Plausch am Ententeich – Die Ermittlerin

Dreiundzwanzigste Runde beim Plausch. Die Polizei mischt mit, Frust im Untergrund, Fußballfieber grassiert, und ein Mann, der Fotografieren liebt, weint. Was ist bloß los in Marburg-Marbach?

Kapitel W: Die Ermittlerin

Von Daniel Grosse

…Die fünf saugten die Frische in ihre Lungen. Schräg gegenüber steckte die aktuelle Zeitung im Gartenzaun des Gutshofs. Der Zeitungsausträger wunderte sich zwar darüber, wer seinen Job übernommen hatte, las dann aber vor: „Der US-Vorwahlkampf ist zu Ende: Hillary Clinton sichert sich die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten – als erste Frau in der Geschichte der USA, ein historischer Moment.“ Trotzdem sei sie, Medienberichten zufolge, die unbeliebteste Kandidatin seit Langem. Nur einer sei unbeliebter – der Mann, der zwischen ihr und dem Weißen Haus stehe: Donald Trump. „Den greift sie denn auch frontal an“, las der Austräger vor. Schön, dachte Betty, wie wohl unser Kampf hier ausgeht. War es Zeit, die Polizei einzuschalten?

Im Büro des Leiters der Lokalredaktion saß die Kommissarin und hob ihre Kaffeetasse in Richtung Mund. Auf halbem Weg dahin, brummte ihr Handy in der Brusttasche ihrer Bluse. Vor Schreck riss sie die Tasse nach oben und ein Schwall Kaffee landete direkt im Gesicht des Redakteurs. „Entschuldige“, war alles, was sie noch sagen konnte, schon hielt sie sich ihr Handy ans Ohr. „Wir haben eben einen Anruf aus der Marbach erhalten. Es geht wohl um fünf Personen, die irgendeinen Kopf jagen, oder zwei Frauen, und ein Harry ist auch noch beteiligt. Ich verstehe das alles nicht so recht“, erzählte der Diensthabende im Präsidium der Kommissarin, die an diesem Sonntag doch eigentlich nur in Ruhe ihren Kaffee mit ihrem Lieblingsjournalisten genießen wollte. „Ich muss los“, sagte sie noch im Rausgehen zu dem Redaktionsleiter, „vielleicht ein anderes Mal.“ Der: „Hast du etwas für mich, eine Geschichte?“ Kein Kommentar.“ Weg war die Kommissarin.

Auf der Bank am Ententeich saßen Birger, Betty, der Zeitungsausträger, der Gartenmann und der ältere Herr. Noch etwa elf Stunden, heute abend, noch vor dem Anpfiff des Spiels, würde Harrys Ultimatum ablaufen. Aber sie müssten jetzt all das, diesen Wahnsinn hier, ja nicht mehr alleine entscheiden und ertragen. Ob Harry gleich in U-Haft marschiert, oder ob Bella und Biene in Handschellen in irgendeinen Kerker kommen? Sollte das doch die Kommissarin entscheiden. Da waren die fünf sich einig. Dieser Polizist eben in dem Polizeipräsisium wollte schließlich seiner Vorgesetzten gleich Bescheid geben und sie herschicken.

„Und, Betty, erinnerst du dich, wie vor drei Tagen dieser ganze Irrsin angefangen hatte?“ „Klar“, sagte seine Freundin. So viel war geschehen. Der Streit zwischen den zwei Frauen, der Kopf, den sie mit genommen hatten, Birger und Betty, die Nachricht auf dem Display des Kopfes. Dort hatten sie von den 72 Stunden gelesen, nach denen Harry den Kopf spätestens zurück bekommen sollte, andernfalls: ein Blutbad mit Biene und Bella mitten drin? Die zwei Frauen mit aufgeschnitttener Kehle?

Nebn den fünf, die auf der Bank am Ententeich saßen, hielt eine dunkle Limousine. Eine Frau stieg aus, blond, sehr groß, gekleidet mit einer gelben Bluse, Jeans und langen Schaftstiefeln. Attraktiv, dachte Birger. Betty kniff Birger in den Po. Sie hatte den lüsternen Blick ihres Freundes bemerkt. „Sind Sie die fünf, die sich bei uns gemeldet hatten wegen dieser irren Geschichte“?, fragte die Kommissarin. Wer sonst? Alle fünf plapperten aufgeregt durcheinander, erzählten der Kommissarin aber dann doch die ganze Geschichte von Anfang an.

Nach 20 Minuten schaute die Polizistin mit starrem Blick ins Wasser des Ententeichs. „Wow!“, was für eine irre Story. „Ja, oder? Und was nun“, lautete Bettys Gegenfrage. „Sie zeigen mir jetzt sofort, wo Sie gefangen genommen worden sind.“ Fünf Minuten später tasteten sich fünf Marbacher und eine Polizistin im Schein einer starken LED-Taschenlampe durch die Gänge neben der Brunnenstraße. Noch immer waberte dieser Gestank in der Luft. Aber nur ganz leicht. Birger konnte es nicht fassen, denn da schon wieder der Beweis für die seltsamen Bedürfnisse so mancher Menschen: Kondome lagen dort herum in dieser feuchten Untergrundwelt.

Der Raum, wo Betty, der Zeitungsmann, der ältere Herr und auch der Gartenmann gelegen hatten – später auch Birger -, sah noch genauso aus, wie gestern. Aber etwas ganz entscheidendes war doch anders: Der Raum war leer. Keine Erde, keine Objektive, keine Zeitung. Sahne? Fehlanzeige. „Schauen Sie doch mal hinter die Kiste dort in der Ecke, dort müsste der Rucksack mit dem Frisierkopf liegen“, sagte Betty zu der Kommissarin. „Da ist nichts.“ Die Kommissarin schaute die fünf etwas zerknirscht an.

Wieder draußen vor der schweren Eisentür, forderte die Polizistin die fünf auf, dass sie am Nachmittag ins Präsidium kommen sollten wegen eines genauen schriftlichen Protokolls. Der Gartenmann rechnete. „Ist Ihnen klar, dass dann Biene und diese Bella vielleicht nur noch wenige Stunden zu leben haben? Handeln sie doch jetzt“, forderte der Gartenmann die Kommissarin auf. Aber was sollte sie tun? Wo sollte sie ermitteln. Zu haarsträubend erschien ihr auch die Geschichte zu sein, die die fünf ihr da aufgetischt hatten.

Die Zeitungsmeldung von vorgestern kam dem Zeitungsmann wieder in den Sinn. Schnell erzählte er dem Gartenmann davon, der das doch auch gelesen hatte. Denn in der Zeitung hatte in der linken Spalte doch gestanden, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es vorgestern in der Meldung. Darunter das Wetter. Besondere Kennzeichen hatten die Redakteure auch noch geliefert: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden. Das war ein Ansatz. „Lassen Sie uns doch zu der Friseurakademie in der Emil-von-Behring-Straße gehen“, meinte der Gartenmann. Dort werde es schon irgendeinen Namen oder eine Telefonnummer geben mit Hinweisen auf den Chef der Akademie. Auch Biene und Bella müssten da ja bekannt sein. Es war zwar Sonntag – und auch die Kommissarin wollte nachher das Spiel sehen, aber gut. Diese letzte Chance wollte sie diesen seltsamen fünf Marbachern noch geben. Also los, zur Friseurakademie.

Fahnen-schwenkende Fans, in Schwarz-Rot-Gold gekleidet, kamen ihnen bei der Tankstelle entgegen. Der andere Bäcker neben der Friseurakademie hatte natürlich geschlossen. Im Schaufenster lagen Fußballbrötchen. Immerhin sollte Deutschland ja an diesem Abend gegen die Ukraine antreten. Auf französischem Boden würde den deutschen Fußballspielern bei der Europameisterschaft aber zumindest vielleicht eines helfen: die Gewissheit, dass die deutsche Nationalmannschaft noch nie gegen die Ukraine verloren hat. Ob sich das heute abend ändern wird?, überlegte der alte Mann. Er erinnerte sich daran, wie er in den Achtzigern bei der WM in Spanien als Fotoreporter unterwegs war. Für die Marburger Tageszeitung, exklusiv. Tja, damals konnten sich die Lokalzeitungen so etwas noch leisten. Eine Träne lief über seine linke Wange. 1982. Lange war das her. Und nun, und heute? Da hatten irre Frauen ihn misshandelt, gedemütigt, in diesem verrückten Jahr 2016 rannte er durch die Marbacher Straßen, war mit seinen anderen Marbacher Freunden ein Jäger des Kopfes geworden. Oder doch eher ein Gejagter? Und nun auch noch eine Kommissarin an seiner Seite. Es war verrückt.

…Fortsetzung folgt.

Comments are closed.