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Von sich aufbäumenden Leibern – Grauen am Ententeich – zweiter Marbach-Krimi

Dienstag, Februar 19th, 2019

Von Daniel Grosse

Im „Grauen am Ententeich“ dürfen die Figuren des Marbach-Krimis endlich häufiger Luft holen. Weniger improvisiert, längere Sätze, mehr Details – und Ruhe. Und Blut. Foto: Daniel Grosse

Mareike Pelleworm ist tot. Das Messer steckt noch in ihrer Brust. Nicht nur die Kommissarin möchte herausfinden, was dort in der Marbach vor sich geht. Auch Birger und Betty beginnen mit der Jagd. Ihr Revier: die Chor-Szene.

Aus dem Rohmanuskript:

….Die Sahne hing ihr noch im Mundwinkel. Betty schaute in den runden Spiegel, der an der blau-gekachelten Wand hing. Dies war nicht ihr Badezimmer. Eine Männerstimme rief von hinten: „Komm bitte wieder zu deinem Konditor zurück ins Bett. Ein Stück ist noch da.“ Der, der das sagte, war Birger, es war sein Bett, seine Wohnung. Und er war der Freund von Betty, von seiner Liebsten, die neben Birger nichts mehr liebte als Schwarzwälder Kirschtorte. War sie unglücklich, sagte sie häufig ganz unvermittelt: „Dann mach ich nicht mehr mit.“ Das Signal für Birger, in Hochgeschwindigkeit zum Bäcker in der Brunnenstraße zu rennen und am besten gleich eine ganze Torte zu kaufen.

Betty gab nach. Sie löste sich von ihrem Spiegelbild, ließ auf der Zunge den kleinen Sahneklecks zergehen. Nun ruhte ihr Kopf in der rechten Armbeuge von Birger. „Denkst du gerade an die schicke Kommissarin, die vor zwei Jahren diese irren Frauen mit den verrückten Frisuren und diesen dicken Harry gejagt hat, durch die Marbach?“

„Ich weiß nicht.“

„Du weißt nicht, was du gerade denkst?“

„Das ist nicht so einfach.“

„Was ist nicht so einfach? Mir zu sagen, über was du nachdenkst oder zuzugeben, dass du sie anhimmelst.“

„Betty, wir liegen hier. Gerade war ich dir noch so nahe, war in dir. Habe dir danach löffelweise Schwarzwälder Kirschtorte sanft in deinen Mund geschoben – und jetzt stresst du rum. Was ist dein Problem?“

„Mein Problem ist, dass du seit dieser irren Jagd im vergangenen Jahr kein einziges deiner Hefte aus der Reihe ‚Mord am Ententeich‘ mehr gelesen hast, dass du kein einziges Mal seitdem wieder oben im Wald unterwegs warst, um Lurche zu suchen und zu fotografieren. Du bist so furchtbar vorsichtig geworden. Warum stolperst du zum Beispiel schon seit Monaten über keinen hochstehenden Gulli-Deckel mehr, wie kommt es, dass du Salz und Zucker neuerdings auseinanderhalten kannst? Du siehst nicht mehr richtig hin, wie schön meine Beine sind, die Beine, die du doch früher immer stundenlang streicheln konntest. Auch weil sie vom Joggen so schön sportlich modelliert seien, wie du immer betont hast. Was ist los Birger? Willst du bei der Polizei anheuern, wirst du Kommissaranwärter? Soll ich mich blond färben und Handschellen besorgen?“

Betty holte tief Luft, Schweißtropfen liefen ihr an Stirn und Schläfen hinab. Sie schaute auf die Knöpfe, die Birgers Bettbezug zusammenhielten, beobachtete das Karomuster, wie es ganz glatt die Bettdecke umhüllte. Während Bettys Monolog hatten sich die beiden Marbacher kein Mal angesehen. Er sah zur Zimmerdecke. Sein Blick verlor sich in der Ferne, die es in diesem Raum eigentlich nicht gab. Irgend etwas irritierte Betty. Das Karomuster des Bettzeugs war verzerrt. Genau dort, wo Birgers Körpermitte sein musste. Mit ihrer Hand straffte Betty die Stelle des Stoffes. Das Muster blieb verzerrt. Betty fühlte den Grund dafür. Birger stöhnte leise. Ob dies nun an dem sanften Druck durch Bettys Hand oder an seinen Gedanken an diese Kommissarin lag, war ihr jetzt egal. Sie schob die Decke zur Seite, schaute Birger in die Augen. Sein Blick kehrte aus der Ferne zurück ins Jetzt, in dieses Schlafzimmer, zurück zu der Frau, die sich in diesem Moment mit weit gespreizten Beinen ganz langsam auf seine Körpermitte setzte. In zwei Unterleibern wurde es heiß. Birger schloss die Augen. Beide schrien gleichzeitig. Die Kommissarin war jetzt weit weg, ganz weit weg. …….

Fortsetzung folgt.