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Unblutige Hast durch Marbach – kopflos und mit Torte

Mittwoch, Dezember 14th, 2016

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Spannung und Humor auf 144 Buchseiten im Krimi Plausch am Ententeich.   Foto: privat

Zwei Marbacher kommen einer heißen Story auf die Spur, wollen ein Verbrechen verhindern und Leben retten und passieren dabei viele typische Marbacher Orte. Für Ortsunkundige erschließt sich dabei, dass Marbach ein hübsches Örtchen sein muss, in dem man einander kennt. Diese Sätze schreibt die Texterin und Journalistin Carmen Eickhoff in ihrem Blog Textscheune. Gelesen hat sie den Lokalkrimi „Plausch am Ententeich“, der natürlich auf allen Marbacher Nachttischen und in sämtlichen Marbacher Bücherregalen stehen sollte. Lesen Sie, was Carmen Eickhoff noch über die beiden Marbacher Birger und Betty und ihre Abenteuer schreibt.

Von Daniel Grosse

Aktualisierung am 16.12: In der Marburger Oberstadt, bei Lehmanns, ehemals Elwert, scheinen Exemplare vom „Plausch am Ententeich“ tatsächlich noch in den Regalen vorrätig zu sein. Ein klares Statement gegen die Riesen unter den Versendern 😉

„Journalist Daniel Grosse aus Marbach hat eine neue Form des Krimi-Schreibens entwickelt, nämlich das open-end-one-hour-fix-limit-writing. Die Bezeichnung stammt von mir, aber geschrieben hat er nach eigenen Angaben genau so. Ein Kapitel in einer Stunde. Immer recht improvisiert, und erst in den letzten Kapiteln entwickelte sich auch vor seinem inneren Auge, wie die immer schneller und rasanter verlaufende Geschichte (für Marbacher Verhältnisse) enden würde.

Das Konzept ist sicher für die Teilnehmer des NaNoWriMo interessant, die ja auch in limitierter Zeit, den 30 Novembertagen, versuchen, eine kohärente Story bestimmter Länge, nämlich mindestens 30.000 Zeichen, zu entwickeln und festzuschreiben. Hier hat es jemand geschafft, in noch weniger Zeit einen abgeschlossenen Krimi zu schreiben, ohne vorher stehenden Plot aber mit tagesaktuellen Einsprengseln aus der realen Welt, und ihn in den verbleibenden vier Tagen auf Druckreife zu bringen für eine Veröffentlichung bei Books on Demand.

Die Geschichte

Zwei Marbacher kommen einer heißen Story auf die Spur, wollen ein Verbrechen verhindern und Leben retten und passieren dabei viele typische Marbacher Orte. Für Ortsunkundige erschließt sich dabei, dass Marbach ein hübsches Örtchen sein muss, in dem man einander kennt.

Der Plot ist schräg und bleibt nur dank der beiden bodenständigen Hauptfiguren Birger und Betty lebensnah. Durchaus spannend ist, dass im Nachhinein ein roter Faden erkennbar ist und sich eine geschlossene Geschichte entwickelt, obwohl es beim Lesen manchmal hakt. Aber die Phantasie des Lesers schließt die Sprünge immer spätestens im Folgekapitel. Die knappe, hauptsatzdominierte Sprache, die im Stakkato Satz für Satz neue Informationen preis gibt, hat selten ausreichend Muße, in Nebensätzen etwas zu erläutern, vertiefen oder illustrieren.

Das bilderlose Buch (Cover ausgenommen) kommt nüchtern und klar daher, bietet Lesestoff für einen Nachmittag und hinterlässt bei Ortsunkundigen den Eindruck, der zentrale Ort des sozialen Lebens in Marbach sei natürlich: der Ententeich. 😉  ……“ Quelle: Blog Textscheune

Und im Buchblog Lesezauber.net ist über den Plausch am Ententeich zu lesen: „…Dieses Buch wird Marbacher und die angrenzenden Bewohner sicherlich sehr erfreuen. Auf ca. 140 Seiten darf man Birger und seiner Freundin Betty beim Kuchen essen und anschließend bei der Lösung eines mysteriösen Falles in Marbach beistehen.

Dabei bekommen die 2 tatkräftige Unterstützung aus der Nachbarschaft, denn sie werden von einem Unbekannten bedroht, der etwas zurück haben will, was Birger und Betty unfreiwilligerweise besitzen.

Plausch am Ententeich ist eine nette Unterhaltung, ein Regionalkrimi für zwischendurch. Dabei verzichtet Daniel Grosse auf blutige Szenen und halsbrecherische Verfolgungsjagden, da sind es eher die Anspielungen auf …. Marbach, die Anwohnern sicherlich auffallen und gefallen werden. …“  Quelle: Buchblog Lesezauber.net

Aktualisierung am 16.12: Bei Lehmanns, ehemals Elwert, scheinen Exemplare vom „Plausch am Ententeich“ tatsächlich noch in den Regalen vorrätig zu sein. Ein klares Statement gegen die Riesen unter den Versendern 😉

Eiskalter Besuch an der Haustür

Donnerstag, November 10th, 2016

Von Daniel Grosse

Gegen den wohl künftigen Präsidenten der USA anschreiben zu wollen, nachrichtlich, ist nicht leicht in diesen Tagen. Zu präsent ist dieser höchst umstrittene Mann mit seinen „ungewöhnlichen“ Ideen. Zurückhaltend formuliert. Trotzdem ein Versuch mit einem eher zeitlosen Thema: Auch in der Marbach bestellen Studenten, Hausfrauen, Hausmänner, Geschäftsleute, Rentner und andere Marbacher hin und wieder bei den großen Versendern. Sie ordern Musikinstrumente, elektronische Geräte, ganze Küchen und was sonst noch alles. Und eben auch Lebensmittel. Sogar der Gigant unter den Versendern mit dem großen A am Anfang hat Lebensmittel im Angebot. Er ist erfolgreich. Aber wer wirklich die Zeichen der Zeit erkannt hat, und das schon vor vielen Jahren, sind zwei andere Versender, große Nummern im Direktvertrieb.

Und noch viel direkter als all die anderen Unternehmen: Diese zwei Tiefkühltruhen auf Rädern mit B und E am Wortanfang liefern Produkte wie Fritten, Schnitzel und Eis, heruntergekühlt auf eisige Minusgrade. Direkt ins Haus.

Und es gibt sie immer noch, diese zwei Unternehmen. Erstaunlich, wo doch inzwischen die Discounter dieser Welt spätestens nach 15 Autominuten deutschlandweit zu erreichen sind und auch selbst der Gigant unter den Versendern die leckere Eiskugel zur Haustür bringt. Welches Geheimnis macht diese zwei Relikte der Konsumwelt also so erfolgreich? Ist es das Umsorgen des Kunden? Funktioniert das Geschäftsprinzip der Tiefkühlprofis, weil sie Kunden bedienen, die den besonderen Service in Anspruch nehmen, weil sie das eben so schon seit Jahrzehnten machen? Zumindest scheinen die frostigen Direktvertriebler an ihrem Geschäftsmodell festzuhalten. Denn die Tiefkühltruhen auf vier Rädern rollen allwöchentlich durch die Marbach. Ein Mann mit Headset im Ohr und hektischem Gebaren springt aus seinem Fahrzeug, klingelt und händigt den Kunden zwei, drei oder fünf Beutel oder Pakete mit Tiefkühlkost aus. Ist das das Geschäftsgeheimnis? Sich als der mobile Tante-Emma-Laden zu gerieren, der eben persönlich kommt, die Ware auch ins Haus trägt, gerne auch über Jahrzehnte hinweg? Der einen schnellen Plausch führt. Der seine Kunden – oder eher Kundinnen – schon seit Jahren persönlich kennt, was auch daran zu erkennen ist, dass der Fahrer sie persönlich namentlich anspricht und die Nachbarschaft kennt?

Also, wir fassen zusammen: Was die Giganten der Versender machen, machen andere schon seit vielen, vielen Jahren. Scheinbar nur besser oder zumindest mit Ausdauer. Und in einem kleinen Bereich. Sie haben eine Nische gefunden – das Eisige. Und diese Nische bedienen sie konsequent.  Sie kommen und bringen die Ware ins Haus. Die Kunden dieser Direktvertrieb-Relikte sind… Ja, wer? Familien, Alleinstehende, Ältere, die ohne Auto? Und sind es auch die, die schlecht NEIN sagen können, zu dem, was sie schon seit Jahren umsorgt? Denn was wäre die Alternative, zumindest unter den Direktvertrieblern der Minusgrade-Branche zu wählen? B oder E? Denn das sind die zwei, die sich den eiskalten Markt teilen. Und ein Heraustreten aus diesem Umsorgtsein würde für Kunden zudem bedeuten, zu Discountern wie etwa A oder L zu wechseln. Aber die kommen eben nicht bis vor die Haustür. Noch nicht. Obwohl eine der Ketten doch immer wieder damit geworben hat, die des Supermarktimperiums mit dem R am Anfang. Wir liefern zu Ihnen nach Hause. Ab 30 Euro Einkaufswert. Kostenlos. Aber: Tiefkühlware ausgenommen. Das lässt also die rollenden Tiefkühltruhen der zwei eingangs beschriebenen Tiefkühldirektvertriebler kalt und wohl gleichzeitig vor Eifer glühen. Das ist ihr Markt und da sind sie stark. Und was kostet dieser Service und das Umsorgtsein? Selber fragen!

Was auf den ersten Blick wie eine PR-Nummer für B und E daherkommt, sind eher Gedanken um veränderte Konsumgewohnheiten, die natürlich auch vor der Marbach nicht Halt machen. In unserem Stadtteil leben viele Ältere und Familien. Teilweise schon seit Generationen. Und da ist es besonders interessant, zu beobachten, wie sich alte Geschäftsmodelle Nischen bedienen, eiskalter Nischen, deren Macher schon früh erkannt haben, wie wichtig es ist, nah am Kunden zu sein, statt ihn lediglich zu beliefern von irgendeinem Paketdienst. Direktvertrieb alter Schule? Staubsaugervertreter von V fällt mir da ein… Aber das ist ein anderes Thema.

Überraschung am Oberen Rotenberg

Donnerstag, Oktober 13th, 2016

Wer in den vergangenen Tagen am Oberen Rotenberg unterwegs war, wird sich sicher etwas gewundert haben, dort ein schickes Schild am Straßenrand zu sehen. Scheinbar können die Marbacher schon bald wieder Blumen und mehr bewundern und erwerben.

Von Daniel Grosse

Immerhin ist auf einer facebook-Seite mit Datum 9. Oktober zu lesen: „Hallo ihr Lieben, wir stehen in den Startlöchern zur Wiedereröffnung und sind soooo gespannt auf Euch. Mit großer Leidenschaft, Muskelkraft und viel Schweiß haben wir in den letzten Wochen viel verändert. Leider wurden uns auf der Zielgeraden einige Stolpersteine in den Weg gelegt und so verschiebt sich die Eröffnung nach hinten. Sobald wir einen Termin nennen können, lassen wir es euch wissen und sind weiter fleißig. Bis dahin haben wir hier einige Fotos vom Umbau für Euch.
Alles Liebe
das Blumenphilippsteam“

Dabei hatte noch vor einigen Monaten die Firma tegut mitgeteilt, sie prüfe zumindest derzeit, ob sie in Marburg-Marbach, auf und hinter dem Gelände der derzeitigen Gärtnerei (Bereich Höhenweg/Oberer Rotenberg) aktiv werden soll. Konkret: tegut prüfe an der genannten Stelle einen Standort für einen neuen Supermarkt. Wenn dieser umgesetzt werden sollte, dann könnte mit einem Eröffnungstermin Ende 2017 gerechnet werden, hieß es damals. Viele  Fragen seien noch offen gewesen, zum Beispiel, mit wie vielen Parkplätzen zu rechnen sei und wie groß das Supermarktareal dann werden könnte. „Leider kann ich Ihnen noch keine weiteren Details nennen, da sich Prüfung und die danach folgenden Planungen erst im Anfangsstadium befinden. Wenn die Prüfung positiv verläuft, werden wir dazu zu gegebenem Zeitpunkt auch informieren“, so Stella Kircher, Leiterin der tegut-Unternehmenskommunikation, gegenüber „Marbach direkt“ im Dezember 2015.

Kommt der Supermarkt nun, oder kommt er nicht?

Auch was nun aus dem eventuellen Bau von bis zu 400 Wohneinheiten auf dem Wiesen- und Acker-Areal hinter dem Höhenweg werden könnte, muss geklärt werden. In Kürze mehr.

Plausch am Ententeich – Die Hütte

Dienstag, Juni 14th, 2016

Gut, damit steht unter diesem fünfundzwanzigsten Kapitel ein letztes Mal „Fortsetzung folgt“. Denn mit dem Kapitel Z ist in Kürze der hyperlokale Online-Fortsetzungskrimi, Plausch am Ententeich, beendet. Dieses Mal lesen Sie, warum es manchmal scheinbar wichtig ist, innerorts 80 zu fahren, warum die Augen brannten, was sich durch die Marbach schlängelt, wer keine Auskunft erteilt, was Hütten verbergen und was ansonsten Unfassbares auf der Welt geschieht.

Kapitel Y: Die Hütte

Von Daniel Grosse

…Hätte der Zeitungschef gewusst, was soeben in der Marbach geschehen, war, er hätte die Bargeld-Meldung von der Seite gekickt. Aber sie war im Moment nun einmal das beste, was er hatte für die Seite 1. Da klingelte sein Telefon. „Krahlich, Pressestelle Marburger Polizeipräsidium, wir haben ein Problem.“ Eine Minute später hätte der Journalist den PR-Kollegen der Polizei am liebsten gleichzeitig umarmt und erwürgt.

Inzwischen war es später Sonntagnachmittag, 16 Uhr, in vier Stunden würde Harrys Ultimatum ablaufen, wenn der Kopf bis dahin nicht gefunden war und bei Harry wäre. Das war Birger, Betty, dem Gartenmann, dem Zeitungsausträger und auch dem älteren Herrn bewusst – aber egal. „Was kümmert uns das jetzt noch?“, fragte jemand von ihnen in die Runde. Betty kniete neben der schönen Polizistin und hielt sie fest im Arm, blinzelte Birger dabei zu. Der verstand nichts. Oder doch? Betty und Frauen?, überlegte Birger. Das klären wir später. Die Kommissarin war noch immer ganz benommen, hatte aber schnell ihre Dienststelle angerufen. Der Pressemann dort reagierte, woraufhin kurz darauf das Telefon des Redaktionsleiters geklingelt und dieser von der Sache in der Frisörakademie erfahren hatte. Allerdings hatte die Polizei keineswegs ein Interesse daran, dass ein Journalist schnelles und gutes Futter für seine Zeitungsseiten bekommen sollte. Das Interesse ging in eine ganz andere Richtung. Die kleine Vermisstenmeldung kürzlich in der Zeitung, war der Anlass. Biene und Bella wurden darin beschrieben, es hieß, sie seien vermisst. Um Hinweise war gebeten worden.

Und deshalb kam nun auch einige Minuten später der Redaktionsleiter gemeinsam mit dem Polizeisprecher Krahlich in einem alten Porsche 911 den Marbacher Weg herauf gerast. „50 bitte, der Herr.“ Doch der Journalist kümmerte sich nicht um den Regel-hörigen Krahlich neben ihm. 80 zeigte die Tachonadel, als die beiden am Abzweig zum Köhlersgrund vorbei fuhren. „Das klären wir später“, sagte der Polizeisprecher streng, drehte den Kopf zur Seite und grinste. Schließlich wusste er, wie sehr sich der Journalist nach jedem Signal der Kommissarin sehnte. Jedes kleine Zeichen, das andeutete: „Ja, mit uns zwei könnte es etwas werden“, war ein Fest für den Zeitungsmann. Er begehrte diese Polizistin. Und nun war sie verletzt, wie schlimm, wussten weder der Polizeisprecher noch der Journalist. Beide mussten schnell zu ihr.

Vor dem Frisörsalon stand bereits ein Notarztwagen. Ein Flatterband sperrte die Frisörakademie weiträumig ab. Neugierige reckten die Hälse. Die Marbacher Feuerwehr hatte erst vorhin einen gemeinsamen Ausflug mit dem örtlichen Männergesangverein unternommen. So kam es, dass auch zwei Feuerwehrfahrzeuge unweit des Tatorts parkten. Schnell wuchs die Zahl der Neugierigen an. „Was ist los?“, rief jemand dem Gartenmann zu, der vor der Akademie kurz frische Luft schnappen musste. „Frag die Polizei“, erwiderte der. „Aber du bist doch vor Ort. Also, was ist passiert?“ Langsam wurde der Marbacher Ortsvorsteher unruhig. Kannte er doch den Gartenmann schon so viele Jahre und nun stellte der sich so bockig an. Noch nicht mal diese kleine Auskunft. Missmutig stellte sich der Ortsvorsteher zu den anderen in die Menge.

„Wie geht es Ihnen? Was haben Sie gesehen? Was ist geschehen?“ Wie die Kommissarin, war auch der Polizeisprecher ein Profi. Die Fragen durften sachlich sein. Anteilnahme kam später. Jetzt ging es um schnelle Ermittlungsergebnisse. Auch der Redaktionsleiter war dazu gekommen. Sanft, fast schon beiläufig, küsste er die Polizistin auf die Wange. Sie schaute ihn an, lächelte. „Du bist lieb, aber jetzt zur Sache“, sagte die Kommissarin und berichtete präzise, was geschehen war. Birger und Betty, die die Zärtlichkeiten zwischen den beiden sehr wohl bemerkt hatten, hörten der Kommissarin zu. Der ältere Herr mit seinen Pressefoto-Erfahrungen vom WM-Jahr 1982 und der Redaktionsleiter nickten sich zu. Sie kannten sich schon seit Jahrzehnten. Auch den Zeitungsausträger hatte der Zeitungschef erkannt. In der Kantine des Zeitungshauses war er ihm häufiger aufgefallen, so schüchtern und klein wie er war. Wohl gerade deshalb.

Diese paar Haare, dort am Tatort, mussten dieser Biene gehören. Der dicke Mann, der der Kommissarin eine halbe Dose Reizgas in die Augen gesprüht hatte, war ganz sicher Harry. Also der, der unbedingt diesen Frisierschädel brauchte. Alles schien so klar und einfach zu sein. Zudem zog sich auch noch eine lange Blutspur durch den Flur der Frisörakademie. Also gab es für die Spurensicherung und ihre Kollegen von der Medizinerfront massenweise Material. Fast schon wie eine Schnitzeljagd, dachte Birger. Da müssten sie diesen Harry doch leicht finden können.

„Ihr habt uns doch damals diese Meldung geschickt, dass zwei Frauen, die eine mit roten Haarbüscheln und die andere mit einem Po-langen schwarzen Zopf, von der Frisöakademie vermisst wurden, oder“, fragte die Kommissarin den Redaktionsleiter wieder ganz sachlich. „Ja, nach dem Anruf eures Herrn Krahlich habe ich schnell die Unterlagen geholt und die Datei aus der Anzeigenabteilung ausgedruckt.“ Die Anzeige war damals nicht per Mail, per Internet oder telefonisch bei der Marburger Tageszeitung eingegangen – sondern persönlich überbracht worden. „Ja, das ist schon ungewöhnlich, kommt aber vor in kleineren Städten wie Marburg.“ Der Journalist grinste. „Und wisst ihr, wie die beiden Personen aussahen, die die Vermisstenmeldung bei uns in der Anzeigenabteilung abgegeben hatten?“ Diese Besonderheit war das erste, was ihm seine Kollegin im Zeitungshaus vorhin noch zugerufen hatte, diese komische Randnotiz. „Die eine hatte rote Haarbüschel auf dem Kopf und die andere einen sehr, sehr langen Zopf.“ Wow, das wird doch noch eine Geschichte, freute sich der Journalist, während er das den anderen berichtete. Denn so sehr er auch das Vertrauensverhältnis zur Poizei schätzte und diese unglaubliche Ermittlerin liebte, war er doch auf seinem Gebiet zu sehr Profi, als dass er das nicht verarbeiten würde. Noch nicht morgen, aber vielleicht übermorgen würde das sein Aufmacher auf der Seite 1.

„Und welche Namen hatten die beiden“, wollte die Kommissarin wissen, „mit welchen Namen haben sie die Suchanzeige unterzeichnet?“ Tine und Stella Berger. Irgendwas stimmte nicht. Allen war das klar. Und das war mehr als dieses Ähnlichkeit der Personen und die ähnlich klingenden Namen der Frauen. Biene und Bella, Tine und Stella. Rote Haare, schwarzer Zopf. Harry. Den galt es zu finden.

Aus dem Hinterausgang der Frisörakademie trat ein ganzer Pulk an Menschen heraus. Zum Glück hatten die Kollegen von der Spurensicherung und die Mediziner nichts dagegen, dass sie der Blutspur folgten. Die Spur war breit, verwertbares Material in Massen. Die Kommissarin ging vorne weg, dahinter der Polizeisprecher, zwei weitere Beamte, und in einigem Abstand folgten der Redaktionsleiter, zudem Betty, Birger und die drei Marbacher, die inzwischen schon so etwas,wie ihre Freunde geworden waren. Das Du war längst selbstverständlich.

Das Grüppchen ging durch mehrere Gärten, stieg über drei Zäune, immer noch schlängelte sich die Blutspur durch die schöne Marbacher Natur. Die Kommissarin hatte dem brutalen Mann in den Oberschenkel getroffen. Dem starken Blutverlust nach zu urteilen, war das Projektil scheinbar in ein Gefäß eingedrungen mit lebenswichtiger Funktion. Ob dieser Mann überhaupt noch lebte?, fragte sich die Polizistin und stand plötzlich vor einem – nein, ein Haus war das nicht, eher eine Hütte. Sie kannte sich in der Marbach zwar nicht sehr gut aus, aber irgendwo in der Nähe der Brunnenstraße mussten sie wohl sein. Die Turmglocken der Markuskirche läuteten. 17 Uhr.

Von drinnen drang Geschirrgeklapper durch die Fenster. Eines stand offen. Ein Radio war wohl eingeschaltet, der Nachrichtensprecher machte seinen Job: „Es ist die bisher schlimmste Bluttat eines Todesschützen in der US-Geschichte: In dem Nachtklub Pulse hat ein Mann in der Nacht zu Sonntag Dutzende Menschen als Geiseln genommen und erschossen. 50 Gäste seien gestorben, sagte Orlandos Bürgermeister. Zudem seien 53 Menschen verletzt worden, von denen viele noch in Lebensgefahr schwebten. Der Angreifer wurde von der Polizei getötet.“ Der Nachrichtensprecher fasste mit diesen Worten nochmals zusammen, was bereits den ganzen Tag durch die Medien ging und so unfassbar schien.

Alle hatten einen Kloß im Hals nach dieser Meldung, aber die Polizisten und der Journalist waren Profis genug, so dass sie gleich wieder innerlich umschalteten und auch hier in der Marbach mit dem Schlimmsten rechneten: mit einem schwer bewaffneten, schwer verletzten brutalen Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte – außer diesen Frisierkopf vielleicht. Dann ging alles ganz schnell. Die einfache Holztür zerbarst, die Polizisten stürmten in die Hütte, in der Küche schrie eine Frau. Und in einem großen roten Sessel saß ein Mann mit dickem Bauch und Glatze, Hausschuhen an den Füßen, sein Vollbart war seltsam weiß verschmiert. Weit aufgerissene Augen starrten die eben Hereingestürmten an. In dem Mund des Mannes steckte etwas. Es war weiß und stank. Der Mann war nicht verwundet.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Treppe

Mittwoch, Mai 25th, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Ob Birger und Betty jemals wieder in aller Ruhe miteinander Schwarzwälder Kirschtorte essen und verliebt durch die Wälder rund um die Marbach joggen? Drücken Sie den beiden die Daumen! Die Jagd nach dem Kopf kann nicht mehr lange dauern. Kapitel Z naht.    Bild: Barbara Grosse

Auf zur neunzehnten Runde. Der Online-Fortsetzungskrimi Plausch am Ententeich zeigt Dramatik im Treppenhaus der Markuskirche, bringt einen Bauch ins Spiel, lässt Teenager in Jugendsprech sprechen und macht einen jungen Marbacher todunglücklich.

Kapitel S: Die Treppe

Von Daniel Grosse

…Im Haus neben der Markuskirche stritt sich zur gleichen Zeit lautstark ein Paar darüber, mit welchem Antrieb ihr neues Auto denn fahren sollte. Mit Benzin, Diesel, Rapsöl, Gas oder Strom. „Da hast du’s“, sagte die Frau und knallte ihrem Mann eine Zeitung vors Hirn. „Lies doch selbst!“ Laut der Meldung sollen Käufer von batteriebetriebenen Pkw ab sofort einen Zuschuss von 4000 Euro bekommen. Für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor betrage die Prämie 3000 Euro, war dort zu lesen. Drinnen in der Kirche war es still geworden.

„Feierabend! Her damit!“ Ob Biene oder Bella, das nun sagten, während sich der Griff um seinen Knöchel immer fester umschloss, konnte Birger nicht mehr wahrnehmen. Er spürte einen gewaltigen Schlag in seinen Magen. Vornüber beugte sich der junge Marbacher. Aus seinen Augenwinkeln sah er nur noch, wie er von der obersten Stufe des Treppenhauses der Markuskirche, wie in Zeitlupe, nach vorne fiel. Die fünfte, sechste Stufe kam immer näher. Noch 40 Zentimeter und er würde mit seiner Stirn mit voller Wucht auf die Stufenkante prallen. Sein Ende. Birger wunderte sich unter Schmerzen und im freien Fall darüber, wie viele Gedanken nur in Millisekunden durch ein menschliches Gehirn schießen können. Gerne hätte er noch länger fasziniert sein eigenes physisches und psychisches Vermögen betrachtet und darüber sinniert. Aber sein Kopf war zu nah am Aufprallpunkt angekommen. Es war soweit. Birger schlug auf.

Dass sich das so weich anfühlt, wunderte ihn dann doch. Und er roch etwas, einen Menschen. Mit starken Magenschmerzen streckte sich Birger auf der Treppe, schaute hoch. Er blickte in zwei Augen, die er aber nur in diesem Gesicht vermutete. Sehen konnte Birger die Augen nicht – denn sie waren verbunden.

Mit dem Kopf war er auf einen riesigen Bauch geprallt. Dieser Bauch gehörte zu dem bärtigen Mann mit der Binde im Gesicht. Hinter ihm standen zwei gestylte Frauen, die aber nicht Biene oder Bella waren.„Na mein Kleiner, hast du etwas für mich?“, fragte der Bärtige, dessen Füße in Hausschlappen steckten. Ohne Zweifel: Harry! Wo war der Kopf bloß? Im Rucksack, fiel es Birger wieder ein, und den hatte doch eben noch Betty, als die wahnsinnigen Frauen, Bella und Biene, sie an der Treppe überrascht hatten. Birger überlegte. „Was soll ich denn haben?“, fragte er den Bärtigen. Schon hob dieser Harry seine rechte Hand, wollte zum Schlag ausholen, da hielt ihn jemand von hinten fest. Eine der beiden Begleiterinnen, die den zurzeit sehbehinderten Harry in die Markuskirche geführt hatten, stoppte ihren Chef. „Harry, der hat doch nichts dabei. Schon gar nicht den Kopf.“ Das überzeugte den Bärtigen. „Aber dass nur noch 26 Stunden verbleiben, bis mein Ultimatum abläuft, das weißt du schon, oder?“ Diese Frage von Harry beantwortete Birger mit einem kurzen Nicken. „Und wie schon vor zig Stunden durch den Schädel mitgeteilt: Wenn ich bis dahin diesen beschissenen Frisierkopf nicht zurück bekomme, wird etwas mit Bella und Biene geschehen, was du dir mit deinem kleinen Spatzenhirn niemals selber ausdenken könntest.“

Da saß Birger nun. Er lehnte an der Treppenhauswand, saß auf der sechstletzten Stufe in einer Kirche, hatte stechende Magenschmerzen – und seine Begleiter samt seiner lieben Betty waren verschwunden. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Von unten hörte Birger noch, wie eine schwere Tür ins Schloss fiel. Seinen Kopf senkte er auf die Brust, er wollte nur noch schlafen. Kurz vor dem Einnicken sah Birger zwei Turnschuhe. Sie standen direkt vor ihm. In den Turnschuhen steckte ein Junge, vielleicht 13 oder 14. Er grinste Birger an. Seine riesigen Kopfhörer bedeckten fast den halben Kopf. Ein Ohrteil hatte der Junge keck zur Seite geschoben. „Hey Alter, hast du auch den Typen gesehen mit dem Megabauch und den Hausschlappen?“ „Lass mich bitte in Ruhe“, bat Birger den Teenager. Der zuckte nur mit den Schultern und ging an Birger vorbei. Oben an der Treppe angekommen, nahm er allerdings auch das zweite Ohrteil von seinen Gehörgängen weg, tippte auf sein Smartphone und im nächsten Moment hörte Birger einen Sprecher sagen: „Hier ist youfm, dein Sender. Du hast es sicher schon gehört: Die Würzburger Kickers haben in der Relegation gegen Duisburg souverän den Durchmarsch in die Zweite Liga geschafft. Bis vor kurzem kaum vorstellbar.“

„Cool, oder?“, hörte Birger den Teenager noch fragen. Ja, cool, dachte sich Birger. Aber eigentlich war gar nichts cool. Fußball schon gar nicht. Alles war beschissen. Birger fühlte sich schlecht. Er nahm sein Smartphone, drückte eines der Kurzwahlfelder, wartete. Vier mal tutete es. Dann meldete sich eine Frauenstimme – und das war nicht Betty. Zu der Stimme gehörte eine Frau mit roten Haarbüscheln, was Birger sofort klar war. Mist. Was tun? Dann begann die Stimme zu sprechen und was sie sagte, gefiel dem jungen Marbacher gar nicht. Überhaupt nicht.

…Fortsetzung folgt.

Südfrankreich ganz nah – im Marbacher Mitmachgarten

Dienstag, Mai 24th, 2016

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Der Frühling lässt die Kräuter wachsen. Schon können die Marbacher erste Blätter ernten. Im Mitmachgarten auf der Marbacher Bürgerhauswiese.    Fotos: Daniel Grosse

Von Daniel Grosse

Wenn die Wiegemesser Blüten und Stängel der Kräuter durchtrennen, breitet sich ein mediterraner Duft aus: wie Südfrankreich, Sommer und Urlaub. Das ist auch hier zu erleben, denn in der Marbach treffen sich wieder jeden Dienstag im Frühjahr und Sommer, von 17 bis 19.30 Uhr, Kräuterfrauen, um gemeinsam in dem Kräutergarten auf der Bürgerhauswiese zu pflanzen, zu jäten, umzugraben – und die köstlichen Kräuter zu ernten.

Sie verfeinern damit Quark oder Schnaps. Auch Salz erhält mit Rosenblättern gemörsert eine tiefe lila Färbung, gemörsertes Salz schimmert mit Kräutern gemischt in vielen Grüntönen. Und weil die Kräuterfrauen all das natürlich nicht alleine machen und genießen möchten, sind in dem Gemeinschaftskräutergarten alle Marbacherinnen und Marbacher willkommen, mitzumachen.

„Vom Kind bis zum Senior entstehen so zudem soziale Kontakte auch zwischen den Generationen“, sagt Kräuterfrau Christa Stuwe. Der Garten sei schon längst so etwas geworden wie ein Marbacher Mittelpunkt. Zu sehen und zu erleben gibt es dort Kräuterbeete mit bekannten und auch unbekannten Pflanzen, Wildkräuter – aber auch die, die sonst als Unkräuter gelten. „All die Kräuter können die Marbacher kennen und genießen lernen“, verspricht Christa Stuwe. Den Einsatz als Heilpflanze und altes Wissen über Heilkräuter möchten die Mitstreiterinnen rund um Christa Stuwe weiter geben. Und es geht natürlich auch um mehr: Pflanzen erkennen und bestimmen, Köstlichkeiten daraus herstellen zum Eigengebrauch oder als Geschenk an Freunde. Übrigens: Wer weiß, wie man ein zartes Brennnessel-Blättchen abzupft, ohne sich zu verbrennen und es dann auch noch so in den Mund stecken kann, dass statt Schmerz ein wunderbares Aroma die Sinne erreicht? Die Antwort gibt es beim Marbacher Mitmachgarten, Dienstagnachmittag.

Im Winter folgen Workshops rund um die Welt der Kräuter.

Mehr unter http://marbacher-mitmachgarten.jimdo.com/

Kontakt: mitmachgarten@gmx.de

Plausch am Ententeich – Die Kirche

Mittwoch, Mai 18th, 2016

Die achtzehnte Runde vom Plausch am Ententeich lässt die Markuskirche erzittern, macht zwei Frauen zu blitzschnellen Jägerinnen, bringt fünf Marbacher in größte Not, und ein Mann erfährt, was die Politik vorhat.

Kapitel R: Die Kirche

Von Daniel Grosse

…Dort vorne, keine 30 Meter entfernt, gingen Biene und Bella. Das sahen auch die anderen aus der Gruppe. “Hinterher!” Betty schaltete als erste. Als sie an der Tankstelle vorbei kamen, sahen sie auch die Meldung, die der Spiegel aktuell auf dem Titelblatt hatte. Danach hatte der Moderator und Republik-Aufreger Jan Böhmermann in einem Video soeben in seiner Show “Neo Magazin Royale” gezeigt, wie seine Redaktion zwei Schauspieler als Kandidaten in eine Sendung namens „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust hatte. Ein Herr Schneiders, 55, war wohl als biertrinkender Vater René aufgetreten, Simon S., 30, als Eisenbahnfreak Robin. Ihre vorgetäuschte Suche nach einer Frau für Robin lief – laut dieser Spiegel-Meldung – am 10. April bei dem Privatsender ErTeEl. Böhmermann gab scheinbar der Farce in seiner Sendung “Neo Magazine Royale” den Namen “Verafake”.

„Los jetzt, aber leise!“ Betty zerrte die anderen weiter. Soll Böhmermann doch weiterhin den Satire-Tester spielen. Sie spielten ihr eigenes Spiel und das hieß: hinterher, leise, so dass Biene und Bella, die Gestylten, sie nicht entdeckten. Das taten sie auch nicht. Mit grimmigem Grinsen passierten die beiden Frauen die Kita mit dem vielen Gelb an Fenstern und Fassade. Dann bogen sie nach links, weiter hoch Richtung Markuskirche schlenderten die Frauen. Vor dem Schaukastenfenster der Kirche blieben sie links neben dem Kircheneingang stehen. „Jetzt setzt sich die Kirche für Flüchtlinge ein, gewährt Asyl und so weiter.“ Biene mit den roten Haarbüscheln las einen Zeitungsbericht, der dort hing. „Wenn die Zuflucht finden, warum sollten wir das dann nicht auch versuchen?“ Die Frage überzeugte Bella, hielt ihrer Kumpanin die Kirchentür auf und diese fiel leise, aber bestimmt, wieder ins Schloss.

Fünf Augenpaare hatten die Szene beobachtet. Nun wussten Birger, Betty, der Gartenmann, der alte Herr und der Zeitungsausträger zumindest, wo die Frauen waren. Und aus der Kirche würden sie unbemerkt auch nicht mehr heraus gelangen. Von wegen. Die fünf Verfolger hätten fast die zwei weiteren Kirchentüren vergessen. In jedem Stockwerk eine. Aber, wenn die hier unten unverschlossen war, musste sich ja jemand im Kirchengebäude aufhalten. Keine Veranstaltung zurzeit, kein Gottesdienst, und auch sonst keinen offensichtlichen Grund gab es dafür, dass die untere Tür nicht verschlossen war. Das zumindest war seltsam.

Birger rannte nach oben zu der Tür neben dem Kirchenschiff, der Zeitungsmann prüfte den Eingang im ersten Stock. Beide Türen waren verschlossen. Gut. Vorsichtig, geräuschlos, betraten die fünf das Gotteshaus. Oben im Treppenhaus hörten sie zwei Frauen leise miteinander sprechen. Das mussten Biene und Bella sein. Stufe für Stufe stiegen die Verfolger höher. „Wo geht es denn zum Glockenturm?“, fragte Birger flüsternd den Gartenmann. Als alter Marbacher musste er doch Bescheid wissen, schüttelte jedoch bloß seinen Kopf.

Es war Samstag, 17 Uhr. Ein Inferno brach über sie herein. Glockengeläut wie von 1000 Riesenglocken ließ die fünf erzittern. Das 5 Uhr-Läuten hatten die Verfolger völlig vergessen. Scheinbar auch eine Frau mit roten Haarbüscheln und eine mit einem Po-langen schwarzen Zopf. Denn die rannten wie vom Teufel getrieben in drei langen Sätzen an ihnen vorbei, wollten schon unten zur Tür hinaus, da blieben sie plötzlich stehen. Die beiden Frauen starrten die fünf dort oben an, fixierten den Zeitungsmann, hoben beide ihre Zeigefinger und sagten gleichzeitig: „Du?“ Was dann folgt, war sicher für das Gotteshaus Neuland. Eine wilde Jagd. Denn Biene schrie noch dazu: „Da, der junge Typ, schau Bella, was der in der Hand hält!“ Ja, den unheimlichen Frisierkopf trug Birger inzwischen unter dem Arm. In seinem Rucksack war kein Platz mehr, weil er sich vorhin im Vorbeihasten den neuen Band seines Lieblingscomics „Mord am Ententeich“ bei der Frisörakademie heimlich eingesteckt hatte. Fünf Exemplare für seine Sammlung.

Die Situation in der Kirche war absurd. Einerseits wollten die fünf ja tatsächlich Biene und Bella vor Harry warnen, damit dieser die Frauen nicht niedermetzelt. Schließlich lief bald das Ultimatum ab. Denn noch könnten die Frauen oder auch die fünf den Kopf in aller Ruhe zu Harry bringen und alles wäre gut. Von wegen. Denn andererseits trauten Birger, Betty, der Gartenmann, der alte Herr und auch der Zeitungsmann, Harry nicht über den Weg. Irgendwas stimmte mit dem nicht, waren sie sich sicher. Und auch mit dem Kopf war bereits so viel Seltsames geschehen. Nein, den mussten sie behalten, aber gleichzeitig trotzdem die anderen warnen: Biene und Bella.

All diese Gedanken schossen in Sekundenbruchteilen durch die Hirne der fünf Marbacher. Schon waren die beiden Gestylten nur noch ein Stockwerk unter ihnen, rannten schnell weiter hoch. Gleich wären sie bei ihnen – und dann? Ja, was dann? Sie waren fünf, die beiden Frauen nur zwei. Überlegenheit. Ob sie es darauf ankommen lassen sollten? Gerade als Betty Birger klarmachen wollte, einfach stehen zu bleiben, um mit den Frauen vernünftig zu sprechen, spürte er eine Hand mit langen dünnen Fingern am Knöchel seines rechten Beins. Eisern umschloss die Hand Birgers Bein. Sie gehörte zu einem grinsenden Schädel, von dem rote Haarbüschel abstanden und der ihn anstarrte. Sogar sprechen konnte der Schädel. Und er war nicht allein. Daneben erschien bereits ein zweiter. Einer mit einem langen schwarzen Zopf. „Feierabend! Her damit!“ Birger erstarrte.

Im Haus neben der Markuskirche stritt sich zur gleichen Zeit lautstark ein Paar darüber, mit welchem Antrieb ihr neues Auto denn fahren sollte. Mit Benzin, Diesel, Rapsöl, Gas oder Strom. „Da hast du’s“, sagte die Frau und knallte ihrem Mann eine Zeitung vors Hirn. „Lies doch selbst!“ Laut der Meldung sollen Käufer von batteriebetriebenen Pkw ab sofort einen Zuschuss von 4000 Euro bekommen. Für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor betrage die Prämie 3000 Euro, war dort zu lesen. Drinnen in der Kirche war es still geworden.

…Fortsetzung folgt.

Neues aus dem Windwald

Mittwoch, Mai 4th, 2016

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In der Dimension sicher übertrieben und nicht exakt platziert, steht dieser ins obige Bild montierte Mast, aus der Blickrichtung Höhenweg, im Wald zwischen Marbach und Michelbach. Die drei eingezeichneten Windräder (unteres Bild) markieren die möglichen Standorte der Anlagen.  Fotos: Daniel Grosse

Von Daniel Grosse

Das Thema Windkraft polarisiert immer. Viele Argumente sprechen dafür und dagegen. Aber da  haben die Menschen in Michelbach denen in der Marbach wohl trotzdem etwas voraus: Wissen – das immerhin meinungsbildend ist. Zumindest, wenn es um mögliche Standorte und mögliche Planungen geht. Drei gigantische Windräder könnten sich in Zukunft inmitten eines Fadenkreuzes zwischen Michelbach, Marbach, Dagobertshausen und Wehrda drehen. Wann konkret, das hängt von weiteren Verhandlungen und Verfahren, von finanziellen Fragen und eventuellen Bürgerbeteiligungen ab. Eine Ortsbeiratsitzung hatte bereits im Dezember 2015 das Thema umfangreich behandelt. Nicht in der Marbach, in Michelbach! Dazu unten mehr.

Wie bei Marbach direkt berichtet, entsteht ein Fadenkreuz, wenn man auf einem Plan oder einer Karte Marbach mit Michelbach sowie Dagobertshausen mit Wehrda, jeweils durch Striche, verbindet. Dort, wo sich die beiden Linien kreuzen, liegt jedoch kein Tatort. Es ist ein Waldgebiet von etwa 100 Hektar Größe mit Hunderten von Bäumen. 97 Hektar Mischwald. Fachleute des Regierungspräsidiums etwa haben dem Areal oberhalb Marbachs und Michelbachs einen Namen gegeben: mögliches Vorranggebiet zur Nutzung der Windenergie oder Windvorrangfläche, Nummer 3128.

Antworten sind wichtig auf diese Fragen: Wie ist der aktuelle Stand der Planungen? Um welche Dimensionen geht es bei dem geplanten Windpark (Anzahl und Höhe der Windräder, beanspruchte Fläche)? Und wann könnte mit einem Baubeginn gerechnet werden? Gegenüber Marbach direkt hatte Anfang Februar 2016 die Sprecherin eines Unternehmens aus Meißen bestätigt, dass dieses prüfe, ob es dort möglich sei, Windenergieanlagen zu planen. “In diesem Zusammenhang führten wir erste Gespräche mit den Flächeneigentümern und haben Kontakt zur Gemeinde aufgebaut. Mit den Grundbesitzern möchten wir Nutzungsvereinbarungen schließen”, hieß es. “Wir sind dabei auf eine positive Stimmung gegenüber Windenergieerzeugung bei Michelbach gestoßen.” Basierend auf diesen Gesprächen gehe es nun in die Planung. Zu genauen Standorten, Anlagenzahlen oder -typen mochten sich die Windkraftanlagen-Bauer im Februar jedoch noch nicht äußern.

Wer sich das Protokoll der Dezember-Sitzung des Michelbacher Ortsbeirats durchliest, stößt auf andere interessierte Investoren und er stößt auf diese Passagen, die Marbach direkt auszugsweise im Wortlaut veröffentlicht:

„…Betr.: Windkraftnutzung am Görzhäuser Hof ….Der Ortsvorsteher…klärt mit den Gästen ab, dass dies eine Vorab-Information für den Ortsbeirat sei; eine Bürgerbeteiligung müsse zu einem späteren Zeitpunkt auch erfolgen….“

„…Görzhäuser Hof. Nur letzterer ist momentan noch übrig geblieben und hier handele es sich nicht um staatliche (öffentliche) Flächen, sondern um Flächen, die in privater Hand (bzw. der Industrie) stehen. Der Eigentümer…und die Stadt Marburg haben ein großes Interesse daran, die Öffentlichkeit an dem geplanten Bauvorhaben zu beteiligen.  …Der Prokurist des Unternehmens K… stellt den geplanten Windpark am Görzhäuser Hof vor….“

„Zu Beginn waren vier Standorte am Görzhäuser Hof geplant, jedoch aufgrund von Untersuchungen hinsichtlich verschiedener Arten von Fledermäusen (u.a. der Mopsfledermaus) blieben nur noch drei mögliche Standorte für Windenergieanlagen übrig. Bei allen werden die Schattenwurfprognose von 30min/Tag, der Mindestabstand von 1.000 Meter und der Schallschutz eingehalten. …“

„Infolge der Anforderungen an den Artenschutz werden momentan Untersuchungen hinsichtlich der Vorkommen und Lebensräume von Großvögeln durch das Marburger Unternehmen…durchgeführt….“

„…informiert die Anwesenden dieser Veranstaltung darüber, dass pro Anlage ca. 3 MW Leistung erwartet werden; die Nabenhöhe der WEA (Windenergieanlage) bei ca. 140 Meter liegt und die Rotorspitze somit bei ca. 200 Meter. Für jeden Standort müssten ca. 2.500 – 3.000 m² Waldflächen dauerhaft gerodet werden, die Zufahrt würde über die „alte Weinstraße“ erfolgen, welche dann natürlich auf eine Breite von ca. 6 – 7 m ausgebaut werden müsste….“

„Zu einer womöglichen Zeitenplanung einer Bebauung…: Die Untersuchung der Großvögel wird im Sommer 2016 wahrscheinlich abgeschlossen sein, so dass anschließend eine Information der BürgerINNEN Michelbachs im Bürgerhaus erfolgen wird. Frühestens im Herbst 2017 oder im Frühjahr 2018 könnte mit dem Bauvorhaben begonnen werden, sofern alle Auflagen usw. rechtlich geprüft und eingehalten werden….“

„…möchte ein Statement des Ortsbeirates zu den geplanten Windenergieanlagen am Görzhäuser Hof haben, sollte in dem Gremium allerdings schon keine Mehrheit für das geplante Bauvorhaben zustande kommen, wird… das Projekt nicht mehr weiter verfolgen. Ebenso würde er verfahren, wenn sich bei einer geplanten Informationsveranstaltung der Michelbacher Bürger keine Mehrheit dafür finden würde. …“

Zum aktuellen Stand der Planungen in Kürze mehr – bei Marbach direkt. Bislang hat sich der weitere Investor gegenüber Marbach direkt noch nicht geäußert.

Ortsvorsteher oder eher Ortsversteher? – Kommentar

Freitag, April 29th, 2016

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Kommentar von Daniel Grosse zur Sitzung des Marbacher Ortsbeirats.   Foto: privat

Wären wir im Wilden Westen, würden wir ihn Sheriff, Häuptling oder Marshall nennen. Sind wir aber nicht, deshalb heißt er hier schlicht Ortsvorsteher. Und die Marbacher haben seit Dienstag einen neuen: Jürgen Muth.

Von Daniel Grosse

Sechs mal Ja und drei mal Nein, entschieden die Mitglieder des Ortsbeirates während der jüngsten Sitzung im Anbau des Bürgerhauses. Dann stand fest, dass Jürgen Muth künftig der starke Mann an der Spitze dieses kommunalen Gremiums sein soll. Als Nachfolger von Dr. Ulrich Rausch, nach fast zwei Jahrzehnten, in denen dieser als Ortsvorsteher für die für den Ortsbeirat (drei Worte nachträglich ergänzt!) Marbach gearbeitet hat.

Ja, gearbeitet. Denn dieses Ehrenamt darf auch weiterhin kein Posten sein, auf dem man verwaltet. Dieses Amt bedeutet Arbeit. Und davon wartet nun eine Menge auf den neuen Mann an der Spitze. Immerhin ist er als Ortsvorsteher laut Hessischer Gemeindeordnung Vorsitzender des Ortsbeirats. Und der Ortsbeirat ist immerhin zu allen wichtigen Angelegenheiten, die den Ortsbezirk betreffen, zu hören, insbesondere zum Entwurf des Haushaltsplans. Er hat ein Vorschlagsrecht in allen Angelegenheiten, die den Ortsbezirk angehen.

Was das für Angelegenheiten sind, was auch für den Ortsvorsteher Themen sein müssten, können wir täglich sehen, wenn wir durch die Marbach gehen oder fahren. Wir hören von Themen, wie Bänken, die fehlen, erfahren von Plänen zu Marbacher Wiesen und Äckern, auf denen künftig vielleicht mehrere Hundert Menschen leben könnten, lesen von Hoffnungen vieler Eltern, die sich eine Kinder- und Jugendfaschingsfeier im Bürgerhaus wünschen, sehen vor unserem geistigen Auge Windräder, die sich am Himmel über der Marbach drehen, wundern uns über eine verkohlte Ortsmitte, und wir freuen uns über eine Bürgerhauswiese mit dreizehn Wildbienen im neuen Insektenhotel sowie einen Kräutergarten und engagierte Kräuterfrauen. Und das ist längst nicht alles.

Der Ortsvorsteher sollte also auch so etwas wie ein Ortsversteher sein. Er muss zuhören können, offen sein für Vorschläge. Kreativ darf er sein und durchsetzungsstark. Muss ausgleichen und abwägen können. Hat gleichfalls eine Bringschuld, sprich, der Ortsvorsteher sollte einschneidende oder Gewinn-bringende Entwicklungen und Pläne den Marbachern mitteilen.

Der vergangene Dienstag und die Wahl Jürgen Muths stellt auch eine Zäsur dar. Ende, Einschnitt, Neuanfang – alles nur Begriffe, die aber gleichfalls verdeutlichen, wie wichtig dieses Amt ist. Weil es dazu dient, dass die Belange der Marbacher berücksichtigt werden. Ortsbeirat und sein Chef sollen Mittler zu den städtischen Behörden sein – ein helfender Vermittler. Wie sich der neue Ortsbeirat mit seinem neuen Ortsvorsteher an der Spitze künftig für die Marbacher engagiert, seinem gesetzlichen und moralischen Auftrag gerecht wird, müssen die kommenden Monate zeigen. Eines ist klar: Auch weiterhin sollte der neue Häuptling selten verwalten, umso häufiger kreativ arbeiten. Ich jedenfalls wünsche ihm dafür die viel zitierte Glückliche Hand.

Weitere Punkte, die der Ortsbeirat am Dienstag diskutierte:

  • Mehrere Mehrfamilienhäuser sollen am Steilhang unterhalb des Höhenwegs entstehen. Nicht zuletzt aufgrund des Schwerlastverkehrs und der Busse sowie der vielen Autos, die täglich den Höhenweg befahren, wird ein hoher Druck auf Straße und Hang ausgeübt. Das sollte bei einem künftigen Bau der Häuser und sämtlichen Planungen unbedingt berücksichtigt werden, hieß es. Die Gefahr von Hangrutschungen sei einfach zu groß. Die Stadt ist aufgefordert, dem Ortsbeirat die Pläne zukommen zu lassen.
  • Scheinbar soll nun doch ein Windrad nahe des Sellhofs am Oberen Rotenberg errichtet werden, keines von gewaltiger Dimension, eher ein kleineres. Lesenswert zur Meinungsbildung ist der Beitrag Marburg auf dem Weg zur innovationsfreien Zone.
  • Näheres zu diesen Punkten lesen Sie in Kürze hier bei Marbach direkt.

Plausch am Ententeich – Der Anruf

Dienstag, April 12th, 2016

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Mit dem Online-Krimi geht es nach der Osterpause nun wieder weiter. Die erste Hälfte des Werks ist bald geschrieben. Schwarzwälder Kirschtorte und joggende Verliebte, dazu ein Kopf, zwei gestylte Frauen sowie ein unheimlicher Harry – fertig sind die Zutaten für dieses Buch. Auch diesmal wieder streng nach der 45-Minuten-Regel verfasst.   Bild: Barbara Grosse

Plausch am Ententeich. Birger und Betty wissen in diesem neuen Kapitel noch nichts von dem misshandelten Austräger, sie erfahren aber von einer Polizeisuche, indem sie ein blinkendes Signal entdecken. Der hyperlokale Online-Fortsetzungskriminalroman, Plausch am Ententeich, geht in die elfte Runde.

Kapitel K: Der Anruf

Von Daniel Grosse

…Eben noch hatte der Zeitungsausträger sein letztes Exemplar in ein Zeitungsrohr gesteckt, als er diese Polizeimeldung las. Vier Zeilen nur waren erkennbar, den Rest verbarg die Röhre. Langer Zopf, rote Haarbüschel, Frauen. Fünf Worte, ein Gefühl. Panik beschlich den Austräger nicht ganz langsam, sie lähmte den Mann, traf ihn zuvor blitzschnell wie ein Schlag ins Genick. Schon griff er in seine Hosentasche, begann zu wählen: Eins, Eins, als er die Taste mit der Null drücken wollte, riss ihm etwas die Füße vom Boden weg. Im Fallen sah und hörte er Bekanntes. Auch diese Hände kannte der Zeitungsausträger.

Biene stand über ihm, lachte höhnisch. „Na, du Kerlchen, hoffentlich hast du gute Nachrichten für mich.“ Der Mann rieb sich die linke Schulter. Vielleicht hatte er sich sogar einen Knochen gebrochen, überlegte der Austräger. Doch das war im Moment sein kleinstes Problem. Zunächst musste er diese brutale Frau mit irgend etwas besänftigen. Er, der doch am liebsten in seiner kleinen Welt ohne große Worte lebte. Deshalb stammelte er nur: „Wirklich, überall auf meiner Route habe ich gesucht, jeden Tag.“ „Und, mit Erfolg“, fragte Biene? Der Mann dachte an die Fußbälle, Melonen, Kürbisse, all das runde Zeugs, was er von weitem in den Gärten entdeckt hatte. Jedes Mal, dachte er, das könnte dieser bescheuerte Kopf sein. Fehlanzeige. „Pass mal auf, bis morgen hast du Zeit. Dann will ich einen Erfolg von dir sehen.“ Bienes Drohung wirkte. Der Zeitungsausträger machte große Augen und nickte. Zwei Sekunden später war er verschwunden, hinkend und mit der einen Hand die linke Schulter umfassend.

52 Stunden noch. Harrys Ultimatum schwebte über der Marbach. Und den seltsamen Geruch aus dem Schädelinnern deuteten Betty und Birger als Menetekel. Galt dieses Unheil verkündende Zeichen ihnen? Wollte Harry mit diesem Geruch den beiden einen Stich versetzen, der sich zumindest in ihre Nerven bohrte, ihren Geruchssinn quälte? „Quatsch“, sagte Betty. „Harry kann doch gar nicht wissen, wo wir jetzt gerade sind oder ob wir den Kopf überhaupt noch haben, es sei denn….“ Birger schaute auf ihren offen stehenden Mund, aus dem aber keine Worte mehr kamen. „Es sei denn, er kann uns orten.“ Birger sprach das aus, was Betty dachte. Schon wieder diese Panik, die sie in den vergangenen Stunden schon so oft beschlichen hatte. Auch der alte Mann wurde ganz blass. Technisch gesehen, konnte Harry natürlich in dem Schädel einen Sender versteckt haben, der zu jeder Zeit Signale sendet, die verraten, wo sich der Kopf gerade befindet. Immerhin hatte der Schädel die beiden ja auch fotografiert und sie unmissverständlich gewarnt, was passieren würde, wenn Harry den Kopf nicht innerhalb von 72 Stunden zurück bekam. Aber ein Peilsender? Das war den drei Marbachern, die dort oben oberhalb der Brunnenstraße in einem kleinen Fachwerkshaus beisammen standen, dann doch zu viel James Bond.

Birger setzte sich in einen bequemen Sessel. Er musste nachdenken. Das Smartphone in seiner Gesäßtasche störte. Birger zog es heraus und legte es auf einen kleinen Tisch, den der alte Mann mit allerlei Kameraobjektiven, Fotozeitschriften und dergleichen fast überfrachtet hatte. Weil der Tisch aus Glas war, spiegelte sich ein kleines, blinkendes Licht in der Tischplatte. Fast schon hätte sich Birger wieder weggedreht, als er das Handysignal entdeckte. Ein entgangener Anruf. Birger nahm das Gerät in die Hand. Die Nummer kannte er nicht, drückte aber auf „Rückruf“. Es tutete zwei Mal. Eine männliche Stimme meldete sich. Der Mann aus dem Garten. Sofort erkannte Birger sein akustisches Gegenüber. „Habt ihr die Zeitung von heute gelesen“, fragte der Mann. Da Birger und Betty zurzeit aber weder an der Welt des Sports, des Klatsches oder der Politik interessiert waren, verneinte Birger die Frage und stellte die Gegenfrage: „Warum?“ „Weil ihr dann bestimmt die Meldung gelesen hättet, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es in der Meldung, erzählte der Mann dem verdutzten Birger. Und weil dieser seinen erstaunten Mund erst halb geöffnet hatte, war noch Raum für eine weitere Überraschung. „Besondere Kennzeichen: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden“, las der Mann ihm aus der Meldung vor. In Birgers Mund hätte in diesem Moment eine große Kartoffel gepasst. „Wir kommen gleich zu Ihnen“, sagte Birger und brachte schnell den alten Mann und Betty auf den neuesten Stand. Die Frisörakademie. Das war ein Ansatzpunkt. Die müssten natürlich wissen, wer die beiden Frauen sind. Adressen und so weiter, alles, was wichtig war, um die gestylten, dem Tode geweihten Frauen, zu finden.

Noch immer strömte dieser Geruch aus dem Schädel. Aber das musste warten. Die drei nahmen den Kopf und marschierten zu dem Mann mit dem schönen Garten. Sie beeilten sich so sehr, waren derart konzentriert und gedanklich gefangen in diesem ganzen Irrsinn, dass sie nicht bemerkten, wie ein Mann mit einer Zeitungskarre neben dem Ententeich stand und zu ihnen rüberschaute. Was der Austräger da unter Birgers geklemmt Arm sah, ließ ihn nach Luft schnappen. Eine Zeitungskarre rollte langsam auf ein schmuckes Häuschen mit schönem Garten zu.

…Fortsetzung folgt.