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Unblutige Hast durch Marbach – kopflos und mit Torte

Mittwoch, Dezember 14th, 2016

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Spannung und Humor auf 144 Buchseiten im Krimi Plausch am Ententeich.   Foto: privat

Zwei Marbacher kommen einer heißen Story auf die Spur, wollen ein Verbrechen verhindern und Leben retten und passieren dabei viele typische Marbacher Orte. Für Ortsunkundige erschließt sich dabei, dass Marbach ein hübsches Örtchen sein muss, in dem man einander kennt. Diese Sätze schreibt die Texterin und Journalistin Carmen Eickhoff in ihrem Blog Textscheune. Gelesen hat sie den Lokalkrimi „Plausch am Ententeich“, der natürlich auf allen Marbacher Nachttischen und in sämtlichen Marbacher Bücherregalen stehen sollte. Lesen Sie, was Carmen Eickhoff noch über die beiden Marbacher Birger und Betty und ihre Abenteuer schreibt.

Von Daniel Grosse

Aktualisierung am 16.12: In der Marburger Oberstadt, bei Lehmanns, ehemals Elwert, scheinen Exemplare vom „Plausch am Ententeich“ tatsächlich noch in den Regalen vorrätig zu sein. Ein klares Statement gegen die Riesen unter den Versendern 😉

„Journalist Daniel Grosse aus Marbach hat eine neue Form des Krimi-Schreibens entwickelt, nämlich das open-end-one-hour-fix-limit-writing. Die Bezeichnung stammt von mir, aber geschrieben hat er nach eigenen Angaben genau so. Ein Kapitel in einer Stunde. Immer recht improvisiert, und erst in den letzten Kapiteln entwickelte sich auch vor seinem inneren Auge, wie die immer schneller und rasanter verlaufende Geschichte (für Marbacher Verhältnisse) enden würde.

Das Konzept ist sicher für die Teilnehmer des NaNoWriMo interessant, die ja auch in limitierter Zeit, den 30 Novembertagen, versuchen, eine kohärente Story bestimmter Länge, nämlich mindestens 30.000 Zeichen, zu entwickeln und festzuschreiben. Hier hat es jemand geschafft, in noch weniger Zeit einen abgeschlossenen Krimi zu schreiben, ohne vorher stehenden Plot aber mit tagesaktuellen Einsprengseln aus der realen Welt, und ihn in den verbleibenden vier Tagen auf Druckreife zu bringen für eine Veröffentlichung bei Books on Demand.

Die Geschichte

Zwei Marbacher kommen einer heißen Story auf die Spur, wollen ein Verbrechen verhindern und Leben retten und passieren dabei viele typische Marbacher Orte. Für Ortsunkundige erschließt sich dabei, dass Marbach ein hübsches Örtchen sein muss, in dem man einander kennt.

Der Plot ist schräg und bleibt nur dank der beiden bodenständigen Hauptfiguren Birger und Betty lebensnah. Durchaus spannend ist, dass im Nachhinein ein roter Faden erkennbar ist und sich eine geschlossene Geschichte entwickelt, obwohl es beim Lesen manchmal hakt. Aber die Phantasie des Lesers schließt die Sprünge immer spätestens im Folgekapitel. Die knappe, hauptsatzdominierte Sprache, die im Stakkato Satz für Satz neue Informationen preis gibt, hat selten ausreichend Muße, in Nebensätzen etwas zu erläutern, vertiefen oder illustrieren.

Das bilderlose Buch (Cover ausgenommen) kommt nüchtern und klar daher, bietet Lesestoff für einen Nachmittag und hinterlässt bei Ortsunkundigen den Eindruck, der zentrale Ort des sozialen Lebens in Marbach sei natürlich: der Ententeich. 😉  ……“ Quelle: Blog Textscheune

Und im Buchblog Lesezauber.net ist über den Plausch am Ententeich zu lesen: „…Dieses Buch wird Marbacher und die angrenzenden Bewohner sicherlich sehr erfreuen. Auf ca. 140 Seiten darf man Birger und seiner Freundin Betty beim Kuchen essen und anschließend bei der Lösung eines mysteriösen Falles in Marbach beistehen.

Dabei bekommen die 2 tatkräftige Unterstützung aus der Nachbarschaft, denn sie werden von einem Unbekannten bedroht, der etwas zurück haben will, was Birger und Betty unfreiwilligerweise besitzen.

Plausch am Ententeich ist eine nette Unterhaltung, ein Regionalkrimi für zwischendurch. Dabei verzichtet Daniel Grosse auf blutige Szenen und halsbrecherische Verfolgungsjagden, da sind es eher die Anspielungen auf …. Marbach, die Anwohnern sicherlich auffallen und gefallen werden. …“  Quelle: Buchblog Lesezauber.net

Aktualisierung am 16.12: Bei Lehmanns, ehemals Elwert, scheinen Exemplare vom „Plausch am Ententeich“ tatsächlich noch in den Regalen vorrätig zu sein. Ein klares Statement gegen die Riesen unter den Versendern 😉

Plausch am Ententeich – Die Hütte

Dienstag, Juni 14th, 2016

Gut, damit steht unter diesem fünfundzwanzigsten Kapitel ein letztes Mal „Fortsetzung folgt“. Denn mit dem Kapitel Z ist in Kürze der hyperlokale Online-Fortsetzungskrimi, Plausch am Ententeich, beendet. Dieses Mal lesen Sie, warum es manchmal scheinbar wichtig ist, innerorts 80 zu fahren, warum die Augen brannten, was sich durch die Marbach schlängelt, wer keine Auskunft erteilt, was Hütten verbergen und was ansonsten Unfassbares auf der Welt geschieht.

Kapitel Y: Die Hütte

Von Daniel Grosse

…Hätte der Zeitungschef gewusst, was soeben in der Marbach geschehen, war, er hätte die Bargeld-Meldung von der Seite gekickt. Aber sie war im Moment nun einmal das beste, was er hatte für die Seite 1. Da klingelte sein Telefon. „Krahlich, Pressestelle Marburger Polizeipräsidium, wir haben ein Problem.“ Eine Minute später hätte der Journalist den PR-Kollegen der Polizei am liebsten gleichzeitig umarmt und erwürgt.

Inzwischen war es später Sonntagnachmittag, 16 Uhr, in vier Stunden würde Harrys Ultimatum ablaufen, wenn der Kopf bis dahin nicht gefunden war und bei Harry wäre. Das war Birger, Betty, dem Gartenmann, dem Zeitungsausträger und auch dem älteren Herrn bewusst – aber egal. „Was kümmert uns das jetzt noch?“, fragte jemand von ihnen in die Runde. Betty kniete neben der schönen Polizistin und hielt sie fest im Arm, blinzelte Birger dabei zu. Der verstand nichts. Oder doch? Betty und Frauen?, überlegte Birger. Das klären wir später. Die Kommissarin war noch immer ganz benommen, hatte aber schnell ihre Dienststelle angerufen. Der Pressemann dort reagierte, woraufhin kurz darauf das Telefon des Redaktionsleiters geklingelt und dieser von der Sache in der Frisörakademie erfahren hatte. Allerdings hatte die Polizei keineswegs ein Interesse daran, dass ein Journalist schnelles und gutes Futter für seine Zeitungsseiten bekommen sollte. Das Interesse ging in eine ganz andere Richtung. Die kleine Vermisstenmeldung kürzlich in der Zeitung, war der Anlass. Biene und Bella wurden darin beschrieben, es hieß, sie seien vermisst. Um Hinweise war gebeten worden.

Und deshalb kam nun auch einige Minuten später der Redaktionsleiter gemeinsam mit dem Polizeisprecher Krahlich in einem alten Porsche 911 den Marbacher Weg herauf gerast. „50 bitte, der Herr.“ Doch der Journalist kümmerte sich nicht um den Regel-hörigen Krahlich neben ihm. 80 zeigte die Tachonadel, als die beiden am Abzweig zum Köhlersgrund vorbei fuhren. „Das klären wir später“, sagte der Polizeisprecher streng, drehte den Kopf zur Seite und grinste. Schließlich wusste er, wie sehr sich der Journalist nach jedem Signal der Kommissarin sehnte. Jedes kleine Zeichen, das andeutete: „Ja, mit uns zwei könnte es etwas werden“, war ein Fest für den Zeitungsmann. Er begehrte diese Polizistin. Und nun war sie verletzt, wie schlimm, wussten weder der Polizeisprecher noch der Journalist. Beide mussten schnell zu ihr.

Vor dem Frisörsalon stand bereits ein Notarztwagen. Ein Flatterband sperrte die Frisörakademie weiträumig ab. Neugierige reckten die Hälse. Die Marbacher Feuerwehr hatte erst vorhin einen gemeinsamen Ausflug mit dem örtlichen Männergesangverein unternommen. So kam es, dass auch zwei Feuerwehrfahrzeuge unweit des Tatorts parkten. Schnell wuchs die Zahl der Neugierigen an. „Was ist los?“, rief jemand dem Gartenmann zu, der vor der Akademie kurz frische Luft schnappen musste. „Frag die Polizei“, erwiderte der. „Aber du bist doch vor Ort. Also, was ist passiert?“ Langsam wurde der Marbacher Ortsvorsteher unruhig. Kannte er doch den Gartenmann schon so viele Jahre und nun stellte der sich so bockig an. Noch nicht mal diese kleine Auskunft. Missmutig stellte sich der Ortsvorsteher zu den anderen in die Menge.

„Wie geht es Ihnen? Was haben Sie gesehen? Was ist geschehen?“ Wie die Kommissarin, war auch der Polizeisprecher ein Profi. Die Fragen durften sachlich sein. Anteilnahme kam später. Jetzt ging es um schnelle Ermittlungsergebnisse. Auch der Redaktionsleiter war dazu gekommen. Sanft, fast schon beiläufig, küsste er die Polizistin auf die Wange. Sie schaute ihn an, lächelte. „Du bist lieb, aber jetzt zur Sache“, sagte die Kommissarin und berichtete präzise, was geschehen war. Birger und Betty, die die Zärtlichkeiten zwischen den beiden sehr wohl bemerkt hatten, hörten der Kommissarin zu. Der ältere Herr mit seinen Pressefoto-Erfahrungen vom WM-Jahr 1982 und der Redaktionsleiter nickten sich zu. Sie kannten sich schon seit Jahrzehnten. Auch den Zeitungsausträger hatte der Zeitungschef erkannt. In der Kantine des Zeitungshauses war er ihm häufiger aufgefallen, so schüchtern und klein wie er war. Wohl gerade deshalb.

Diese paar Haare, dort am Tatort, mussten dieser Biene gehören. Der dicke Mann, der der Kommissarin eine halbe Dose Reizgas in die Augen gesprüht hatte, war ganz sicher Harry. Also der, der unbedingt diesen Frisierschädel brauchte. Alles schien so klar und einfach zu sein. Zudem zog sich auch noch eine lange Blutspur durch den Flur der Frisörakademie. Also gab es für die Spurensicherung und ihre Kollegen von der Medizinerfront massenweise Material. Fast schon wie eine Schnitzeljagd, dachte Birger. Da müssten sie diesen Harry doch leicht finden können.

„Ihr habt uns doch damals diese Meldung geschickt, dass zwei Frauen, die eine mit roten Haarbüscheln und die andere mit einem Po-langen schwarzen Zopf, von der Frisöakademie vermisst wurden, oder“, fragte die Kommissarin den Redaktionsleiter wieder ganz sachlich. „Ja, nach dem Anruf eures Herrn Krahlich habe ich schnell die Unterlagen geholt und die Datei aus der Anzeigenabteilung ausgedruckt.“ Die Anzeige war damals nicht per Mail, per Internet oder telefonisch bei der Marburger Tageszeitung eingegangen – sondern persönlich überbracht worden. „Ja, das ist schon ungewöhnlich, kommt aber vor in kleineren Städten wie Marburg.“ Der Journalist grinste. „Und wisst ihr, wie die beiden Personen aussahen, die die Vermisstenmeldung bei uns in der Anzeigenabteilung abgegeben hatten?“ Diese Besonderheit war das erste, was ihm seine Kollegin im Zeitungshaus vorhin noch zugerufen hatte, diese komische Randnotiz. „Die eine hatte rote Haarbüschel auf dem Kopf und die andere einen sehr, sehr langen Zopf.“ Wow, das wird doch noch eine Geschichte, freute sich der Journalist, während er das den anderen berichtete. Denn so sehr er auch das Vertrauensverhältnis zur Poizei schätzte und diese unglaubliche Ermittlerin liebte, war er doch auf seinem Gebiet zu sehr Profi, als dass er das nicht verarbeiten würde. Noch nicht morgen, aber vielleicht übermorgen würde das sein Aufmacher auf der Seite 1.

„Und welche Namen hatten die beiden“, wollte die Kommissarin wissen, „mit welchen Namen haben sie die Suchanzeige unterzeichnet?“ Tine und Stella Berger. Irgendwas stimmte nicht. Allen war das klar. Und das war mehr als dieses Ähnlichkeit der Personen und die ähnlich klingenden Namen der Frauen. Biene und Bella, Tine und Stella. Rote Haare, schwarzer Zopf. Harry. Den galt es zu finden.

Aus dem Hinterausgang der Frisörakademie trat ein ganzer Pulk an Menschen heraus. Zum Glück hatten die Kollegen von der Spurensicherung und die Mediziner nichts dagegen, dass sie der Blutspur folgten. Die Spur war breit, verwertbares Material in Massen. Die Kommissarin ging vorne weg, dahinter der Polizeisprecher, zwei weitere Beamte, und in einigem Abstand folgten der Redaktionsleiter, zudem Betty, Birger und die drei Marbacher, die inzwischen schon so etwas,wie ihre Freunde geworden waren. Das Du war längst selbstverständlich.

Das Grüppchen ging durch mehrere Gärten, stieg über drei Zäune, immer noch schlängelte sich die Blutspur durch die schöne Marbacher Natur. Die Kommissarin hatte dem brutalen Mann in den Oberschenkel getroffen. Dem starken Blutverlust nach zu urteilen, war das Projektil scheinbar in ein Gefäß eingedrungen mit lebenswichtiger Funktion. Ob dieser Mann überhaupt noch lebte?, fragte sich die Polizistin und stand plötzlich vor einem – nein, ein Haus war das nicht, eher eine Hütte. Sie kannte sich in der Marbach zwar nicht sehr gut aus, aber irgendwo in der Nähe der Brunnenstraße mussten sie wohl sein. Die Turmglocken der Markuskirche läuteten. 17 Uhr.

Von drinnen drang Geschirrgeklapper durch die Fenster. Eines stand offen. Ein Radio war wohl eingeschaltet, der Nachrichtensprecher machte seinen Job: „Es ist die bisher schlimmste Bluttat eines Todesschützen in der US-Geschichte: In dem Nachtklub Pulse hat ein Mann in der Nacht zu Sonntag Dutzende Menschen als Geiseln genommen und erschossen. 50 Gäste seien gestorben, sagte Orlandos Bürgermeister. Zudem seien 53 Menschen verletzt worden, von denen viele noch in Lebensgefahr schwebten. Der Angreifer wurde von der Polizei getötet.“ Der Nachrichtensprecher fasste mit diesen Worten nochmals zusammen, was bereits den ganzen Tag durch die Medien ging und so unfassbar schien.

Alle hatten einen Kloß im Hals nach dieser Meldung, aber die Polizisten und der Journalist waren Profis genug, so dass sie gleich wieder innerlich umschalteten und auch hier in der Marbach mit dem Schlimmsten rechneten: mit einem schwer bewaffneten, schwer verletzten brutalen Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte – außer diesen Frisierkopf vielleicht. Dann ging alles ganz schnell. Die einfache Holztür zerbarst, die Polizisten stürmten in die Hütte, in der Küche schrie eine Frau. Und in einem großen roten Sessel saß ein Mann mit dickem Bauch und Glatze, Hausschuhen an den Füßen, sein Vollbart war seltsam weiß verschmiert. Weit aufgerissene Augen starrten die eben Hereingestürmten an. In dem Mund des Mannes steckte etwas. Es war weiß und stank. Der Mann war nicht verwundet.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Überraschung

Sonntag, Mai 15th, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Der Online-Fortsetzungskrimi aus und über Marburg-Marbach ist bei Kapitel Q angelangt.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich startet in die siebzehnte Runde. Ein dickbäuchiger Mann begrüßt in einer Akademie, ein kleiner Mann zerrt Menschen hinaus, und seltsame Frisuren bewegen sich in Richtung Markuskirche. Dann noch die Meldung zu Jan Böhmermann.

Kapitel Q: Die Überraschung

Von Daniel Grosse

…An der Tankstelle Ecke Brunnenstraße/Emil-von-Behringstraße kaufte sich zur selben Zeit ein Mann ein Eis. Er war sehr groß und kräftig, schwarzes, volles Haar, das ihm üppig vom Kopf abstand. Er trug ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Sommers wie winters kannten ihn so die Marbacher. Auch der Tankstellenkassierer lächelte und fragte ihn: „Dazu die Bild, wie immer?“ Vor der Tankstelle schlug der Mann das Blatt auf: Eine 21 Jahre alte Frau aus Somalia überschüttet sich mit Benzin und zündet sich selbst an. Tragödie in dem australischen Flüchtlingslager auf Nauru. Damit wollte sie gegen ihre Internierung auf der umstrittenen Pazifikinsel protestieren, schrieb die Zeitung. Tränen liefen dem Mann im schwarzen T-Shirt über die Wangen.

In der Frisörakademie in der Marbach war richtig viel los. Natürlich hatten auch die Teilnehmer der dortigen Kurse die Neuigkeiten der letzten Tage gelesen, in der Zeitung. Zum Beispiel das aus Nauru. Aber sie wollten auch wissen, was das für ein seltsames Grüppchen war, das dort vorne neben der Eingangstür saß. Zwei junge Leute, ein Mann und eine Frau, dann ein älterer Herr, der die ganze Zeit in einer Fotozeitschrift las, ein Mann mit Erde unter den Fingernägeln, wie bei einem Gartenmann, und ein kleiner, verhuscht dreinblickender Kerl mit fliehendem Blick.

„Meine Herren, meine Dame, um was geht es?“ Vor den fünf stand ein Mann in Hausschlappen. Ein mächtiger Bauch spannte sich unter seinem Hemd. Er grinste. Dabei hatte dieser Mann keinen Grund zu grinsen. Immerhin stützten ihn zwei, zugegeben, schick frisierte junge Frauen. Sie hatten ihn zu der Gruppe geführt. Aber: der Mann mit dem dicken Bauch konnte nichts sehen. Seine Augen waren verbunden. „Wundern Sie sich nicht. Ich hatte eine handfeste Auseinandersetzung mit meiner Frau und ihr Kochlöffel hätte mir fast mein Augenlicht geraubt. Hätten wir nicht die Blindenstudienanstalt in Marburg und eine dementsprechend gute Augenheilkunde im Klinikum, wäre ich jetzt vielleicht blind.“

Der Zeitungsausträger wäre am liebsten unter seinen Stuhl gekrochen. Natürlich kannte er diesen Mann. Es war der, der ihm das Foto von Betty und Birger vor die Nase gehalten hatte. Er, der Austräger hatte den Auftrag, die beiden zu finden. Den Kopf wollte dieser dicke Mann haben. Aber was machte er hier, in der Frisörakademie? „Chef, soll ich Senfgelb nochmal bestellen?“ Aus einem Nebenraum drang dieser Frage in die Ohren des Austrägers. Zweifellos war dieser Augen-Verbundene Derselbe, der ihn auf der Brunnenstraße zum Spitzeln angestiftet hatte. Betty und Birger sollte er ihm ausliefern. Und er war zudem der Chef dieser Frisörakademie. Und noch dazu sicher auch der Mann hinter dieser Comic-Reihe, die Birger so faszinierte: Mord am Ententeich.

Wir müssen jetzt ganz schnell gehen. Gedanken, die der Austraäger auch schnell aussprach. Der kleine Mann zerrte seine neuen Freunde aus dem Vorraum dieser Akademie in der Emil-von-Behring-Straße. Er war so selbstbewusst und gefiel sich in seiner Rolle. „Sagen Sie, was fällt Ihnen ein?“ Der Gartenmann und der ältere Herr waren erbost. Jetzt hatten sie endlich doch entschieden, in diese Akademie zu gehen, um dort eine Adresse oder zumindest Namen dieser beiden Frauen zu bekommen, die wohl dem Tode geweiht waren: Biene und Bella. Dieser Harry hatte ja in seiner Display-Botschaft gedroht, die beiden Frauen umzubringen, würde er nicht binnen 72 Stunden den Kopf in Händen halten. Natürlich kannten die fünf diese Botschaft, aber sie wussten nicht, wer die Frauen in der Botschaft waren. Einzig der Zeitungsausträger wusste von Zusammenhängen. Auch den Namen der Frau mit den roten Haarfransen und der mit dem Po-langen Zopf kannte der Zeitungsmann. Ebenso wusste er, dass das eben, der Harry war. Der Killer? Der Austräger erzählte seinen neuen Freunden alles, vor der Tür der Frisörakademie. Sein Wissen erdrückte ihn. Hätte er nicht geplaudert, er wäre verrückt geworden.

Noch 32 Stunden. Hinter der Glastür, im Inneren der Akademie, stand ein vollbärtiger Mann mit verbundenen Augen. Zwei Gestylte führten ihn von dort weg. Wahrscheinlich in dessen Büro. Harry. Natürlich war er mit seiner Akademie Herausgeber eines umstrittenen Comics, das sich aber gut verkaufen ließ. Mord am Ententeich.

Der Zeitungsausträger: „Birger, wie gut dass Sie den stinkenden Kopf in Ihrem Rucksack vorhin drin behalten haben.“ Genau. Birger gab ihm Recht. Denn noch war die Zeit nicht reif für eine Übergabe. Erst recht nicht jetzt. Denn, konnten sie diesem Harry trauen? Was hatte er wirklich vor? Was, wenn plötzlich…? Birger verstummte in seinen Gedanken. Rote Haarbüschel und ein Po-langer Zopf. Ohne Zweifel zwei Menschen, die geradewegs in Richtung Markuskirche unterwegs waren. Dort vorne, keine 30 Meter entfernt, gingen Biene und Bella. Das sahen auch die anderen aus der Gruppe. „Hinterher!“ Betty schaltete als erste.

Als sie an der Tankstelle vorbei kamen, sahen sie auch die Meldung, die der Spiegel aktuell auf dem Titelblatt hatte. Danach hatte der Moderator und Republik-Aufreger Jan Böhmermann in einem Video soeben in seiner Show „Neo Magazin Royale“ gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in eine Sendung namens „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte. Ein Herr Schneiders, 55, war wohl als biertrinkender Vater René aufgetreten, Simon S., 30, als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief – laut dieser Spiegel-Meldung – am 10. April bei dem Privatsender ErTeEl. Böhmermann gab scheinbar der Farce in seiner Sendung „Neo Magazine Royale“ den Namen „Verafake“.

…Fortsetzung folgt

Plausch am Ententeich – Der Anruf

Dienstag, April 12th, 2016

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Mit dem Online-Krimi geht es nach der Osterpause nun wieder weiter. Die erste Hälfte des Werks ist bald geschrieben. Schwarzwälder Kirschtorte und joggende Verliebte, dazu ein Kopf, zwei gestylte Frauen sowie ein unheimlicher Harry – fertig sind die Zutaten für dieses Buch. Auch diesmal wieder streng nach der 45-Minuten-Regel verfasst.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich. Birger und Betty wissen in diesem neuen Kapitel noch nichts von dem misshandelten Austräger, sie erfahren aber von einer Polizeisuche, indem sie ein blinkendes Signal entdecken. Der hyperlokale Online-Fortsetzungskriminalroman, Plausch am Ententeich, geht in die elfte Runde.

Kapitel K: Der Anruf

Von Daniel Grosse

…Eben noch hatte der Zeitungsausträger sein letztes Exemplar in ein Zeitungsrohr gesteckt, als er diese Polizeimeldung las. Vier Zeilen nur waren erkennbar, den Rest verbarg die Röhre. Langer Zopf, rote Haarbüschel, Frauen. Fünf Worte, ein Gefühl. Panik beschlich den Austräger nicht ganz langsam, sie lähmte den Mann, traf ihn zuvor blitzschnell wie ein Schlag ins Genick. Schon griff er in seine Hosentasche, begann zu wählen: Eins, Eins, als er die Taste mit der Null drücken wollte, riss ihm etwas die Füße vom Boden weg. Im Fallen sah und hörte er Bekanntes. Auch diese Hände kannte der Zeitungsausträger.

Biene stand über ihm, lachte höhnisch. „Na, du Kerlchen, hoffentlich hast du gute Nachrichten für mich.“ Der Mann rieb sich die linke Schulter. Vielleicht hatte er sich sogar einen Knochen gebrochen, überlegte der Austräger. Doch das war im Moment sein kleinstes Problem. Zunächst musste er diese brutale Frau mit irgend etwas besänftigen. Er, der doch am liebsten in seiner kleinen Welt ohne große Worte lebte. Deshalb stammelte er nur: „Wirklich, überall auf meiner Route habe ich gesucht, jeden Tag.“ „Und, mit Erfolg“, fragte Biene? Der Mann dachte an die Fußbälle, Melonen, Kürbisse, all das runde Zeugs, was er von weitem in den Gärten entdeckt hatte. Jedes Mal, dachte er, das könnte dieser bescheuerte Kopf sein. Fehlanzeige. „Pass mal auf, bis morgen hast du Zeit. Dann will ich einen Erfolg von dir sehen.“ Bienes Drohung wirkte. Der Zeitungsausträger machte große Augen und nickte. Zwei Sekunden später war er verschwunden, hinkend und mit der einen Hand die linke Schulter umfassend.

52 Stunden noch. Harrys Ultimatum schwebte über der Marbach. Und den seltsamen Geruch aus dem Schädelinnern deuteten Betty und Birger als Menetekel. Galt dieses Unheil verkündende Zeichen ihnen? Wollte Harry mit diesem Geruch den beiden einen Stich versetzen, der sich zumindest in ihre Nerven bohrte, ihren Geruchssinn quälte? „Quatsch“, sagte Betty. „Harry kann doch gar nicht wissen, wo wir jetzt gerade sind oder ob wir den Kopf überhaupt noch haben, es sei denn….“ Birger schaute auf ihren offen stehenden Mund, aus dem aber keine Worte mehr kamen. „Es sei denn, er kann uns orten.“ Birger sprach das aus, was Betty dachte. Schon wieder diese Panik, die sie in den vergangenen Stunden schon so oft beschlichen hatte. Auch der alte Mann wurde ganz blass. Technisch gesehen, konnte Harry natürlich in dem Schädel einen Sender versteckt haben, der zu jeder Zeit Signale sendet, die verraten, wo sich der Kopf gerade befindet. Immerhin hatte der Schädel die beiden ja auch fotografiert und sie unmissverständlich gewarnt, was passieren würde, wenn Harry den Kopf nicht innerhalb von 72 Stunden zurück bekam. Aber ein Peilsender? Das war den drei Marbachern, die dort oben oberhalb der Brunnenstraße in einem kleinen Fachwerkshaus beisammen standen, dann doch zu viel James Bond.

Birger setzte sich in einen bequemen Sessel. Er musste nachdenken. Das Smartphone in seiner Gesäßtasche störte. Birger zog es heraus und legte es auf einen kleinen Tisch, den der alte Mann mit allerlei Kameraobjektiven, Fotozeitschriften und dergleichen fast überfrachtet hatte. Weil der Tisch aus Glas war, spiegelte sich ein kleines, blinkendes Licht in der Tischplatte. Fast schon hätte sich Birger wieder weggedreht, als er das Handysignal entdeckte. Ein entgangener Anruf. Birger nahm das Gerät in die Hand. Die Nummer kannte er nicht, drückte aber auf „Rückruf“. Es tutete zwei Mal. Eine männliche Stimme meldete sich. Der Mann aus dem Garten. Sofort erkannte Birger sein akustisches Gegenüber. „Habt ihr die Zeitung von heute gelesen“, fragte der Mann. Da Birger und Betty zurzeit aber weder an der Welt des Sports, des Klatsches oder der Politik interessiert waren, verneinte Birger die Frage und stellte die Gegenfrage: „Warum?“ „Weil ihr dann bestimmt die Meldung gelesen hättet, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es in der Meldung, erzählte der Mann dem verdutzten Birger. Und weil dieser seinen erstaunten Mund erst halb geöffnet hatte, war noch Raum für eine weitere Überraschung. „Besondere Kennzeichen: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden“, las der Mann ihm aus der Meldung vor. In Birgers Mund hätte in diesem Moment eine große Kartoffel gepasst. „Wir kommen gleich zu Ihnen“, sagte Birger und brachte schnell den alten Mann und Betty auf den neuesten Stand. Die Frisörakademie. Das war ein Ansatzpunkt. Die müssten natürlich wissen, wer die beiden Frauen sind. Adressen und so weiter, alles, was wichtig war, um die gestylten, dem Tode geweihten Frauen, zu finden.

Noch immer strömte dieser Geruch aus dem Schädel. Aber das musste warten. Die drei nahmen den Kopf und marschierten zu dem Mann mit dem schönen Garten. Sie beeilten sich so sehr, waren derart konzentriert und gedanklich gefangen in diesem ganzen Irrsinn, dass sie nicht bemerkten, wie ein Mann mit einer Zeitungskarre neben dem Ententeich stand und zu ihnen rüberschaute. Was der Austräger da unter Birgers geklemmt Arm sah, ließ ihn nach Luft schnappen. Eine Zeitungskarre rollte langsam auf ein schmuckes Häuschen mit schönem Garten zu.

…Fortsetzung folgt.