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Plausch am Ententeich – Die Kirche

Mittwoch, Mai 18th, 2016

Die achtzehnte Runde vom Plausch am Ententeich lässt die Markuskirche erzittern, macht zwei Frauen zu blitzschnellen Jägerinnen, bringt fünf Marbacher in größte Not, und ein Mann erfährt, was die Politik vorhat.

Kapitel R: Die Kirche

Von Daniel Grosse

…Dort vorne, keine 30 Meter entfernt, gingen Biene und Bella. Das sahen auch die anderen aus der Gruppe. “Hinterher!” Betty schaltete als erste. Als sie an der Tankstelle vorbei kamen, sahen sie auch die Meldung, die der Spiegel aktuell auf dem Titelblatt hatte. Danach hatte der Moderator und Republik-Aufreger Jan Böhmermann in einem Video soeben in seiner Show “Neo Magazin Royale” gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in eine Sendung namens „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte. Ein Herr Schneiders, 55, war wohl als biertrinkender Vater René aufgetreten, Simon S., 30, als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief – laut dieser Spiegel-Meldung – am 10. April bei dem Privatsender ErTeEl. Böhmermann gab scheinbar der Farce in seiner Sendung “Neo Magazine Royale” den Namen “Verafake”.

„Los jetzt, aber leise!“ Betty zerrte die anderen weiter. Soll Böhmermann doch weiterhin den Satire-Tester spielen. Sie spielten ihr eigenes Spiel und das hieß: hinterher, leise, so dass Biene und Bella, die Gestylten, sie nicht entdeckten. Das taten sie auch nicht. Mit grimmigem Grinsen passierten die beiden Frauen die Kita mit dem vielen Gelb an Fenstern und Fassade. Dann bogen sie nach links, weiter hoch Richtung Markuskirche schlenderten die Frauen. Vor dem Schaukastenfenster der Kirche blieben sie links neben dem Kircheneingang stehen. „Jetzt setzt sich die Kirche für Flüchtlinge ein, gewährt Asyl und so weiter.“ Biene mit den roten Haarbüscheln las einen Zeitungsbericht, der dort hing. „Wenn die Zuflucht finden, warum sollten wir das dann nicht auch versuchen?“ Die Frage überzeugte Bella, hielt ihrer Kumpanin die Kirchentür auf und diese fiel leise, aber bestimmt, wieder ins Schloss.

Fünf Augenpaare hatten die Szene beobachtet. Nun wussten Birger, Betty, der Gartenmann, der alte Herr und der Zeitungsausträger zumindest, wo die Frauen waren. Und aus der Kirche würden sie unbemerkt auch nicht mehr heraus gelangen. Von wegen. Die fünf Verfolger hätten fast die zwei weiteren Kirchentüren vergessen. In jedem Stockwerk eine. Aber, wenn die hier unten unverschlossen war, musste sich ja jemand im Kirchengebäude aufhalten. Keine Veranstaltung zurzeit, kein Gottesdienst, und auch sonst keinen offensichtlichen Grund gab es dafür, dass die untere Tür nicht verschlossen war. Das zumindest war seltsam.

Birger rannte nach oben zu der Tür neben dem Kirchenschiff, der Zeitungsmann prüfte den Eingang im ersten Stock. Beide Türen waren verschlossen. Gut. Vorsichtig, geräuschlos, betraten die fünf das Gotteshaus. Oben im Treppenhaus hörten sie zwei Frauen leise miteinander sprechen. Das mussten Biene und Bella sein. Stufe für Stufe stiegen die Verfolger höher. „Wo geht es denn zum Glockenturm?“, fragte Birger flüsternd den Gartenmann. Als alter Marbacher musste er doch Bescheid wissen, schüttelte jedoch bloß seinen Kopf.

Es war Samstag, 17 Uhr. Ein Inferno brach über sie herein. Glockengeläut wie von 1000 Riesenglocken ließ die fünf erzittern. Das 5 Uhr-Läuten hatten die Verfolger völlig vergessen. Scheinbar auch eine Frau mit roten Haarbüscheln und eine mit einem Po-langen schwarzen Zopf. Denn die rannten wie vom Teufel getrieben in drei langen Sätzen an ihnen vorbei, wollten schon unten zur Tür hinaus, da blieben sie plötzlich stehen. Die beiden Frauen starrten die fünf dort oben an, fixierten den Zeitungsmann, hoben beide ihre Zeigefinger und sagten gleichzeitig: „Du?“ Was dann folgt, war sicher für das Gotteshaus Neuland. Eine wilde Jagd. Denn Biene schrie noch dazu: „Da, der junge Typ, schau Bella, was der in der Hand hält!“ Ja, den unheimlichen Frisierkopf trug Birger inzwischen unter dem Arm. In seinem Rucksack war kein Platz mehr, weil er sich vorhin im Vorbeihasten den neuen Band seines Lieblingscomics „Mord am Ententeich“ bei der Frisörakademie heimlich eingesteckt hatte. Fünf Exemplare für seine Sammlung.

Die Situation in der Kirche war absurd. Einerseits wollten die fünf ja tatsächlich Biene und Bella vor Harry warnen, damit dieser die Frauen nicht niedermetzelt. Schließlich lief bald das Ultimatum ab. Denn noch könnten die Frauen oder auch die fünf den Kopf in aller Ruhe zu Harry bringen und alles wäre gut. Von wegen. Denn andererseits trauten Birger, Betty, der Gartenmann, der alte Herr und auch der Zeitungsmann, Harry nicht über den Weg. Irgendwas stimmte mit dem nicht, waren sie sich sicher. Und auch mit dem Kopf war bereits so viel Seltsames geschehen. Nein, den mussten sie behalten, aber gleichzeitig trotzdem die anderen warnen: Biene und Bella.

All diese Gedanken schossen in Sekundenbruchteilen durch die Hirne der fünf Marbacher. Schon waren die beiden Gestylten nur noch ein Stockwerk unter ihnen, rannten schnell weiter hoch. Gleich wären sie bei ihnen – und dann? Ja, was dann? Sie waren fünf, die beiden Frauen nur zwei. Überlegenheit. Ob sie es darauf ankommen lassen sollten? Gerade als Betty Birger klarmachen wollte, einfach stehen zu bleiben, um mit den Frauen vernünftig zu sprechen, spürte er eine Hand mit langen dünnen Fingern am Knöchel seines rechten Beins. Eisern umschloss die Hand Birgers Bein. Sie gehörte zu einem grinsenden Schädel, von dem rote Haarbüschel abstanden und der ihn anstarrte. Sogar sprechen konnte der Schädel. Und er war nicht allein. Daneben erschien bereits ein zweiter. Einer mit einem langen schwarzen Zopf. „Feierabend! Her damit!“ Birger erstarrte.

Im Haus neben der Markuskirche stritt sich zur gleichen Zeit lautstark ein Paar darüber, mit welchem Antrieb ihr neues Auto denn fahren sollte. Mit Benzin, Diesel, Rapsöl, Gas oder Strom. „Da hast du’s“, sagte die Frau und knallte ihrem Mann eine Zeitung vors Hirn. „Lies doch selbst!“ Laut der Meldung sollen Käufer von batteriebetriebenen Pkw ab sofort einen Zuschuss von 4000 Euro bekommen. Für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor betrage die Prämie 3000 Euro, war dort zu lesen. Drinnen in der Kirche war es still geworden.

…Fortsetzung folgt.