Plausch am Ententeich – Die Dunkelheit

Zwanzigste Runde. Im Plausch am Ententeich isst Birger vergeblich, stemmt er verzweifelt Stahl, sieht Schwarz – und schreit.

Kapitel T: Die Dunkelheit

Von Daniel Grosse

…„Cool oder?“, hörte Birger den Teenager noch fragen. Ja, cool, dachte sich Birger. Aber eigentlich war gar nichts cool. Fußball schon gar nicht. Alles war beschissen. Birger fühlte sich schlecht. Er nahm sein Smartphone, drückte eines der Kurzwahlfelder, wartete. Vier mal tutete es. Dann meldete sich eine Frauenstimme – und das war nicht Betty. Zu der Stimme gehörte eine Frau mit roten Haarbüscheln, was Birger sofort klar war. Mist. Was tun? Dann begann die Stimme zu sprechen und was sie sagte, gefiel dem jungen Marbacher gar nicht. Überhaupt nicht.

Birger schüttelte sich. Wusste er doch auch vom Zeitungsausträger, zu was die beiden Gestylten fähig waren. Ob er die Brunnenstraße kenne, wollte diese Biene von ihm wissen, ob er die Stahltür schon einmal bemerkt habe, dort am Bürgersteig unterhalb dieser großen Wiese. Birger sah die Tür vor sich. Gedanklich schritt er den Weg dorthin ab, den gleichen Weg, den er tatsächlich schon so oft für Bettys geliebte Schwarzwälder Kirschtorte, zum Bäcker, gegangen war. „Und was ist mit dieser Stahltür?“, fragte Birger. „Falsche Frage!“ Bienes Stimme am anderen Ende der Leitung wurde laut und schrill. Kein Zweifel, sie war unberechenbar, würde sogar auflegen, wenn er sie jetzt provozierte oder einfach nur das Falsche sagte. Also ein neuer Versuch: „Was hat es denn mit dieser Stahltür auf sich?“ „Ja, was hat es denn mit dieser Stahltür auf sich?“, äffte die Gestylte ihn nach. „Du Trottel, nicht was MIT dieser Tür ist, ist entscheidend. Wichtig ist doch, was DAHINTER ist.“

Birgers Nackenhärchen stellten sich auf. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Tausende von Litern Wasser sollen dort Platz haben hinter der Tür in irgendwelchen Katakomben und einem gigantischen Tank. Das hatte er zumindest einmal beim Bäcker gehört, als sich zwei alte Marbacher über die Geschichte des Ortsteils unterhalten hatten. Ob das Wasser noch dort lagerte oder nur dunkle Gänge und leere Hallen oder ein Tank dort waren, wusste Birger nicht. Er wollte aber auch gar nicht mehr darüber erfahren, denn ein schrecklicher Gedanke verdrängte eine zuvor aufkommende Neugier. In den vergangenen Tagen hatte es schließlich in der Marbach stundenlang wie aus Eimern geregnet. Er kombinierte: Wasser plus Tank plus Dauerregen plus durchgeknallte Frauen plus Verschwundene. Was sollte er also dort finden? Das fragte er dann auch diese Biene, die zum Glück noch nicht aufgelegt hatte. „Komm einfach her. Du wirst es schon erfahren. Auf, auf, mein Kleiner.“ Es klickte in der Leitung. Tuuut.

In einem der hinteren Räume der Markuskirche hörte er den Gesang von Kindern, vielleicht waren es auch Jugendliche. Da fiel ihm der Teenager von eben wieder ein. Das konnten die Konfirmanden der Gemeinde sein. Deswegen war vorhin, als seine Gruppe die beiden Gestylten in die Kirche verfolgt hatten, unten auch die Eingangstüre geöffnet, überlegte Birger. Alles machte plötzlich einen Sinn.

24 Stunden noch, dann läuft Harrys Ultimatum ab. Irgendjemand wird dann sterben. Birger ging am Schaufenster der Bäckerei vorbei. Drei Tortenstücke lagen in der Auslage. Bettys Lieblingssorte. Wie von einem unsichtbaren Band gezogen, betrat Birger die Bäckerei. „Die drei Stücke dort, bitte.“ Wieder draußen auf der Brunnenstraße, hielt er sich für total durchgeknallt. Seine Geliebte, seine Freunde und guten Bekannten, waren verschwunden. Irgendwo in der Marbach war dieser unglaubliche Ohne-Worte-Harry und ersann einen Tötungsplan, zwei hochgradig gestörte Style-Frauen beorderten ihn zu einer Stahltür mit nichts als Dunkelheit dahinter und wer weiß was noch – und er, Birger, kaufte Schwarzwälder Kirschtorte. Aber Birger brauchte etwas Gewohntes, er suchte das Alltägliche inmitten diese ganzen Irrsinns der vergangenen Tage. So steckte er sich auch sogleich eines der Stücke mit vier Bissen in den Mund, wischte sich mit seinem Ärmel übers Gesicht – und war noch schlechter gelaunt als vorher. Von wegen, Schokolade und Sahne machen glücklich. Birger wusste, weshalb er das Süße auch gekauft hatte. Birger ahnte, dass er gleich nicht nur einen Tank und eine Tür finden wird. Betty, Gartenmann, alter Herr, Zeitungsausträger. Mehr als bloße Stichworte. Würde er diese Menschen dort finden? Zu gerne wollte er seiner lieben Freundin einfach nur die süße Fracht überreichen. Und alles wäre gut. Nichts war gut.

200 Meter weiter stand Birger auf dem schmalen Bürgersteig, war eben an diesem alten Gutshof vorbeigegangen, hatte dort spielenden Kindern gewunken. Nun konzentrierte sich der junge Marbacher wieder ganz auf seine Aufgabe, die Biene ihm gestellt hatte. Finde die Tür und gehe dort hin!, lautete diese Aufgabe. Nicht verschlossen, schon mal gut. Die Stahltür stand fast unmerklich offen. Bloß seine Hand konnte Birger hinter die Tür schieben. Er schaute sich um, damit keiner sah, wie er mit gewaltiger Kraft und trotzdem zügig, die Zentner-schwere Türe aufstemmte. Der Hang war nun offen, Birger schlüpfte hinein, zog aber die Türe wieder so weit zu, wie er konnte. Frische Luft schien an diesen Ort scheinbar seit Jahrzehnten nicht mehr vorgedrungen zu sein. Von irgendwoher hörte Birger ein leises Tropfen. Blind tastete er nach seinem Smartphone und aktivierte diese Taschenlampen-App. Licht. Helligkeit. Der Akku seines Geräts war zum Glück noch stark genug für zwei Stunden.

Kanister, ein verrosteter Stuhl, eine Blechdose, ein Kondom. Auseinandergerollt lag es dort in einer dunklen Pfütze. Scheinbar war dieser Ort doch nicht so unbekannt für manche Marbacher, dachte Birger. Aber wie krank muss man sein, um sich an solch einem Ort zu treffen, um miteinander zu schlafen? Er lauschte in den Berg hinein. Kein Laut, kein Wort. Birger ging weiter. Ein Gang führte nach rechts, ein anderer nach links. Diesen wählte er. Birger zählte seine Schritte, um eine ungefähre Orientierung zu haben, wie weit er schon vorgedrungen war in diese Marbacher Unterwelt. Ein Schmerz durchfuhr ihn. Seine Stirn brannte. Beides kam so plötzlich. Benommen hob er sein Smartphone hoch und leuchtete vor sich. Ein Metallknauf, nein, ein Löwe, zumindest der Kopf eines solchen, ragte aus der Wand. Gegen diesen musste er geprallt sein. Aber aus der Wand ragte der Metallkopf auch nicht. Es war eine Tür. An dieser war der Löwe festgeschraubt.

Waren da nicht doch Stimmen? Birger hörte genauer hin und tatsächlich, hinter dieser Tür sprach oder wimmerte oder brummte etwas – oder jemand. Birger suchte verzweifelt irgendein Schloss oder einen Mechanismus, um diese Tür zu öffnen. Es klickte. Ein schrilles Quietschen peitschte durch die Dunkelheit. Birger zog die Tür immer weiter auf und leuchtete in die Dunkelheit dahinter. „Nein!“ Mehr als dieser Schrei kam nicht aus Birgers Mund heraus. Dann stürzte er auf das, was er dort sah.

Zur selben Zeit schlurfte ein ziemlich dicker Mann mit Hausschlappen an den Füßen auf dem Bürgersteig der Brunnenstraße an einer massiven Stahltür vorbei. Feuerwehr rückt zu mehr als hundert Einsätzen aus, las er in einer Zeitung. Vollgelaufene Keller, überflutete Straßen, prangte in großen Buchstaben über einer Doppelseite. In Nordrhein-Westfalen habe es nach Starkregen Überschwemmungen gegeben. Im Kreis Euskirchen und in Stolberg waren Feuerwehrleute im Dauereinsatz. Schwere Gewitter mit Starkregen hätten Teile Nordrhein-Westfalens getroffen. „Die Feuerwehr im Kreis Euskirchen rückte am Montagabend zu rund 125 Einsätzen aus. Betroffen waren vor allem das Stadtgebiet Mechernich und die Gemeinde Kall“, so die Meldung. Und in Süddeutschland gehen die Aufräumarbeiten nach verheerenden Unwettern weiter. Das Tief „Elvira“ hatte dort fürchterlich gewütet. Vier Menschen waren durch das Unwetter gestorben. Die Meldung endete.

Der Beleibte hob den Kopf. So fürchterlich und tragisch das alles auch war. Der dicke Mann mit der Zeitung in den Händen wollte nicht weinen, nie wieder, die Tränen neulich, um Pop-Gott Prince, sollten für immer seine letzten gewesen sein.

…Fortsetzung folgt.

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