Eine Marbacherin in Kenia

Annkristin Weiershäuser, Zweite von links

Annkristin Weiershäuser, Zweite von links

Eine Marbacherin in Kenia

Annkristin Weiershäuser (19) aus Marburg-Marbach lebt seit Juli 2013 in Kenia. Sie arbeitet dort in einem Kindercenter, das von der Organisation „Homecare International“ aufgebaut wurde. In diesem Kindercenter leben 16 Mädchen, die zuvor auf einer Müllkippe, der dumping site, in Nakuru gewohnt haben.Von Sponsoren bekommen sie nun die Schulausbildung und ihre täglichen Mahlzeiten finanziert. In diesem Center lebt Annkristin Weiershäuser seit mehr als vier Monaten mit einer Freundin zusammen. Das Center wird gerade weitergebaut. Also waren die täglichen Aufgaben, Türen, Fenster und Räume streichen, Sand sieben, Steine schleppen und Türschilder malen. Wenn die Mädchen aus der Schule gekommen sind, haben Annkristin und ihre Freundin ihnen meistens abends beim Lernen und Hausaufgaben machen geholfen. Denn sie gehen von morgens 7 bis nachmittags 17 Uhr in die Schule.

Annkristin, warum sammelst Du nach deinem Abitur Erfahrungen in Kenia und nicht in Frankreich, Spanien oder England?
Annkristin Weiershäuser: Seit ungefähr vier Jahren träume ich schon davon, nach dem Abitur für mehrere Monate in ein afrikanisches Land zu gehen um an einem sozialen Projekt mitzuarbeiten. Von Filmen und Dokumentationen um und in Afrika war ich schon immer begeistert. Ich lebe in Deutschland, einem Industrieland, und wollte schon immer wissen, wie es ist in einem Entwicklungsland zu leben, weil es völlig neue Erfahrungen birgt und wir es uns einfach nicht vorstellen können. Über Afrika werden sonst nur Geschichten erzählt, ich wollte einfach wissen, wie es in der Realität ist, da ich von den unterschiedlichen Lebenseinstellungen gehört habe. Die Einstellungen in Frankreich, England und Spanien sind auch schon unterschiedlich zu Deutschland, aber Afrika ist noch mal ein ganz anderes Kapitel.

Was waren die größten Überraschungen, die Du bislang während deines Aufenthaltes erlebt hast?
Es gab sehr viele Überraschungen. Zum Einen ist es einfach die Einstellung der Menschen zu ihrem eigenen Leben und ihren Mitmenschen. Die Menschen hier haben im Vergleich zu vielen Menschen in Deutschland viel weniger materielle Dinge – und sind trotzdem glücklich. Sie sind dankbar für das, was sie haben und teilen sogar noch. Das sieht man in Deutschland einfach sehr selten. Sie ärgern oder beschweren sich nicht über Kleinigkeiten, denn sie wissen, dass das unnötig ist und dass sie sowieso vermutlich gar nichts ändern können. Ein weiterer Punkt ist die unglaubliche Gastfreundschaft. Wir haben eine deutsche Gruppe begleitet. Wir waren über 30 Leute, und wir wurden häufig von Freunden der Organisation eingeladen, die einfach mal so viele Menschen auf einmal bekochen wollten. Auch diese Art von Gastfreundschaft ist selten in Deutschland. Klar lädt man zu Festen ein, oder mal Freunde zum essen, aber Menschen, die du eigentlich noch gar nicht kennst einfach ins eigene Haus einzuladen, um sie zu bewirten – das findet man in Deutschland nur selten. Man fühlt sich direkt willkommen. Außerdem wird das Sprichwort „Hakuna Matata“ (Keine Sorge) wirklich gelebt. Es ist nicht einfach eine Floskel. Die Menschen gehen wirklich mit dieser Einstellung an jedes Problem heran. Sie wissen, dass sie sowieso an ihrer Situation nichts ändern können, warum soll man sich also aufregen? Unser Gegensprichwort wäre: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird! Mit dem Unterschied, dass es hier wirklich in die Kultur eingegliedert ist. Oft machen sich Deutsche, wenn sie nach Kenia kommen, viel zu viele Gedanken, wo die Kenianer sie dann beruhigen und ihnen zu verstehen geben, dass sie einfach alles auf sich zukommen lassen sollen, denn sich unnötige Sorgen machen bringt nur unnötigen Stress. Und wir alle wissen, dass man sich öfter mal in Kleinigkeiten verrennt.

Der gravierendste Punkt, mit dem ich selber überhaupt nicht gerechnet hätte ist dieser starke Kontrast zwischen ländlicher Gegend und dem technischen Fortschritt. Wir haben öfters wirklich abgelegene ländliche Gebiete besucht und Häuser aus Lehm vorgefunden, oder aus Wellblech. Davor sitzen Menschen neben Ziegen vor einer Feuerstelle, und in der Hand halten sie ein Smartphone. Das waren Eindrücke, mit denen ich nicht gerechnet hätte. In der Stadt war es mir klar, so etwas vorzufinden, aber nicht in abgelegenen Gebieten.

Meine Klamotten wasche ich außerdem alle mit der Hand, denn Waschmaschinen gibt es hier nicht. Waschfrauen bekommen hier pro Tag 300 Kenia Shilling (weniger als 3 Euro) bezahlt, Menschen die in der Wäscherei arbeiten pro Tag 200 Ksh (weniger als 2 Euro). Sie arbeiten so hart und bekommen nur so wenig Geld für ihre Arbeit. Natürlich sind hier die Lebenshaltungskosten geringer, aber dennoch ist es verglichen zu Deutschland ein unglaublich geringer Tageslohn.

Marbach und Kenia – unterschiedlicher geht es wohl nicht. Was wird dir fehlen, wenn Du das afrikanische Land verlässt, und worauf freust Du dich in deiner Heimat am meisten?
Die Liste an Dingen, die mir fehlen werden, ist länger als die Liste, worauf ich mich freue. Mir wird diese Lebenseinstellung fehlen, dass man sich einfach kaum Stress machen lässt, man selber von kaum jemandem gestresst wird und man sich einfach nicht über Kleinigkeiten beschwert. Hier leben Menschen tagelang ohne Wasser und Strom und wir beschweren uns, wenn das Wasser unserer funktionierenden Dusche zu früh kalt wird. Außerdem die kenianische Gelassenheit. „No hurry“ (keine Eile) war mit das Erste Motto, was wir in Kenia gelernt haben. Hier wird nichts zeitlich geplant. Es geht auch gar nicht, denn man kann gut und gerne mal einen ganzen Tag in der Bank verbringen oder fünf Stunden auf Freunde warten. Das ist nichts, worauf man hier böse ist. In Deutschland ist alles streng zeitlich geregelt, hier lässt man die Dinge einfach auf sich zukommen. Man strukturiert seinen Tag nicht durch, denn dann hast du zu viele Gegenspieler, die mit dieser Art von Einstellung nicht klarkommen. Die Kenianer sind es einfach gewöhnt, allem seinen Lauf zu lassen. Ohne Plan und Ziel ist man weniger gestresst.
Die Menschen die ich hier kennen gelernt habe, die Mädchen, die in unserem Kindercenter leben, meine Gasteltern und Freunde, alle werde ich schrecklich vermissen. Aber ich weiß, dass ich wiederkommen werde. Es ist nur ein Abschied auf Zeit.

Das wichtigste Motto ist: Einfach Leben! Das, was gestern war, ist vorbei, das kann man nicht mehr ändern. Das, was morgen kommt, weißt du nicht, denn du kannst nicht in die Zukunft schauen, also mach dir keine Sorgen. Genieße den Tag, der vor dir liegt und mache das beste draus! Das ist das wichtigste, und ich habe festgestellt, dass wir Menschen in Deutschland viel zu sehr in die Zukunft schauen wollen, um alles zu planen, anstatt den Tag genießen zu können der gerade angebrochen ist. Denn niemand weiß, was morgen kommt.

Worauf ich mich am meisten freue, ist meine Familie. Ich vermisse sie und freue mich sie bald wieder sehen zu können. Und natürlich meine Freunde. Ich freue mich auf die unterschiedlichen Jahreszeiten, denn hier gibt es nur Sommer (Trockenzeit) und „Winter“ (Regenzeit). Diese sind leider dank der Klimaerwärmung auch nicht mehr berechenbar. Ich freue mich schon auf den ersten Schnee, denn ich kann es mir nicht vorstellen, nach meinem Aufenthalt in ein eventuell verschneites Deutschland zurückzukommen. Ich bin außerdem sehr gespannt, ob und wenn ja wie sich die kenianische Lebenseinstellung in Deutschland integrieren lässt.

Wovor ich ein bisschen Angst habe ist, dass mich die deutsche Mentalität und Realität viel zu schnell wieder einholt. Aber das lasse ich einfach auf mich zukommen.
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(Interview: Daniel Grosse / Quelle: Marbacher Nachrichten, Dezember 2013 / Foto: privat)

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