Plausch am Ententeich – Die Überraschung

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Der Online-Fortsetzungskrimi aus und über Marburg-Marbach ist bei Kapitel Q angelangt.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich startet in die siebzehnte Runde. Ein dickbäuchiger Mann begrüßt in einer Akademie, ein kleiner Mann zerrt Menschen hinaus, und seltsame Frisuren bewegen sich in Richtung Markuskirche. Dann noch die Meldung zu Jan Böhmermann.

Kapitel Q: Die Überraschung

Von Daniel Grosse

…An der Tankstelle Ecke Brunnenstraße/Emil-von-Behringstraße kaufte sich zur selben Zeit ein Mann ein Eis. Er war sehr groß und kräftig, schwarzes, volles Haar, das ihm üppig vom Kopf abstand. Er trug ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Sommers wie winters kannten ihn so die Marbacher. Auch der Tankstellenkassierer lächelte und fragte ihn: „Dazu die Bild, wie immer?“ Vor der Tankstelle schlug der Mann das Blatt auf: Eine 21 Jahre alte Frau aus Somalia überschüttet sich mit Benzin und zündet sich selbst an. Tragödie in dem australischen Flüchtlingslager auf Nauru. Damit wollte sie gegen ihre Internierung auf der umstrittenen Pazifikinsel protestieren, schrieb die Zeitung. Tränen liefen dem Mann im schwarzen T-Shirt über die Wangen.

In der Frisörakademie in der Marbach war richtig viel los. Natürlich hatten auch die Teilnehmer der dortigen Kurse die Neuigkeiten der letzten Tage gelesen, in der Zeitung. Zum Beispiel das aus Nauru. Aber sie wollten auch wissen, was das für ein seltsames Grüppchen war, das dort vorne neben der Eingangstür saß. Zwei junge Leute, ein Mann und eine Frau, dann ein älterer Herr, der die ganze Zeit in einer Fotozeitschrift las, ein Mann mit Erde unter den Fingernägeln, wie bei einem Gartenmann, und ein kleiner, verhuscht dreinblickender Kerl mit fliehendem Blick.

„Meine Herren, meine Dame, um was geht es?“ Vor den fünf stand ein Mann in Hausschlappen. Ein mächtiger Bauch spannte sich unter seinem Hemd. Er grinste. Dabei hatte dieser Mann keinen Grund zu grinsen. Immerhin stützten ihn zwei, zugegeben, schick frisierte junge Frauen. Sie hatten ihn zu der Gruppe geführt. Aber: der Mann mit dem dicken Bauch konnte nichts sehen. Seine Augen waren verbunden. „Wundern Sie sich nicht. Ich hatte eine handfeste Auseinandersetzung mit meiner Frau und ihr Kochlöffel hätte mir fast mein Augenlicht geraubt. Hätten wir nicht die Blindenstudienanstalt in Marburg und eine dementsprechend gute Augenheilkunde im Klinikum, wäre ich jetzt vielleicht blind.“

Der Zeitungsausträger wäre am liebsten unter seinen Stuhl gekrochen. Natürlich kannte er diesen Mann. Es war der, der ihm das Foto von Betty und Birger vor die Nase gehalten hatte. Er, der Austräger hatte den Auftrag, die beiden zu finden. Den Kopf wollte dieser dicke Mann haben. Aber was machte er hier, in der Frisörakademie? „Chef, soll ich Senfgelb nochmal bestellen?“ Aus einem Nebenraum drang dieser Frage in die Ohren des Austrägers. Zweifellos war dieser Augen-Verbundene Derselbe, der ihn auf der Brunnenstraße zum Spitzeln angestiftet hatte. Betty und Birger sollte er ihm ausliefern. Und er war zudem der Chef dieser Frisörakademie. Und noch dazu sicher auch der Mann hinter dieser Comic-Reihe, die Birger so faszinierte: Mord am Ententeich.

Wir müssen jetzt ganz schnell gehen. Gedanken, die der Austraäger auch schnell aussprach. Der kleine Mann zerrte seine neuen Freunde aus dem Vorraum dieser Akademie in der Emil-von-Behring-Straße. Er war so selbstbewusst und gefiel sich in seiner Rolle. „Sagen Sie, was fällt Ihnen ein?“ Der Gartenmann und der ältere Herr waren erbost. Jetzt hatten sie endlich doch entschieden, in diese Akademie zu gehen, um dort eine Adresse oder zumindest Namen dieser beiden Frauen zu bekommen, die wohl dem Tode geweiht waren: Biene und Bella. Dieser Harry hatte ja in seiner Display-Botschaft gedroht, die beiden Frauen umzubringen, würde er nicht binnen 72 Stunden den Kopf in Händen halten. Natürlich kannten die fünf diese Botschaft, aber sie wussten nicht, wer die Frauen in der Botschaft waren. Einzig der Zeitungsausträger wusste von Zusammenhängen. Auch den Namen der Frau mit den roten Haarfransen und der mit dem Po-langen Zopf kannte der Zeitungsmann. Ebenso wusste er, dass das eben, der Harry war. Der Killer? Der Austräger erzählte seinen neuen Freunden alles, vor der Tür der Frisörakademie. Sein Wissen erdrückte ihn. Hätte er nicht geplaudert, er wäre verrückt geworden.

Noch 32 Stunden. Hinter der Glastür, im Inneren der Akademie, stand ein vollbärtiger Mann mit verbundenen Augen. Zwei Gestylte führten ihn von dort weg. Wahrscheinlich in dessen Büro. Harry. Natürlich war er mit seiner Akademie Herausgeber eines umstrittenen Comics, das sich aber gut verkaufen ließ. Mord am Ententeich.

Der Zeitungsausträger: „Birger, wie gut dass Sie den stinkenden Kopf in Ihrem Rucksack vorhin drin behalten haben.“ Genau. Birger gab ihm Recht. Denn noch war die Zeit nicht reif für eine Übergabe. Erst recht nicht jetzt. Denn, konnten sie diesem Harry trauen? Was hatte er wirklich vor? Was, wenn plötzlich…? Birger verstummte in seinen Gedanken. Rote Haarbüschel und ein Po-langer Zopf. Ohne Zweifel zwei Menschen, die geradewegs in Richtung Markuskirche unterwegs waren. Dort vorne, keine 30 Meter entfernt, gingen Biene und Bella. Das sahen auch die anderen aus der Gruppe. „Hinterher!“ Betty schaltete als erste.

Als sie an der Tankstelle vorbei kamen, sahen sie auch die Meldung, die der Spiegel aktuell auf dem Titelblatt hatte. Danach hatte der Moderator und Republik-Aufreger Jan Böhmermann in einem Video soeben in seiner Show „Neo Magazin Royale“ gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in eine Sendung namens „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte. Ein Herr Schneiders, 55, war wohl als biertrinkender Vater René aufgetreten, Simon S., 30, als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief – laut dieser Spiegel-Meldung – am 10. April bei dem Privatsender ErTeEl. Böhmermann gab scheinbar der Farce in seiner Sendung „Neo Magazine Royale“ den Namen „Verafake“.

…Fortsetzung folgt

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