Plausch am Ententeich – Der Unhold

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Plausch am Ententeich. In Marburg-Marbach geht die Suche weiter.   Bild: Barbara Grosse

In der sechzehnten Runde des Marbacher Online-Fortsetzungskrimis rund um Birger, Betty und Harry sucht ein Mann verzweifelt ein Loch zum Verschwinden, wittert derselbe das große Geld, liest irritiert ein Impressum – und ein anderer Mann weint.

Kapitel P: Der Unhold

Von Daniel Grosse

…Sein Skandal war seine Alte mit ihrer unsäglichen Art. Harry stand auf. Er musste raus aus diesem Mief. War das dort vorne an der Hausecke nicht der Zeitungsausträger? Den schnapp ich mir. Schon legte sich eine riesige Hand auf die Schulter eines kleinen Mannes. „Dich kenne ich doch. Du bringst jeden morgen brav die Zeitung und lungerst dann minutenlang vor meinem Haus herum.“ Der Zeitungsausträger wurde noch kleiner. Er beugte sich vor, suchte das Loch, in dem er verschwinden könnte. Aber es gab keines. „Kennst du die? Du kommst doch viel rum in der Marbach.“

Der Mann konnte es nicht fassen. Seine neuen Freunde. Oder waren sie eher Verbündete, Kumpane? Natürlich kannte er die zwei auf dem Foto, das ihm Harry vor die Nase hielt. War es jetzt klug, das diesem Raubein zu erzählen? Was wollte der grobe Kerl eigentlich von ihm? Der Zeitungsausträger erkannte sich selbst nicht wieder. Fast rebellisch waren seine Gedanken. Sonst immer angepasst, lehnte er sich erneut auf gegen seine Gewohnheiten. Und die waren: still sein, unauffällig leben, bloß nicht anecken. Aber dann hatte er sich das erste Mal in seinem Leben etwas getraut, neulich, als er bei dem Gartenmann geklingelt hatte. Ab diesem Zeitpunkt war er jemand. Und jetzt wieder.

„Nein, die zwei Leute kenne ich nicht.“ Harry schaute den kleinen Mann aus seinen kleinen Augen an. Die Sehschlitze waren blattdünn geworden. Sein Blick bohrte sich in die Augäpfel des Austrägers. Den Schmerz vermochte dieser fast körperlich zu fühlen. Konnte er diesem Wicht trauen? Andererseits, weshalb sollte er ihn, er war schließlich Harry, anlügen. Harry gab dem Austräger das Foto. „Wenn dir diese beiden in der Marbach während deiner Touren über den Weg laufen, dann ruf mich an.“ 1234567. Harry. Diesen Zettel mit dieser Nummer und diesem Namen würde der Zeitungsausträger garantiert gut aufbewahren. Und ihn vor allem gleich seinem Team zeigen. Denn das waren die anderen inzwischen für ihn geworden: ein Team. Die beiden jungen Leute, Betty und Birger, der ältere Herr, der Fotomann, und dann noch der Gartenmann.

„Eigentlich können wir wieder nach oben zur Marbacher Hütte gehen.“ Das Team der Suchenden saß auf der Bank am Ententeich. „Vielleicht kommen die beiden Frauen ja doch noch zurück.“ Betty sprach ihre Gedanken in die Runde. „Und was ist mit Ihnen?“ Sie sah den Austräger an. Irgendwie blass sah er aus, fand Betty. Ist was? Tatsächlich diese Frage hatte Betty ihm gestellt, dachte der Zeitungsausträger. Und ob etwas ist. Ich habe euch in meiner Hosentasche stecken. Euch, wie ihr auf einem Foto erschrocken in die Kamera guckt. Und ein Vollbärtiger, Dickbäuchiger in Hausschlappen gekleideter Unhold hat mir dieses nette Porträt von euch in die Hand gedrückt. Und ich habe seine Nummer und kenne sogar seinen Namen. Was hätte der Austräger mit diesen Sätzen punkten können. Sein Ego wäre bestimmt um drei Meter gewachsen. Aber es durfte nicht sein. Er sprach diese gedachten, stummen Sätze also nicht aus. Einmal im Leben wollte er auch ein großes Geheimnis bewahren, einen Trumpf im Ärmel haben.

Natürlich wusste der Austräger von dem Foto. Und sicher war dieser Marbacher Riese der große Unbekannte hinter dem Frisierkopf-Rätsel. Betty und Birger hatten ja davon erzählt. Wenn er nun selbst mal auf der Sonnenseite stehen würde, wie wäre das?, überlegte der Austräger. Was er wohl für den Kopf bekommen würde von diesem Harry? 100 Euro, 1000 oder mehr? Da lag der Schädel vor ihm. Übel riechend, haarfein aufgerissen und mit verklebten Augen. Mit einem Trick konnte er die anderen ablenken und dann unbemerkt mit dem Schädel verschwinden. Harry würde ihn sicher fürstlich belohnen.

„Wollen Sie das haben“, fragte eine Stimme, die von ganz weg zu kommen schien. Der Austräger schüttelte sich, war wieder sofort zurück aus seiner Gedankenwelt rund um Harry. „Was denn“, fragte der Austräger?“ „Na, dieses Comic.“ Birger hielt ihm ein buntes Heft unter die Nase. Darauf zu sehen war ein Mann, nicht irgendeiner, sondern einer mit buschigem Vollbart, einem riesigen Bauch. Und seine Füße, ja, die steckten in Hausschuhen. In blutroter Schrift stand oben: Mord am Ententeich – Band 5. „Was ist denn das? Woher haben Sie das? Warum zeigen Sie mir das?“, fragte der Austräger. Seine Stimme war schrill, er zitterte. Er hatte es nicht gewagt, die erste Seite des Comics aufzuschlagen. „Das ist doch nur eines meiner Lieblingshefte. Wussten Sie denn nicht, dass ich die Comicreihe ‚Mord am Ententeich‘ regelmäßig lese? Nein, eher verschlinge ich die Hefte.“ Birger sah den verdutzten Austräger an. Betty ermutigte den Mann. „Nehmen Sie das Heft. Birger hat jeden Band mehrfach.“

Da saß er nun, der kleine Mann. Dort auf einer Bank am Ententeich in der Marbach. In seinen Händen ein Comic, das scheinbar von einem handelte, der ein Killer sein musste. Zumindest, wenn er dem Titelblatt glaubte. Geschichtenwelt und echtes Leben verschmolzen miteinander. Eben noch hätte der Austräger mit dem Kopf viel Geld verdienen können, nun wurde Harry bereits von Comic-Machern als Mörder verwurstet. Da drehte er das Heft beiläufig um, studierte die Rückseite. Ganz klein geschrieben war dort unten in der Ecke ein Vermerk: Impressum. Warum er diese Zeilen überflog, wusste der Austräger selbst nicht. Erneut spürte er eine fleischige Hand im Nacken von einem Kerl, der aber diesmal nicht real war. Der Austräger starrte aufs Impressum, denn Herausgeber der Comicreihe waren nicht etwa Disney oder Ehapa, sondern eine Frisörakademie. Und die kannte er nur zu gut.

An der Tankstelle Ecke Brunnenstraße/Emil-von-Behringstraße kaufte sich zur selben Zeit ein Mann ein Eis. Er war sehr groß und kräftig, schwarzes, volles Haar, das ihm üppig vom Kopf abstand. Er trug ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Sommers wie winters kannten ihn so die Marbacher. Auch der Tankstellenkassierer lächelte und fragte ihn: „Dazu die Bild, wie immer?“ Vor der Tankstelle schlug der Mann das Blatt auf: Eine 21 Jahre alte Frau aus Somalia überschüttet sich mit Benzin und zündet sich selbst an. Tragödie in dem australischen Flüchtlingslager auf Nauru. Damit wollte sie gegen ihre Internierung auf der umstrittenen Pazifikinsel protestieren, schrieb die Zeitung. Tränen liefen dem Mann im schwarzen T-Shirt über die Wangen.

….Fortsetzung folgt.

Comments are closed.