Plausch am Ententeich – Die Inszenierung

Der hyperlokale Online-Krimi Plausch am Ententeich und die einundzwanzigste Runde. Unfassbares tief drinnen im Marbacher Fels, Leidenschaften als makabres Schauspiel inszeniert, auch die Schweizer sind im Berg aktiv. Das sind diesmal die drei Höhepunkte dieses neuen Kapitels.

Kapitel U: Die Inszenierung

Von Daniel Grosse

Dort, in der Brunnenstraße, vor der schweren Stahltür, hatte Harry die aktuellen Überschwemmungsmeldungen gelesen. Der Beleibte hob den Kopf. So fürchterlich und tragisch das alles auch war. Der dicke Mann mit der Zeitung in den Händen wollte nicht weinen, nie wieder, die Tränen neulich, um Pop-Gott Prince, sollten für immer seine letzten gewesen sein.

Tief drinnen im Untergrund der Marbach stand Birger mit weit aufgerissenen Augen vor etwas, das er zwar sah, aber nicht verstand. Seine Freundin und die drei Kumpane waren gefesselt. Hinter jedem der vier steckte ein Bein-dicker Pfosten im Boden. Das Metall war von einer dicken Rostschicht überzogen. Massiv waren die vier Pfosten gleichwohl, die Fesselseile daran Zentimeter dick. Birger schaute schnell auf den Akkustand seines Smartphones. Noch eineinhalb Stunden, dann wird sein Licht ausgehen. Er kniete sich vor Betty. Ihre Augen waren geschlossen. Bettys Haare waren nicht mehr dunkel, sie waren weiß. Farbe? Birger roch etwas Süßes. Es kam von den Haaren seiner Freundin. Sahne. Bettys Haare waren von einer dicken Schicht geschlagener Sahne bedeckt. Hätte Birger sie so im Schlafzimmer zu Hause vorgefunden, er hätte sie liebevoll verspeist, hätte zärtlich ihr Haar mit Mund und Händen zunächst von der Sahne befreit. Dann wäre Birger zu anderen süßen Regionen ihres Körpers vorgedrungen. Seinem Mund hätte er dabei ganz besondere Aufgaben gegeben. Und erst recht seiner Zunge. Daran war jetzt aber nicht zu denken, hier unten in dem feuchten, kühlen Untergrund im Innern der Marbach.

Die Erscheinung des Gartenmannes wirkte ähnlich grotesk inszeniert. Etwas Braunes, Krümeliges, bedeckte dessen Stirn, seine Wangen, seinen Mund. Blumenerde. Nur die Nasenlöcher und die Augen lagen frei. Aber die Augen sahen nichts. Die Lider des Gartenmannes waren fest verschlossen. Rechts neben dem Gartenmann lag der ältere Herr, den Birger doch schon so früh in die Geheimnisse des Frisierkopfes eingeweiht hatte. So viel Gutes hatte er von diesem alten Marbacher gehört. Er wusste von dessen Liebe und Leidenschaft für alles Technische und die Fotografie. Ob das der Grund für die gigantischen Objektive waren, die quer über dem Gesicht des älteren Herrn lagen. Links und rechts seines Kopfes stützten große Zahnräder die überstehenden Enden der beiden Foto-Zubehör-Teile. Die Augen des älteren Mannes: geschlossen.

Und dann der Zeitungsausträger. Von ihm war eigentlich nichts mehr zu sehen. Birger vermutete aber, dass er es sein musste, der dort erbärmlich zugerichtet auf dem Boden dieses feuchten Loches lag. Mehrere Dutzend Zeitungen mussten es gewesen sein, die jemand für dieses makabre Kunstwerk verwendet hatte. Der Umfang des Zeitungsausträgers war immerhin auf das Doppelte angewachsen. Von den Füßen bis zum Kopf umgaben zig Zeitungsseiten den Körper des Print-Mannes. Eingewickelt in einen Cocoon. Wie eine Raupe, fand Birger. Auch der Zeitungsausträger schien zu schlafen, oder schlimmer, bewusstlos zu sein. Oder noch schlimmer?

Birger beugte sich über Betty, suchte ihre Lippen. Selbst der Kuss schmeckte sahnig-süß. Aber zu Birgers Entsetzen fühlten sich Bettys Lippen kalt an. War alles Leben aus ihnen und seiner Freundin entwichen? Sollte hier alles zu Ende sein,was vor wenigen Tagen mit einem simplen Streit zwischen zwei seltsamen Frauen begonnen hatte, den Birger und Betty zufällig mitangehört hatten? „Wach auf! Was ist hier los? Ihr anderen, kommt, los, was ist mit euch?“ Birgers Stimme wurde immer lauter und schriller. Seine Worte blieben in diesem Raum. Birger und die vier umgab nichts als Hunderte von Tonnen Erde, Stein und Stahl.

Der junge Marbacher lag auf dem feuchten Boden neben seiner Freundin. Seine Hände ertasteten etwas Kaltes, Kantiges. Es handelte sich um eine kleine Metallkiste. Der Schein des Smartphone-Lämpchens war hell genug, um das zweifelsfrei erkennen zu können. Und auf dem Deckel der kleinen Metallkiste war ein Buchstabe eingraviert. Birgers Finger glitt über das Metall und zeichnete die Linien des Buchstabens nach. Ein H. Noch etwas irritierte den jungen Marbacher. Keine Spur von dem Frisierkopf. Harry, Biene und Bella, welches Spiel treibt ihr hier?, fragte sich Birger in seinem Schmerz. Waren sie es, die sich über die Leidenschaften seiner Freundin und Mitstreiter, durch die Inszenierung, lustig machen wollten? Neben ihm hustete jemand, eine feuchte Hand legte sich auf seine Wange. Oder war das nur ein wirres Element in einem irren Traum, den Birger im Schlaf durchlebte?

Hunderte Kilometer südlich der Marbach feierten währenddessen die Schweizer ein Jahrhundertereignis. Wie bei Birger, geschah dieses Unfassbare im Untergrund, tief drinnen im Fels. Denn nach fast 17 Jahren Bauzeit hatten die Schweizer im Gotthard-Massiv tatsächlich den längsten Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Am nördlichen und südlichen Ende fuhren gleichzeitig die ersten Züge in den Berg, verkündeten rund um die Welt die Nachrichtensprecher. Aber davon bekam Birger nichts mit.

…Fortsetzung folgt.

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