Archive for the ‘Plausch am Ententeich’ Category

Cölbe und die Lesung aus dem Krimi Plausch am Ententeich – Kultur bei der WABLage

Montag, Februar 13th, 2017

Schön war die Lesung aus meinem Marbach-Krimi „Plausch am Ententeich“, am gestrigen Sonntagmorgen, 12. Februar, in Cölbe bei der WABLage. Ein tolles Publikum! 50 Zuhörer hat der Veranstalter gezählt. Weitere Lesungen in und um Marburg mit dem „Plausch am Ententeich“ folgen. Und auch eine Fortsetzung des PLAUSCHs: das GRAUEN.      Foto: privat

Warum Marbacher und Kölner die gleichen Krimis mögen

Donnerstag, Januar 12th, 2017

Birger und Betty sind verliebt – und sie warten bereits auf eine Fortsetzung des Marbach-Krimis.   Illustration: Barbara Grosse

Weil der Regionalkrimi in der Marbach spielt, Marbacher darin die Hauptrolle spielen, und das Unfassbare in meinem Roman alles andere als verspielt daherkommt, passt das folgende Interview, das das Bücherportal/Bücherblog LESERKANONE.DE vor wenigen Tagen mit mir geführt hat, gut in dieses Blog MARBACH DIREKT.

Also: In meinem gleichnamigen Kriminalroman lade ich, Daniel Grosse, zu einem »Plausch am Ententeich« ein. Im Interview mit Leserkanone.de sprach ich jüngst als Autor über mein Buch, dessen Entstehungsgeschichte und eine ungewöhnliche Regel beim Schreiben – und über weitere Buchprojekte sowie eine Lesung im Februar.

– Herr Grosse, im Sommer des abgelaufenen Jahres ist Ihr Roman »Plausch am Ententeich« erschienen. Womöglich hat noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz davon genommen, könnten Sie Ihr Buch unseren Lesern deshalb kurz mit eigenen Worten vorstellen?

Gerne. Zwei Marbacher, ein Liebespaar, finden etwas. Am Ententeich. Dieses Etwas ist grausig. Es macht seltsame Dinge und überbringt dabei eine Botschaft. Die beiden jungen Leute haben keine Wahl. Den schrecklichen Fund müssen Birger und Betty unbedingt abliefern. Bei wem und wo, ahnen sie jedoch nur. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. 72 Stunden verbleiben. Und wenn die jungen Marbacher dieses Ultimatum nicht einhalten, sterben zwei Frauen. Oder gar die zwei Finder des unheimlichen Dings selber? Ein perfides Druckmittel lässt Birger und Betty zusätzlich schaudern.

– Den Lesern welcher anderer Autoren oder welcher anderen Romane würden Sie Ihr Buch ans Herz legen? Haben Sie literarische Vorbilder, oder haben Sie Ihren eigenen Stil auf andere Weise gefunden? Was sind Ihre eigenen Lieblingsbücher?

Lustig, dass Sie diese Fragen gerade jetzt stellen. Zurzeit lese ich den Thriller »Engelskalt« von Samuel Bjørk«. Der Norweger schreibt schnell, liefert häufig kurze Sätze, bringt Geschwindigkeit in seine Geschichte. Halbsätze in schneller Folge. Wer das mag, wird auch Freude an »Plausch am Ententeich« haben. Wer zudem trotz vieler Krimi- und Thriller-Elemente das Komische akzeptiert und sich gerne auf irre Figuren einlässt, liest mein Buch an einem Nachmittag in einem Rutsch, ohne zwischendurch essen oder trinken zu wollen. … Weiterlesen unter

http://www.leserkanone.de/index.php?befehl=autoren&autor=6107&interview=427

Plausch am Ententeich – Die Hütte

Dienstag, Juni 14th, 2016

Gut, damit steht unter diesem fünfundzwanzigsten Kapitel ein letztes Mal „Fortsetzung folgt“. Denn mit dem Kapitel Z ist in Kürze der hyperlokale Online-Fortsetzungskrimi, Plausch am Ententeich, beendet. Dieses Mal lesen Sie, warum es manchmal scheinbar wichtig ist, innerorts 80 zu fahren, warum die Augen brannten, was sich durch die Marbach schlängelt, wer keine Auskunft erteilt, was Hütten verbergen und was ansonsten Unfassbares auf der Welt geschieht.

Kapitel Y: Die Hütte

Von Daniel Grosse

…Hätte der Zeitungschef gewusst, was soeben in der Marbach geschehen, war, er hätte die Bargeld-Meldung von der Seite gekickt. Aber sie war im Moment nun einmal das beste, was er hatte für die Seite 1. Da klingelte sein Telefon. „Krahlich, Pressestelle Marburger Polizeipräsidium, wir haben ein Problem.“ Eine Minute später hätte der Journalist den PR-Kollegen der Polizei am liebsten gleichzeitig umarmt und erwürgt.

Inzwischen war es später Sonntagnachmittag, 16 Uhr, in vier Stunden würde Harrys Ultimatum ablaufen, wenn der Kopf bis dahin nicht gefunden war und bei Harry wäre. Das war Birger, Betty, dem Gartenmann, dem Zeitungsausträger und auch dem älteren Herrn bewusst – aber egal. „Was kümmert uns das jetzt noch?“, fragte jemand von ihnen in die Runde. Betty kniete neben der schönen Polizistin und hielt sie fest im Arm, blinzelte Birger dabei zu. Der verstand nichts. Oder doch? Betty und Frauen?, überlegte Birger. Das klären wir später. Die Kommissarin war noch immer ganz benommen, hatte aber schnell ihre Dienststelle angerufen. Der Pressemann dort reagierte, woraufhin kurz darauf das Telefon des Redaktionsleiters geklingelt und dieser von der Sache in der Frisörakademie erfahren hatte. Allerdings hatte die Polizei keineswegs ein Interesse daran, dass ein Journalist schnelles und gutes Futter für seine Zeitungsseiten bekommen sollte. Das Interesse ging in eine ganz andere Richtung. Die kleine Vermisstenmeldung kürzlich in der Zeitung, war der Anlass. Biene und Bella wurden darin beschrieben, es hieß, sie seien vermisst. Um Hinweise war gebeten worden.

Und deshalb kam nun auch einige Minuten später der Redaktionsleiter gemeinsam mit dem Polizeisprecher Krahlich in einem alten Porsche 911 den Marbacher Weg herauf gerast. „50 bitte, der Herr.“ Doch der Journalist kümmerte sich nicht um den Regel-hörigen Krahlich neben ihm. 80 zeigte die Tachonadel, als die beiden am Abzweig zum Köhlersgrund vorbei fuhren. „Das klären wir später“, sagte der Polizeisprecher streng, drehte den Kopf zur Seite und grinste. Schließlich wusste er, wie sehr sich der Journalist nach jedem Signal der Kommissarin sehnte. Jedes kleine Zeichen, das andeutete: „Ja, mit uns zwei könnte es etwas werden“, war ein Fest für den Zeitungsmann. Er begehrte diese Polizistin. Und nun war sie verletzt, wie schlimm, wussten weder der Polizeisprecher noch der Journalist. Beide mussten schnell zu ihr.

Vor dem Frisörsalon stand bereits ein Notarztwagen. Ein Flatterband sperrte die Frisörakademie weiträumig ab. Neugierige reckten die Hälse. Die Marbacher Feuerwehr hatte erst vorhin einen gemeinsamen Ausflug mit dem örtlichen Männergesangverein unternommen. So kam es, dass auch zwei Feuerwehrfahrzeuge unweit des Tatorts parkten. Schnell wuchs die Zahl der Neugierigen an. „Was ist los?“, rief jemand dem Gartenmann zu, der vor der Akademie kurz frische Luft schnappen musste. „Frag die Polizei“, erwiderte der. „Aber du bist doch vor Ort. Also, was ist passiert?“ Langsam wurde der Marbacher Ortsvorsteher unruhig. Kannte er doch den Gartenmann schon so viele Jahre und nun stellte der sich so bockig an. Noch nicht mal diese kleine Auskunft. Missmutig stellte sich der Ortsvorsteher zu den anderen in die Menge.

„Wie geht es Ihnen? Was haben Sie gesehen? Was ist geschehen?“ Wie die Kommissarin, war auch der Polizeisprecher ein Profi. Die Fragen durften sachlich sein. Anteilnahme kam später. Jetzt ging es um schnelle Ermittlungsergebnisse. Auch der Redaktionsleiter war dazu gekommen. Sanft, fast schon beiläufig, küsste er die Polizistin auf die Wange. Sie schaute ihn an, lächelte. „Du bist lieb, aber jetzt zur Sache“, sagte die Kommissarin und berichtete präzise, was geschehen war. Birger und Betty, die die Zärtlichkeiten zwischen den beiden sehr wohl bemerkt hatten, hörten der Kommissarin zu. Der ältere Herr mit seinen Pressefoto-Erfahrungen vom WM-Jahr 1982 und der Redaktionsleiter nickten sich zu. Sie kannten sich schon seit Jahrzehnten. Auch den Zeitungsausträger hatte der Zeitungschef erkannt. In der Kantine des Zeitungshauses war er ihm häufiger aufgefallen, so schüchtern und klein wie er war. Wohl gerade deshalb.

Diese paar Haare, dort am Tatort, mussten dieser Biene gehören. Der dicke Mann, der der Kommissarin eine halbe Dose Reizgas in die Augen gesprüht hatte, war ganz sicher Harry. Also der, der unbedingt diesen Frisierschädel brauchte. Alles schien so klar und einfach zu sein. Zudem zog sich auch noch eine lange Blutspur durch den Flur der Frisörakademie. Also gab es für die Spurensicherung und ihre Kollegen von der Medizinerfront massenweise Material. Fast schon wie eine Schnitzeljagd, dachte Birger. Da müssten sie diesen Harry doch leicht finden können.

„Ihr habt uns doch damals diese Meldung geschickt, dass zwei Frauen, die eine mit roten Haarbüscheln und die andere mit einem Po-langen schwarzen Zopf, von der Frisöakademie vermisst wurden, oder“, fragte die Kommissarin den Redaktionsleiter wieder ganz sachlich. „Ja, nach dem Anruf eures Herrn Krahlich habe ich schnell die Unterlagen geholt und die Datei aus der Anzeigenabteilung ausgedruckt.“ Die Anzeige war damals nicht per Mail, per Internet oder telefonisch bei der Marburger Tageszeitung eingegangen – sondern persönlich überbracht worden. „Ja, das ist schon ungewöhnlich, kommt aber vor in kleineren Städten wie Marburg.“ Der Journalist grinste. „Und wisst ihr, wie die beiden Personen aussahen, die die Vermisstenmeldung bei uns in der Anzeigenabteilung abgegeben hatten?“ Diese Besonderheit war das erste, was ihm seine Kollegin im Zeitungshaus vorhin noch zugerufen hatte, diese komische Randnotiz. „Die eine hatte rote Haarbüschel auf dem Kopf und die andere einen sehr, sehr langen Zopf.“ Wow, das wird doch noch eine Geschichte, freute sich der Journalist, während er das den anderen berichtete. Denn so sehr er auch das Vertrauensverhältnis zur Poizei schätzte und diese unglaubliche Ermittlerin liebte, war er doch auf seinem Gebiet zu sehr Profi, als dass er das nicht verarbeiten würde. Noch nicht morgen, aber vielleicht übermorgen würde das sein Aufmacher auf der Seite 1.

„Und welche Namen hatten die beiden“, wollte die Kommissarin wissen, „mit welchen Namen haben sie die Suchanzeige unterzeichnet?“ Tine und Stella Berger. Irgendwas stimmte nicht. Allen war das klar. Und das war mehr als dieses Ähnlichkeit der Personen und die ähnlich klingenden Namen der Frauen. Biene und Bella, Tine und Stella. Rote Haare, schwarzer Zopf. Harry. Den galt es zu finden.

Aus dem Hinterausgang der Frisörakademie trat ein ganzer Pulk an Menschen heraus. Zum Glück hatten die Kollegen von der Spurensicherung und die Mediziner nichts dagegen, dass sie der Blutspur folgten. Die Spur war breit, verwertbares Material in Massen. Die Kommissarin ging vorne weg, dahinter der Polizeisprecher, zwei weitere Beamte, und in einigem Abstand folgten der Redaktionsleiter, zudem Betty, Birger und die drei Marbacher, die inzwischen schon so etwas,wie ihre Freunde geworden waren. Das Du war längst selbstverständlich.

Das Grüppchen ging durch mehrere Gärten, stieg über drei Zäune, immer noch schlängelte sich die Blutspur durch die schöne Marbacher Natur. Die Kommissarin hatte dem brutalen Mann in den Oberschenkel getroffen. Dem starken Blutverlust nach zu urteilen, war das Projektil scheinbar in ein Gefäß eingedrungen mit lebenswichtiger Funktion. Ob dieser Mann überhaupt noch lebte?, fragte sich die Polizistin und stand plötzlich vor einem – nein, ein Haus war das nicht, eher eine Hütte. Sie kannte sich in der Marbach zwar nicht sehr gut aus, aber irgendwo in der Nähe der Brunnenstraße mussten sie wohl sein. Die Turmglocken der Markuskirche läuteten. 17 Uhr.

Von drinnen drang Geschirrgeklapper durch die Fenster. Eines stand offen. Ein Radio war wohl eingeschaltet, der Nachrichtensprecher machte seinen Job: „Es ist die bisher schlimmste Bluttat eines Todesschützen in der US-Geschichte: In dem Nachtklub Pulse hat ein Mann in der Nacht zu Sonntag Dutzende Menschen als Geiseln genommen und erschossen. 50 Gäste seien gestorben, sagte Orlandos Bürgermeister. Zudem seien 53 Menschen verletzt worden, von denen viele noch in Lebensgefahr schwebten. Der Angreifer wurde von der Polizei getötet.“ Der Nachrichtensprecher fasste mit diesen Worten nochmals zusammen, was bereits den ganzen Tag durch die Medien ging und so unfassbar schien.

Alle hatten einen Kloß im Hals nach dieser Meldung, aber die Polizisten und der Journalist waren Profis genug, so dass sie gleich wieder innerlich umschalteten und auch hier in der Marbach mit dem Schlimmsten rechneten: mit einem schwer bewaffneten, schwer verletzten brutalen Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte – außer diesen Frisierkopf vielleicht. Dann ging alles ganz schnell. Die einfache Holztür zerbarst, die Polizisten stürmten in die Hütte, in der Küche schrie eine Frau. Und in einem großen roten Sessel saß ein Mann mit dickem Bauch und Glatze, Hausschuhen an den Füßen, sein Vollbart war seltsam weiß verschmiert. Weit aufgerissene Augen starrten die eben Hereingestürmten an. In dem Mund des Mannes steckte etwas. Es war weiß und stank. Der Mann war nicht verwundet.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Seite 1

Montag, Juni 13th, 2016

Vierundzwanzig Kapitel beschreiben inzwischen, was auch in einem so kleinen Stadtteil wie Marburg-Marbach alles geschehen kann oder könnte. Noch zwei Kapitel, dann endet der Plausch am Ententeich. Deshalb wünsche ich allen Leserinnen und Lesern für dieses aktuelle Kapitel X nochmal ganz viel Spaß, gute Unterhaltung und viel Überraschendes. Wieder in wenig mehr als 45 Minuten geschrieben. Darum geht es diesmal: einen Schatten, eine Waffe im Stiefel, Hitze im Auge, eine unfassbare Knebelvariante und einen verdutzten Journalisten. Und: Für Hinweise auf Fehler bin ich immer dankbar.

Kapitel X: Die Seite 1

Von Daniel Grosse

…Eine Träne lief über die linke Wange des älteren Herrn. 1982. Lange war das her. Und nun, und heute? Da hatten irre Frauen ihn misshandelt, gedemütigt, in diesem verrückten Jahr 2016 rannte er durch die Marbacher Straßen, war mit seinen anderen Marbacher Freunden ein Jäger des Kopfes geworden. Oder doch eher ein Gejagter? Und nun auch noch eine Kommissarin an seiner Seite. Es war verrückt.

Frisörakademie stand in großen roten Buchstaben auf der Scheibe des rechten Fensters. Über dem Eingang leuchtete der gleiche Schriftzug, rot. Dass die Leuchtsschrift an war, an einem Sonntag und dann noch tagsüber, wunderte nicht nur die Kommissarin. „Die werden doch nicht heute arbeiten oder lernen dort drin?“, fragte sie sich selbst. Die anderen bekamen ihre Zweifel mit. Der Zeitungsausträger kannte sich gut aus, war er doch schon hunderte Male hier vorbei gekommen. Das Zeitungsrohr war natürlich leer. Aber warum NATÜRLICH? Vorhin im Zaun des Gutshofs hatte doch auch die Sonntagsausgabe der Marburger Tageszeitung gesteckt. Hier nicht, also war jemand hier gewesen oder ist es noch. Die Kommissarin drückte auf den, hinter einer Klappe verborgenen Klingelknopf, den der Zeitungsausträger ihr zeigte. Nichts geschah. Nochmal, ein zweiter Versuch, diesmal trat auf dem Daumen der Polizistin schon das Weiße hervor, so fest presste sie ihn auf den Knopf. Durch die Scheibe war irgendetwas ganz kurz zu sehen gewesen. Fast wie ein Schatten, für weniger als eine Sekunde. Kein Zweifel, dort drinnen war jemand und der oder die wollte sich scheinbar nicht auf ein Pläuschchen einlassen.

Die Kommissarin rief im Präsidium an. Zwei Kollegen mit technischer Ausrüstung sollten herkommen. Zügig. Das Schloss der Eingangstür war nicht allzu massiv. Das müsste schnell gehen, überlegte die Poizistin und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Birger stand direkt neben dieser überaus attraktiven Ermittlerin. Er roch ihr Parfum. Nur ein Hauch davon umgab diese große, schlanke Frau. Birger stand nun eine Fußlänge schräg hinter ihr und schaute – in ihren Ausschnitt. Aber was war bloß los mit ihm? Da stand er hier mit seiner Freundin Betty, seinen neuen Freunden und war vielleicht kurz davor, irgendein Verbrechen aufzuklären, und was tat er? Er ließ sich von einer Fremden derart anziehen, wie ein Teenager bei seinem ersten Rendezvous.

Schon wieder zwickte ihm plötzlich jemand in den Hintern. Birger schrie auf, Betty hielt ihm von hinten den Mund zu und flüsterte ihrem Freund ins Ohr: „Pass auf mein Freund, darüber sprechen wir später. Mir gefällt die Frau ja auch, so als Mensch, meine ich. Aber du kümmerst dich mal besser um deine Comic-Reihe „Mord am Ententeich“ und meine regelmäßigen Rationen Schwarzwälder Kirschtorte. Und du kümmerst dich um mich – und nicht um die da.“

Die Kollegen der Kommissarin schraubten keine fünfzehn Minuten später mit irgendwelchem Spezialwerkzeug an dem Schloss der Eingangstür herum. Es summte, blinkte, knackte. Die Tür war offen. „Sie bleiben hier draußen und verhalten sich still“, wies die Kommissarin die fürnf Marbacher in ernstem Ton zurecht. Gemeinsam mit ihren beiden Kollegen betrat sie die Frisörakademie. Nichts auffälliges zu sehen. Es sah dort eben so aus, wie in einem Frisörsalon, der einfach zehnmal geklont worden war, damit viele gleichzeitig arbeiten und lernen konnten. Haarspray, ja es roch nach Haarspray. Aber nicht nach altem, das vor Tagen versprüht worden war. Noch gerade eben musste hier jemand gewesen sein. Auf einem der Stühle lag etwas. Die Kommissarin nahm es zwischen ihre Finger, rief leise ihre Kollegen herbei. „Ganz eindeutig, eine rote Haarsträhne.“

Sie zog ihre Dienstwaffe aus dem Holster in ihrem rechten Stiefel. Die beiden Kollegen schauten sich an und grinsten. Schließlich war das eine Angewohnheit, die sie kannten, die aber im Kollegenkreis immer wieder für Diskussionen gesorgt hatte. „Eine Dienstwaffe gehört ordentlich verwahrt, wir sind doch nicht im Wilden Westen oder in einem Fernsehthriller“, hörten die beiden in ihrer Erinnerung noch den Polizeipräsidenten bei der letzten Besprechung sagen. Wem das allerdings egal gewesen war? Der Kommissarin. Sie machte, was sie wollte. Dazu gehörte der regelmäßige Plausch mit ihrem geliebten Redaktionsleiter – und eben auch die kleine Waffe in ihrem rechten Stiefel. Da konnte der Polizeipräsident nölen wie er wollte.

Das Getrampel war ohrenbetäubend. Ein massiger Leib musste da eben auf sie zugestürmt gekommen sein, so schwer donnerten die Schritte. Das zumindest war alles, was die Kommissarin noch mitbekam. Dann begannen ihre Augen zu brennen, so als ob jemand ihr glühende Eisenspieße in die Augäpfel drücken würde. Sie schrie. Ihre Kollegen lagen währenddessen schon fest verschnürt auf dem Boden in der Besenkammer der Frisörakademie. Einem Mann mit einem mächtigen Bauch, einer Glatze und einem langen Bart rutschte soeben ein Hausschuh von seinem Fuß. Das ärgerte ihn zwar, aber wichtiger war, dass er diese drei hier sicher unter Kontrolle hatte.

Die Kommissarin hatte noch versucht, weg zu rennen, aber sie war vollkommen orientierungslos von diesem Zeug da in ihren Augen. Und Sekunden später unklammerte auch ein gewaltiger Arm ihren Hals, presste ihr die Luftröhre zu. Der Frau wurde schwarz vor Augen. Aber den Abzug ihrer kleinen Waffe konnte sie gerade noch ziehen. Ein Schuss knallte. „Du Sau!“, schrie eine Männerstimme. Dann kamen mindestens zehn Füße angerannt. Das konnte die Kommissarin noch wahrnehmen. Mehr nicht. Blackout.

Birger erreichte die Kommissarin als erster. Er kniete sich über den leblosen Körper dieser Ermittlerin, die doch vorhin noch so präsent, so stark und souverän gewirkt hatte. Leblos – aber immer noch ungemein anziehend. Birger erschrak über sich selbst, über seine Gedanken. Die Augen der Polizistin waren geschlossen. Tiefrote Ränder umgaben die Augen. Aus dem Mund der Kommissarin drang nur ein Röcheln. Sie rang um Luft. Birger erinnerte sich an seinen jüngsten Erste-Hilfe-Kurs, kürzlich mit Betty. So begann er mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Betty schob ihn aber sanft zur Seite und machte weiter. Die Frau hustete, kam zu sich.

Von nebenan, es musste wohl ein Abstellraum oder eine Besenkammer sein, war Gepolter zu hören. Der Gartenmann schaute in den Raum. Die beiden Polizisten lagen in einer Ecke, gefesselt, jedem steckte ein Knebel im Mund. Aber was war das tatsächlich? Jedenfalls kein Knebel. Es war eine weiße Masse, die den beiden da aus dem Mund quoll. Und den Geruch, der sich im Raum ausbreitete, kannten die fünf Marbacher nur zu gut. Es stank.

In der Redaktion der Marburger Tageszeitung saß währenddessen der Redaktionsleiter vor seinem Computermonitor und schaute sich den aktuellen Aufmacher der morgigen Zeitungsausgabe an. Noch immer bedauerte er es, dass der Kaffeeplausch mit seiner lieben Polizei-Freundin, die heute auch wieder besonders klasse ausgesehen hatte, so plötzlich enden musste. Der Journalist las die Top-Meldung laut vor, so wie er es damals schon während seiner Volontärsausbildung gelernt hatte, um holprige Formulieren leichter zu entdecken: „Bundesbank hält an Bargeld fest – Sollte Bargeld abgeschafft werden? Der Bundesbank-Chef lehnt solche Vorschläge ab. Eine Abschaffung zerstöre das Vertrauen der Bürger. Nach Meinung der Bundesbank soll es auch in Zukunft Bargeld geben. Er halte die Abschaffung des Bargelds für kein sinnvolles Instrument, um die Geldpolitik zu beflügeln, sagte der Bundesbank-Präsident bei einer Tagung der Notenbank in Frankfurt. Und es würde auch das Vertrauen der Bürger in die Geldpolitik zerstören. Nach dem Aus für den 500-Euro-Schein hatte es Diskussionen gegeben, ob Bargeld langfristig tatsächlich komplett abgeschafft werden sollte.“ Da endete die Top-Meldung.

„Richtig so“, rief der Redaktionsleiter laut durch seine geöffnete Tür. Ein Praktikant am Nachbartisch verstand gar nichts. „Na das, was das Bargeld angeht und wie du den Text geschrieben hast“, erklärte der gestandene Journalist seinem immer noch fragend dahinglotzenden Praktikanten. Hätte der Zeitungschef gewusst, was soeben in der Marbach geschehen, war, er hätte die Bargeld-Meldung von der Seite gekickt. Aber sie war im Moment nun einmal das beste, was er hatte für die Seite 1. Da klingelte sein Telefon. „Krahlich, Pressestelle Marburger Polizeipräsidium, wir haben ein Problem.“ Eine Minute später hätte der Journalist den PR-Kollegen der Polizei am liebsten gleichzeitig umarmt und erwürgt.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Ermittlerin

Sonntag, Juni 12th, 2016

Dreiundzwanzigste Runde beim Plausch. Die Polizei mischt mit, Frust im Untergrund, Fußballfieber grassiert, und ein Mann, der Fotografieren liebt, weint. Was ist bloß los in Marburg-Marbach?

Kapitel W: Die Ermittlerin

Von Daniel Grosse

…Die fünf saugten die Frische in ihre Lungen. Schräg gegenüber steckte die aktuelle Zeitung im Gartenzaun des Gutshofs. Der Zeitungsausträger wunderte sich zwar darüber, wer seinen Job übernommen hatte, las dann aber vor: „Der US-Vorwahlkampf ist zu Ende: Hillary Clinton sichert sich die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten – als erste Frau in der Geschichte der USA, ein historischer Moment.“ Trotzdem sei sie, Medienberichten zufolge, die unbeliebteste Kandidatin seit Langem. Nur einer sei unbeliebter – der Mann, der zwischen ihr und dem Weißen Haus stehe: Donald Trump. „Den greift sie denn auch frontal an“, las der Austräger vor. Schön, dachte Betty, wie wohl unser Kampf hier ausgeht. War es Zeit, die Polizei einzuschalten?

Im Büro des Leiters der Lokalredaktion saß die Kommissarin und hob ihre Kaffeetasse in Richtung Mund. Auf halbem Weg dahin, brummte ihr Handy in der Brusttasche ihrer Bluse. Vor Schreck riss sie die Tasse nach oben und ein Schwall Kaffee landete direkt im Gesicht des Redakteurs. „Entschuldige“, war alles, was sie noch sagen konnte, schon hielt sie sich ihr Handy ans Ohr. „Wir haben eben einen Anruf aus der Marbach erhalten. Es geht wohl um fünf Personen, die irgendeinen Kopf jagen, oder zwei Frauen, und ein Harry ist auch noch beteiligt. Ich verstehe das alles nicht so recht“, erzählte der Diensthabende im Präsidium der Kommissarin, die an diesem Sonntag doch eigentlich nur in Ruhe ihren Kaffee mit ihrem Lieblingsjournalisten genießen wollte. „Ich muss los“, sagte sie noch im Rausgehen zu dem Redaktionsleiter, „vielleicht ein anderes Mal.“ Der: „Hast du etwas für mich, eine Geschichte?“ Kein Kommentar.“ Weg war die Kommissarin.

Auf der Bank am Ententeich saßen Birger, Betty, der Zeitungsausträger, der Gartenmann und der ältere Herr. Noch etwa elf Stunden, heute abend, noch vor dem Anpfiff des Spiels, würde Harrys Ultimatum ablaufen. Aber sie müssten jetzt all das, diesen Wahnsinn hier, ja nicht mehr alleine entscheiden und ertragen. Ob Harry gleich in U-Haft marschiert, oder ob Bella und Biene in Handschellen in irgendeinen Kerker kommen? Sollte das doch die Kommissarin entscheiden. Da waren die fünf sich einig. Dieser Polizist eben in dem Polizeipräsisium wollte schließlich seiner Vorgesetzten gleich Bescheid geben und sie herschicken.

„Und, Betty, erinnerst du dich, wie vor drei Tagen dieser ganze Irrsin angefangen hatte?“ „Klar“, sagte seine Freundin. So viel war geschehen. Der Streit zwischen den zwei Frauen, der Kopf, den sie mit genommen hatten, Birger und Betty, die Nachricht auf dem Display des Kopfes. Dort hatten sie von den 72 Stunden gelesen, nach denen Harry den Kopf spätestens zurück bekommen sollte, andernfalls: ein Blutbad mit Biene und Bella mitten drin? Die zwei Frauen mit aufgeschnitttener Kehle?

Nebn den fünf, die auf der Bank am Ententeich saßen, hielt eine dunkle Limousine. Eine Frau stieg aus, blond, sehr groß, gekleidet mit einer gelben Bluse, Jeans und langen Schaftstiefeln. Attraktiv, dachte Birger. Betty kniff Birger in den Po. Sie hatte den lüsternen Blick ihres Freundes bemerkt. „Sind Sie die fünf, die sich bei uns gemeldet hatten wegen dieser irren Geschichte“?, fragte die Kommissarin. Wer sonst? Alle fünf plapperten aufgeregt durcheinander, erzählten der Kommissarin aber dann doch die ganze Geschichte von Anfang an.

Nach 20 Minuten schaute die Polizistin mit starrem Blick ins Wasser des Ententeichs. „Wow!“, was für eine irre Story. „Ja, oder? Und was nun“, lautete Bettys Gegenfrage. „Sie zeigen mir jetzt sofort, wo Sie gefangen genommen worden sind.“ Fünf Minuten später tasteten sich fünf Marbacher und eine Polizistin im Schein einer starken LED-Taschenlampe durch die Gänge neben der Brunnenstraße. Noch immer waberte dieser Gestank in der Luft. Aber nur ganz leicht. Birger konnte es nicht fassen, denn da schon wieder der Beweis für die seltsamen Bedürfnisse so mancher Menschen: Kondome lagen dort herum in dieser feuchten Untergrundwelt.

Der Raum, wo Betty, der Zeitungsmann, der ältere Herr und auch der Gartenmann gelegen hatten – später auch Birger -, sah noch genauso aus, wie gestern. Aber etwas ganz entscheidendes war doch anders: Der Raum war leer. Keine Erde, keine Objektive, keine Zeitung. Sahne? Fehlanzeige. „Schauen Sie doch mal hinter die Kiste dort in der Ecke, dort müsste der Rucksack mit dem Frisierkopf liegen“, sagte Betty zu der Kommissarin. „Da ist nichts.“ Die Kommissarin schaute die fünf etwas zerknirscht an.

Wieder draußen vor der schweren Eisentür, forderte die Polizistin die fünf auf, dass sie am Nachmittag ins Präsidium kommen sollten wegen eines genauen schriftlichen Protokolls. Der Gartenmann rechnete. „Ist Ihnen klar, dass dann Biene und diese Bella vielleicht nur noch wenige Stunden zu leben haben? Handeln sie doch jetzt“, forderte der Gartenmann die Kommissarin auf. Aber was sollte sie tun? Wo sollte sie ermitteln. Zu haarsträubend erschien ihr auch die Geschichte zu sein, die die fünf ihr da aufgetischt hatten.

Die Zeitungsmeldung von vorgestern kam dem Zeitungsmann wieder in den Sinn. Schnell erzählte er dem Gartenmann davon, der das doch auch gelesen hatte. Denn in der Zeitung hatte in der linken Spalte doch gestanden, dass eine Marbacher Frisörakademie zwei ihrer Teilnehmerinnen vermisste. Die Polizei suche und ermittle mit Nachdruck, hieß es vorgestern in der Meldung. Darunter das Wetter. Besondere Kennzeichen hatten die Redakteure auch noch geliefert: ein auffallend langer schwarzer Zopf und rot gefärbte Haare, die wie Haarbüschel abstanden. Das war ein Ansatz. „Lassen Sie uns doch zu der Friseurakademie in der Emil-von-Behring-Straße gehen“, meinte der Gartenmann. Dort werde es schon irgendeinen Namen oder eine Telefonnummer geben mit Hinweisen auf den Chef der Akademie. Auch Biene und Bella müssten da ja bekannt sein. Es war zwar Sonntag – und auch die Kommissarin wollte nachher das Spiel sehen, aber gut. Diese letzte Chance wollte sie diesen seltsamen fünf Marbachern noch geben. Also los, zur Friseurakademie.

Fahnen-schwenkende Fans, in Schwarz-Rot-Gold gekleidet, kamen ihnen bei der Tankstelle entgegen. Der andere Bäcker neben der Friseurakademie hatte natürlich geschlossen. Im Schaufenster lagen Fußballbrötchen. Immerhin sollte Deutschland ja an diesem Abend gegen die Ukraine antreten. Auf französischem Boden würde den deutschen Fußballspielern bei der Europameisterschaft aber zumindest vielleicht eines helfen: die Gewissheit, dass die deutsche Nationalmannschaft noch nie gegen die Ukraine verloren hat. Ob sich das heute abend ändern wird?, überlegte der alte Mann. Er erinnerte sich daran, wie er in den Achtzigern bei der WM in Spanien als Fotoreporter unterwegs war. Für die Marburger Tageszeitung, exklusiv. Tja, damals konnten sich die Lokalzeitungen so etwas noch leisten. Eine Träne lief über seine linke Wange. 1982. Lange war das her. Und nun, und heute? Da hatten irre Frauen ihn misshandelt, gedemütigt, in diesem verrückten Jahr 2016 rannte er durch die Marbacher Straßen, war mit seinen anderen Marbacher Freunden ein Jäger des Kopfes geworden. Oder doch eher ein Gejagter? Und nun auch noch eine Kommissarin an seiner Seite. Es war verrückt.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Ekelmasse

Donnerstag, Juni 9th, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Die Jagd nach dem Kopf – ob sie schon beendet ist? In dem Marbach-Krimi wird es eklig. Zeit für die Ermittler der Polizei? Schließlich könnte es um mehr gehen als nur einen Frisierkopf und nur einen angekündigten Mord.   Bild: Barbara Grosse

Die zweiundzwanzigste Runde vom hyperlokalen Online-Fortsetzungskrimi, Plausch am Ententeich, startet. Erbrochenes kommt darin vor, viele Fragen tauchen auf, der Kopf macht mehr als Ärger und frische Luft tut einfach gut. Und dann noch der Wahlkampf.

Kapitel V: Die Ekelmasse

Von Daniel Grosse

…Hunderte Kilometer südlich der Marbach feierten währenddessen die Schweizer ein Jahrhundertereignis. Wie bei Birger, geschah dieses Unfassbare im Untergrund, tief drinnen im Fels. Denn nach fast 17 Jahren Bauzeit hatten die Schweizer im Gotthard-Massiv tatsächlich den längsten Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Am nördlichen und südlichen Ende fuhren gleichzeitig die ersten Züge in den Berg, verkündeten rund um die Welt die Nachrichtensprecher. Aber davon bekam Birger nichts mit. Wohl spürte er die feuchte Hand, die sich auf seine Wange legte. Aber dieses Gefühl, und das Husten neben ihm, verschwanden – waren plötzlich ganz weit weg.

Menschen flüsterten durcheinander, hatten krächzende Stimmen. Irgendwo inmitten dieser Dunkelheit schienen sich bedauernswerte Kreaturen zu übergeben. Würgegeräusche und ein beißender Geruch nach Buttersäure waren der Beweis dafür. „Wie sehen wir bloß aus“, fragte eine Frau. Ein Mann: „Ich kann nichts sehen.“ Über und über war er von Zeitungspapier bedeckt. Eine Stimme hinter einem Erd-verschmierten Gesicht wollte eben sprechen, erstarb jedoch, spuckte stattdessen einen großen Schwall Halbverdautes über die anderen hinweg. Es war absolut finster. In weiter Ferne riefen Kinder sich etwas zu, es hörte sich an wie: „Kommen wir noch pünktlich zur Schule?“

Birger war es, der sich plötzlich blitzschnell aufrichtete, ganz automatisch sein Smartphone nahm. Funkstille. Kein Strom mehr. Der Akku war längst leer. Ach, er befand sich ja in dieser feuchten Gruft. Birger kombinierte, so weit er das überhaupt noch schaffte in seinem Zustand, so sehr dröhnte sein Kopf – und dann diese Übelkeit. Seltsam, wie bei den anderen, wunderte er sich. Birger musste Stunden geschlafen haben. Oder war er derart lange sogar bewusstlos gewesen? Und was war hier eigentlich um ihn herum los? Es musste früher Morgen sein, Schulbeginn. Das Ultimatum. Birger rechnete, kam auf etwa 12 Stunden, die noch verblieben, ehe die Lebenszeit von Biene und Bella ablief. Es sei denn, Harry würde bis dahin den künstlichen Kopf zurückbekommen.

Eigentlich hatte ihn und die anderen all das aber gar nicht mehr zu interessieren. Harry war zweifelsohne extrem gefährlich, Biene und Bella schienen sadistisch durchs Leben zu gehen – und der Kopf? Ja, wo war der geblieben?

Birger nahm sein Feuerzeug aus der Hosentasche, zündete, die kleine Flamme spendete ein wenig Licht. Da erkannte er Betty. Sie kniete direkt vor ihm. Sie lächelte, umarmte ihren Freund liebevoll, und Birger begann zu erzählen, von gestern Abend. Davon, wie grotesk und seltsam sie und die drei Männer in diesem feuchten Marbacher Untergrund zugerichtet waren. Er berichtete ihnen von jedem Detail. Was keiner der fünf verstand, war, woher diese Übelkeit gekommen war. Denn sogar Birger war ja die ganze Zeit kurz davor, sich komplett zu entleeren. Zumindest den Magen. Und in der Luft waberte noch immer dieser ekelhafte Geruch, den die fünf kannten. Es war der Gestank aus dem Frisierkopf. Stimmt, der Kopf hatte ja einen Riss. Und vor vielen Stunden war dieser Gestank schon einmal aus dem Kunst-Schädel geströmt. Etwa in dem Haus des älteren Herrn, der so gern fotografierte. Also musste der Kopf doch hier sein, hier unten in diesem Labyrinth der feuchten Gänge und Räume.

„Wohin seid ihr eigentlich gestern so schnell verschwunden, nachdem diese beiden wahnsinnigen Stylefrauen Biene und Bella in der Markuskirche aufgetaucht waren? Ich hatte noch mit einem Teenager und diesem dicken Harry das Vergnügen. Dann rief ich auf deinem Telefon an, Betty, und da meldete sich diese Biene. Was war los? Haben die beiden verrückten Frauen euch so unglaublich durchgeknallt in Szene gesetzt – du mit Sahne, der alte Mann mit den Objektiven über dem Gesicht, die Erde auf dem Gartenmann und dann noch der in Zeitungspapier eingewickelte Austräger?“ Die Fragen purzelten nur so aus Birger heraus.

Woher sollte Birger auch wissen, dass Biene und Bella bewaffnet gewesen waren, gestern abend. Dass die vier sich plötzlich zwei Pistolen gegenüber sahen. Was hätten sie anderes tun sollen, als mit den beiden Verrückten mitzugehen, wohin auch immer? Sie hatten tatsächlich Betty, den Gartenmann, den älteren Herrn und den Zeitungsausträger in diesen gigantischen Wassertank im Erdinnern neben der Brunnenstraße gebracht. In dieses Labyrinth. Dort lagerten bereits die ganzen Utensilien, die die beiden Frauen für ihre Inszenierung brauchten: Sahne, Erde, Objektive, Zeitungen. Aber warum das Ganze? Weil sie den Kopf nicht bei den vier Menschen fanden, die sie entführt hatten? Aus Rache? Nein, dafür schien alles zu sehr geplant gewesen zu sein. Immerhin wussten Sie ja scheinbar auch einiges über die Vorlieben, Hobbys oder die Berufe der Entführten.

Was Biene und Bella allerdings nicht wussten, war, dass der Kopf die ganze Zeit, keine zehn Meter von ihnen, in einer Ecke des Raumes lag, verborgen hinter einer alten, angeschimmelten Holzkiste. Betty hatte ja den Rucksack mit dem Kopf nach der Aktion in der Markuskirche dabei gehabt und ihn schnell versteckt. Sie fürchtete sich zwar sehr, als die beiden Frauen sie zwangen, sich in diesem feuchten Raum hinzulegen und still zu sein. Aber den Rucksack hatte sie zum Glück noch hinter die Kiste werfen können. Da lag er immer noch.

Der anfängliche Riss hatte sich durch den Aufprall geweitet. Ein großes Loch offenbarte den Inhalt des Kopfes. Eine weiße Masse quoll in der Nacht hervor. Die roch zwar jetzt immer noch etwas seltsam, in den vergangenen Stunden hatte sich ihr Aggregatzustand allerdings verändert. Von wabbelig hin zu fest. Und dieses Etwas aus dem Kopfinnern verhinderte, dass von weiter drinnen das, was den fünf den Magen umgedreht hatte und sie in Tiefschlaf versetzt hatte, weiterhin die Luft verpestete. Ein noch viel schlimmerer Stoff. Aber der Narkoseeffekt endete damit zumindest. Schon als Bella und Biene am Vorabend damit begonnen hatten, die vier so seltsam herzurichten, hatte die narkotisierende Wirkung eingesetzt. Ganz langsam. Trotzdem waren die vier schnell sehr schläfrig geworden, die beiden Stylefrauen hingegen sahen zu, dass sie, leicht benommen, noch aus dieser stinkenden Gruft herauskommen konnten. Das hatten sie geschafft. Allerdings ohne den Frisierkopf.

Die fünf Marbacher Helden standen vor der schweren Eisentür, atmeten tief durch. Endlich draußen an der frischen Luft. Durch die Brunnenstraße fuhren die Autos im Berufsverkehr. Birger dachte an das Kondom in den dunklen Gängen. Ihn ekelte die Vorstellung. Noch mehr als gestern. Aber die frische Marbacher Morgenluft tat gut. Die fünf saugten die Frische in ihre Lungen. Schräg gegenüber steckte die aktuelle Zeitung im Gartenzaun des Gutshofs. Der Zeitungsausträger wunderte sich zwar darüber, wer seinen Job übernommen hatte, las dann aber vor: „Der US-Vorwahlkampf ist zu Ende: Hillary Clinton sichert sich die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten – als erste Frau in der Geschichte der USA, ein historischer Moment.“ Trotzdem sei sie, Medienberichten zufolge, die unbeliebteste Kandidatin seit Langem. Nur einer sei unbeliebter – der Mann, der zwischen ihr und dem Weißen Haus stehe: Donald Trump. „Den greift sie denn auch frontal an“, las der Austräger vor. Schön, dachte Betty, wie wohl unser Kampf hier ausgeht. War es Zeit, die Polizei einzuschalten?

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Inszenierung

Mittwoch, Juni 1st, 2016

Der hyperlokale Online-Krimi Plausch am Ententeich und die einundzwanzigste Runde. Unfassbares tief drinnen im Marbacher Fels, Leidenschaften als makabres Schauspiel inszeniert, auch die Schweizer sind im Berg aktiv. Das sind diesmal die drei Höhepunkte dieses neuen Kapitels.

Kapitel U: Die Inszenierung

Von Daniel Grosse

Dort, in der Brunnenstraße, vor der schweren Stahltür, hatte Harry die aktuellen Überschwemmungsmeldungen gelesen. Der Beleibte hob den Kopf. So fürchterlich und tragisch das alles auch war. Der dicke Mann mit der Zeitung in den Händen wollte nicht weinen, nie wieder, die Tränen neulich, um Pop-Gott Prince, sollten für immer seine letzten gewesen sein.

Tief drinnen im Untergrund der Marbach stand Birger mit weit aufgerissenen Augen vor etwas, das er zwar sah, aber nicht verstand. Seine Freundin und die drei Kumpane waren gefesselt. Hinter jedem der vier steckte ein Bein-dicker Pfosten im Boden. Das Metall war von einer dicken Rostschicht überzogen. Massiv waren die vier Pfosten gleichwohl, die Fesselseile daran Zentimeter dick. Birger schaute schnell auf den Akkustand seines Smartphones. Noch eineinhalb Stunden, dann wird sein Licht ausgehen. Er kniete sich vor Betty. Ihre Augen waren geschlossen. Bettys Haare waren nicht mehr dunkel, sie waren weiß. Farbe? Birger roch etwas Süßes. Es kam von den Haaren seiner Freundin. Sahne. Bettys Haare waren von einer dicken Schicht geschlagener Sahne bedeckt. Hätte Birger sie so im Schlafzimmer zu Hause vorgefunden, er hätte sie liebevoll verspeist, hätte zärtlich ihr Haar mit Mund und Händen zunächst von der Sahne befreit. Dann wäre Birger zu anderen süßen Regionen ihres Körpers vorgedrungen. Seinem Mund hätte er dabei ganz besondere Aufgaben gegeben. Und erst recht seiner Zunge. Daran war jetzt aber nicht zu denken, hier unten in dem feuchten, kühlen Untergrund im Innern der Marbach.

Die Erscheinung des Gartenmannes wirkte ähnlich grotesk inszeniert. Etwas Braunes, Krümeliges, bedeckte dessen Stirn, seine Wangen, seinen Mund. Blumenerde. Nur die Nasenlöcher und die Augen lagen frei. Aber die Augen sahen nichts. Die Lider des Gartenmannes waren fest verschlossen. Rechts neben dem Gartenmann lag der ältere Herr, den Birger doch schon so früh in die Geheimnisse des Frisierkopfes eingeweiht hatte. So viel Gutes hatte er von diesem alten Marbacher gehört. Er wusste von dessen Liebe und Leidenschaft für alles Technische und die Fotografie. Ob das der Grund für die gigantischen Objektive waren, die quer über dem Gesicht des älteren Herrn lagen. Links und rechts seines Kopfes stützten große Zahnräder die überstehenden Enden der beiden Foto-Zubehör-Teile. Die Augen des älteren Mannes: geschlossen.

Und dann der Zeitungsausträger. Von ihm war eigentlich nichts mehr zu sehen. Birger vermutete aber, dass er es sein musste, der dort erbärmlich zugerichtet auf dem Boden dieses feuchten Loches lag. Mehrere Dutzend Zeitungen mussten es gewesen sein, die jemand für dieses makabre Kunstwerk verwendet hatte. Der Umfang des Zeitungsausträgers war immerhin auf das Doppelte angewachsen. Von den Füßen bis zum Kopf umgaben zig Zeitungsseiten den Körper des Print-Mannes. Eingewickelt in einen Cocoon. Wie eine Raupe, fand Birger. Auch der Zeitungsausträger schien zu schlafen, oder schlimmer, bewusstlos zu sein. Oder noch schlimmer?

Birger beugte sich über Betty, suchte ihre Lippen. Selbst der Kuss schmeckte sahnig-süß. Aber zu Birgers Entsetzen fühlten sich Bettys Lippen kalt an. War alles Leben aus ihnen und seiner Freundin entwichen? Sollte hier alles zu Ende sein,was vor wenigen Tagen mit einem simplen Streit zwischen zwei seltsamen Frauen begonnen hatte, den Birger und Betty zufällig mitangehört hatten? „Wach auf! Was ist hier los? Ihr anderen, kommt, los, was ist mit euch?“ Birgers Stimme wurde immer lauter und schriller. Seine Worte blieben in diesem Raum. Birger und die vier umgab nichts als Hunderte von Tonnen Erde, Stein und Stahl.

Der junge Marbacher lag auf dem feuchten Boden neben seiner Freundin. Seine Hände ertasteten etwas Kaltes, Kantiges. Es handelte sich um eine kleine Metallkiste. Der Schein des Smartphone-Lämpchens war hell genug, um das zweifelsfrei erkennen zu können. Und auf dem Deckel der kleinen Metallkiste war ein Buchstabe eingraviert. Birgers Finger glitt über das Metall und zeichnete die Linien des Buchstabens nach. Ein H. Noch etwas irritierte den jungen Marbacher. Keine Spur von dem Frisierkopf. Harry, Biene und Bella, welches Spiel treibt ihr hier?, fragte sich Birger in seinem Schmerz. Waren sie es, die sich über die Leidenschaften seiner Freundin und Mitstreiter, durch die Inszenierung, lustig machen wollten? Neben ihm hustete jemand, eine feuchte Hand legte sich auf seine Wange. Oder war das nur ein wirres Element in einem irren Traum, den Birger im Schlaf durchlebte?

Hunderte Kilometer südlich der Marbach feierten währenddessen die Schweizer ein Jahrhundertereignis. Wie bei Birger, geschah dieses Unfassbare im Untergrund, tief drinnen im Fels. Denn nach fast 17 Jahren Bauzeit hatten die Schweizer im Gotthard-Massiv tatsächlich den längsten Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Am nördlichen und südlichen Ende fuhren gleichzeitig die ersten Züge in den Berg, verkündeten rund um die Welt die Nachrichtensprecher. Aber davon bekam Birger nichts mit.

…Fortsetzung folgt.

Plausch am Ententeich – Die Dunkelheit

Dienstag, Mai 31st, 2016

Zwanzigste Runde. Im Plausch am Ententeich isst Birger vergeblich, stemmt er verzweifelt Stahl, sieht Schwarz – und schreit.

Kapitel T: Die Dunkelheit

Von Daniel Grosse

…„Cool oder?“, hörte Birger den Teenager noch fragen. Ja, cool, dachte sich Birger. Aber eigentlich war gar nichts cool. Fußball schon gar nicht. Alles war beschissen. Birger fühlte sich schlecht. Er nahm sein Smartphone, drückte eines der Kurzwahlfelder, wartete. Vier mal tutete es. Dann meldete sich eine Frauenstimme – und das war nicht Betty. Zu der Stimme gehörte eine Frau mit roten Haarbüscheln, was Birger sofort klar war. Mist. Was tun? Dann begann die Stimme zu sprechen und was sie sagte, gefiel dem jungen Marbacher gar nicht. Überhaupt nicht.

Birger schüttelte sich. Wusste er doch auch vom Zeitungsausträger, zu was die beiden Gestylten fähig waren. Ob er die Brunnenstraße kenne, wollte diese Biene von ihm wissen, ob er die Stahltür schon einmal bemerkt habe, dort am Bürgersteig unterhalb dieser großen Wiese. Birger sah die Tür vor sich. Gedanklich schritt er den Weg dorthin ab, den gleichen Weg, den er tatsächlich schon so oft für Bettys geliebte Schwarzwälder Kirschtorte, zum Bäcker, gegangen war. „Und was ist mit dieser Stahltür?“, fragte Birger. „Falsche Frage!“ Bienes Stimme am anderen Ende der Leitung wurde laut und schrill. Kein Zweifel, sie war unberechenbar, würde sogar auflegen, wenn er sie jetzt provozierte oder einfach nur das Falsche sagte. Also ein neuer Versuch: „Was hat es denn mit dieser Stahltür auf sich?“ „Ja, was hat es denn mit dieser Stahltür auf sich?“, äffte die Gestylte ihn nach. „Du Trottel, nicht was MIT dieser Tür ist, ist entscheidend. Wichtig ist doch, was DAHINTER ist.“

Birgers Nackenhärchen stellten sich auf. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Tausende von Litern Wasser sollen dort Platz haben hinter der Tür in irgendwelchen Katakomben und einem gigantischen Tank. Das hatte er zumindest einmal beim Bäcker gehört, als sich zwei alte Marbacher über die Geschichte des Ortsteils unterhalten hatten. Ob das Wasser noch dort lagerte oder nur dunkle Gänge und leere Hallen oder ein Tank dort waren, wusste Birger nicht. Er wollte aber auch gar nicht mehr darüber erfahren, denn ein schrecklicher Gedanke verdrängte eine zuvor aufkommende Neugier. In den vergangenen Tagen hatte es schließlich in der Marbach stundenlang wie aus Eimern geregnet. Er kombinierte: Wasser plus Tank plus Dauerregen plus durchgeknallte Frauen plus Verschwundene. Was sollte er also dort finden? Das fragte er dann auch diese Biene, die zum Glück noch nicht aufgelegt hatte. „Komm einfach her. Du wirst es schon erfahren. Auf, auf, mein Kleiner.“ Es klickte in der Leitung. Tuuut.

In einem der hinteren Räume der Markuskirche hörte er den Gesang von Kindern, vielleicht waren es auch Jugendliche. Da fiel ihm der Teenager von eben wieder ein. Das konnten die Konfirmanden der Gemeinde sein. Deswegen war vorhin, als seine Gruppe die beiden Gestylten in die Kirche verfolgt hatten, unten auch die Eingangstüre geöffnet, überlegte Birger. Alles machte plötzlich einen Sinn.

24 Stunden noch, dann läuft Harrys Ultimatum ab. Irgendjemand wird dann sterben. Birger ging am Schaufenster der Bäckerei vorbei. Drei Tortenstücke lagen in der Auslage. Bettys Lieblingssorte. Wie von einem unsichtbaren Band gezogen, betrat Birger die Bäckerei. „Die drei Stücke dort, bitte.“ Wieder draußen auf der Brunnenstraße, hielt er sich für total durchgeknallt. Seine Geliebte, seine Freunde und guten Bekannten, waren verschwunden. Irgendwo in der Marbach war dieser unglaubliche Ohne-Worte-Harry und ersann einen Tötungsplan, zwei hochgradig gestörte Style-Frauen beorderten ihn zu einer Stahltür mit nichts als Dunkelheit dahinter und wer weiß was noch – und er, Birger, kaufte Schwarzwälder Kirschtorte. Aber Birger brauchte etwas Gewohntes, er suchte das Alltägliche inmitten diese ganzen Irrsinns der vergangenen Tage. So steckte er sich auch sogleich eines der Stücke mit vier Bissen in den Mund, wischte sich mit seinem Ärmel übers Gesicht – und war noch schlechter gelaunt als vorher. Von wegen, Schokolade und Sahne machen glücklich. Birger wusste, weshalb er das Süße auch gekauft hatte. Birger ahnte, dass er gleich nicht nur einen Tank und eine Tür finden wird. Betty, Gartenmann, alter Herr, Zeitungsausträger. Mehr als bloße Stichworte. Würde er diese Menschen dort finden? Zu gerne wollte er seiner lieben Freundin einfach nur die süße Fracht überreichen. Und alles wäre gut. Nichts war gut.

200 Meter weiter stand Birger auf dem schmalen Bürgersteig, war eben an diesem alten Gutshof vorbeigegangen, hatte dort spielenden Kindern gewunken. Nun konzentrierte sich der junge Marbacher wieder ganz auf seine Aufgabe, die Biene ihm gestellt hatte. Finde die Tür und gehe dort hin!, lautete diese Aufgabe. Nicht verschlossen, schon mal gut. Die Stahltür stand fast unmerklich offen. Bloß seine Hand konnte Birger hinter die Tür schieben. Er schaute sich um, damit keiner sah, wie er mit gewaltiger Kraft und trotzdem zügig, die Zentner-schwere Türe aufstemmte. Der Hang war nun offen, Birger schlüpfte hinein, zog aber die Türe wieder so weit zu, wie er konnte. Frische Luft schien an diesen Ort scheinbar seit Jahrzehnten nicht mehr vorgedrungen zu sein. Von irgendwoher hörte Birger ein leises Tropfen. Blind tastete er nach seinem Smartphone und aktivierte diese Taschenlampen-App. Licht. Helligkeit. Der Akku seines Geräts war zum Glück noch stark genug für zwei Stunden.

Kanister, ein verrosteter Stuhl, eine Blechdose, ein Kondom. Auseinandergerollt lag es dort in einer dunklen Pfütze. Scheinbar war dieser Ort doch nicht so unbekannt für manche Marbacher, dachte Birger. Aber wie krank muss man sein, um sich an solch einem Ort zu treffen, um miteinander zu schlafen? Er lauschte in den Berg hinein. Kein Laut, kein Wort. Birger ging weiter. Ein Gang führte nach rechts, ein anderer nach links. Diesen wählte er. Birger zählte seine Schritte, um eine ungefähre Orientierung zu haben, wie weit er schon vorgedrungen war in diese Marbacher Unterwelt. Ein Schmerz durchfuhr ihn. Seine Stirn brannte. Beides kam so plötzlich. Benommen hob er sein Smartphone hoch und leuchtete vor sich. Ein Metallknauf, nein, ein Löwe, zumindest der Kopf eines solchen, ragte aus der Wand. Gegen diesen musste er geprallt sein. Aber aus der Wand ragte der Metallkopf auch nicht. Es war eine Tür. An dieser war der Löwe festgeschraubt.

Waren da nicht doch Stimmen? Birger hörte genauer hin und tatsächlich, hinter dieser Tür sprach oder wimmerte oder brummte etwas – oder jemand. Birger suchte verzweifelt irgendein Schloss oder einen Mechanismus, um diese Tür zu öffnen. Es klickte. Ein schrilles Quietschen peitschte durch die Dunkelheit. Birger zog die Tür immer weiter auf und leuchtete in die Dunkelheit dahinter. „Nein!“ Mehr als dieser Schrei kam nicht aus Birgers Mund heraus. Dann stürzte er auf das, was er dort sah.

Zur selben Zeit schlurfte ein ziemlich dicker Mann mit Hausschlappen an den Füßen auf dem Bürgersteig der Brunnenstraße an einer massiven Stahltür vorbei. Feuerwehr rückt zu mehr als hundert Einsätzen aus, las er in einer Zeitung. Vollgelaufene Keller, überflutete Straßen, prangte in großen Buchstaben über einer Doppelseite. In Nordrhein-Westfalen habe es nach Starkregen Überschwemmungen gegeben. Im Kreis Euskirchen und in Stolberg waren Feuerwehrleute im Dauereinsatz. Schwere Gewitter mit Starkregen hätten Teile Nordrhein-Westfalens getroffen. „Die Feuerwehr im Kreis Euskirchen rückte am Montagabend zu rund 125 Einsätzen aus. Betroffen waren vor allem das Stadtgebiet Mechernich und die Gemeinde Kall“, so die Meldung. Und in Süddeutschland gehen die Aufräumarbeiten nach verheerenden Unwettern weiter. Das Tief „Elvira“ hatte dort fürchterlich gewütet. Vier Menschen waren durch das Unwetter gestorben. Die Meldung endete.

Der Beleibte hob den Kopf. So fürchterlich und tragisch das alles auch war. Der dicke Mann mit der Zeitung in den Händen wollte nicht weinen, nie wieder, die Tränen neulich, um Pop-Gott Prince, sollten für immer seine letzten gewesen sein.

…Fortsetzung folgt.

Die Geschichte hinter dem Krimi: Plausch am Ententeich

Freitag, Mai 27th, 2016

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Noch etwas PR in eigener Sache: Noch in diesem Sommer soll der Plausch am Ententeich als Taschenbuch erscheinen.    Foto: Daniel Grosse

Liebe Leserinnen und Leser,

was steht hinter dem Konzept für den hyperlokalen Online-Fortsetzungskrimi PLAUSCH AM ENTENTEICH?
Dahinter steht die Idee, dass ich eines meiner originär journalistischen Dinge belletristisch weiterdrehen möchte. Unter MARBACH DIREKT habe ich in meinem Blog bislang Ergebnisse von Recherchen in unserem Stadtteil Marbach geliefert. Es entstand so etwas wie eine hyperlokale Online-Zeitung. Aber da geht noch mehr, fand ich, nämlich den Menschen, den 4000, die hier leben, einen kleinen Krimi zu bieten. Die Figuren darin sind erfunden, die meisten jedenfalls. Die Plätze und Orte hingegen gibt es tatsächlich.

Als ich im Februar nach und nach die ersten Kapitel online stellte, war der Plausch am Ententeich noch eine reine Schmonzette. Ein Online-Fortsetzungs-Groschenroman. Mit Herz, Schmerz, Liebe. Das lag mir aber schreiberisch und dramaturgisch gar nicht. Es entwickelte sich ein Krimi.

Über einen Verteiler und eine WhatsApp-Gruppe informiere ich jedes Mal einen festen Leserkreis, wenn der Plausch erneut online geht.

Warum diese zeitliche Begrenzung (und nicht z. B. eine andere zeitliche Begrenzung)?
Weil ich jeweils nur eine Stunde für ein Kapitel aufwenden möchte. Ich möchte in diesen 60 Minuten das Maximale stemmen. Das ist immer realistisch, funktioniert, manche Fehler kann ich natürlich nicht ausmerzen. Zu knapp ist die Zeit. Ich finde den Gedanken so charmant, als One-Man-Show Ende Juni sagen zu können: Ich habe in 26 Stunden ein kleines Buch mit 26 weitestgehend improvisiert geschriebenen Kapiteln verfasst, das zudem halbwegs logisch, fehlerfrei und vor allem unterhaltsam daherkommt. Und die Leser haben es gerne gelesen, hoffe ich. Rückmeldungen kamen in den vergangenen Wochen immer wieder. Weitestgehend positive.

Seit drei Kapiteln baue ich am Ende immer etwas aktuell real Nachrichtliches ein.

Warum die Kapitel A-Z? Hat das Alphabet irgendeine Bedeutung für die Geschichte? Oder die Zahl 26?
Weil das Projekt damit einen klaren Anfang und ein Ende hat. Auch zeitlich. So kann ich zudem punktgenau bei Z landen. Wie es ausgeht, weiß ich heute noch nicht. Das überlege ich mir in dem Moment, wo ich mit Kapitel Z beginne.

Lustig ist auch jedes Mal, dass ich meine Figuren eigentlich erst beim improvisierten Schreiben immer besser kennen lerne. Eine Schreibübung? Das ist der Plausch am Ententeich. Fernab von meinem Broterwerb, dem Journalismus rund um Recht, Juristen, Beruf und Karriere. Also ein ganz anderes Schreiben. Und wenn Leser an dieser Übung auch noch teilhaben können mit einem Krimi aus und über ihren Beritt – umso besser.

Derzeit skizziere ich einen großen, klassischen Print-Roman. Vielleicht wird’s ein Krimi. Die Anfangsidee steht schon lange fest. Können Sie übrigens auf meinem Blog lesen. Einfach nur ‚Panoramabilder‘ und ‚Daniel Grosse‘ und ‚Marbach direkt‘ in eine Suchmaschine eintippen. Oder Sie klicken diesen Link an: http://irondan.de/?p=50

Gruß, Daniel Grosse

Plausch am Ententeich – Die Treppe

Mittwoch, Mai 25th, 2016

Plausch am Ententeich Daniel Grosse Marburg Journalist

Ob Birger und Betty jemals wieder in aller Ruhe miteinander Schwarzwälder Kirschtorte essen und verliebt durch die Wälder rund um die Marbach joggen? Drücken Sie den beiden die Daumen! Die Jagd nach dem Kopf kann nicht mehr lange dauern. Kapitel Z naht.    Bild: Barbara Grosse

Auf zur neunzehnten Runde. Der Online-Fortsetzungskrimi Plausch am Ententeich zeigt Dramatik im Treppenhaus der Markuskirche, bringt einen Bauch ins Spiel, lässt Teenager in Jugendsprech sprechen und macht einen jungen Marbacher todunglücklich.

Kapitel S: Die Treppe

Von Daniel Grosse

…Im Haus neben der Markuskirche stritt sich zur gleichen Zeit lautstark ein Paar darüber, mit welchem Antrieb ihr neues Auto denn fahren sollte. Mit Benzin, Diesel, Rapsöl, Gas oder Strom. „Da hast du’s“, sagte die Frau und knallte ihrem Mann eine Zeitung vors Hirn. „Lies doch selbst!“ Laut der Meldung sollen Käufer von batteriebetriebenen Pkw ab sofort einen Zuschuss von 4000 Euro bekommen. Für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor betrage die Prämie 3000 Euro, war dort zu lesen. Drinnen in der Kirche war es still geworden.

„Feierabend! Her damit!“ Ob Biene oder Bella, das nun sagten, während sich der Griff um seinen Knöchel immer fester umschloss, konnte Birger nicht mehr wahrnehmen. Er spürte einen gewaltigen Schlag in seinen Magen. Vornüber beugte sich der junge Marbacher. Aus seinen Augenwinkeln sah er nur noch, wie er von der obersten Stufe des Treppenhauses der Markuskirche, wie in Zeitlupe, nach vorne fiel. Die fünfte, sechste Stufe kam immer näher. Noch 40 Zentimeter und er würde mit seiner Stirn mit voller Wucht auf die Stufenkante prallen. Sein Ende. Birger wunderte sich unter Schmerzen und im freien Fall darüber, wie viele Gedanken nur in Millisekunden durch ein menschliches Gehirn schießen können. Gerne hätte er noch länger fasziniert sein eigenes physisches und psychisches Vermögen betrachtet und darüber sinniert. Aber sein Kopf war zu nah am Aufprallpunkt angekommen. Es war soweit. Birger schlug auf.

Dass sich das so weich anfühlt, wunderte ihn dann doch. Und er roch etwas, einen Menschen. Mit starken Magenschmerzen streckte sich Birger auf der Treppe, schaute hoch. Er blickte in zwei Augen, die er aber nur in diesem Gesicht vermutete. Sehen konnte Birger die Augen nicht – denn sie waren verbunden.

Mit dem Kopf war er auf einen riesigen Bauch geprallt. Dieser Bauch gehörte zu dem bärtigen Mann mit der Binde im Gesicht. Hinter ihm standen zwei gestylte Frauen, die aber nicht Biene oder Bella waren.„Na mein Kleiner, hast du etwas für mich?“, fragte der Bärtige, dessen Füße in Hausschlappen steckten. Ohne Zweifel: Harry! Wo war der Kopf bloß? Im Rucksack, fiel es Birger wieder ein, und den hatte doch eben noch Betty, als die wahnsinnigen Frauen, Bella und Biene, sie an der Treppe überrascht hatten. Birger überlegte. „Was soll ich denn haben?“, fragte er den Bärtigen. Schon hob dieser Harry seine rechte Hand, wollte zum Schlag ausholen, da hielt ihn jemand von hinten fest. Eine der beiden Begleiterinnen, die den zurzeit sehbehinderten Harry in die Markuskirche geführt hatten, stoppte ihren Chef. „Harry, der hat doch nichts dabei. Schon gar nicht den Kopf.“ Das überzeugte den Bärtigen. „Aber dass nur noch 26 Stunden verbleiben, bis mein Ultimatum abläuft, das weißt du schon, oder?“ Diese Frage von Harry beantwortete Birger mit einem kurzen Nicken. „Und wie schon vor zig Stunden durch den Schädel mitgeteilt: Wenn ich bis dahin diesen beschissenen Frisierkopf nicht zurück bekomme, wird etwas mit Bella und Biene geschehen, was du dir mit deinem kleinen Spatzenhirn niemals selber ausdenken könntest.“

Da saß Birger nun. Er lehnte an der Treppenhauswand, saß auf der sechstletzten Stufe in einer Kirche, hatte stechende Magenschmerzen – und seine Begleiter samt seiner lieben Betty waren verschwunden. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Von unten hörte Birger noch, wie eine schwere Tür ins Schloss fiel. Seinen Kopf senkte er auf die Brust, er wollte nur noch schlafen. Kurz vor dem Einnicken sah Birger zwei Turnschuhe. Sie standen direkt vor ihm. In den Turnschuhen steckte ein Junge, vielleicht 13 oder 14. Er grinste Birger an. Seine riesigen Kopfhörer bedeckten fast den halben Kopf. Ein Ohrteil hatte der Junge keck zur Seite geschoben. „Hey Alter, hast du auch den Typen gesehen mit dem Megabauch und den Hausschlappen?“ „Lass mich bitte in Ruhe“, bat Birger den Teenager. Der zuckte nur mit den Schultern und ging an Birger vorbei. Oben an der Treppe angekommen, nahm er allerdings auch das zweite Ohrteil von seinen Gehörgängen weg, tippte auf sein Smartphone und im nächsten Moment hörte Birger einen Sprecher sagen: „Hier ist youfm, dein Sender. Du hast es sicher schon gehört: Die Würzburger Kickers haben in der Relegation gegen Duisburg souverän den Durchmarsch in die Zweite Liga geschafft. Bis vor kurzem kaum vorstellbar.“

„Cool, oder?“, hörte Birger den Teenager noch fragen. Ja, cool, dachte sich Birger. Aber eigentlich war gar nichts cool. Fußball schon gar nicht. Alles war beschissen. Birger fühlte sich schlecht. Er nahm sein Smartphone, drückte eines der Kurzwahlfelder, wartete. Vier mal tutete es. Dann meldete sich eine Frauenstimme – und das war nicht Betty. Zu der Stimme gehörte eine Frau mit roten Haarbüscheln, was Birger sofort klar war. Mist. Was tun? Dann begann die Stimme zu sprechen und was sie sagte, gefiel dem jungen Marbacher gar nicht. Überhaupt nicht.

…Fortsetzung folgt.