Plausch am Ententeich – Die Seite 1

Vierundzwanzig Kapitel beschreiben inzwischen, was auch in einem so kleinen Stadtteil wie Marburg-Marbach alles geschehen kann oder könnte. Noch zwei Kapitel, dann endet der Plausch am Ententeich. Deshalb wünsche ich allen Leserinnen und Lesern für dieses aktuelle Kapitel X nochmal ganz viel Spaß, gute Unterhaltung und viel Überraschendes. Wieder in wenig mehr als 45 Minuten geschrieben. Darum geht es diesmal: einen Schatten, eine Waffe im Stiefel, Hitze im Auge, eine unfassbare Knebelvariante und einen verdutzten Journalisten. Und: Für Hinweise auf Fehler bin ich immer dankbar.

Kapitel X: Die Seite 1

Von Daniel Grosse

…Eine Träne lief über die linke Wange des älteren Herrn. 1982. Lange war das her. Und nun, und heute? Da hatten irre Frauen ihn misshandelt, gedemütigt, in diesem verrückten Jahr 2016 rannte er durch die Marbacher Straßen, war mit seinen anderen Marbacher Freunden ein Jäger des Kopfes geworden. Oder doch eher ein Gejagter? Und nun auch noch eine Kommissarin an seiner Seite. Es war verrückt.

Frisörakademie stand in großen roten Buchstaben auf der Scheibe des rechten Fensters. Über dem Eingang leuchtete der gleiche Schriftzug, rot. Dass die Leuchtsschrift an war, an einem Sonntag und dann noch tagsüber, wunderte nicht nur die Kommissarin. „Die werden doch nicht heute arbeiten oder lernen dort drin?“, fragte sie sich selbst. Die anderen bekamen ihre Zweifel mit. Der Zeitungsausträger kannte sich gut aus, war er doch schon hunderte Male hier vorbei gekommen. Das Zeitungsrohr war natürlich leer. Aber warum NATÜRLICH? Vorhin im Zaun des Gutshofs hatte doch auch die Sonntagsausgabe der Marburger Tageszeitung gesteckt. Hier nicht, also war jemand hier gewesen oder ist es noch. Die Kommissarin drückte auf den, hinter einer Klappe verborgenen Klingelknopf, den der Zeitungsausträger ihr zeigte. Nichts geschah. Nochmal, ein zweiter Versuch, diesmal trat auf dem Daumen der Polizistin schon das Weiße hervor, so fest presste sie ihn auf den Knopf. Durch die Scheibe war irgendetwas ganz kurz zu sehen gewesen. Fast wie ein Schatten, für weniger als eine Sekunde. Kein Zweifel, dort drinnen war jemand und der oder die wollte sich scheinbar nicht auf ein Pläuschchen einlassen.

Die Kommissarin rief im Präsidium an. Zwei Kollegen mit technischer Ausrüstung sollten herkommen. Zügig. Das Schloss der Eingangstür war nicht allzu massiv. Das müsste schnell gehen, überlegte die Poizistin und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Birger stand direkt neben dieser überaus attraktiven Ermittlerin. Er roch ihr Parfum. Nur ein Hauch davon umgab diese große, schlanke Frau. Birger stand nun eine Fußlänge schräg hinter ihr und schaute – in ihren Ausschnitt. Aber was war bloß los mit ihm? Da stand er hier mit seiner Freundin Betty, seinen neuen Freunden und war vielleicht kurz davor, irgendein Verbrechen aufzuklären, und was tat er? Er ließ sich von einer Fremden derart anziehen, wie ein Teenager bei seinem ersten Rendezvous.

Schon wieder zwickte ihm plötzlich jemand in den Hintern. Birger schrie auf, Betty hielt ihm von hinten den Mund zu und flüsterte ihrem Freund ins Ohr: „Pass auf mein Freund, darüber sprechen wir später. Mir gefällt die Frau ja auch, so als Mensch, meine ich. Aber du kümmerst dich mal besser um deine Comic-Reihe „Mord am Ententeich“ und meine regelmäßigen Rationen Schwarzwälder Kirschtorte. Und du kümmerst dich um mich – und nicht um die da.“

Die Kollegen der Kommissarin schraubten keine fünfzehn Minuten später mit irgendwelchem Spezialwerkzeug an dem Schloss der Eingangstür herum. Es summte, blinkte, knackte. Die Tür war offen. „Sie bleiben hier draußen und verhalten sich still“, wies die Kommissarin die fürnf Marbacher in ernstem Ton zurecht. Gemeinsam mit ihren beiden Kollegen betrat sie die Frisörakademie. Nichts auffälliges zu sehen. Es sah dort eben so aus, wie in einem Frisörsalon, der einfach zehnmal geklont worden war, damit viele gleichzeitig arbeiten und lernen konnten. Haarspray, ja es roch nach Haarspray. Aber nicht nach altem, das vor Tagen versprüht worden war. Noch gerade eben musste hier jemand gewesen sein. Auf einem der Stühle lag etwas. Die Kommissarin nahm es zwischen ihre Finger, rief leise ihre Kollegen herbei. „Ganz eindeutig, eine rote Haarsträhne.“

Sie zog ihre Dienstwaffe aus dem Holster in ihrem rechten Stiefel. Die beiden Kollegen schauten sich an und grinsten. Schließlich war das eine Angewohnheit, die sie kannten, die aber im Kollegenkreis immer wieder für Diskussionen gesorgt hatte. „Eine Dienstwaffe gehört ordentlich verwahrt, wir sind doch nicht im Wilden Westen oder in einem Fernsehthriller“, hörten die beiden in ihrer Erinnerung noch den Polizeipräsidenten bei der letzten Besprechung sagen. Wem das allerdings egal gewesen war? Der Kommissarin. Sie machte, was sie wollte. Dazu gehörte der regelmäßige Plausch mit ihrem geliebten Redaktionsleiter – und eben auch die kleine Waffe in ihrem rechten Stiefel. Da konnte der Polizeipräsident nölen wie er wollte.

Das Getrampel war ohrenbetäubend. Ein massiger Leib musste da eben auf sie zugestürmt gekommen sein, so schwer donnerten die Schritte. Das zumindest war alles, was die Kommissarin noch mitbekam. Dann begannen ihre Augen zu brennen, so als ob jemand ihr glühende Eisenspieße in die Augäpfel drücken würde. Sie schrie. Ihre Kollegen lagen währenddessen schon fest verschnürt auf dem Boden in der Besenkammer der Frisörakademie. Einem Mann mit einem mächtigen Bauch, einer Glatze und einem langen Bart rutschte soeben ein Hausschuh von seinem Fuß. Das ärgerte ihn zwar, aber wichtiger war, dass er diese drei hier sicher unter Kontrolle hatte.

Die Kommissarin hatte noch versucht, weg zu rennen, aber sie war vollkommen orientierungslos von diesem Zeug da in ihren Augen. Und Sekunden später unklammerte auch ein gewaltiger Arm ihren Hals, presste ihr die Luftröhre zu. Der Frau wurde schwarz vor Augen. Aber den Abzug ihrer kleinen Waffe konnte sie gerade noch ziehen. Ein Schuss knallte. „Du Sau!“, schrie eine Männerstimme. Dann kamen mindestens zehn Füße angerannt. Das konnte die Kommissarin noch wahrnehmen. Mehr nicht. Blackout.

Birger erreichte die Kommissarin als erster. Er kniete sich über den leblosen Körper dieser Ermittlerin, die doch vorhin noch so präsent, so stark und souverän gewirkt hatte. Leblos – aber immer noch ungemein anziehend. Birger erschrak über sich selbst, über seine Gedanken. Die Augen der Polizistin waren geschlossen. Tiefrote Ränder umgaben die Augen. Aus dem Mund der Kommissarin drang nur ein Röcheln. Sie rang um Luft. Birger erinnerte sich an seinen jüngsten Erste-Hilfe-Kurs, kürzlich mit Betty. So begann er mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Betty schob ihn aber sanft zur Seite und machte weiter. Die Frau hustete, kam zu sich.

Von nebenan, es musste wohl ein Abstellraum oder eine Besenkammer sein, war Gepolter zu hören. Der Gartenmann schaute in den Raum. Die beiden Polizisten lagen in einer Ecke, gefesselt, jedem steckte ein Knebel im Mund. Aber was war das tatsächlich? Jedenfalls kein Knebel. Es war eine weiße Masse, die den beiden da aus dem Mund quoll. Und den Geruch, der sich im Raum ausbreitete, kannten die fünf Marbacher nur zu gut. Es stank.

In der Redaktion der Marburger Tageszeitung saß währenddessen der Redaktionsleiter vor seinem Computermonitor und schaute sich den aktuellen Aufmacher der morgigen Zeitungsausgabe an. Noch immer bedauerte er es, dass der Kaffeeplausch mit seiner lieben Polizei-Freundin, die heute auch wieder besonders klasse ausgesehen hatte, so plötzlich enden musste. Der Journalist las die Top-Meldung laut vor, so wie er es damals schon während seiner Volontärsausbildung gelernt hatte, um holprige Formulieren leichter zu entdecken: „Bundesbank hält an Bargeld fest – Sollte Bargeld abgeschafft werden? Der Bundesbank-Chef lehnt solche Vorschläge ab. Eine Abschaffung zerstöre das Vertrauen der Bürger. Nach Meinung der Bundesbank soll es auch in Zukunft Bargeld geben. Er halte die Abschaffung des Bargelds für kein sinnvolles Instrument, um die Geldpolitik zu beflügeln, sagte der Bundesbank-Präsident bei einer Tagung der Notenbank in Frankfurt. Und es würde auch das Vertrauen der Bürger in die Geldpolitik zerstören. Nach dem Aus für den 500-Euro-Schein hatte es Diskussionen gegeben, ob Bargeld langfristig tatsächlich komplett abgeschafft werden sollte.“ Da endete die Top-Meldung.

„Richtig so“, rief der Redaktionsleiter laut durch seine geöffnete Tür. Ein Praktikant am Nachbartisch verstand gar nichts. „Na das, was das Bargeld angeht und wie du den Text geschrieben hast“, erklärte der gestandene Journalist seinem immer noch fragend dahinglotzenden Praktikanten. Hätte der Zeitungschef gewusst, was soeben in der Marbach geschehen, war, er hätte die Bargeld-Meldung von der Seite gekickt. Aber sie war im Moment nun einmal das beste, was er hatte für die Seite 1. Da klingelte sein Telefon. „Krahlich, Pressestelle Marburger Polizeipräsidium, wir haben ein Problem.“ Eine Minute später hätte der Journalist den PR-Kollegen der Polizei am liebsten gleichzeitig umarmt und erwürgt.

…Fortsetzung folgt.

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