bei Obst und Gemüse vorbeischaut, war er sich nicht sicher, was mit seinem Bauch noch geschehen könnte. In dieses eine Schicksal fügte er sich. Dick, aber verheiratet und bekocht. Harrys Motto. Und er liebte die Völlerei. Auch deshalb brauchte er ja diesen Frisierkopf. Aber diesen Trumpf kannte nur er, dessen Leben ansonsten unsagbar hoffnungslos war. Harry selbst sah das jedoch anders.

Ein metallener Deckel öffnete sich erneut. Fleischige Finger hatten zuvor einen silbern glänzenden Schlüssel ins Loch gesteckt. Wie vorhin, nahmen Harrys fleischiger Daumen und Zeigefinger etwas aus der gut verwahrten Metallkiste. Bald, dachte Harry, bald geht es damit endlich los. Zufrieden legte er es zurück und schloss wieder gründlich ab. Dass sein Bundesfinanzminister derweil aus dem alten Röhrenradio gegen gigantische Bonuszahlen an Automanager wetterte, trotz Abgasskandal, hörte er zwar. Aber das interessierte Harry nicht. Sein Skandal ereignete sich in einer kleinen Küche, hier in der Marbach: Sein Skandal war seine Alte mit ihrer unsäglichen Art. Harry stand auf. Er musste raus aus diesem Mief. War das dort vorne an der Hausecke nicht der Zeitungsausträger? Den schnapp ich mir. Schon legte sich eine riesige Hand auf die Schulter eines kleinen Mannes.
…Fortsetzung folgt.

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